«Es ist immer ein richtiges Fest» - Die aus Moldawien stammende Geigerin Patricia Kopatchinskaja tritt mit Sol Gabetta und Henri Sigfridsson am Solsbergfestival in Olsberg auf.
Interview mit Alex Jegge in Basellandschftliche und Mittelland-Zeitung vom 21.06.2007
Patricia
Kopatchinskaja, Sie treten am 2. Solsberg Festival in Olsberg auf.
Was bedeutet Ihnen ein solch kleines aber feines Musikfestival in der
Baselbieter Provinz?
Patricia
Kopatchinskaja: Was heisst Provinz? Die besten Festivals sind an
weltabgeschiedenen Orten wie Kuhmo in Nordfinnland, Bantry in
Südirland oder Lockenhaus im Burgenland. Das Olsberg-Festival
bedeutet für mich vor allem, dass ich mit langjährigen
Freunden an einem stimmungsvollen Ort zusammen spielen und vor allem
sein darf. Bei unserem rastlosen Reise- und Hotelleben bedeutet das
sehr viel. Das Zusammenspiel mit Sol Gabetta ist für mich immer
ein richtiges Fest, ich lerne so viel von ihr, höre ihr so gern
zu und bewundere es, wie sie es schafft, so ein schönes Festival
auf die Beine zu stellen. Ich freue mich wahnsinnig auf sie und ihr
Festival! Ich bedaure sehr, dass ich schon am zweiten Tag nach
Australien muss, ich würde so gern die weiteren Konzerte
hören. Henri Sigfridsson gibt ja seinen ersten Liederabend.
Sie spielen
das Eröffnungskonzert mit Sol Gabetta und Henri Sigfridsson.
Ihre beiden Mitmusikanten sind wie Sie selbst auf ihren Instrumenten
vor allem solistisch tätig. Oft geschieht es aber, wenn sich
ausgezeichnete Solisten zu einem Kammerensemble zusammentun, dass
dann das Resultat nicht immer befriedigt. Geht es ihnen im Trio nicht so?
Kopatchinskaja:
Wenn wir alle von einer Solotournée zum Trio spielen kommen,
braucht es eine Umstellung. Letzte Woche haben wir in Bern Trio
gespielt und fanden uns auch etwas zu gewalttätig. Unmittelbar
danach spielten wir das Tripelkonzert von Beethoven und da versuchten
wir kammermusikalischer zu spielen, und waren sehr glücklich.
Sie haben in
Wien und Bern studiert, durch wen wurden Sie in Ihrem Geigenspiel geprägt?
Kopatchinskaja:
Osteuropäische Folklore hat mich über meine musizierenden
Eltern sicher beeinflusst. Dann hatte ich wunderbare und sehr
verschiedene Lehrer. Bei keinem war ich sehr lang und die Lehrer
waren mit meiner Spielweise auch oft nicht einverstanden. Professor
Igor Ozim sagte einmal: «Du malst ein Bild und wirfst die
unmöglichsten Farben durcheinander und über den Rahmen
hinaus, auf die Wand . . . aber verkaufen kannst Du ja nur das was in
dem Rahmen ist!» Das fand ich einen grossartigen Satz, den ich
mir immer wieder selbst sage. Ich empfinde mich nicht ausschliesslich
als Geigerin, sondern als Musikerin. Cecilia Bartoli hat mich sicher
am meisten beeinflusst wegen ihrer unglaublichen Ausdruckspalette.
Bei den
Musikerinnen und Musikern kann man «Schulen» feststellen.
Die einen versuchen, die Musik so zu spielen, wie die Komposition vom
Komponisten gemeint sei. Dazu gehört etwa Sviatoslav Richter.
Bei Ihnen hat man eher das Gefühl, dass Sie sich die Musik zu
eigen machen und dass dabei ganz eindeutig Kopatchinskaja heraus
kommt. Wie eignen Sie sich Musik an und durch was lassen Sie sich
beim Spielen leiten?
Kopatchinskaja:
Ich lasse mich vom Notentext des Komponisten leiten: Im
Beethoven-Konzert warf mir ein Kritiker vor, meine
«verträumte Pianissimo-Kantabilität sei über
weite Strecken keine melodische Offenbarung». In Beethovens
Manuskript stehen aber die schönsten Stellen in piano,
pianissimo und oft daraus noch ein decrescendo oder perdendosi. Wenn
man sich an diese Anweisungen hält, sind die Leute entsetzt,
weil sich ihre Hörgewohnheiten auf ein kantables Forte mit
fettem Dauervibrato eingestellt haben. Ein anderes Beispiel ist
Robert Schumann: Er hat seine Violinsonaten und sein Violinkonzert
geschrieben, als sich schon erste Symptome geistiger Umnachtung
zeigten. Diese seelische Bedrohung ist in den Werken zu spüren,
sie ergreift mich, und ich vermittle sie weiter. Ich weiss, dass sich
manche Leute an solch einer Auffassung stören: Aber wer
höfliche, glatte und unverfängliche Interpretationen sucht,
muss ja nicht in meine Konzerte kommen.
Musikkonserven
spielen Sie nicht sehr gerne ein. Was fehlt Ihnen bei einer CD-Aufnahme?
Kopatchinskaja: Es
gibt Musiker, die mich im Konzertsaal total elektrisieren. Und bei
deren Aufnahmen fehlt etwas, und zwar gerade das, worauf es mir in
der Musik ankommt. Aufnahmen scheinen mir wie aufgespiesste Insekten
im Museum. Der Philosoph Walter Benjamin hat schon in den 1930er
Jahren darauf hingewiesen, dass den Aufnahmen die Frische, die
Einmaligkeit fehlt, kurz etwas, was er unter dem Begriff
«Aura» zusammenfasste. Das schlimmste an den Aufnahmen ist,
dass heute manche Interpreten meinen, sie müssten so perfekt
spielen, wie es nur auf einer Aufnahme möglich ist. Damit werden
auch Live-Konzerte so leblos wie Aufnahmen.
Welches
Live-Publikum schätzen Sie am meisten?
Kopatchinskaja: Am
liebsten ein neugieriges Publikum, das mitgeht und Humor hat. In
Holland hat man oft ein so offenes und voraussetzungsloses Publikum.
Schlimm ist es, wenn die Leute schon vorher wissen, wie sie es haben wollen.
Ist
musikalische Spontaneität wichtiger als zum Beispiel Exaktheit?
Kopatchinskaja:
Das schliesst sich nicht aus, man muss das Werk und das eigene
Instrument eben derart gut kennen und beherrschen, dass in der
Exaktheit die Spontaneität möglich bleibt. Und
bezüglich Exaktheit nochmals zum Beethoven-Konzert: Kritiker
haben mir vorgeworfen, dass ich unexakt spiele und mich nicht an den
Notentext halte. Dabei habe ich nur Varianten aus Beethovens eigenem
Manuskript gespielt. Der Musikhistoriker und Beethoven-Spezialist
Professor Colin Stowell sagt, dass diese Varianten zulässig
seien, weil es von Beethovens eigener Hand keinen Entscheid gibt,
welche der Varianten gültig sind.
Musiker und
Musikerinnen Ihrer Generation gehören zu denjenigen, die ganz
selbstverständlich auch zeitgenössische Musik spielen. Auch
an grossen Festivals - wie etwa in Luzern - hat die Gegenwartsmusik
ihren festen Platz und ist nicht allein für Avantgardisten
gedacht. Ist das Publikum toleranter geworden?
Kopatchinskaja:
Ich hoffe weniger auf die Toleranz, als auf eine lebendige Neugier
des Publikums. Aber das Publikum hat immer mit Verzögerung
reagiert. Jetzt sind Bela Bartok, John Cage und Charles Yves
salonfähig. In dreissig Jahren wird man dann unsere Zeitgenossen spielen.