«Ich suche den Rausch mit Musik»

    DIE GEIGERIN PATRICIA KOPATCHINSKAJA BEIM MENUHIN-FESTIVAL IN GSTAAD

    Sie ist singulär im Klassikbetrieb: Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja passt in keine Schublade. Beim Menuhin-Festival in Gstaad überzeugte sie das Publikum restlos – und fand noch Zeit, sich als Botschafterin von Terre des Hommes für moldawische Kinder einzusetzen.

    Jenny Berg, Basler Zeitung vom 6.8.2008: Samstag, 2. August, beim Menuhin-Festival in Gstaad. Die Sonne brennt, ein schattiger Weg am kühlen Flüsschen Saane lädt zum Flanieren ein. «Wollen wir etwas Neues werden, müssen wir das Alte pflegen, das wir ererbt haben», steht am Wegesrand. Yehudi Menuhin hat das gesagt, ein Dutzend seiner kleinen Weisheiten wurden zusammengetragen. Nun begleiten sie die Spaziergänger von Gstaad nach Saanen, wo vor 51 Jahren die Idee des Sommerfestivals geboren wurde.

    Heute spielt ein anderes Geigenwunder: Patricia Kopatchinskaja. Menuhins Philosophie vom Alten im Neuen könnte ein Leitspruch der 31-Jährigen sein. Eng verbunden mit der Volksmusik ihrer moldawischen Heimat, mit den grossen Komponisten, sucht sie das Neue in der Musik, will sich als erste Interpretin fühlen, die das Werk in jedem Konzert neu uraufführt – und tut dies mit einer Konsequenz, die herkömmliche Hörmuster ins Wanken bringt.

    DRAMATIK. Ihr Spiel sprengt Rahmen, deren Existenz erst hier schmerzlich bewusst werden. So frei, wie sie mit den Tönen jongliert, so ehrlich, wie sie sich selbst von den Geschichten der Melodien berühren lässt, so überraschend, wie sie ihnen antwortet mit lyrischer Dichte und spontaner Dramatik, so möchte man Musik immer erleben, so immer neu, dass es süchtig machen kann.

    Dass Kopatchinskaja noch kein Weltstar ist, mag an ihrer Kompromisslosigkeit liegen. Sie tut nur Dinge, von denen sie überzeugt ist. Manche Dirigenten haben Probleme damit, dass sich die Absprachen aus der Probe mit ihrer Spontaneität im Konzert nicht immer vereinbaren lassen. Auch der so werbewirksamen CD-Industrie konnte sie bisher wenig abgewinnen, zementiert eine Aufnahme doch nur eine einzige der vielen Möglichkeiten, Musik zu interpretieren. Doch Patricia Kopatchinskaja wäre nicht Patricia Kopatchinskaja, wenn sie ihre eigenen Ansichten nicht genauso kritisch hinterfragen würde wie ihre Musik: «Als ich 30 wurde, hat sich etwas verändert. Mir wurde bewusst, dass jeder Mensch etwas hinterlassen will auf der Welt. Männer schreiben vielleicht ein Buch, Frauen wollen Mutter werden. Ein Kind habe ich, was aber bleibt von meiner Musik? So eine CD hält immerhin eine meiner Arten fest, die Musik zu spielen.»

    Im September ist es so weit. Dann erscheint beim Label «naïve» ihre erste CD, auf der sie mit Fazil Say Sonaten von Ravel, Bartók und Beethoven spielt. Im Frühjahr folgt gleich das nächste Experiment: Das Gesamtwerk für Violine und Orchester von Beethoven – gespielt auf Darmsaiten. Wenn schon, denn schon.

    FLOHMARKT. Kompromisslos ist sie auch in anderen Dingen. Als Terre des Hommes sie fragte, ob sie Botschafterin für die Moldawien-Projekte werden wolle, sagte sie ohne Zögern zu. Und steht nun in Saanen auf einer wackligen Mehrzweckbühne im Bratwurstdunst, spielt vor gut betuchten Flohmarktbesuchern, die ihren Namen wohl noch nie gehört haben. «Musik für Strassenkinder» heisst das Projekt, wo auch Musikschüler Geld für Terre des Hommes einspielen können. Die Hilfsorganisation wird dann später die improvisierten Rahmenbedingungen als Bescheidenheit titulieren.

    Auch wenn auf dem Saaner Brocante das Geschäft mit Gämsköpfen und überteuerten Hüten ungerührt weitergeht und nur wenige Louis-Vuitton-Taschen vor der Bühne kurz innehalten, steht Patricia wie ein Bandleader zwischen den Schülern des Berner Konservatoriums und animiert sie zu Swing und Groove, die der moldawischen Volksmusik und auch Bartók guttun – und steht auch am nächsten Tag noch zwei Stunden vor ihrem Konzert beim Menuhin-Festival Presseleuten Rede und Antwort über ihr Engagement.

    AMBIVALENZ. «Moldawien ist meine Heimat, auch wenn ich sie vor vielen Jahren mit meiner Familie als politischer Flüchtling verlassen habe. In meinen Erinnerungen ist es ein sehr gastfreundliches Land, mit warmherzigen Menschen, die Wein anbauen und viele Feste feiern. Seit Neuestem höre ich, dass Moldawien das ärmste Land Europas ist, dass es Kinder gibt, die auf der Strasse leben oder von ihren Eltern verkauft werden. Da habe ich ein schlechtes Gewissen, dass mir das Schicksal so zulächelt. Jedes andere Kind in Moldawien hätte das auch verdient, es gibt so viele unentdeckte Talente dort. Ich bin glücklich und dankbar, dass ich etwas tun kann für mein Land.»

    Man nimmt es ihr ab, dass sie es ernst meint, in diesem engen Gasthof in Rougemont, wo sie müde die Reden der Terre-des-Hommes-Funktionäre abwartet, um dann hellwach über die Ambivalenz von Erinnerung und Gegenwart, von Kommunismus und Kapitalismus zu sprechen. Über die gute Schulausbildung damals, als es keine Arbeitslosen gab, über ihren Vater, der als bekannter Volksmusiker nicht ausreisen durfte und trotzdem die erste Gelegenheit in der Wendezeit wahrnahm, um mit der Familie, ein paar Koffern und dem Hund nach Wien zu flüchten und ganz von vorn anzufangen.

    EMOTIONALITÄT. Dieser Bruch war für sie eine extreme Erfahrung, erzählt sie später. Als 13-Jährige in ein fremdes Land zu kommen, wo man im Flüchtlingslager seine Fingerabdrücke hinterlassen muss und fremdenfeindliche Äusserungen zu hören bekommt, prägt fürs Leben. «Nur ich selbst kann mir helfen, das wurde mir damals klar», sagt sie. Patricia bewarb sich an der Musikhochschule für Violine und Komposition und schmiss die Schule, um ihre Chance, die Musik, zu nutzen. «Ganze Berge habe ich damals komponiert, ich war wie ein Wasserfall. Ich konnte die Sprache nicht und hatte doch so viele Emotionen, die rausmussten.»

    Auch heute noch komponiert und spielt sie viel Zeitgenössisches: «Ich empfinde es als meine Pflicht, neue Musik zu spielen, es ist meine Art, mich mit der heutigen Zeit auseinanderzusetzen. Ich will den Leuten zeigen, dass das Neue nicht nur Kopfmusik ist.» Doch nur wenige Konzertveranstalter haben den Mut, sich auf das Neue einzulassen. Sowieso kommt ihr der ganze Konzertbetrieb manchmal verkorkst vor: «Man weiss schon vorher, dass es sehr schön gewesen ist, man bringt ein Bonbon mit, damit man nicht hustet und still sitzen kann – das ist so verspannt!» Sie selbst hält nicht viel von den Konventionen und spielt auch auf den grossen Konzertbühnen barfuss. «Das ist ganz zufällig entstanden. Ich hatte einmal meine Schuhe vergessen und dann gemerkt, dass man sich den Platz im Koffer sparen kann: Es ist viel bequemer ohne Schuhe! Aber dieses Detail wird immer so aufgebauscht, wirklich jeder fragt mich danach. Was hat das mit meiner Musik zu tun?»

    GEGENÜBER. Patricia Kopatchinskaja stellt vieles infrage. Mit ihrer eigenwilligen Art fordert sie ihr Publikum zum Nachdenken auf. Sie ist keine dieser hübschen Projektionsflächen, die man mit den eigenen Träumen füllen kann. Sie ist ein starkes Gegenüber, das elektrisiert und mit ihrer Musik fortwährende Spannung erzeugt. Ihre unerschöpfliche Energie macht staunen, und man rätselt, wo sie all ihre musikalischen Ideen hernimmt. Etwa von der moldawischen Volksmusik, die sie von klein auf bei ihren Eltern erlebte?

    Diese Frage treibt auch die 300 Konzertbesucher um, die die kleine Kirche von Rougemont bis auf den letzten Platz füllen. Viele Veranstalter laden Patricia Kopatchinskaja mit diesem Programm ein, bei dem sie mit ihren Eltern moldawische Volksmusik und mit der Pianistin Mihaela Ursuleasa Ravel und Enescu spielt. Unwillkürlich sucht man in ihrer Herkunft ihr Temperament zu ergründen. Doch man findet nur ihre Einzigartigkeit bestätigt. Ihre Mutter Emilia spielt die Geige mit stoischer Ruhe, lächelt in sich gekehrt. Ihr Vater, Viktor Kopatchinsky, lässt kaum ein Minenspiel erkennen, doch seine Arme fliegen in einer einzigen Bewegungswolke über das Cymbalon.

    Patricia gibt noch einmal alles, lässt sich nicht durch den Mikrofonwald einschränken. Die Tontechniker schwitzen, so viel Spontaneität überfordert auch sie. Dafür schenkt Patricia den Zuhörern ihre Stimme, erläutert mit Witz und Charme die Stücke und erzählt eine Anekdote von Yehudi Menuhin. Ihre Tochter lauscht mucksmäuschenstill der Mutter, wie sie Ravels «Tzigane» von der eindimensionalen Virtuosität entblättert und Vogelstimmen zum Vorschein bringt, die man so noch nie hörte. Ist dies die Ekstase, die sie beim Spielen sucht, der Rausch, der sie zur Drogensüchtigen macht? 

     

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