Ein moldawisches Familienalbum
Oliver Meier, Berner Zeitung, 25.9.2010
Patricia Kopatchinskaja, die radikalste Geigerin der Gegenwart, legt ein neues Album vor: «Rhapsodia» ist eine faszinierende Hommage an die Musik - ihrer Heimat eingespielt mit ihren Eltern. Eine Begegnung zu Hause in Bern.
Patricia Kopatchinskaja ist nicht zu bremsen. Eben noch war sie in Italien, für ein Konzert mit dem türkischen Starpianisten Fazil Say, und bald schon wird sie wieder aufbrechen, Richtung Amsterdam: Tschaikowskys Violinkonzert ist angesagt, im ehrwürdigen Concertgebouw.
Doch jetzt sitzt sie da, auf ihrem Balkon mitten in Bern, und blickt in den Himmel. Alles scheint weit weg der Dauerstress, der ewig hungrige Klassikbetrieb, aber auch diese unsägliche Geschichte, die als Zollposse durch die Öffentlichkeit geisterte und für die Musikerin nichts weniger als ein Albtraum war. Im April wurde die 33-Jährige bei der Einreise in die Schweiz stundenlang festgehalten und verhört, weil sie ihre Guarneri-Geige nicht vorschriftsgemäss deklariert hatte. Das 4,5 Millionen Euro teure Instrument, eine Leihgabe der österreichischen Nationalbank, wurde beschlagnahmt, und Kopatchinskaja stand unverhofft im Fokus der Medien. Zwar folgte eine bundesrätliche Entschuldigung, doch das Strafverfahren läuft weiter. Bis zu 10000 Franken könnte die Busse betragen der Entscheid dürfte demnächst fallen. Volks- und Kunstmusik Patricia Kopatchinskaja verzieht das Gesicht. Sie hoffe weiterhin auf eine «salomonische Lösung».
Mehr mag sie dazu nicht sagen eigentlich. Zu oft sei sie angesprochen worden auf die leidige Affäre, zu viele Halb- und Unwahrheiten seien geschrieben worden etwa, dass sie nun mit dem Gedanken spiele, ihren Berner Wohnsitz aufzugeben und sich im Ausland niederzulassen. «Das ist lächerlich. Meine Tochter geht hier in den Kindergarten, ich habe meinen Freundeskreis, und ich freue mich auf die Ruhe, wenn ich für ein, zwei Tage nach Hause kommen kann.»
Bern als Heimat? So würde sie es trotzdem nicht sehen. «Meine Heimat ist die Musik, meine Familie und das Land, in dem ich aufgewachsen bin», sagt die gebürtige Moldauerin und ist damit schon mitten im Thema, das ihr neues Album so einnehmend umspielt. «Rapsodia» konfrontiert moldauisch-rumänische Folklore mit Kunstmusik, die davon genährt ist Musik von George Enescu, Maurice Ravel, György Ligeti, György Kurtág. Es ist eine Hommage an ihre Heimat, dieses «vergessenes Gebiet» mitten in Europa, zugleich ein verblüffend persönliches «Familienalbum», das quer zu den üblichen Produkten der Klassikindustrie steht.
Ironie und Melancholie: Das Booklet zeigt Fotos von klein Patricia, wie sie stolz am Steuer eines Kinderautos sitzt oder wie sie sich strahlend am hackbrettartigen Cymbal ihres Vaters versucht. Und dann ist da noch dieser Text von Gross Patricia, in der die Violinistin mit Ironie und einer Prise Melancholie auf das Land und die Musik ihrer Kindheit blickt. Sie erzählt vom «unendlich offenen Himmel», von den Sitten in Moldau («ganz ähnlich wie in Süditalien») und natürlich von ihrem Vater, Viktor Kopatchinsky, der es vom Bauernsohn zum berühmtesten Cymbalvirtuosen der Sowjetunion brachte. Selbst die Parteibonzen beklatschten ihn, obwohl er mit dem Kommunismus genauso wenig am Hut hatte wie seine Ehefrau Emilia Kopatchinskaja, die Geigerin, die «alles spielen konnte, was man sich wünschte». Beide sind auf dem Album zu hören, als virtuose Interpreten volksmusikalischer Stücke, in denen die Tochter für einmal nur die zweite Geige spielt.
«Subversiver Wurm»: Wie «Feuer und Erde» seien ihre Eltern, sagt Patricia Kopatchinskaja schmunzelnd auf ihrem Berner Balkon. «Mein Vater ist ein verrückter Typ, der sich an keine Regeln hält, meine Mutter genau das Gegenteil, ruhig und vernünftig.» Privilegiert sei sie gewesen, damals im verarmten Moldau, doch 1989, mit der Emigration nach Wien, sei der «totale Bruch» gekommen. «Es war ein völlig neues Leben, und ich wusste, jetzt bist du ganz auf dich alleine gestellt.» Das Studium führte die Geigerin Ende der Neunzigerjahre von Wien ins beschauliche Bern, wo sie bis heute mit ihrem Ehemann, dem Arzt und Ex-Nationalrat Lukas Fierz, lebt.
Kopatchinskaja gehört inzwischen zu den grossen Figuren des Klassikbetriebs, gerade weil sie ihn immer wieder unterläuft, weil sie ihren eigenen Regeln folgt und weil sie so spielt, wie sie spricht: erfrischend direkt und schonungslos. Patricia Kopatchinskaja sieht sich als «kleinen, subversiven Wurm» im Hochglanzgebälk der Klassik. Die Bühne betritt sie stets mit Notenblatt, aber manchmal ohne Schuhe, zugleich mit dem Anspruch, jedem Konzert die Aura einer Uraufführung zu verleihen. «Ich liebe die Töne, die danebengehen. Das sind die interessantesten», meint sie. Musik sei schliesslich nicht da, um schön zu sein, sondern um das Leben zu reflektieren, mitsamt allen Hässlichkeiten, allen Fehlern und Unwägbarkeiten. «Rapsodia», ihre dritte CD, löst das konsequent ein, gerade weil sie dem Hörer viel abverlangt. Komplexe, hochintellektuelle Werke stehen da neben mitreissenden Folklorestücken, die einen regelrecht überfallen und die das «Rubato parlando» zelebrieren man spielt zusammen und zugleich kunstvoll aneinander vorbei. «Diese Volksmusik ist so dreckig wie das Leben», sagt Kopatchinskaja. «Das sind keine künstlichen Pulvergerichte, sondern echte Bioprodukte. Wir alle sind ja bio. Wir kommen aus dem Dreck, und wir enden im Dreck.»
CD: Kopatchinskaja. Rapsodia, Naïve.