Christina Gubler in Sonntags-Zeitung, Zürich, 30.05.2004; Beilage Festival-Sommer 2004, Seite Z32
Zwei Engel aus dem Streicherhimmel
Die Violinistin Patricia Kopatchinskaja und die Cellistin Sol Gabetta auf dem Weg nach oben. In ihrer Wahlheimat Schweiz gelten sie schon jetzt als Publikumslieblinge.
Feurig, leidenschaftlich, ungestüm: mit diesen Worten pflegen Kritiker das Geigenspiel von Patricia Kopatchinskaja zu loben. Nicht minder ins Schwärmen geraten sie bei Sol Gabetta. Allerdings aus einem anderen Grund: In der Cellistin sehen sie ein engelgleiches Wesen, das sie in den siebten Musikhimmel entführt.
In der Tat: Patricia Kopatchinskaja, 27, und Sol Gabetta, 23, sind Künstlerinnen mit unterschiedlichen Temperamenten. Die Erste legt sich auf dem Konzertpodium mit Haut und Haaren ins Zeug, mitunter fliegt bei der «Musikdarstellerin» («Neue Zürcher Zeitung») gar ein Schuh über die Bühne. Die Zweite wirkt fast zerbrechlich neben ihrem Instrument, entlockt ihm aber mit stupender Leichtigkeit einen schlanken, reinen Ton. Abgesehen davon haben die zwei Frauen vieles gemein. Beide sind jung und hübsch, beide kamen aus dem Ausland in die Schweiz, um Musik zu studieren, beiden wurde der hoch dotierte Credit Suisse Award verliehen - Patricia Kopatchinskaja 2002, Sol Gabetta dieses Jahr. Zudem haben beide einen vollen Konzertkalender und werden im Sommer eine ganze Reihe Festivalkonzerte bestreiten.
Ob und wie das alles zusammenhängt? Natürlich zählen Attribute wie jugendliches Alter und gutes Aussehen heute selbst im Klassikbusiness zu den Erfolgsfaktoren. Sie allein verhelfen jedoch keinem Musiker zu Ruhm und Ehre. Eine Karriere anzuschieben vermag dagegen eine Auszeichnung wie der Credit Suisse Award, der neben 75 000 Franken auch ein Auftritt am Lucerne Festival mit den berühmten Wiener Philharmonikern umfasst. Dank dieses Konzerts, sagt Patricia Kopatchinskaja, sei sie zum Beispiel im April von Japans renommiertem NHK Symphony Orchestra als Solistin nach Tokio und Kyoto eingeladen worden. Ebenfalls dem Preis schreibt sie die Tatsache zu, dass sie beim diesjährigen Davos Festival als erste Musikerin eine Carte blanche bekommt, sprich: zwei Programme nach ihrem Gusto zusammenstellen und mit Musikern ihrer Wahl spielen kann.
Sol Gabetta ist von der positiven Wirkung des Award ebenso überzeugt. Ihr Preisträgerkonzert mit den Wiener Philharmonikern im September bezeichnet sie als «phänomenale Möglichkeit, die einem in der Schweiz und im Ausland Türen öffnen kann». Durch die Türen hindurchtreten und auf dem Konzertpodium bestehen, relativiert sie, müsse man dann aber schon selber. Immerhin: In der Schweiz geniessen sie und ihre Kollegin Heimvorteil. Passionierte Konzertgänger, die mitunter auch zu den Musikvorträgen in den Sälen der Konservatorien pilgern, wollen ihre Talente bereits erkannt haben, als sie noch Studentinnen waren: Kopatchinskaja, die gebürtige Moldawierin mit österreichischem Pass in Bern, Gabetta, Spross einer russisch-argentinischen Familie und Bürgerin Frankreichs in Basel. Nach Abschluss ihrer Solistinnendiplome wurde ihr Werdegang weiterverfolgt, wo immer sie auftraten, gab es begeisterte Ovationen. Man kennt die beiden also schon eine ganze Weile und ist stolz auf sie.
Anders die Violinistin und die Cellistin selber. Sie haben sich erst im vergangenen Jahr bei einem privaten Hauskonzert in Zürich persönlich getroffen und schätzen gelernt - «Sols Celloklang ist süss und weich wie Honig, einfach hypnotisierend», rühmt Kopatchinskaja. Seither musizieren sie öfters auch zusammen - was das Interesse an ihnen noch mehr wachsen lässt. Die Tatsache, dass nach Patricia Kopatchinskaja jetzt auch Sol Gabetta den Credit Suisse Award errungen hat, setzt noch einen drauf. Die Kultursendung Klanghotel (SF DRS) hat bereits ins Auge gefasst, die beiden während dreier Jahre auf ihrem weiteren Weg mit der Kamera zu begleiten.
Das alles ist ziemlich einmalig. In der Regel erweist sich nämlich der Schweizer Boden für Newcomer als eher hart: Die meisten Künstler müssen ihr Können erst im Ausland beweisen, bevor man sie zu Hause zur Kenntnis nimmt. Ausserdem müssten sich Patricia Kopatchinskaja und Sol Gabetta in Anbetracht des schnelllebigen Klassikmarkts, der den Verdrängungskampf fördert, eigentlich als Konkurrentinnen fühlen - auch wenn sie verschiedene Instrumente spielen.
Fehlanzeige. Von Neid und Missgunst ist bei den beiden Virtuosinnen nichts zu spüren. Im Gegenteil: Zwischen ihnen herrscht bestes Einvernehmen. So machte Sol Gabetta zum Beispiel im vergangenen Dezember bei der von Kopatchinskaja initiierten Rüttihubeliade im Emmental mit - wie alle anderen teilnehmenden Musiker unentgeltlich und mit vollem Einsatz, obwohl wenige Tage danach das Vorspielen für den Credit Suisse Award anstand. Im Gegenzug lädt Kopatchinskaja sie nun für ihre Carte blanche nach Davos ein.
«Ich glaube, zwischen uns klappt es so gut, weil wir beide so verschieden sind», sagt Patricia Kopatchinskaja. «Sol sucht nach der Schönheit in der Musik, ich hingegen suche eher nach der dunklen Seite, die sich dahinter verbirgt.» Sol Gabetta hat noch eine andere Erklärung: «Patricia ist nicht nur eine tolle Künstlerin, sie hat auch ein grosses Herz. Solche Menschen gibt es nur selten.»
Und wie ist das mit der Schweiz? Die Wahlbernerin Patricia Kopatchinskaja ist begeistert von dem Land, in dem sie dank eines Stipendiums studieren konnte und einen derart hoch dotierten Preis bekam, dass sie zumindest eine Zeit lang nur die ihr wirklich wichtigen Konzerte zu geben braucht. Zudem sei es wohl nur hier möglich, mit Freunden ein Festival wie die Rüttihubeliade auf die Beine zu stellen und dabei so viel Unterstützung zu erfahren.
Sol Gabetta wohnt zwar im französischen Grenzort St. Louis bei Basel, nennt die Schweiz aber ihre «zweite Heimat», in der sie sich als Künstlerin und auch privat weitaus mehr zu Hause fühle als in Frankreich. Dort sei die Musikwelt klein, sich in ihr einen Platz zu ergattern, sei entsprechend schwierig. In der Schweiz dagegen, sagt sie, «kann man spielen und überleben».
Das bedeutet freilich nicht, dass Sol Gabetta und Patricia Kopatchinskaja ihre Konzerttätigkeit nicht ins Ausland ausdehnen. Beide haben neben ihren Schweizer Auftritten auch jede Menge ausländischer Auftritte auf dem Programm. Gabetta war soeben zum ersten Mal in der Londoner Wigmore Hall zu hören. Kopatchinskaja wird diesen Sommer an den Salzburger Festspielen ihr Debüt geben. 2005 steht die Uraufführung eines Violinkonzerts in Wien an, das der junge österreichische Komponist Gerald Resch eigens für sie geschaffen hat.
Ihre Schweizer Fans nehmen ihnen diese Seitensprünge überhaupt nicht krumm. Sie habens schliesslich schon immer gewusst: Gabetta und Kopatchinskaja haben das Zeug zu einer ganz grossen internationalen Karriere.
Die
Violinistin Patricia Kopatchinskaja - "ich suche eher
nach den dunklen Seiten in der Musik" - wurde in Moldawien
geboren, zog mit der Familie Anfang der Neuzigerjahre nach Wien, wo
sie mit dem Musikstudium begann. Das führte sie später
weiter nach Bern, wo sie noch heute lebt. Kopatchinskaja ist eine
Liebhaberin zeitgenössischer Musik und spielt in der Regel bei
ihren Kammer- und Sinfoniekonzerten auch entsprechende Programme.
Festivalauftritte: Boswiler Sommer (3./4. 7.), Internationale Musikwoche Braunwald (6. 7.), Styriarte Graz (22. 7.), Davos Festival (24./27./31. 7.), Bregenzer Festspiele (3. 8.), Salzburger Festspiele (8. 8.), Interlakner Musikfestwochen (15. 8.).
Sol
Gabetta, die Cellistin mit dem schlanken reinen Ton, wurde in
Argentinien geboren. Seit 1992 wohnt sie mit ihrer Familie im
französischen St. Louis, nur einen Sprung entfernt von Basel, wo
sie ihr Solistendiplom erworben hat. Gabetta gewann während der
Ausbildung zahlreiche Musikpreise, 2001 auch den Prix Credit Suisse
Jeunes Solistes. Als Solistin trat sie schon mit zahlreichen Kammer-
und Sinfonieorchestern auf, darunter etwa die Kremerata Baltica von
Gidon Kremer.
Festivalauftritte: Davos Festival (28./31. 7.), Menuhin Festival Gstaad (14. 8.), Lucerne Festival (8. 9.).