Der Komponist Max E. Keller über sein  "Löwen Löwen", auf Texte von Klaus Merz für Sopran und Violine (2004)

Mit lakonischen, melancholischen und zugleich spielerisch-poetischen Miniaturen spiegelt der 1945 geborene Aargauer Dichter Klaus Merz in „Löwen Löwen“ überraschende Facetten der vielbesungenen  Lagunenstadt Venedig. Ungewohnte Kombinationen von Alltagsereignissen, Beobachtungen, Assoziationen und Reflexionen erzeugen die hintergründige Doppelbödigkeit, die ein Kriterium für die Auswahl der sieben kurzen Texte und zugleich ein Ausgangspunkt der Vertonung ist. Streckenweise scheint die Musik wie auf zwei Ebenen zu verlaufen, nicht nur im Gegeneinander von Instrument und Stimme, sondern auch innerhalb der einzelnen Partien –und doch finden sich die zwei Akteure unversehens wieder zu einer Einheit zusammen, und sei es zu einer ironisch-überspitzten. „Nachgeben heisst das Gesetz der Lagune“ – diese allgemeine Bewegungsmaxime ist ein weiteres Grundmodell der Vertonung. Es wird nicht nur in naheliegendster Form als Decrescendo umsetzt, sondern es können sich neben der Lautstärke auch andere Dimensionen des Klanggeschehens wie Tonlänge und -höhe, Klangfarbe oder Bewegung zurückentwickeln. Und nachgebendes, zurücksteckendes Understatement ist ja der Grundton der Merzschen Texte. Ein drittes musikalisches Grundmodell artikuliert auch das oft unausgesprochene Vorstossen, das einem Nachgeben vorausgeht, z.B. in einem Crescendo, das plötzlich in ein leises Zerfasern und Zerbröckeln umschlägt. Daneben werden auch andere musikalische Mittel verwendet, denn es geht weniger um illustrierende Verdopplung als um interpretierende Erweiterung und Entschlüsselung des Textes.

Max E. Keller

 

Der Dichter Klaus Merz im Interview mit Martin Bundi über sein Buch "Löwen-Löwen - Venezianische Spiegelungen"

Es erscheint ihr neues Buch «Löwen Löwen. Venezianische Spiegelungen». Ist Venedig nicht längst literarisch ausgebeutet?
MERZ: Diese Frage habe ich mir auch gestellt, als ich ein halbes Jahr dort war. Ich glaube, Venedig lässt sich nie endgültig ausbeuten. Mir wurde bald bewusst, dass Themen wie die Liebe beispielsweise nicht abschliessend zu behandeln sind. Und so verhielt es sich auch mit Venedig.

Spiegelungen oder auch Brechungen sind nicht neue Themen in Ihrem Werk, eher ein Grundmotiv . . .
MERZ: Ja, ich kann uns Menschen nicht anders denn als Gebrochene anschauen. Auch lässt sich nicht anders über die Wirklichkeit schreiben als eben über eine gebrochene oder gespiegelte Wirklichkeit. Ich meine nicht «zerbrochen». Ich denke mehr an eine schillernde, überraschende Wirklichkeit, mit der wir uns auch immer wieder zurechtfinden wollen und sollen.

Das kann auf jeden Ort zutreffen. Was aber war für Sie das Spezifische an Venedig?
MERZ: Es ist dieser wankende Grund, glaube ich, auf dem diese Stadt seit Jahrhunderten steht. Und fast seit jeher wird ihr Untergang prophezeit, doch wenn die Sonne scheint, leuchtet diese Stadt wie eh und je. Gleichwohl, und das ist das Faszinierende, findet man sich in Venedig auch immer in einem Museum der Menschengeschichte. Und gerade wenn man im Winter dort ist, dann geht oder steht man auf Pfaden, wo man sich fragt, wo stehe ich eigentlich, in welcher Zeit lebe ich? Es gab Momente, da kam ich mir vor wie am ersten Tag.

Der neue Band «Löwen Löwen» vereint wiederum Gedichte und Prosatexte. Im Vergleich mit früheren Büchern hat man aber den Eindruck, dass die Unterschiede fliessender geworden sind.
MERZ: Im Verlauf der Jahre, seit ich diese beiden Gattungen nebeneinander stehen lasse, rückten die beiden immer näher zusammen. Ich denke schon, dass ich eine lyrische Prosa schreibe und ein prosaischer Lyriker bin. Da kann und will ich gar nicht mehr so scharf trennen. Selbstverständlich gibt es auch im neuen Band Texte, die sich klar der einen oder andern Gattung zuordnen lassen. Oft öffnet der rigide Zeilenfall im Gedicht einen zusätzlichen Raum, im Sinne einer Erweiterung oder Fokussierung.

Sie veröffentlichen seit nunmehr 37 Jahren literarische Texte. Hat sich in dieser Zeit Ihr eigenes Literaturverständnis gewandelt?
MERZ: Wenn ich zurückdenke . . . so hat mich immer das interessiert, was nicht auf Anhieb sichtbar ist. Darauf wollte ich Licht fallen lassen, dazu suchte ich Assoziationen. Es ging mir immer darum, eine eigene Gangart, neue Gänge und Wege zu finden. Insofern, glaube ich, bin ich mir über die Jahre treu geblieben. Es sind nach wie vor die einfachen und zugleich schwierigsten Fragen, die mich beschäftigen. Warum sind wir da? Was tun wir hier? Die Wirklichkeit ist ja nicht einfach gegeben, sie muss immer wieder geschaffen werden - wie die Liebe oder die Freiheit bzw. alles, was uns zu Menschen macht.

Start Page