Aufregend und packend: Serenade mit Kopatchinskaja - Zeilinger

Profilierte Interpretation: Patricia Kopatchinskaja brachte mit ihrer profilierten Interpretation von Mendelssohns e-Moll Violinkonzert mehr Klarheit in den Konzertsaal. Und auch – endlich – Emotion, das Motto der diesjährigen Festwochen. Auch wenn die Geigerin zu Beginn ihres Auftritts eher zurückhaltend (vielleicht etwas übermüdet?) schien, gelang es ihr zusehends, die Stimmführung zu übernehmen und mit ihrer aussergewöhnlichen geigerischen Präsenz, Präzision und Expressivität Mendelssohns anmutiger Melodiefülle ein Eigenleben zu verleihen.

 

Funkelndes Feuerwerk

Walter Dobner in Die Presse, Wien 10.8.2004...Setzte Vengerov bei seinem Programm mit Bach-Beethoven-Brahms auf die "Drei B", so zeigte sich Patricia Kopatchinskaja bei ihrem Salzburg-Debüt experimentierfreudiger. Sie eröffnete ihre - von Mihaela Ursuleasa am Klavier mitgestaltete - Zusammenstellung mit Wilhelm Furtwänglers bedingt origineller D-Dur-Violin-Klavier-Sonate und begann nach der Pause mit George Enescus auf melodische Weite setzende, vom Gestus der Zigeunermusik bestimmte dritte Violin-Klavier-Sonate. Da war es eine kluge Idee, danach mit Ravels ähnlichen Idiomen verpflichteter Tzigane ein funkelndes Feuerwerk abzuspulen. Den größten Erfolg holte sich die Moldawierin mit einer mit choreografischen Zutaten versehenen Darstellung von John Cages Variations I, wofür sie auch einen Apfel und einen roten Luftballon auf die Bühne des Mozarteums brachte.

 

Spielfreude der Musiker griff aufs Publikum über

Roselyn Maynard, Davoser Zeitung, 30.7.2004: Bartok's "Kontraste" für Violine, Klarinette und Klavier stand als titelgebendes Stück im Zentrum des vierten Konzertes des Davos Festivals... Der Stimmung  von ungarischen Tanzmusikgattungen war die Interpretation von Patricia Kopatchinskaja, Violine, Reto Bieri und Mihaela Ursuleasa nachempfunden. Mal tänzerisch beschwingt und fröhlich singend, mal düster und betrübt im Klang reagierten die MusikerInnen spontan aufeinander. Ihr klarer, einfach gehaltener Ausdruck und ihre grosse Spielfreude griffen aufs Publikum über und nahm jegliche Schwierigkeiten vorweg, die im Zugang zu dieser nicht nur leicht verständlichen Musik auftreten könnten.

Die Stimme Mozarts, oder einfacher gesagt, Ausschnitte eines seiner Werke, dienten dem russischen Komponisten Alfred Schnittke (1934-1998) als Ausgangsmaterial für Moz-Art... Mit der Version von 1976 für zwei Violinen eröffneten Patricia Kopatchinskaja und Bartek Niziol das Konzert. Die theatralischen Gestaltungsmöglichkeiten des auch als Parodie gemeinten Stückes voll ausschöpfend, verhalfen sie ihm zu besonderem Witz.

Wahrlich kontrastreich gestaltete sich dann der Wechsel zum 1842 entstandenen Klavierquartett in Es-Dur op 47 von Robert Schumann (1810-1856). Zu Kopatchinskaja und Ursuleasa stiessen Antoine Tamestit, Viola und Anita Leuzinger, Violoncello. Erneut überzeugten die Musiker im Zusammenspiel: Alle hörten einander mit äusserster Wachsamkeit zu und waren beweglich und durchlässig im Klang. Allein, das anspruchsvolle Werk war nach der Pause angesiedelt. Ausserdem hatte das Trio Kopatchinskaja, Ursuleasa, Bieri das Publikum schon vor der Pause mit einer Zugabe bedacht. So waren beim einen oder anderen Zuhörer die Ohren nicht mehr die frischesten, der Geist nicht mehr der aufmerksamste. Patricia Kopatchinskaja, die sich sozusagen als roter Faden durch das ganze Kontrastprogramm webte, wirkte am Schluss müde und schien zu Recht froh zu sein, von der Bühne ab- und den Feierabend antreten zu können... 

 

Sinn und Witz

Hans-Georg Rutz in "Südostschweiz", 26.7.04: Das Eröffnungskonzert des 19.Davos-Festivals startete gestern extrem kontrastreich. Dvoraks Klavierquartett Es-Dur und Schostakovitchs "Seven Poems of Alexander Blok" können nicht unterschiedlicher interpretiert werden. Das Davos Festival ist "anders". Damit meinte Thomas Demenga, dieses Festival sei zum einen vielfältig und zum anderen würden Grenzen in alle Richtungen abgetastet. Gleich im ersten Konzert wurde das Versprechen erfüllt.

Die drei Streicherinnen Jessica Rona, Sol Gabetta und Patricia Kopatchinskaja haben von anfang an fantasievoll fast alle Möglichkeiten und Spielarten der Partitur ausgereizt. Jedes kleine und kleinste Motiv wurde gestaltet und betont, manchmal sogar Einzeltöne. Das grenzte bisweilen an Manierismus, es scheint nur wichtige Töne zu geben, und einige noch wichtigere. Manchmal schien das Spiel von einer gelehrten Überinterpretation bedroht zu sein. Die meist sehr ernsten Gesichter wirkten respektvoll, der kraftvolle Körpereinsatz von Kopatchinskaja energisch. Aber wer die optische Komponente ausblenden konnte, entdeckte den Sinn und Witz im durch und durch  verspielten Ensemblespiel. Die drei Streicherinnen warfen sich jugendlich, frech und frisch die musikalischen Ideen zu.

Die Pianistin Mihaela Ursuleasa blieb bescheiden, als wäre sie die Begleiterin des Trios. Sie liess den Flügel füllig, aber ausgeglichen ruhig klingen, was eine harmonische Ergänzung zum expressiven Streicherklang war... (pdf-Originalansicht)

 

Wildfang, aber Virtuosin - Patricia Kopatchinskaja in der List-Halle Graz

SF in Kronen-Zeitung vom 24.7.2004: Violinistin Patricia Kopatchinskaja "ein Diamant, den man nicht schleifen kann", so ein ehemaliger Lehrer, gastierte in der Grazer Helmut-List Halle mit "schnellen" Werken von Beethoven, Paganini, Brahms und von Filmkomponist Franz Waxman.

Die Stücke des Styriarte-Konzerts "Presto" machten dem Titel alle Ehre: Rasantes und Rasendes wurde von einer ungestümen und temperamentvollen Patricia Kopatchinskaja gegeben. Dass ihr eine Saite just beim langsamsten Teil des Konzertes riss, sagt einiges über ihre exzentrische Expressivität aus. Ihre sehr individuellen Interpretationen regen zwar zu Begeisterung an, aber man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Ungestüme ein wenig zu zügeln manchmal nicht das Verkehrteste wäre. Am Klavier begleitete Henri Sigfridsson, der bei Brahms' Paganini-Variationen sein Können unter Beweis stellte.

 

 

«Tierisch Musikalisch» - Musikalischer Streifzug durch die Tierwelt am Boswiler Sommer

Dominik Schnetzer in Aargauer Zeitung vom 29.6.2004: ...Etwas hervorzuheben ist schwierig. Denn was da vor dem liebevoll arrangierten Bühnenbild (Bede Weidner) musikalisch geboten wurde, war alles von hochwertiger Qualität.

Erwähnenswert vielleicht die zwei aufstrebenden Jungstars Michael Wendeberg (Klavier) und Patricia Kopatchinskaja (Violine). Die moldawische Geigerin beeindruckte wie vor zwei Wochen am selben Ort durch einen mit pulsierender Intensität aufgeladenen Strich und ihre musikalisch-szenische Präsenz. Zusammen mit Jón Laxdal in der Sprecherrolle präsentierte sie Alan Ridouts Komposition über Munro Leafs Märchen «Ferdinand der Stier» - sicher punkto Heiterkeit ein Höhepunkt des Abends. Wendeberg glänzte bei seinem Soloauftritt, der von Debussy über Bartók zum Vogelliebhaber Oliver Messiaen führte, mit einer umwerfenden Fähigkeit zur Gestaltung und durch die scheinbar mühelose Klangbalancierung in dynamischen Extremsituationen...

 

 

 

 

 

Charismatische Geigerin (American Symphony Orchestra, Lincoln Center, New York)

Adam Baer in The New York Sun, 24.11.2003:  ...Dénés Varjon, ein klar und offen klingender Ungare, der bei Andras Schiff studiert hat zeigte eine rasche und weiche Hand, was den unnötig komplizierten Figurationen von Weiners Concertino eine kristallklare Qualität gab. Der Pianist gab dann noch ein Bartok-Encore, das grosse Aufmerksamkeit fand.

Sogar noch erfolgreicher war Patricia Kopatchinkskaja’s Interpretation von Stravinskys Violinkonzert. Die kompakte 26-jährige Moldavierin zeigte mit gepfeffertem Witz und scharfen Attacken, aber auch mit sinnlichen und silbern-glänzenden Klängen ein grosses Verständnis für dieses neoklassische Meisterwerk. Mr. Botstein hatte manchmal etwas Mühe, sein Orchester zu koordinieren, aber das war kaum bemerkbar.

Ms. Kopatchinkskaja rasselte darauf noch eine aufregende Zugabe herunter, die ihr der österreichische Komponist Otto Zykan geschrieben hatte. Das Werk verlangt alle vorstellbaren pyrotechnischen Tricks, - sie muss sogar stampfen, zu den Geigentönen ohne Worte singen und am Ende eine Pirouette drehen, während sie auf dem Griffbrett stratosphärische Höhen erreicht.

Nachbemerkung: Wenn Sie als Veranstalter oder Konzertorganisator diese Kritik lesen, engagieren Sie diese charismatische Geigerin, sie wird Ihnen grossen Erfolg einfahren. In der Pause hörte ich einige Prae-Teenager Ms Kopatchinskaja's Darbietung kommentieren: “Man, she rocked out,” sagte einer zum andern: “I know, I mean,” stotterte der andere aufgeregt: “I, like, never heard anything like that! D—!” ... (Übersetzt aus dem ->Englischen)

 

Rodolfo Halffters Violinkonzert in Madrid

Lázaro Azar, REFORMA, Madrid, 3.10.03:  Das dritte Konzert in dieser Tournée (des Orquesta del Estado de Mexico unter Enrique Batiz) war in Madrid und begann mit zwei Werken von Carlos Chávez: Seiner Orchesterbearbeitung von Buxtehudes Chaconne und seiner Indianische Symphonie. Dann folgte das Konzert für Violine und Orchester  des "mexicanisierten" Spanischen Komponisten Rodolfo Halffter, mit Patricia Kopatchinskaja, Gewinnerin des vierten "Internationalen Henryk Szeryng Volinwettbewerbes". 

 

 

Michael Kunkel in der Basler Zeitung vom 27.5.2003: Das Programm des IGNM-Konzertes mit der moldavischen Geigerin Patricia Kopatchinskaja und dem japanischen Pianisten Hiroaki Ooi stand ganz im Zeichen eines transkulturellen Seiltanzes zwischen Asien und der Tradition abendländischen Komponierens... Die beiden Ausnahmemusiker präsentierten einerseits Folkloristisches wie "Zambu Tiviin Nar" ein von Yuji Takahashi für Geige und Klavier bearbeitetes mongolisches Volkslied, das als charmante Konzerteröffnung gefiel. Takahashis eigene Komposition "Insomnia" dagegen zeigte sich seines Widmungsträgers (Gidon Kremer) auf zweifelhafte Art würdig, indem pentatonisches Geharfe (vielsaitig: Ooi), Mandelstam Rezitation und Geigenglissandi zu klingendem Klebreis verschmiert wurden. Es ist die unanständige Dauer solchen esoterischen Gebarens, die manchen Schlaflosigkeitspatienten auf Linderung hoffen lassen darf...

Aber das ist vollkommen egal: Denn Patricia Kopatchinskaja kann einfach alles. In ihr verbindet sich absolute technische Perfektion mit Temperament, Eleganz und dem Anspruch musikalischer Verführung. Das klingt unwahrscheinlich. Doch es ist wahr. Sie ist der violinistische Superlativ, die Geigerin schlechthin. Alle Anwesenden sind ihr erlegen und werden noch lange von ihr träumen. Besonders von ihrem phänomenalen Solo-Auftritt mit Jorge Sanchez-Chiongs "Crin", den sie am Schluss mit Gesang wie aus Katzenkehlen versüsste. Die musikalischen Albernheiten von Sofia Gubajdulinas Komposition "Seiltanz" taugten immerhin dazu, Kopatchinskaja als überzeugende, nämlich auf einem imaginären Seil schreitende und Pirouetten drehende Mimin erleben zu dürfen. Dass die Wiedergabe von Iannis Xenakis' "Dikthas", des Finalduos, gänzlich ausser Konkurrenz stand, versteht sich von selbst. Ein besonderes Verdienst kommt Patricia Kopatchinskaja zu, weil sie sich nicht bloss als Überschallvirtuosin gefällt, sondern junge Komponisten nicht nur ideell anregt, sondern zusammen mit dem stoischen Ooi mit Kompositionsaufträgen bedenkt. Zwei neue Werke erklangen als Uraufführungen, die dem Können des vorzüglichen Duos sehr gerecht wurden: Kumiko Omuras "Germination" und Takuya Imahoris "Synchronisation".

 

Konzerthighlight in Grenchen

S.R. in der Solothurner Woche vom 8.5 2003: Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja kam, spielte und siegte.Das Publikum feierte im Parktheater Grenchen die Solistin und das Stadtorchester mit einer stehenden Ovation. Das von der Yehudi-Menuhin-Stiftung Grenchen veranstaltete Konzert war ein gesellschaftliches und musikalisches Ereignis. Gerard Menuhin schwärmte spontan: "Wunderbar, mein Vater hätte sich gefreut". 

 

 

Das Berner Symphonieorchester spielte für Irak Opfer

Neues Musikterrain

AR in Vorarlberger Nachrichten, Bludenz vom 24.4.2003: Auf Klangexpedition begab sich Mittwoch vergangener Woche Patricia Kopatchinskaja gemeinsam mit Rico Gulda in der Bludenzer Remise. Die beiden Künstler peilten mit Geige und Klavier  relativ unerforschtem Musikterrain entgegen. Zeitgenössische Musik besitzt eine moderne Klangsprache, die insbesondere viel Einfühlungsvermögen verlangt. Die moldawische Geigerin Patricia Kopatchinskaja stellte sich dieser Prüfung und bestand souverän.

Gedanken an den Tod überschattete das erste dargebotene Werk des belgischen Komponisten Patrick de Clerck. Kopfüber stürzte sich Patricia Kopatchinskaja in das tiefe Meer der Vergänglichkeit und tauchte siegessicher wieder auf. Dazwischen kämpfte sie mit einzigartigem Fingerspitzengefühl gegen die Wogen der Unendlichkeit, tänzelte sanft fast lieblich über die Oberfläche und landete mit aller Entschiedenheit auf dem sicheren Boden des grenzenlosen Ufers. An Ungewöhnlichem fehlte es an diesem Konzertabend wohl kaum. Schreien, winseln oder schallend lachen - all das vermochte die Geige, in den begnadeten Händen von Patricia Kopatchinskaja. Die Tragweite der Musik, auf die sie sich einliess, bestimmte die Geigerin selbst. Noch vor der Pause gesellte sich der Pianist Rico Gulda in das farbenprächtige Spiel, der mit den ausgefallensten Techniken der Klavierbehandlung experimentierte.

 

Une perle rare

 

 

Mit Herzblut, Vibrato und süffiger Eleganz 

Gerd Döring im Mannheimer Morgen vom 29.3.2003 Vielleicht stimmt es ja, was die Komponistin Violeta Dinescu in der Pause anmerkt, vielleicht muss man in Moldawien oder Transsylvanien geboren sein, um diese Musik so zu spielen, wie Patricia Kopatchinskaja es vermag. Wer in den letzten Jahren eine der Kapellen aus Südosteuropa erleben konnte - Muszikas oder Ökrös aus Ungarn etwa oder die Taraf de Haidouks aus Rumänien - der hat eine ungefähre Vorstellung von der Intensität und der Musikalität, mit der die junge Geigerin agiert. Und der weiß auch um die Vielfalt der Melodien, die dem Repertoire des Abends zugrunde liegen. Bartók, Dinescu, Enescu - Werke von drei Komponisten stellen Patricia Kopatchinskaja und ihr Duo-Partner am Klavier, Christopher Hinterhuber, in der Alten Aula der Universität im Rahmen des "Heidelberger Frühlings" vor. Musiken von drei Komponisten, die alle in Rumänien geboren sind, jeder entscheidend beeinflusst von der Folklore des Karpatenraums.

Von Bartók weiss man um seine Passion für die Folklore. Leidenschaftlich sammelte und archivierte er seit 1906 traditionelle Lieder und Tänze - nicht minder emsig widmete sich George Enescu (1881 - 1955) der Volksmusik seiner Heimat. Seiner dritten Violin-Sonate in a-moll, 1926 entstanden, gab er den Untertitel "dans le caractère populaire roumain". Patricia Kopatchinskaja spielt sie mit viel Herzblut, mit viel Vibrato, süffiger Eleganz und geht interpretierend volles Risiko ein.

Sie hat ihr Recital begonnen mit der kraftraubenden Sonate für Violine und Klavier Nr.1 von Bela Bartók und vor einem staunenden Publikum diesen Brocken im spannenden Dialog mit dem Pianisten förmlich seziert. Spielend meistert sie die aberwitzigen Pizzicato-Passagen, wechselt klug die Tempi und steigert, wo nötig, den sonoren Ton ihrer Pressenda-Geige zu betörendem Wohlklang. Hinterhubers Hände tanzen derweil sorgsam und dennoch entschieden über die Tasten des Steinway.

Nach der Pause herrschen Lust und Laune vor, dafür sorgen Bartóks Rumänische Volkstänze und eben jene Violinsonate, in der Enescu die wilden Blumen der bäuerlichen Musik sorgsam in seine impressionistische Musiksprache übersetzte. Übermütig wirft Patricia Kopatchinskaja noch drei Kusshände ins Publikum: einen schnellen Tanz, eine Hora Staccato, ihres Landmannes Grigoras Dinicu, den augenzwinkernden Rag(Gidon)time, den Giya Kancheli für Gidon Kremer geschrieben hat und eine komödiantische Miniatur aus Manuel de Fallas "Suite populaire espagnole". Eine Auswahl, die viel aussagt über die junge Geigerin, über ihr überschäumendes Temperament und ihr Können - und doch viel zu wenig. Denn neben der traditionsbewussten Moldawierin, die sich so burschikos der Folklore widmet, gibt es noch die moderne junge Frau, die sich für die Werke zeitgenössischer Komponisten einsetzt.

Eigens für die Solistin hat Violeta Dinescu ihr "Il faudrait d'abord désespérer" geschrieben. Das Werk zitiert nicht von ungefähr Sören Kierkegaard. Patricia Kopatchinskaja gibt dem Stück nicht nur Tiefe, sondern auch Wärme und versieht das von Dinescu offen konzipierte Werk so mit ihrer eigenen Handschrift. Mit einer

Enescu, so sagt sie im Programmheft, hat "den Raum zwischen den Klängen so geschaffen, dass man ihn sofort als rumänische Musik identifizieren kann". Das gilt auch für das Werk der heute in Deutschland lebenden Komponistin. Ihre wohl wichtigste Lehrerin Myriam Marbé, bei der übrigens auch Adriana Hölszky studierte, hat ihr diese Tradition vermittelt, die sich wie ein roter Faden durch ihre Arbeiten zieht. Offen sind ihre Werke, in sich ruhend, aber auch beharrlich fragend. Momente, die sich auch in den Arbeiten von Bartók finden - der reizvolle Vergleich der beiden Sinnsucher war ein weiteres Erlebnis eines an Höhepunkten wahrlich nicht armen Abends.

 

Bedingungsloser Spielrausch

Rainer Köhl in der Rhein-Neckar-Zeitung vom 28.3.2003: Das spielerisch Heitere und das insistierend Entflammte, das sind die beiden Pole, die der Geigenkunst von Patricia Kopatchinskaja die Spannkraft geben. Eben diese Dialektik hat auch die Komponistin Violeta Dinescu zum gestalterischen Prinzip ihrer Komposition "il faudrait d'abord désespérer" gemacht, die sie eigens für die in Moldavien geborene Geigerin schrieb. Bei einem Konzert im Rahmen des Heidelberger Frühlings in der alten Aula spielte Patricia Kopatchinskaja dieses Solowerk mit ebensoviel Bravour wie klanglichem Feinsinn. Eine äusserst phantasiereiche Sprache drang aus diesen Klängen. Starke Dialoge zwischen innigem Naturlaut, gelockerter Rhetorik und furioser Attacke formte die junge Geigerin, die in Wien studierte und bereits mit grossen Orchestern wie den Wiener Philharmonikern konzertierte.

Ein frühes Werk von Violeta Dinescu erklang danach mit ihrer ersten Sonate für Violine und Klavier, 1975 geschrieben. Sehr formbewusst zwischen impressionistischer Durchzeichnung und schweifender Melodik gestaltete Patricia Kopatchinskaja und ihr Klavierpartner Christopher Hinterhuber die Darbietung. Die grosse Klasse des Duos wurde zuvor schon evident, während Bartoks erster Sonate für Violine und Klavier. Das war ein Spiel aus Feuer und Leidenschaft, so bedingungslos erfüllt, wie man dies höchst selten erlebt. Enormen musikantischen Biss brachte das Duo in seine Interpretation, agierte ausnehmend risikofreudig, hellwach, und reaktionsstark, jede Menge Valeurs auf engem Raum unterbringend: Deftigen Schwung erhielt das Folkloristische und quasi improvisatorisch Blitzende, intensiviert zu einer ungemein erregenden Virtuosität. Schlichtweg atemberaubend fegte das Finale einher, das Turbulente und Burleske funkelte gewaltig, und es wurde ein wahrer musikantischer Rausch, in den sich dieses fabelhafte Interpretenduo hineinspielte.

Bei aller Weltklasse bleibt Patricia Kopatchinskaja in ihrem Auftritt und Spiel völlig unprätentiös und allürenfrei - dem bedingungslosen Hineinwühlen in die Musik gilt all ihr Interesse. Höchst selten erlebt man Künstler, die sich dem Klingenden mit solch einer Leidenschaft ausliefern. Und das tut die Geigerin mit herrlich reich blühendem, geschmeidig-farbenreichem Ton und fabelhaft leichtgängiger Technik. Die rumänischen Volkstänze von Bartok (in der Version für Violine und Klavier) hat man kaum sonst so delikat durchleuchtet gehört.

George Enescus 3. Violinsonate a-moll spielten Kopatchinskaja/Hinterhuber zum Schluss: Den rhapsodischen Tonfall bald beredt entspannt, bald glühend gestaltend, war dies ein höchst beglückendes Spiel aus Herz und Leidenschaft. Die reiche Gabe der Interpreten, sich tief in Klanggeheimnisse zu versenken, aparten Farbenzauber zu entwerfen, eröffnete dieser Musik schönste Perspektiven. Burleskes Temperament, ungestüme Lust bereitete den Folklorismen ein wahres Fest.

 

 

Geige im Ausnahmezustand: Kopatchinskajas Streich-Magie

Michael Wruss in Oberösterreichische Nachrichten, Linz vom 27.1.2003: Wenn die junge Geigerin Patricia Kopatchinskaja die Bühne betritt, so erweckt sie einen leicht vorsichtigen, ja schüchternen Eindruck, sobald sie aber die Geige unter das Kinn klemmt, wird sie zur Besessenen, die all ihr schier grenzenloses technisches Können, ihren musikalischen Gestaltungswillen, ihre ausdrucksstarke Gestik und Mimik in den Dienst der Musik stellt. Dabei verblüfft sie, wie vergangenen Samstag bei einem Abend des Konzertvereins Bruckmühle im Ausweichquartier Schloss Hagenberg zu erleben, das Publikum nicht bloss mit der üblichen "Virtuosenkost", sondern begeistert restlos mit einem ausschliesslich dem 20. Jahrhundert gewidmeten, durchaus "sperrigen" Programm.

Gemeinsam mit dem Cellisten Herwig Tachezi gelangen bis ins feinste Detail ausgelotete Interpretationen: Die zwischen melodiöser Lyrik und bitonalen Dissonanzen schwankende Sonate von Maurice Ravel, ebenso wie das von folkloristischen Zügen gekennzeichnete "Duo op.7" von Zoltan Kodaly.

Auch gemeinsam mit ihrem Vater, dem Cymbal-Virtuosen Viktor Kopatchinsky, reizte die Geigerin in Bartoks "Rumänischen Tänzen" und Kurtags "Acht Duos op.4" jede klangliche Nuance vollends aus, wobei sie ihren ungeheuren sonoren und klangvoll warmen Ton mit heftiger, folkloristisch gefärbter Bogenattacke kombinierte und atemberaubende Flageoletts darauf setzte. Zum Abschluss gabs die perfekte Wiedergabe von Ravel's Tzigane (vom Vater für Cymbal bearbeitet) und als kleines Schmankerl Otto M. Zykans erst kürzlich entstandenes virtuos-ironisches Stück "Das mit der Stimme". Das Publikum war zu Recht enthusiasmiert, stellte sich aber die Frage, warum man dieses Ausnahmetalent bislang nur in der Linzer Peripherie zu hören bekommt.

 

Musikalisches Feuerwerk zum Jahreswechsel 

Hiltrud Leingang in Fraenkische Nachrichten vom 3.1.2003: ...Die junge russische Violinkünstlerin  Patricia Kopatchinskaja überraschte das Publikum mit Henri Wienawskis Polonaise de concert op.4: Wienawski, selbst ein bedeutender Geiger, fand hier eine Interpretin, deren technische Perfektion das blitzende Staccato ebenso sicher beherrscht, wie das traumzarte Flageolett. Eigentlich der modernen Musik zugewandt, ist Kopatchinskaja ebenso mit der Musik des 19. Jahrhunderts vertraut, wie Antonio Bazzinis "La ronde des lutins" op. 25 bewies. Sie gab das Scherzo fantastique, ein weiteres virtuoses Glanzstück, mit frappierender spielerischer Raffinesse, entfaltete Fingerakrobatik, liess den Bogen über die Saiten tanzen und fand Zeit für energische, selbstbewusste Klangbögen. In Tschaikowskijs Valse Scherzo op. 34 gewann sie einmal mehr die Herzen des Publikums. Ihr Geigenpart umschloss grosse Dimensionen ebenso wie zärtliche Spitzentöne und sonore Klangfülle. Und auch hier wieder ein Flechtwerk aus spieltechnischen Kapriolen.

 

Funkenstiebend und mit Schalk im Nacken 

Ursula Knobloch in Mainpost, Würzburg vom 1.1.2003: Wer könnte einen Kobold-Reigen wohl besser spielen als ein Kobold? Und da dem Mainfranken Theater Würzburg auch beim diesjährigen Konzert zum Jahreswechsel nur das Beste gut genug für sein Publikum war, lud man für Antonio Bazzinis "Ronde des Lutins" Patricia Kopatchinskaja ein, die in dem Virtuosenstück geradezu funkenstiebend und mit Schalk im Nacken das Publikum begeisterte... Die weiteren Werke waren gespickt mit technischen Fallen, in die sich Patricia Kopatchinskaja völlig unerschrocken stürzte und die sie eigentlich immer unversehrt verließ. Sprunghaft die Stimmungswechsel und Tempi in Henri Wieniawskis "Polonaise de Concert" Op. 4. Peter Tschaikowskys "Valse Scherzo" Op- 34 verstand sie als frechen Dreier - der Ton  wie immer direkt. Die junge Dame hat auch Komposition studiert, und man hatte den Eindruck, wenn schon nicht eigene Stücke, so spielte sie wenigstens alles, als wär's ein Stück von ihr!

 

Mystische Atmosphäre

Alfred Kulhanek in Neues Volksblatt, Linz vom 24.12.2002: Olivier Messiaen schrieb sein „Quartett für das Ende der Zeit“ als 32-jähriger deutscher Kriegsgefangener 1940/41 im schlesischen Görlitz. Der Franzose wollte, ausgehend von der Vision des Engels vom Ende der Zeit in der Offenbarung des Johannes, mit seiner — wie er sagte — „immateriellen, katholischen musikalischen Sprache“ durch „namentlich von der Theologie erregte Gefühle“ den Hörer „der irdischen Zeit entfremden“. Das Puchberger Kammermusikforum hat für dieses Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts junge Interpreten — alle unter 30 — gefunden, denen am Sonntag im überfüllten Spiegelsaal des Bildungsschlosses eine hoch sensible Wiedergabe mit vielen beklemmenden Momenten zu danken war. Die moldawische Geigerin Patricia Kopatchinskaja, die Salzburger Pianistin Cornelia Herrmann, Roland Lindenthal, Solocellist im Volksopernorchester, und Alexander Neubauer, Klarinettist der Wiener Symphoniker, harmonierten künstlerisch, trafen die mystische Atmosphäre und gaben den dramatischen Momenten Aggressivität. Die vielen komplizierten Solopassagen, wo es um individuelle Entfaltung ging, waren tief schürfend und nahezu makellos ausmusiziert.

 

Der Körper des Komponisten

Alfred Zimmerlin in der Neuen Zürcher Zeitung, 20.11.2002: Eigen ist der interpretatorische Ansatz bei jedem Werk, das die junge Geigerin Patricia Kopatchinskaja spielt. Ohne Klischees, immer wieder neu. Wohl nicht zufällig wie damals, als Gidon Kremer die Musikwelt mit seiner neuen Emotionalität überraschte, hat man bei ihr das Gefühl, dass sie sich einen Notentext ganz zu eigen macht. Längst nicht alles, was sie spielt, steht in der Partitur. Aber alles, was geschrieben ist, erklingt. Hinter den Noten ist der Körper des Komponisten zu spüren. Diese Körperbewegung ist es, welche Kopatchinskaja hörbar macht. Mit einer Radikalität und Risikobereitschaft sondergleichen wird jeder Ton Teil einer Körpergebärde. Der Schönton ist nur eines von vielen Gestaltungsmitteln. Harsch, ja hässlich kann ihr Ton werden, wenn es der Ausdruck verlangt. Und dann wieder ganz intim, innig. Gerne wird Kopatchinskaja auch theatral. Aber anders als bei manch andern Interpretinnen und Interpreten, die extreme Ausdruckswerte bevorzugen, wirken ihre Interpretationen stimmig und sind voller Überzeugungskraft.

Eine so starke Persönlichkeit braucht an der Seite einen Pianisten, der auf sie eingehen kann, aber auch Eigenes zu sagen hat und seinen Part mit ebenbürtiger Kraft gestaltet. Dass im Rezital in der Tonhalle Zürich Werner Bärtschi dieser Partner war, erwies sich als Glücksfall. Beethovens a-Moll-Violinsonate op. 23, Schuberts frühe a-Moll-Violinsonate D 385 erklangen gleichsam neu, sehr persönlich und je eigen. Manuel de Fallas «Suite populaire espagnole», Maurice Ravels «Tzigane» wurden gleichsam zu ihren Wurzeln in der Volksmusik zurückgeführt - umwerfend. Christian Wolffs «For 1, 2 or 3 People» zeigte sich bei ihnen als Theaterstück. Zum ganz grossen Höhepunkt des Abends wurden aber Anton Weberns «Vier Stücke» op. 7, die wohl kaum je so intensiv, so in jeder Hinsicht an die alleräussersten Grenzen gehend zu hören waren. Und so aus einem Guss, intelligent gestaltet. Das Publikum tobte - vier Zugaben.

 

Geigerische Kür

Stephan Thomas in Tages-Anzeiger, Zürich vom 20.11.2002: ...Ihr Beethoven war gewiss alles andere als stromlinienförmig, aber auch wieder nicht so nonkonformistisch, wie ihr schon in der Presse nachgesagt wurde. Immerhin war ihr Spiel klanglich ein Genuss und namentlich ihre Piani von filigraner Poesie. Weberns op. 7 nach der Pause müsste man auch noch zur Pflicht zählen, aber dann ging die Kür los: In Stücken von Wolff und de Falla, in Ravels "Tzigane" und in vier zum Teil neckischen Zugaben offenbarte Kopatchinskaja Temperament, Esprit und  ein Maximum an Humor.

Christian Wolffs Stück "For 1, 2 or 3 people" dessen Partiturbild E-musikalischen Ernst ausstrahlt wurde zu einer kleinen Performance, zu einer vergnüglichen Klamauknummer, in der auch einmal ein Schuh der Geigerin über die Bühne fliegen durfte. Und so viel iberisches Flair, wie sie in der "Suite populaire espagnole" von Manuel de Falla zu legen wusste, würde man einer jungen Moldawierin wirklich nicht zutrauen. Aus dem gleichen Holz geschnitzt war Ravels "Tzigane". Wer hätte angesichts einer solchen emotionalen Eruption mäkeln wollen, dass man einige Stellen schon präziser zu hören bekommen hat? Bestimmt nicht das Publikum, denn der kleine Tonhallesaal tobte: Das passiert auch in der familiären Atmosphäre von Werner Bärtschis Zyklus (der Gastgeber begleitete übrigens tadellos) nicht alle Tage. So nahm der Konzertabend schliesslich eine ganz andere Richtung, als man es nach den ersten Stücken hätte denken können. Was kann es besseres geben? Programme mit einem berechenbaren emotionalen Verlauf gibt es genug. 

 

Jetzt, jetzt, jetzt!

Benjamin Herzog in der Basler Zeitung, 18.11.2002: Letzten September spielte sie in einer vollen Salle Blanche in Luzerns KKL, am Samstag in Corinne Hummels kleinem Konzertraum im St.Alban-Tal. Damals die grosse Kiste, Sibelius mit den Wiener Philharmonikern, vorgestern Sonaten von Beethoven und Schubert, dazu Spanisches und Avantgardistisches aus dem letzten Jahrhundert.

Begeisterte die 1977 geborene Geigerin Patricia Kopatchinskaja schon in Luzern mit ihrer ungewöhnlich frischen Lesart eines Standardwerkes, so potenzierte sie diese Wirkungskraft in ihrem Basler Konzert noch. Eine Kraft, die den Zuhörer teilhaben lässt an der Gegenwart des Konzertes, an jener Aneinanderreihung von Momenten, jetzt, jetzt, jetzt, an dem eigentlichen Verbindungsstück zwischen den Musikmachern und den Musikhörern. Wer Musik so erlebt, darf sich glücklich schätzen. Der Pianist Werner Bärtschi erwies sich als geradezu idealer Mitspieler. Genauso reich an unorthodoxer Gestaltungslust wie seine Partnerin gab er als vergleichsweise seniorer Mitspieler dem Musikgefüge den soliden Boden, auf dem sich eine niveauvolle Duo-Unterhaltung mit gleichen Ansprüchen entwickeln konnte - geistreich, humorvoll, tief.

Die Beethovenlektüre (Sonate a-moll, op. 23) geriet in das Spannungsfeld von Rhetorik und romantischer Klangsinnlichkeit, war unkonventionell bis zur Inkonsequenz, was als Haltung der Unvoreingenommenheit diesem Werk nur zugute kommen kann. Schuberts Sonate D 385, ebenfalls in a-moll, liess zuerst im Vergleich zu Beethoven weiter innen liegende Kraft vermissen, ein unvermuteter Farbwechsel im letzten Satz jedoch vermochte rückblickend das ganze Werk zu erschüttern. Den ersten Programmteil schlossen Anton Weberns "Vier Stücke" ab, reiner Expressionismus, den Kopatchinskaja mit einer begeisternden Direktheit nachvollzog, fernab von jener verkrampften Ausgetüfteltheit, mit der Webern gemeinhin exekutiert wird.

Überhaupt steckt in dieser Geigerin ein Ausdruckswille, den sie nicht nur mit hervorragenden technischen Mitteln, sondern vor allem mit viel Freude, Lust am Spontanen und ohne Scheu vor Tabubrüchen ihrem Publikum weitergibt. Das war im virtuosen zweiten Programmteil, in den theatralischen Szenen von Christian Wolffs "For 1, 2 or 3 people" zu sehen und zu hören, in Manuel De Fallas "Suite populaire espagnole" Charakterminiaturen von grösster Eindringlichkeit, und abschliessend in Maurice Ravels "Tzigane". Kopatchinskaja spielte dieses Virtuosenwerk mit der Leichtigkeit eines Gassenhauers und einer Spontaneität, die der des unbekümmerten Kindes gleicht, das mit einem Gegenstand mal so, mal anders spielt, weshalb er immer neu ist. Das war ein Entstehen von Musik, wie man es nur sehr selten erlebt.

 

Phaenomenale Geigerin

Norbert Graf in der Berner Zeitung vom 31.10.2002: ...Das Berner Kammerorchester unter Marc Kissoczy führte Adele Bloesch-Stöcker's Violinkonzert in der Französischen Kirche auf, an jenem Ort, wo es vor 66 Jahren bereits einmal erklungen war... Die Komponistin schrieb ein Werk in symphonischer Form, trotz kleinerer Besetzung. Und sie ist ein Kind ihrer Zeit: Die Liebe zum singenden Geigenton ist unüberhörbar, welche sie mit den hochvirtuosen Möglichkeiten ihres Instrumentes mischt. Doch Frau Bloesch muss eine wache Zeitgenossin gewesen sein: Schalkhaft ironische Kommentare von Fagott und Trommel weisen darauf hin, dass die Komponistin sich nicht mehr im 19. Jahrhundert befindet. Der Erfolg der Wiederaufführung war nicht zuletzt Patricia Kopatchinskaja zu verdanken. Dass sich die phänomenale Geigerin mit solcher Energie in unbekannte (und somit undankbare) Musik zu stürzen wagt, kann ihr nicht hoch genug angerechnet werden.

 

Un violon et un piano funambules

Julian Sykes dans la Tribune de Genève, 23.10.2002: Drôle de spectacle: la violiniste Patricia Kopatchinskaja mime le comportement d'un funambule. Ses gestes hachurés, maladroits, traduisent la difficulté de rester en équilibre sur une corde raide. Cette musique contemporaine donnée lundi soir au conservatoire de Lausanne, est écrite par la compositrice russe Sofia Gubajdulina. C' est le portrait d'un funambule étonnament réaliste (Der Seiltänzer pour violon et piano). Au lieu de jouer sur les touches du piano, Eva Aroutiounian s'empare de verres qu'elle frotte sur les cordes de l'instrument. cela crée une sonorité d'abord caressante, puis de plus en plus grinçante. Le piano ressemble à un instrument de torture: va t'il se briser? Si la forme peut être simpliste, la pièce dégage cet impact poétique qui fait le génie de Gubaidulina. Les deux demoiselles, dont le récital est voué aux compositeurs de l'Est, redoublent d'humour dans une pièce de Gija Kancheli écrite pour Gidon Kremer (Rag-Gidon-Time). Puis elles se frottent à l'ironie du compositeur Ivan Sokolov: Imaginez des morceaux de papier collés sur un globe terrestre. La violiniste joue ces pièces qui parodient le grand répertoire dans un ordre aléatoire et, dans un geste impulsif, en vient à donner un coup de pied dans le globe. Elle s'abat sur le sol, commer morte sous le poids de la tradition. La dramaturgie de cette pièce (Heimat) tranche avec le charactère plus austère de Galina Ustvolskaia. Un peu longue, sa Sonate pour violon et piano (1952) contient en germes les éléments d'un style volontairement linéaire qui culminera dans les années 80. Il ne reste plus qu'à savourer le bis (et quel bis!): La Fantaisie opus 47 de Schönberg oscillant entre une polyphonie savantissime et des lambeaux de valses viennoises.

 

Von jugendlichem Temperament erfüllt

Gregor Pompe, 21.10.2002, Dnevnik: Eine Demonstration von schlechtem Geschmack und armseliger Kompositionstechnik ist das Violinkonzert des Polnischen Violinvirtuosen H.Wieniawski. Thematisch blass und ohne Ausdruck, symphonisch unentwickelt, von naiv schablonenhafter Form mit peinlich-schwierigen Violinpassagen. Also ein typisches Akrobatenkonzert, welches diesmal aber nicht spurlos vorbeigegegangen ist, weil als "Artistin" spielte die junge, noch nicht 26-jährige Geigerin Patricia Kopatchinskaja, welche wohl vor einer Weltkarriere steht. Ihr Violinklang ist intensiv, dunkel, immer rein und von jugendlichem Temperament erfüllt, die Technik makellos, die Interpretation für ihr Alter aussergewöhnlich reif. Das Talent der jungen Interpretin wird sicher in Zukunft noch in grösseren Kunstwerken zu entdecken sein (Deutsche Übersetzung).

Gregor Pompe 21.10.02, Dnevnik: Demonstracico slabega okusa in pomanjkljivega kompozicijskega znanja pa dejansko predstavlja Koncert za violoino poljskega violinskega virtuoza iz presnjega stoletja Henryka Wieniawskega. Tematika koncerta je neizrazita in simfonicno popolnoma zakrnela, posledica cesar je naivni. oblikovni sablonizem, iz katerega se mukoma izvijajo le zahtevne solisticne pasaze violine. Pac tipicen "akrobatski" koncert, ki pa ni sel popolnoma mimo nas, saj je v njem kot "artistka" nastopila mlada, komaj sestindvajsetletema violinistka Patricia Kopacinskaja, pred katero se gotovo odpira velika solisticna kariera. Njeb violinski ton je gosto tenien, vedno cist in poln mladostnega temperamenta, tehnika brezhihna, interpretacija pa za njena leta nenavadno zrela. Seveda bo prisel cas za interpretativni spopad z vecjimi umetninami, in takrat bo Kopacinskaja dokoncno lahko razkrila ves svoj talent.Demonstracico slabega okusa in pomanjkljivega kompozicijskega znanja pa dejansko predstavlja Koncert za violoino poljskega

 

 

Die Sensation

M.G. im St.Galler Tagblatt vom 14.9.02: Die Sensation aber ereignete sich beim zweiten Luzerner Auftritt der Wiener Philharmoniker. Vorgestellt wurde mit der 25-jährigen Patricia Kopatchinskaja die Gewinnerin des «Credit Suisse Group Young Artist Award 2002». Ein fantastisches Talent, wie sich im Violinkonzert von Jean Sibelius erwies: hauchdünnes Pianissimo, kräftige Sforzati, hier Temperament, dort Innigkeit. Und dazu präsentierte die Moldawierin eine Welturaufführung von Otto M. Zykan. Der 67-jährige Wiener, bekannt als «Kasperl der Avantgarde», ist ein Spassvogel, verlangt von der Geigerin höchste Virtuosität, Stampfen, Singen - und zum Schluss eine artige Pirouette.

 

Reife Musikerin mit viel Persönlichkeit

Alexander Jegge in der Basellandschaftlichen Zeitung vom 10.9.2002: Die junge moldawische Violinistin Patricia Kopatchinskaja reüssierte mit Sibelius' schwierigem Violinkonzert d-moll (1905). Kopatchinskaja spielte als Gewinnerin des letzten "Credit Suisse Group Young Artist Award". Ihr Talent liegt nicht nur bei ihrer technischen Fertigkeit, die den Sibelius zu einem leichten Musikstück zu machen scheint, sondern vor allem in ihrer Musikalität. Mit viel Temperament spielte sie mit dem immer noch reinen Männerorchester der Wiener Philharmoniker, so dass sichtlich auch den Musikern Hören und Sehen verging. Hier spielte nicht ein geigender Tanzbär oder sonst ein sogenanntes Wunderkind, sondern eine bereits reife Musikerin mit viel Persönlichkeit.

 

Ganz eigene Sicht

Alfred Zimmerlin in Neue Zürcher Zeitung vom 10.9.2002: Im Rahmen des 23. Sinfoniekonzerts des Lucerne Festival fand auch eine gewichtige Preisübergabe statt: Die aus Moldawien stammende Geigerin Patricia Kopatchinskaja wurde mit dem «Credit Suisse Group Young Artists Award» ausgezeichnet. Der Preis, eine Initiative des Lucerne Festival, der Wiener Philharmoniker, der Gesellschaft der Musikfreunde Wien und der Jubiläumsstiftung der Credit Suisse, wird alle zwei Jahre an herausragende junge Künstlerpersönlichkeiten vergeben, um ihnen die Mittel für einen entscheidenden Karrieredurchbruch zur Verfügung zu stellen. Kopatchinskaja ist tatsächlich eine herausragende Persönlichkeit - zu hören war dies im Violinkonzert von Jean Sibelius, das sie zusammen mit den Wienern und Mariss Jansons darstellte. Diese ganz eigene Sicht auf das, was hinter den Noten der Partitur steht, gelingt nur wenigen. Genau hielt sie sich an den Text, fand aber Feinheiten des farblichen, agogischen, artikulatorischen und dynamischen Ausdrucks, die überraschend neue Aspekte des Werks aufzeigten. Ein Glücksfall auch, dass sie dabei von einem so feinhörigen Dirigenten unterstützt wurde. Als Zugabe spielte sie die Uraufführung von «Das mit der Stimme», einem eher belanglosen Violinsolo-Abziehbildchen mit virtuosen Passagen und «Lalala» des Wieners Otto M. Zykan. Aber auch an ein solches Werk geht Kopatchinskaja mit grossem künstlerischem Ernst heran.

 

Seiltänzerin ohne Netz

Reinmar Wagner in der Südostschweiz/Bündner Zeitung, Chur vom 10.9.2002: Der Credit Suisse Group Young Artist Award, der alle zwei Jahre vergeben wird ist mit 75000 Franken dotiert, umfasst aber auch einen Konzertauftritt mit den Wiener Philharmonikern. Am Samstag spielte die Gewinnerin Patricia Kopatchinskaja das Sibelius Violinkonzert: Sie hüpft und tanzt auf ihrer Geige wie eine Zigeunerin, vollführt die wildesten Kapriolen, geht an die Grenzen, in die Extreme: ganz laut und ganz leise, ganz schnell und ganz langsam, viel Vibrato, kein Vibrato. Eine Seiltänzerin ohne Netz und ohne Angst vor dem Absturz, aber auch ohne die traumwandlerische Sicherheit, welche die Gefahr vergessen lassen könnte. Patricia Kopatchinskaja machte aus dem Violinkonzert von Sibelius, das zu den grossen Werken des Repertoires gehört - und zweifellos zu den schwierigsten - eine Rhapsodie der geigerischen Möglichkeiten zwischen Virtuosität und Nachdenklichkeit. Musik musiziert quasi aus dem Moment heraus, mit einem Anstrich von Improvisation. Mariss Jansons und die Wiener Philharmoniker liessen der 25-jährigen Geigerin aus Moldawien alle Freiheiten: So leise habe ich dieses Orchester noch nie gehört. Etwas ganz Besonderes war auch die Zugabe: Ein witziges quirliges Stück namens "Das mit der Stimme" vom Wiener Komponisten Otto F. Zykan. Das Besondere daran: Es war die Uraufführung dieses Solostücks, das auf gekonnte Art die Virtuosenkunststückchen à la Paganini mit der Musiksprache von heute verbindet und die Solistin nicht nur als Geigerin, sondern auch als Tänzerin und Sängerin fordert. Kein Problem natürlich für Patricia Kopatchinskaja, Tochter zweier moldawischer Volksmusikanten, die sich als Interpretin wie als Komponistin intensiv mit der Musik unserer Zeit auseinander gesetzt hat.

 

 

Begegnung zweier Vulkane

ebi im Berner BUND vom 9.9.2002: Sie ist ziemlich genau das Gegenteil der hochästhetischen Anne-Sophie Mutter und der kühl-brillanten Victoria Mullova, die 25-jährige Patricia Kopatchinskaja. Und doch muss man sie nach ihrem Luzerner Auftritt in einem Atemzug mit den beiden Stars nennen, die als absolute Spitzenviolinistinnen gehandelt werden. Denn erstens bringt sie alle technischen und gestalterischen Voraussetzungen für eine Weltkarriere mit. Zweitens verbindet sie diese mit so viel Leidenschaft und Mut zum totalen Risiko, dass man sich dem Faszinosum Kopatchinskaja kaum entziehen kann. Kein Wunder also, dass die Jury des mit 75'000 Franken dotierten Credit Suisse Group Young Artist Award sie als Preisträgerin auserkoren hat. Kein Wunder auch, dass sie das Violinkonzert von Sibelius und die für sie sozusagen massgeschneiderte, als Uraufführung angekündigte Zugabe von Otto Zykan am Lucerne Festival zum Ereignis steigerte: dank totaler Identifikation, glühender Intensität, Spass an Kontrasten und oft eigenwilligen Akzenten. Der Dirigent Mariss Jansons und die Wiener Philharmoniker wussten diese musikalischen Vulkanausbrüche aufzufangen und mitzutragen. Sie nutzten vorab die rein orchestralen Aufschwünge, um ihrerseits Glanzlichter zu setzen...

 

Hochseilakt ohne Absturz

Fritz Schaub in Neue Luzerner Zeitung vom 9.9.2002: Die grosse Unbekannte in einem ansonsten typischen Wiener Programm (Strauss’ Walzerfolge aus dem «Rosenkavalier», mit raffinierten Temporückungen, und Brahms’ Sinfonie Nr. 1, auf Kosten der Strukturschärfe etwas gar klangüppig) war im 23. Sinfoniekonzert der Wiener Philharmoniker unter Mariss Jansons die junge Geigerin Patricia Kopatchinskaja (vgl. Interview in der Ausgabe vom 5. September), der als Preisträgerin des Credit Suisse Group Young Artist Award u. a. ein Auftritt mit den Wiener Philharmonikern winkte. Sie packte die Chance und begeisterte in Jean Sibelius’ Violinkonzert das Publikum, das schon nach dem ersten Satz spontan in Beifall ausbrach. Eine verständliche Reaktion: Zigeunerblut scheint in den Adern dieser Nachwuchskünstlerin zu fliessen, sie geht volles Risiko ein (was bisweilen auf die Intonation drückt), stürzt sich sozusagen kopfüber in den Dialog mit dem Orchester, beginnt Phrasen zurückhaltend, um dann in rhapsodischen Aufschwüngen förmlich zu explodieren. Ungewöhnlich auch die Zugabe: ein Bravourstück, so virtuos wie spektakulär, von Otto M. Zykan exakt auf die Fähigkeiten dieser Künstlerin zugeschnitten.

 

Explosion der Leidenschaft

Andreas Schiendorfer und Caroline Smrstik im CS-emagazin vom 9.9.2002: Patricia Kopatchinskaja, Trägerin des «Credit Suisse Group Young Artist Award», begeisterte am Samstag das Publikum am Lucerne Festival. Dem hochtalentierten Energiebündel steht eine internationale Karriere bevor. «Ich werde meine ganze Energie in das Violinkonzert von Jean Sibelius stecken und, wenn es denn das Publikum wünscht, in die Uraufführung der Komposition von Otto M. Zykan», schrieb Patricia Kopatchinskaja wenige Tage vor dem grossen Konzert an Michael Haefliger, Intendant des Lucerne Festival und Vorsitzender der Jury des «Credit Suisse Group Young Artist Award» - per e-mail natürlich, denn die 25-jährige Preisträgerin ist durch und durch ein Kind der Moderne. Was aber würde das in Bezug auf Sibelius bedeuten? Wie würde sie ihre Maxime «ich suche die Freiheit in den Noten» konkret umsetzen?

Eine Explosion der Leidenschaft: Unvorbereitet strömte das Publikum nicht in den Konzertsaal, und wurde durch die Leidenschaft der Geigerin aus Moldawien dennoch völlig überrumpelt. Immer wieder rissen Haare ihres Violinbogens, wenn Patricia in ihrem Dialog mit dem Orchester und dem Publikum vor Energie geradezu explodierte. Man hörte, spürte den Unterschied zwischen einem perfekten Vortrag, wie ihn Hunderte von Interpreten ihres Alters beherrschen, und einem persönlichen, engagierten und risikoreichen Spiel. Mit ihrer Spielweise wird Patricia Kopatchinskaja nicht nur auf Zustimmung stossen, aber sie wird sich immer vom Durchschnitt abheben.

Humor gehört zur modernen Musik: Bei der Uraufführung des von Otto M. Zykan eigens für sie und diesen Anlass komponierten Werks «Das mit der Stimme» bewies die Interpretin auch ihren Sinn für szenischen Humor. Manch ein Zuhörer musste schmunzeln, wenn sie überraschend auf den Boden stampfte oder zu singen begann; aber lächerlich war der Vortrag nie. Auch diesen Hochseilakt, vielleicht fast noch absturzgefährdeter als das Sibelius-Konzert, meisterte sie bravourös. Deshalb erwies sie sich als würdige Empfängerin des laut Haefliger weltweit bedeutendsten Preises für hochbegabte junge Musiker.

 

Ständchen mit Phänomen

ebi im BUND, Bern 19.8.2002: Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja entpuppte sich nicht nur als fulminante Ravel-Interpretin, sie steckte im zweiten Sinfoniekonzert mit ihrer Begeisterung neben dem Publikum auch Orchester und Dirigenten an: Vor Ravels «Tzigane» war das zweite Sinfoniekonzert der Murten Classics ein recht gefälliges und unterhaltsames Abendständchen. Mehr nicht... Aber dann kam sie, spielte und siegte auf der ganzen Linie: Patricia Kopatchinskaja, Artist in Residence und Violinistin von bereits internationalem Renommee. Wie die 25-jährige Ausnahmekönnerin sich mit schier unbändiger Vitalität ins Abenteuer der Ravel-Konzertrhapsodie stürzte, wie sie dort Virtuosität und emotionale Kraft, Zigeunerbrio und feinste Schattierungen, dämonische Hintergründigkeit und mädchenhaften Schalk völlig natürlich und selbstverständlich zu verbinden wusste, das war fulminant, das war ereignishaft. Mehr noch: Der Funke sprang auch aufs Orchester der Nationaloper Litauen und seinen Chefdirigenten Liutauras Balciunas über. Und plötzlich klang das zuvor eher bemühte als inspirierte Ensemble viel engagierter, viel lebendiger. Dies kam der atmosphärisch dichten, tadellosen Begleitung zugute... Ende gut, alles gut also im praktisch ausverkauften Schlosshof Murten, und dies vor allem dank einer Person, die mit ihrer Begeisterung und ihrer Energie alle ansteckte: dank dem Phänomen Patricia Kopatchinskaja.

 

Sommernächtliche Idylle

Beate Schlichenmaier in den Freiburger Nachrichten vom 19.8.2002: Die chronologische Zeit loszulassen - hierzu verhalf die Geigerin Patricia Kopatchinskaja im Violinkonzert von Ludwig van Beethoven. In den ersten Takten weihte sie das Publikum in die Geheimnisse ihres Spieles ein: Sie führte die nach strahlendem Aufstieg langsam abfallende Melodie des ersten Solos bis in die Stille hinein. Dort liegt das Zentrum ihrer Kraft, dort holt sie neuen Atem, um die virtuosen Passagen des Satzes vigilant und temperamentvoll zu gestalten. Patricia Kopatchinskaja spielte die Stille und hüllte den zweiten Satz in eine Atmosphäre des Pianissimo. Durch ihr eigenes Zuhören vermochte sie beim Publikum die Spannung und Konzentration zu erwecken, in welcher absolute Stille herrscht und in welcher der zarteste Geigenton zum überwältigenden Erlebnis wird. Umso entspannender kam der dritte Satz daher, die Violinistin sparte hier weder an Witz noch an prickelnder Lebendigkeit.

 

Leidenschaft und Anmut

Lotte Brenner im Thuner Tagblatt vom 18.6.2002: Jung und temperamentvoll war der Duo-Nachmittag: Patricia Kopatchinskaja, Violine und Nicolas Gerber, Klavier spielten sich mit Leidenschaft und Anmut in die Herzen des Publikums. Schon in der Schumann-Sonate Nr. 1 a-moll zeigten die beiden präzises Zusammenspiel und grosses musikalisches wie technisches Können. Lieblich, spielerisch war das Allegretto eingebettet, das - wie nebenbei - von schönen Stunden erzählte. Es folgte ein modernes Programm - witzig und vor jugendlichem Temperament sprühend bis am Schluss. Mit dem Stück "Der Seiltänzer" der tatarischen Komponistin Sofia Gubajdulina wagte sich die Violinistin optisch und akustisch auf das hohe Seil. Spannung herrschte im Saal: Hält es die Tänzerin durch? Steht es der Steinway-Flügel durch, dessen Saiten ungewohnt direkt bearbeitet wurden? Beide haben die Mutprobe überlebt. Bei Debussys g-moll-Sonate besass der Flügel wieder seinen vollen, warmen Klang, den Nicolas Gerber auch in kräftigen Passagen zur Geltung brachte. Abwechslungsreiche Musik mit tollen Ideen und kühnsten Kontrasten - ein Necken und Schmollen nebeneinander: So schloss das Konzert mit Prokofjev. Humorvoll verabschiedeten sich die Interpreten mit Kantchelis Ragtime "mit fast keinen Tönen" und Stravinskys Galopp, einem vierhändigen Nasenstüber auf dem Piano.

 

Artifizielle Höchsttemperaturen

Kronen-Zeitung, Wien vom 28.5.02: ...Dann György Kurtags "Kafka Fragmente", vom Komponisten treffsicher aneinandergereihte Tagebuchnotizen. Die zu artifiziellen Höchsttemperaturen aufgeheizte Musik realisierten Anna Maria Pammer (Sopran) und Patricia Kopatchinskaja (Geige) mit atemberaubender Brillanz, Klangphantasie und Ausdruckskraft: zwei brennende Dornbüsche, aus denen die Stimme Gottes tönt...

 

Begeisterndes Frühlingskonzert

Der Murtenbieter, 27.3.02: ...Einem Aufbruch im wahrsten Sinne des Wortes, respektive des Tones kam das überzeugende Konzert der Geigerin Patricia Kopatchinskaja und des Pianisten Ivan Sokolov gleich... Patricia Kopatchinskaja verkörperte mit ihrer beeindruckenden musikalischen Leistung den Frühling mit all seinen lieblichen bis stark emotionalen Gefühlen. Die technische Raffinesse, der musikalische Ausdruck und das atemberaubende Zusammenspiel zeigten, dass die Murten Classics 2002 erneut mit Musikern von höchstem Niveau besetzt sein werden...

 

Permanente intelligente Klangverwandlung

Nikolaus Cybinski in BZ, Liestal vom 25.3.2002: Kennen Sie Namen wie Jelena Firsowa, Boris Yoffe, Giya Kancheli, Valentin Silvestrov, Ivan Sokolov, Nikolaj Korndorf? Ein gutes Jahrzehnt nach dem Verschwinden des Eisernen Vorhangs lernen wir nach und nach Musik kennen, die bezeugt, dass es in der USSR eine Komponistenszene gab, die sich erfolgreich dem Diktat des Sozialistischen Realismus widersetzte, indem sie es gewitzt unterlief...

In Corinne Hummels "Neue Musik und Konzerte Basel St. Alban 2000" hatte diese Musik mit Patricia Kopatchinskaja eine kongeniale Interpretin. Die aus Moldawien gebürtige und in Wien und Bern ausgebildete Geigerin hat ein waches Gespür für alle Nuancen der Tonbildung und da technisch alles da ist, wird ihr Spiel zur permanenten intelligenten Klangverwandlung. Ihr Fortissimoton bleibt erstaunlich strahlend und würde Konzertsäle mühelos füllen. Neben so viel geigerischer Praesenz hatte es Ivan Sokolov am alten Bechstein erheblich schwerer. Gleichwohl liess er in Gubajdulinas Seiltänzer und vor allem in Ustvolskajas Sonate hören, dass er mehr ist als nur der Begleiter einer hochbegabten Geigerin. Ustvolskajas expressionistisch-archaische Musik von 1952 wird für das Klavier zum Kraftwerk. Das fünftönige Quartmotiv hämmerte Sokolov uns bis zum Gehtnichtmehr in die Ohren und am Schluss glaubten wir's ihm. Langer Beifall.

 

Faszinierende Zeitreise

Walter Schönenberger im BUND, Bern vom 2.3.2002: ...Igor Strawinskys aus der Beschäftigung mit Bach gewachsenes viersätziges Violinkonzert in D (1931) hat - je nach Interpretationsansatz - zwei Seiten: eine distanziert-kühle und eine nervig heissblütige. Patricia Kopatchinskaja setzte ohne Federlesen auf die zweite, und das Resultat war von umwerfender technischer und musikantischer Dimension, genährt von einer wie unter Elektrizität stehenden Innenspannung. Kein Jota von flügellahmer pseudobarocker Gediegenheit, vielmehr eine gebändigte Flut von Klängen, die auch Spielgeräusche als Ausdrucksmittel einbeziehen und in den Dienst eines weiten Bereichs der Akzente und Emotionen stellen. Auf kurzen Nenner gebracht: eine massstäbliche Interpretation von eminenter persönlicher (auch körperlich intensiver) Ausstrahlung und künstlerischer Relevanz.

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