Trotzige Trauer - Die Violinistin Patricia Kopatchinskaja im Stadthaus Winterthur

Jürg Huber in Neue Zürcher Zeitung vom 19.5.2006: Karl Amadeus Hartmann gehört zu den grossen Komponistenpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Doch seine Musik, eine herbe Mischung aus durchdachter Konstruktion und glühender Expressivität, ist trotz periodisch wiederkehrenden Renaissance-Versuchen im Konzertsaal wenig präsent. Einzig sein am Vorabend des Zweiten Weltkrieges vollendetes und im Jahr 1940 in St. Gallen uraufgeführtes Concerto funebre macht da eine Ausnahme. Unendliche Trauer über die am Horizont aufziehenden Verheerungen, trotziges Aufbegehren, aber auch feste Zuversicht im abschliessenden Choral verbinden sich hier zur ergreifenden musikalischen Aussage, die ein Publikum immer wieder direkt zu berühren vermag.

Im Stadthaus Winterthur sorgte die phänomenale Violinistin Patricia Kopatchinskaja dafür, indem sie von der schlichten Kantilene bis zum leidenschaftlichen Ausbruch den ganzen Facettenreichtum der Partitur ausleuchtete. Assistiert wurde die Solistin nicht von den bewährten Kräften des Orchesters Musikkollegium Winterthur - dieses trat am gleichen Abend im Rahmen einer Konzertreise in der ägyptischen Hauptstadt Kairo auf -, sondern von der Orchestergesellschaft Biel, die unter der Leitung des Dirigenten Christoph Campestrini wacker mithielt.

In Ergänzung des gedruckten Programms zeigte die Solistin danach ihre eigenwillige Sicht auf Wolfgang Amadeus Mozarts Violinkonzert G-Dur KV 216. Mit beherztem Zugriff und teilweise spitzer Artikulation drang Kopatchinskaja auch in Randbereiche des Schönklangs vor und opferte dem impulsiven Spiel zuweilen die intonatorische Sicherheit. Keine glatt polierten Oberflächen präsentierten Campestrini und die Orchestergesellschaft Biel auch in ihren sinfonischen Beiträgen. Mozarts ungestüme frühe g-Moll-Sinfonie KV 183 war durch ausgeprägtes, manchmal auch etwas ungenaues Spiel der Bläser belebt...

 

Bremens vitale Stadtmusikanten - Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen mit einem exzellenten Beethoven und einer extravaganten Solistin

Stefan Schickhaus in Frankfurter Rundschau, 17.5.2006: Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen arbeitet gerade an ihrer "Aktion 1000+". Die beiden Abonnementreihen in ihrer Heimatstadt sind fast ausgebucht, bei mehr als 1000 neuen Interessenten versprechen die Musiker, eine dritte Reihe einzurichten. In Bremen wird Service groß geschrieben, was für dieses Orchester Notwendigkeit ist. Denn die Kammerphilharmonie, die in Frankfurt 1980 gegründet worden war, der aber hier am Main 1992 der Finanzhahn zugedreht wurde, muss auch in Bremen rund zwei Drittel ihres Etats selbst erwirtschaften. Not macht erfinderisch: Das Orchester bietet Manager-Seminare und Kinderunterhaltung, und ein festes Gehalt gibt es für die Musiker nicht.

Dabei ist Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen (der bestimmte Artikel gehört offiziell zum Namen) eines der weltweit herausragenden Kammerorchester, wie jetzt ihr Pro-Arte-Abend in der Alten Oper wieder zeigte. Zur Zeit beschäftigen sich die selbst organisierten Musiker mit Beethoven. Auf ihrer jetzt startenden Japan-Tournee etwa stehen binnen dreier Tage sämtliche Beethoven-Sinfonien auf dem Programm. Und diesen Beethoven, in Frankfurt war es die Achte, spielen sie sensationell: Entfesselt, pointiert, geistreich und forsch. Bremens vitale Stadtmusikanten sind dabei weit weg vom deutschen Orchesterklangideal mit seinem schmelzenden Streicherbett. Hier spielt man mit lediglich acht ersten Violinen, Holz und Blech dominieren den Klang. Und der hat es in sich.

Der Dirigent der Deutschen Kammerphilharmonie ist Paavo Järvi, er wurde in Frankfurt als neuer Chef des Radiosinfonie-Orchesters ja bereits eingeführt. Mit diesem Beethoven-Abend hat er erneut bewiesen, wie gut diese Wahl war und wie wenig Sorgen man sich um den durch Hugh Wolff gewonnenen neuen Klassiker-Ton machen muss.

Poesie, Leidenschaft, Provokation: Für das Beethoven-Violinkonzert hatte man in Bremen ursprünglich mit der Geigerin Akiko Suwanai gerechnet. Die aber plante anders, aufgrund ihrer Schwangerschaft musste man nach Alternativen suchen und fand zwei diametral verschiedene. In Japan wird Hilary Hahn geigen, die ausgewogene Klassikerin, in Frankfurt dagegen spielte die Moldawierin Patricia Kopatchinskaja. Die nun ging mit allen Parametern dieses Violinkonzerts extrem frei um, auch was Gestik und Mimik betrifft in den Passagen, in denen die Solovioline pausiert. Da tanzte die 29-Jährige. Und wenn sie spielte, war dies nicht minder extravagant. Die Solokadenz des ersten Satzes etwa teilte sie sich mit dem Pauker, die beiden nahmen sich viel Raum (*). Auch den Übergang zum Finalsatz nutzte Kopatchinskaja für eingefügte Spielfiguren, das Beethoven-Konzert wurde zum eigenwilligen Kabinettstück, mit Geschmacksgrenzen und Irritationen experimentierte die Violin-Darstellerin mutig und gekonnt. Ihre Homepage beginnt mit den vier Begriffen "Poetry Passion Provocation Patricia". Die Betonung hier lag auf der Drei.

Zur Zugabe gab die vom Frankfurter Publikum begeistert gefeierte Patricia Kopatchinskaja etwas Launiges des Wiener Avantgarde-Komponisten Otto Zykan, eine Art Hexenzauber mit Stampfgeräuschen, Beschwörungssilben und einer Pirouette um die eigene Achse. Da kam einem das Wort in den Sinn, nach dem man bei ihrem Beethoven unbewusst gesucht hatte: "Clownesk".

(*) Gespielt wurden die Originalkadenzen von  Beethoven für die Klavierfassung, die von Wolfgang Schneiderhan für die Geige adaptiert wurden.

 

Markus Erni in Basler Zeitung vom 14.11.2005: ...Ähnlich nimmt das Doppelkonzert für Violine, Cello und Streicher (1978) seinen Ausgang aus einem Liegeton der Bratschen. Aber daraus werden zumindest im ersten Teil konzertante Gesten (brilliant die Solistinnen Patricia Kopatchinskaja und Sol Gabetta) gewonnen, um im zweiten Teil in ein choralartiges Stimmgewebe und zum Anfang zurückzufinden. Eine gewisse furiose Tragik bricht immerhin in den elegischen Grundton ein...

 

 

Patricia Kopatchinskaja brilliert in Baden-Baden

Gisela Brüning in Badisches Tagblatt vom 17.10.2005: "Leicht aber mit Hingabe" hatte Boris Yoffe seine kleine Komposition überschrieben, die Patricia Kopatchisnkaja nach ihrer fulminanten Interpretation des Violinkonzertes D-Dur von Ludwig van Beethoven zur Beruhigung des frenetischen Publikums erklingen liess. "Leicht aber mit Hingabe" schien überhaupt als Losung über dem 2. Sinfoniekonzert der Baden-Badener Philharmonie mit ihrem Dirigenten Werner Stiefel im Weinbrennersaal des Kurhauses zu stehen...

...Wenn von Hingabe die Rede ist, so ist die Geigerin Patricia Kopatchinskaja die Personifizierung dieses Begriffes. Vor wenigen Tagen von einer Tochter entbunden, strahlte die junge Mutter reine Hingabe aus: Hingabe an ihr Spiel, Hingabe an die jeweilige Musik, und auch völlige Zugewandtheit zu ihrem Auditorium, das nicht nur dem makellosen Klang der Violine lauschte, sondern auch von ihrer Persönlichkeit fasziniert wurde. Völlig entrückt und hingegeben liess die Kopatchinskaja durch ihre Körpersprache die Musik lebendig werden. Angespannt, den Kopf im Takt wiegend "dirigierte" sie den Beginn, um quasi mit Anlauf ihren Einsatz wahrzunehmen. Was folgte, war eine Verzauberung des Saals, durch die Magie Ihres Geigenbogens. Das wie Allerleirau gekleidete Persönchen spielte ganze Geschichten, die von Entzücken und Koketterie, von Nachdenklichkeit und Sanftheit erzählten. Dann wieder wirbelte es wie ein Kobold herum oder spielte augenrollend und neckisch mit gekräuseltem Näschen ihre Kollegen im Tutti an, bevor es sich geradezu brachial in die Kadenz stürzte und höchsten solistischen Wohlklang erzeugte.

Die Beschreibung mag theatralisch, ja sogar oberflächlich klingen: Genau das Gegenteil war der Fall. Diese extrovertierte Aufführungspraxis rückte die Komposition nicht in den Hintergrund, sondern verlieh ihr zusätzliche Ausdruckskraft.

Eine solche Interpretation sollte der Wunschtraum jedes Komponisten sein, und auf Boris Yoffe trifft diese Annahme zu. In ihrer Musik, beziehungsweise in ihrer Interpretation, erkannten sich die beiden als kongeniale Partner. Inzwischen hat Yoffe Patricia Kopatchinskaja einige seiner Kompositionen gewidmet. Das am Samstag uraufgeführte Werk "Motette für Geige und Orchester" ist ein Auftragswerk der Künstlerin. Die die Violine in diesem aus sechs ineinander übergehenden Teilen bestehenden Werk in schönen klaren Melodienbögen den Cantus übernahm, fielen den Orchesterinstrumenten und dem Piano die Aufgabe der "motetus" zu, die sich syllabisch mit kurzen Sequenzen, einzelnen Tönen oder Geräuschen als Oberstimmen über den Cantus legten...

 

Frisch und unkonventionell - Uraufführung und Violinkonzert von Beethoven waren zwei Höhepunkte bei der Philharmonie

Karl-Heinz Fischer in Badische Neueste Nachrichten vom 17.10.2005: Gleich zwei Höhepunkte gab es beim zweiten Sinfoniekonzert der Baden-Badener Philharmonie. Die beiden herausragenden Ereignisse in diesem Konzert waren zwar von recht unterschiedlicher Qualität, gemeinsam war ihnen aber, dass an beiden maßgeblich die Geigerin Patricia Kopatchinskaja beteiligt war, die in der Stadt längst keine Unbekannte mehr ist. Der erste Höhepunkt war die Uraufführung eines Werks von Boris Yoffe, der neben seiner Kompositionstätigkeit seit vielen Jahren Bratschist in der Philharmonie ist. Der zweite Höhepunkt war auch fast so etwas wie eine Uraufführung: So, wie Kopatchinskaja und die Philharmonie das Violinkonzert von Beethoven spielten, hatte man diesen Gassenhauer im klassischen Musikrepertoire wohl noch nie gehört&ldots;

...dann die Uraufführung der "Motette für Geige und Orchester" von Boris Yoffe, der in St.Petersburg geboren wurde und dort seine musikalische Ausbildung begann, die er ab 1990 in Israel und ab 1997 in Karlsruhe mit einem Kompositions- und Dirigierstudium vertiefte. Sein Dirigierlehrer an der Musikhochschule Karlsruhe war Werner Stiefel, sein Kompositionslehrer Wolfgang Rihrn. Neben seiner regen Kompositionstätigkeit ist Yoffe als Bratschist in zahlreichen Kammeimusikformationen tätig. Auch in Baden-Baden wurden schon, einige, seiner Werke aufgeführt, oft wie auch jetzt mit Beteiligung der Geigerin Patricia Kopatchinskaja. Wie sehr sie die Kompositionen Yoffes schätzt, machte sie auch damit deutlich, dass sie am Schluss des Abends als Zugabe ein weiteres kleines Yoffe-Stück spielte. Die Motette beginnt mit elegischen Geigentönen, die dann in einen Dialog mit dem Orchester münden. Eine melancholische Tonlage beherrscht dieses Zwiegespräch: Hier werden Trauer und Schmerz mit den Mitteln der Musik verarbeitet, hier macht aber auch jemand seinen Frieden mit diesem Schmerz, akzeptiert ihn, bäumt sich nur wenig dagegen auf. Patricia Kopatchinskaja geht sehr präzise und einfühlsam auf diese Geisteshaltung der Komposition ein und stellt ebenso wie das Orchester den Dialogcharakter dieser Musik heraus, betont, die polyphonen Elemente. In ihrem düsteren Leiden an der Welt scheint die Motette einer Geisteshaltung verpflichtet, die eher dem Lebensgefühl der Intellektuellen des frühen 20. Jahrhunderts,  vor allem in der Zeit nach den beiden Weltkriegen entspricht als dem gegenwärtigen Zeitgeist: Das von seiner musikalischen Struktur her sehr anspruchsvolle Werk macht es den Zuhörern nicht leicht, darin einen adäquaten Ausdruck unserer heutigen Zeit zu sehen....

Genau umgekehrt stellt sich dies nach der Pause beim Konzert für Violine und Orchester D-Dur von Ludwig van Beethoven dar. Das viel gespielte und beliebte Werk der klassischen Konzertliteratur war, ebenfalls mit Kopatchinskaja als Solistin, in einer derart erfrischend unkonventionellen Fassung zu hören, dass man meinen konnte, erneut einer Uraufführung beizuwohnen. Unerhört war nicht nur ihre Kadenz im ersten Satz, bei der sie sich gegen alle Konvention von der Pauke begleiten ließ. Mal hauchte sie ihren Part ganz leise dahin, um dann wieder richtig loszufetzen. So frech und unkonventionell an einen Klassiker heranzugehen, traut sich außer vielleicht Nigel Kennedy kaum ein Geiger. Dabei war sie absolut überzeugend, in ihrer extremen Impulsivität ging sie förmlich auf in ihrer Art, Beethoven zu spielen, und riss das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin.

Faszinierend war auch, wie exakt sich Stiefel auf diese Interpretation eingelassen hat, wie er das Orchester zurücknahm und wieder lospoltern ließ - einfach toll. Für das Publikum war das der absolute Höhepunkt des Abends.

Andreas Fussi in Burgenländische Volkszeitung vom 13.7.2005: ...Den größten Applaus des Abends hatten Patricia Kopatchinskaja, Maxim Rysanov, Enrico Dindo und vor allem Marc-André Hamelin mit Mendelssohns Klavierquartett Nr. 2 (Opus 2)....

 

Grandioser Trio-Abend - Standing Ovations an den Thuner Schlosskonzerten

Murielle Ehrler in Thuner Tagblatt vom 21.6.2005: Ein einzelner Ton schwebt zart durch die Luft, ihm folgt ein zweiter, das Ganze formt sich zu einer klagenden Melodie in sanften Flageoletttönen – wenn die Cellistin Sol Gabetta spielt, scheint sie mit ihrem Instrument zu verschmelzen. Die Geige setzt in tiefer Lage in den Kanon ein, man sieht am Gesichtsausdruck von Patricia Kopatchinskaja, wie sie jeden einzelnen Ton mitfühlt. Das Publikum hält gebannt den Atem an bei diesem Anfang von Schostakowitschs Klaviertrio. Der Pianist Henri Sigfridsson und die beiden Streicherinnen bilden eine ideale Kammermusik-Formation. Alle drei sind hochtalentierte Spitzenkünstler, die zur aufstrebenden jungen Solistengeneration gehören. Entsprechend randvoll ist der Rittersaal im Schloss Thun. Und man ist gespannt auf ein Programm voller Abwechslung: Haydn, Brahms, Schostakowitsch – in chronologischer Reihenfolge werden Klaviertrios aus drei Jahrhunderten gespielt.
Barocke Trauerformel: Schostakowitschs Trio Nr. 2 op. 67 ist ein eindrückliches Werk, das der Komponist zu Ehren eines verstorbenen Freundes komponierte: Tod und Trauer sind allgegenwärtig, Kopatchinskaja und Gabetta vermögen die schmerzlichsten, anrührendsten Klänge hervorzuzaubern. Im Largo, dem Kern des Werks, lässt Sigfridsson mit kräftigen, ausdrucksstarken Akkorden einen Lamento-Bass erklingen. Diese gleichförmige Bewegung des Basses, über welche sich die Streicher ätherisch erheben, ist eine Trauerformel aus dem Barock. Das Trio wurde 1944 – mit dem Komponisten selbst am Klavier – in Leningrad kurz nach der Befreiung der Stadt uraufgeführt. Schostakowitsch bringt seine Klage über den Schrecken des Kriegs und die Opfer des Holocaust zum Ausdruck. Darauf weisen auch die Anlehnungen an jiddische Melodien im letzten Satz hin, einem makabren, stark rhythmisierten Totentanz. Die Energie sprudelt bei diesem Finale nur so aus den Musikern heraus; das Publikum wird dabei völlig in ihren Bann gezogen.
Ein perfektes Team: Zuvor sind Haydn und Brahms zu hören. Das in London entstandene Klaviertrio Nr. 39 von Joseph Haydn wird auch Zigeunertrio genannt. Mit Leichtigkeit und Eleganz spielt Kopatchinskaja die spritzigen Melodien dieses Finales, kräftig unterstützt von ihren Partnern. Das darauf folgende Werk op. 87 von Johannes Brahms macht die Entwicklung der Gattung Klaviertrio im 19. Jahrhundert deutlich: Während bei Haydn Klavier und Cello vorwiegend begleitende Funktion haben, sind bei Brahms drei gleichwertige Stimmen vorhanden. Das Stück verlangt intensives Zusammenspiel; Kopatchinskaja, Gabetta und Sigfridsson meistern dies wunderbar und lassen einen innigen Dialog entstehen. Es wird an diesem Abend deutlich: Ein perfektes Team aus drei unverwechselbaren Musikerpersönlichkeiten ist hier am Werk!

 

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