Der Wohlklang der Totenklage
Klaus Albrecht in NRZ (Essen) vom 18.12.2007 Die Trauer um die Vergänglichkeit stand im Mittelpunkt beim fünften Sinfoniekonzert der Philharmonie.
Als Cellist von Weltruf war er in der Philharmonie schon des Öfteren zu Gast - und auch als Dirigent am Pult der Essener Philharmoniker gibt sich Heinrich Schiff regelmäßig die Ehre. So auch jetzt zum fünften Sinfoniekonzert, das thematisch besser in den Gedenkmonat November gepasst hätte.
Der Tod zog sich als roter Faden durch ein Programm, in dessen Mittelpunkt das "Concerto funebre" von Karl Amadeus Hartmann stand. Jenem Komponisten, der während der NS-Zeit nicht den Weg ins amerikanische Exil mitging, sondern in Deutschland blieb und sich in eine Art innere Emigration zurückzog. Das im Jahre 1939 entstandene Konzert für Violine und Streichorchester mag in diesem Sinne als paradigmatisch gelten.
Trauer und Hoffnung, Einsamkeit und Aufbegehren sind die Koordinaten, zwischen denen sich diese bekenntnishafte, unmittelbar zugängliche Musik bewegt und die die moldawische Vollblutgeigerin Patricia Kopatchinskaja in fesselnder Ausdrucksstärke spielte. Ja, diese junge Künstlerin ist expressiv mit so vollem Körpereinsatz beteiligt, als ob sie jeden Moment zu einem furiosen Tanz anheben wolle.
Ihre überlegene technische Bravour zeigt sich in jeder Facette: ob im berstenden Tempo, extremen Lagenwechseln und Artikulationsfinessen. Und so unwirklich-fragend sie das Werk eröffnete, fand sie nach einem zermarternden Höllentanz zu glühend versöhnlichen Schlussworten. Ganz im Einvernehmen mit den Streichern der Philharmoniker, die sich spürbar vom Temperament dieser Solistin mitreißen ließen...
Mit Feuer ans Werk der Extreme - Die junge Geigen-Virtuosin Patricia Kopatchinskaja brillierte mit Karl Amadeus Hartmanns "Concerto funebre" im 5. Sinfoniekonzert der Philharmoniker unter Gastdirigent Heinrich Schiff
Christoph Dittmann in Westdeutsche allgemeine Zeitung vom 14.12.2007: Haydn, Hartmann, Prokofjew: Starke Kontraste beim 5. Sinfoniekonzert der Philharmoniker. Gastdirigent Heinrich Schiff setzte darauf, diese Gegensätze hörbar zu machen - zuweilen jedoch um den Preis einer ausgefeilten Binnendifferenzierung. Und doch war der Abend ein bemerkenswertes musikalisches Erlebnis.
Allein schon wegen der ausgezeichneten Solistin Patricia Kopatchinskaja. Was die Auftritte junger Geigen-Virtuosinnen in der Philharmonie angeht, ist man ja durchaus verwöhnt. Hahn, Fischer, Pogostkina brillierten dort bereits mehrfach. Die aus Moldawien stammende Violinistin reiht sich da probelmlos ein. Nicht ohne Grund musizierte Kopatchinskaja bereits mit bedeutenden Klangkörpern wie den Wiener Philharmonikern.
Mit Karl Amadeus Hartmanns "Concerto funebre" präsentierte sie ein furioses Werk, das neben subtiler Lyrik hoch virtuose Passagen bietet. Im mitreißenden Allegro entfacht die Solistin ein wahres Klanggewitter. Dass sie dabei ihrem wilden Temperament freien Lauf lässt, schadet diesem Werk der Extreme nicht...
Michael Wruss in Oberösterreichische Nachrichten vom 10.12.2007: ...Das riesig besetzte Brucknerorchester ging mit seinem Chef ideal disponiert und hoch konzentriert auf diese Reise in musikalisches Neuland, denn die russische Moderne war bislang eher Stiefkind im Repertoire des Linzer Meisterklangkörpers... Der erste Teil des Abends bediente mit Sergej Prokofjews zweitem Violinkonzert ebenfalls jene Sparte´, und mit Patricia Kopatchinskaja hatte man das richtige Energiebündel als Solistin eingeladen. Ihr liegen die lyrischen Melodien genauso wie das haarige Passagenwerk. Technisch saß alles perfekt, und darüber hinaus gibt es nur wenige Geigerinnen und Geiger, die mit derart unbändigem Interpretationswillen und heißblütigem Engagement an die Musik herangehen, sodass das Feuer der Leidenschaft auf das Publikum übersprang. Ein großer Abend, der trotz oder gerade wegen der neuen Sprache sehr gut ankam und auf Fortsetzung hoffen lässt.
Perfektes Duo voller Temperament
ME in Westfälische Rundschau, 30.11.2007: Sie sind wirklich zwei junge Wilde: die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und der türkische Pianist Fazil Say, Exklusivkünstler am Konzerthaus. Die beiden bilden ein perfektes Duo von überschäumendem Temperament, rhythmischer Rasanz und draufgängerischem Zugriff. Aber sie können auch zart und innig mit ihrem Instrument umgehen. Mit diesen Klangkontrasten, instrumentaler Bravour und leidenschaftlichem Musikantentum rissen sie das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Mit ganz neuen Akzenten versahen sie zu Beginn Beethovens berühmte "Kreutzer"-Sonate. Die Geigerin fordert ihr Instrument zu Klängen heraus, die schon die Grenzen des Wohlklangs streifen, um ihren Ausdruckswillen zu formulieren. Sie geht mutig und bewußt neue Wege in der Interpretation und zeigt eine kaum zu bremsende Spielfreude, die auch in den schimmernden Pianopassagen mitschwingt und sich dem weichen, subtilen Klavierklang Says seelenvoll verbindet.
Filigrane Schönheit und exotischen Reiz boten sie in Fazil Says' Sonata für Violine und Klavier op.7, einem sehr virtuosen wie feinsinnigen Werk, das aus Spätromantik und Impressionismus schöpft, Modernes hinzubringt und mit orientalischen Klangwirkungen verschmilzt. Grandios in ihrer Mentalität gestalteten sie schließlich die Rumänischen Tänze von Bela Bartok und Maurice Ravels Sonata pour violon et piano G-Dur, die so meisterhaft impressionistischen Klangzauber mit Blues-Atmosphäre und Perpetuum mobile-Drive verbindet. Bestechend fanden die jungen Musiker auch hier jeweils den richtigen, spannenden und fesselnden "Ton".
Das geht ab wie Pop-Musik - Patricia Kopatchinskaja mit Fazil Say im Duo
Von Michael Stenger, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 30.11.2007: Kammermusik, die Königsgattung, verbindet man mit Ernst, mit größter Seriosität. Dass das plötzlich abgeht wie bei den Pop-Nachbarn, ist wirklich unerhört. So geschehen in der Reihe "Junge Wilde" des Dortmunder Konzerthauses, das mit Hilfe von RWE und der Werner Richard- Dr. Carl Dörken Stiftung Klassik mal frech verkauft. Es treten Künstler auf, die mit ihrem Charisma die Eigenschaften "jung" und "wild" mehr oder weniger erfüllen. Die bohrend vitale Geigerin Patricia Kopatchinskaja aus Moldawien, auf der Bühne barfuß, und der türkischen 100 000 Volt-Pianist Fazil Say spielten - pardon! - fetzig. Beethovens "Kreutzer"-Sonate: draufgängerisch, temperamentvoll und in den Variationen fast bis zum Swing à la Gulda geführt, gleichwohl auch innig ausgeleuchtet. Die Violinsonate von Fazil Say aus dem Jahre 1997: mit nuanciertem Kolorit, jazzigen Tupfern, ethnischen Färbungen. Dann Bartóks "Rumänische Tänze" in der Bearbeitung Szèkelys: Da zeigte Patricia Kopatchinskaja, dass eine gute Geigerin immer etwas Zigeunerblut haben muss. Und Ravels wunderbare Sonate: zarteste Momente, ein Blues mit viel Feeling, ein packendes Finale. Und riesiger Applaus und Zugaben. Und wieder fiel auf, dass Fazil Say sein ganz eigenes Publikum zieht. So viele türkische Gäste erlebt man bei Konzerten sonst selten: Er ist ein Star auch für die Jugend.
Wild und feinfühlig zugleich
vd in Musikchronik des Köln-Bonner Musikkalenders: "Die jungen Wilden" - so lautet das Motto der Konzertreihe des Deutschlandfunks in dieser Saison. Den Anfang machten dabei Patricia Kopatchinskaja und ihr Klavierbegleiter Fazil Say, die sich mit dem Konzert für den Deutschlandfunk-Förderpreis vom letzten Jahr bedankten. In Beethovens Kreutzer-Sonate gelang den beiden eine sehr schwungvolle, jugendliche Interpretation des 'Klassikers', die zwischen verhuscht und energisch-kraftvoll wechselte. Bereits hier fiel die Gleichberechtigung zwischen Violine und Klavier auf, ebenso das geradezu perfekte Zusammenspiel der Musiker. Besonders interessant war nachfolgend die Violinsonate Fazil Says, die dieser schon im Alter von 14 Jahren komponiert hatte. Hörbar wurden die verschiedenen Einflüsse, die ihn damals geprägt hatten: auf der einen Seite eine starke Anlehnung an orientalische Klänge und Instrumente, auf der anderen Seite aber auch klassische Formen sowie ein starker Hang zum Jazz. Verwendet wurden dabei auch außergewöhnliche Techniken wie etwa das Dämpfen des Flügels mit einer Stoffrolle, so dass dieser stark an einen gezupften Kontrabass erinnerte. Vergleichsweise bodenständig ging es bei Bartoks rumänischen Volkstänzen zu, deren verschiedene Charaktere überzeugend dargestellt wurden. Feinfühliger wurde der Abschluß des Abends, Ravels Violinsonate G-dur. Besonders beeindruckend war Kopatschinskajas sicheres Gespür für die Musik, durch dass sie auf der einen Seite feinfühlig-schlicht spielte - beispielsweise im Allegretto - und dann wieder mit so viel Energie und Schwung, dass sogar das furiose Perpetuum mobile, das gerade von der Geigerin nach einem bereits zweistündigen Programm besondere Kondition forderte, einen absolut gelungenen Abschluss bildete. Dass die Begeisterung und Energie des Duos noch für mehr reichten, zeigten die vier Zugaben - mal gemeinsam, mal beide einzeln. Nach diesem vielversprechenden Auftakt kann man auf die nachfolgenden "Jungen Wilden" gespannt sein.
Klarer Geist
Robert Jungwirth auf www.klassikinfo.de vom 17.11.2007: ...Reduziert in Gestus und Faktur auch das Doppelkonzert für Violine, Cello und Streichorchester von 1978, wobei man sich des öfteren fragt, wofür eigentlich das Orchester gebraucht wird. Auch im zweiten Konzert für Violine und Streichorchester von 2006 steht das Soloinstrument im Vordergrund, wobei sich hier mitunter derb Musikantisches mit gewissermaßen Feinstofflichem abwechselt. Keine Frage, Tigran Mansurian ist ein Sonderfall der Neuen Musik: reduktionistisch bis zur Verweigerung, aber nicht aus dem Geist der Materialkritik, sondern eher aus dem der Schwermut. Das Münchner Kammerorchester unter seinem Leiter Alexander Liebreich und die Solisten Patricia Kopatchinskaja, Violine und Anja Lechner, Cello ließen sich mit bewundernswerter Hingabe auf die Trübseligkeiten der Musik ein, widmeten sich ihnen mit dennoch klarem Geist - was den Abend über weite Strecken dann doch zu einem interessanten Konzerterlebnis werden ließ.
Vom Geheimtipp zum Ereignis
sö in Hamburger Abendblatt, 13.11.2007: Seit Patricia Kopatchinskaja vor drei Jahren bei den Symphonikern mit dem Glasunow-Konzert ihr Hamburg-Debüt gab, ist die 30-jährige moldawische Geigerin d e r Geheimtipp nicht nur der hanseatischen Musikszene. Am Sonntag machte sie das 3. Abokonzert der Symphoniker zu einem Ereignis. Barfuß, die Pressenda unterm Kinn, konnte sie Andrey Boreykos "Startschuss" zu Strawinskys D-Dur-Konzert kaum abwarten, um dann mit viertönigen Akkorden der Toccata geradezu in das virtuose Abenteuer zu springen. Ob Doppeltriller oder Aufstrich-Spiccati, wilde Synkopen-Dialoge mit Schlagzeug und Bläsern oder voll tönende Arien - nach einer eigenen Kadenz als Zugabe gab es einen Begeisterungs-Orkan, wie man ihn bei den Symphonikern nie erlebt hat...
Barocke Komplexität und Stravinskys Feuerfarben
Helmut Peters in Die Welt, 13.11.2007: ...Deutlich ruppiger ging es dagegen in Igor Strawinskys Violinkonzert in D mit der Solistin Patricia Kopatchinskaja zu. Die Toccata klang, als stieße der Komponist seinen akustischen Bauklotzstapel immer dann wieder zusammen, wenn man gerade zu ahnen begann, was er damit eigentlich hatte errichten wollen. Von heftigen Tuttischlägen in bittersüße bis fahle Klangflächen wechselnd, torkelte das Geschehen, von den Geigensoli der entschlossenen Solistin zusammengehalten, von einem Extrem ins andere. Auch wenn Strawinsky Neobarockes anklingen lässt, so übermalt er es sogleich wieder kräftig, mit greller Farbpalette. Koptachinskja ist für ihren unkonventionellen Stil bekannt und spielt mit Pseudo-Ritualen genauso gern wie Strawinsky. Weil ihr der Meister in seinem Instrumentalkonzert keine Solokadenz gegönnt habe, sagte sie nach dem Violinkonzert zu ihrem Publikum, liefere sie diese nun als Zugabe nach. Worauf sie ein hochvirtuoses Solostück erklingen ließ, bei dem am Ende sogar noch Konzertmeister Stefan Czermaks mitwirken musste...
Jede Menge Eigensinn - Patricia Kopatchinskaja und Polina Leschenko: Zwei Virtuosinnen gastierten in Wien
Daniel Ender, Der Standard (Wien), 17.10.2007: Wien Nicht erst, als sie sich am Ende ihrer Zugabe "Das mit der Stimme" zu einem letzten Quietscher um die eigene Achse drehen darf, ist Patricia Kopatchinskaja bei der Musik von Otto M. Zykan ganz in ihrem Element: Auch seinem Violinkonzert "Da drunten im Tale" vermag die moldawische Musikerin zahlreiche Facetten ihres unvergleichlichen Temperaments zu leihen. Das hat sie bereits bei der Uraufführung bei den Klangspuren Schwaz vor drei Jahren unter Beweis gestellt; und auch am Wochenende entfachte sie damit einen Wirbelsturm, versenkte sich aber auch in die schwermütigen Passagen, in denen das Werk des 2006 gestorbenen Komponisten das titelgebende Volkslied zitiert.
Zwischen Timbres, Espace, Mouvement von Henri Dutilleux, das Bertrand de Billy und sein Radio-Symphonieorchester Wien in seinem ersten heurigen Zykluskonzert mit Raffinesse servierten, und einer bravourös dargebotenen 7. Symphonie Beethovens wirkte das ausgelassene Treiben der Geigerin mit ihrem Hang zu Theatralik und zu ruppigen Akzenten wie aus einer anderen Welt. Was allerdings bei ihr auch auffällt, ist, dass ihr Eigensinn den von ihr gespielten Kompositionen beinahe den Rang abläuft, dass sie mit ihrem Interpretationsstil die Werke zuweilen fast verdeckt. Kopatchinskaja agiert dabei freilich so überzeugend, dass ihrem Gestus des Störrischen auch diesmal im Musikverein viel Jubel entgegenschlug...
Von Tälern und Sternennächten
Daniel Wagner in Wiener Zeitung vom 16.0.2007: Lachen, nicht aus Belustigung, sondern aus Begeisterung, musste man angesichts des impulsiven Violinspiels von Patricia Kopatchinskaja im Musikverein. "Das mit der Stimme", Otto M. Zykans Bravourstück für Solo-Violine, ließ sie nach reichlich Akrobatik auf der Bühne als virtuoses Rumpelstilzchen triumphieren.
Doch zuerst gab's "Da drunten im Tale" - da ist Zykans gleichnamiges Violinkonzert, benannt nach dem alten Volkslied, angesiedelt. Dank Bertrand de Billys Liebe zur Gegenwartsmusik gelang dem RSO die Wanderung aus dem Tal in den Goldenen Musikvereinssaal ohne Schwächeanfälle. Wie kaum hörbare Grillen setzten die Streicher an, aber bald gewann das dramatisch-virtuose Lied der Solistin Oberhand. Angestachelt durch ihre reiche Motivik entwickelten sich im Ensemble variationsreiche Gegenreden heraus. Unterbrochen vom aggressiven Schlagwerk-Einsatz kehrte Kopatchinskaja zur anfänglichen Stille zurück. Nach der atemberaubenden Schlusskadenz verhallten die geflüsterten Worte von Geigerin und Dirigent im Saal: "Da unten im Tal - ich hab Dich so lieb".
So macht neue Musik einfach Freude!
Musikverein:
Das mit der Stimme die mit der Stimme
Das RSO Wien
unter Bertrand de Billy, mit einer entfesselten Patricia
Kopatchinskaja, Beethoven und einer Erstaufführung.
Walter Dobner in die Presse (Wien) vom 15.10.2007: Das mit der Stimme, ein Violinsolostück von Otto M.Zykan, bei dem es nicht nur gilt, höchste Virtuosität zu demonstrieren, sondern auch mit den Füßen zu stampfen, zu singen und zum Schluss sich um die eigene Achse zu drehen, gewährte sie als Zugabe. Doch als Die mit der Stimme erwies sich die famose Patricia Kopatchinskaja schon beim Stück davor, Zykans Violinkonzert. Leise hebt es an, schwingt sich zu immer dramatischeren Entwicklungen auf, bringt plötzlich weite meditative Passagen.
Aber nicht nur dieser dramaturgisch geschickt gebaute Wechsel von gewaltiger Klangentladung und lyrischer Entspannung prägt dieses im Auftrag der Klangspuren Schwaz komponierte und dort 2004 durch die Kopatchinskaja aus der Taufe gehobene Werk. Ebenso ist es die bewusste Einblendung des alten Volksliedes Da unten im Tale, das der Komponist schließlich auch als Titel für dieses Konzert gewählt hat.
Gefordert hat er damit gleich zwei Musiker: Nicht nur die Solistin zitiert daraus am Ende nach einer kräfteraubenden Kadenz, schon zuvor muss der Dirigent den Liedbeginn anstimmen. Womit Bertrand de Billy und seine exzellente Solistin im Musikverein sich auch als brillant-virtuose Vokalisten beweisen durften....
Theatralisch - Patricia Kopatchinskaja im Wiener Musikverein
Opal in Kurier (Wien) vom 14.10.2007: Das klangfarbenreiche "Timbres, Espace, Mouvement" von Henri Dutilleux eröffnete am Freitag das Programm des RSO Wien im Musikverein. Nicht titelkonform, also entmystifiziert, der erste Teil ("Nébuleuse") der für großes Orchester ohne Violinen und Bratschen angelegten Komposition. Auch die Wiedergabe des zweiten, "Constellations" genannten Abschnitts, überzeugte nicht vollends.
Die Qualität dieses Werkes wird von dem "Da drunten im Tale" übertitelten Violinkonzert Otto M. Zykans wegen gewisser Längen nicht ganz erreicht: Dass die Realisierung dennoch einen gewissen Unterhaltungswert bot, war primär der auffällig theatralisch agierenden Solistin Patricia Kopatchinskaja zu verdanken. In Anlehnung an den Begriff "Singschauspielerin" könnte man sie etwa "Violindarstellerin" nennen, was nicht abwertend gemeint ist. Zudem war am Vortrag der Geigerin musikalisch gesehen ohnedies nichts auszusetzen.
Und Bertrand de Billy, der Orchesterchef? Er war kompetent wie immer, beim Violinkonzert sang er schön mit, und letztlich dirigierte er noch eine gute, wenngleich etwas handfeste Siebente Beethovens.
Geradezu ein neues Stück
Ute Schalz-Laurenze in die Tageszeitung-Nord (Deutschland) vom 24.9.2007: ...ging gestern das 18. Musikfest Bremen zu Ende. Das Fazit ist kaum ein anderes als die Jahre zuvor: Zum Teil hörten wir im wahrsten Sinne des Wortes unerhörte Wiedergaben, die in die Interpretationsgeschichte eingehen könnten. Und damit ist wieder einmal deutlich geworden, dass man Konzertbesuche niemals nur nach Werken aussuchen sollte, sondern auch danach, wer sie spielt.
So kann zum Beispiel ein relativ gängiges Programm wie jenes des Mahler Chamber Orchestra mit einer Schumannsinfonie und dem Violinkonzert von Beethoven zu einer Sensation werden. Weil Intendant Thomas Albert eine ganz junge Geigerin kennt, Patricia Kopatchinskaja, die mit wilder Virtuosität und erregender Rhetorik geradezu ein neues Stück schuf...
Unglaubliches Summertime-Feeling - Kopatchinskaja und Say transformierten Beethoven in Klangwelt der Gegenwart
Norbert Czyz, Wilhelmshaven auf www.wilhelmshaven-portal.de vom 14.9.2007: Die Szene der klassischen Musik besteht aus zwei Bewegungen. Die eine verfolgt unter dem Stichwort historische Aufführungspraxis das Ziel, der Klang- und Gedankenwelt von früher so nahe wie möglich zu kommen. In solchen Konzerten ist es nahezu unmöglich, zeitgenössische Kompositionen einzubringen. Der Kulturschock ist für das Publikum zu groß und geht stets zu Lasten der Moderne.
Der Pianist Fazil Say und die Geigerin Patricia Kopatchinskaja, die mit ihren Darbietungen am Mittwochabend über 400 Zuhörer im Wilhelmshavener Stadttheater in einem von der Wilhelmshavener Zeitung präsentierten Konzert des Musikfestes Bremen fesselten, gehören zur anderen Seite.
Sie unterstellen zum Beispiel der Kreutzer-Sonate von Ludwig van Beethoven, geeignetes kompositorisches Material zu sein, um auch eine andere Klangwelt abbilden zu können als nur jene, in der sich Beethoven bewegte: Die unserer Gegenwart. Das ist streng genommen nicht zulässig und macht, theoretisch betrachtet, keinen Sinn. Aber es funktioniert in der Praxis.
Es funktioniert, weil Musiknoten Abstraktionen sind, eine Aneinanderreihung von zwar definierten Zeichen, die aber jedesmal auch bei den Verfechtern der historischen Aufführungspraxis wiederbelebt werden müssen. Was in jedem Fall spekulativ (!) ist, so oder so. Doch hat die Transformation der Notationen in die Klangwelt der Gegenwart einen entscheidenden Vorteil: Sie fordert subjektive Deutungen, erlaubt improvisatorische Kreativität und ist damit erfrischend authentisch.
Was Fazil Say und Patricia Kopatchinskaja am Mittwochabend aus dem Beethovenschen Notenmaterial herausholten, war faszinierend. Gegen ihre Interpretation sind bekannte Einspielungen langweilige Stereotype.
Wurde bei bislang bekannten Interpretationen dieser Sonate mit Stimmungswechseln und Klangfarben vergleichsweise sparsam umgegangen, so ist das bei der Kopatchinskaja und bei Say anders. Jede substantielle Veränderung im Notenbild wenn z. B. auf Melodiebögen Akkorde folgen wird klanglich hervor- oder herausgehoben. So kommt es vor, dass lyrische Passagen durch unorthodoxe, manchmal ekstatische Einwürfe unterbrochen oder abgelöst werden. Im wahnsinnig schnell gespielten Presto der Kreutzer-Sonate ist das häufig vorgekommen. Andere Musiker versuchen hier meist krampfhaft, die Ecken zu glätten. Andererseits geraten bei Say und Kopatchinskaja die ein oder andere belcanto-Passage süßlicher als anderswo. Mit ihrer Radikalität im Umgang mit dem Notenmaterial fegen sie das Klischee hinweg, die Klassik sei elitär. Es kam auch vor, dass die beiden ihr Spiel scheinbar auseinanderdriften ließen, als hinge jeder eigenen Gedanken nach. Vielleicht waren sie hier Beethoven am nächsten.
Auf die Spitze getrieben wurde das (Zu-)Spiel mit Klangfarben und was in der klassischen Kammermusik bislang kaum Verwendung fand mit perkussiven Elementen im Andante con variazioni der Kreutzer-Sonate. Hier demonstrierte die Kopatchinskaja eine Prägnanz in der Bogentechnik, wie sie vermutlich noch nie zuvor zu hören war.
Der zweite Teil des Konzertes glich, stilistisch gesehen, einem Kaleidoskop. Bei der Sayschen Violinsonate mit süßlichen Elementen aus 1001 Nacht (im Klavier) war es die Geigerin, die mit nüchterner Melodienfolge kontrastierende Schönheitsideale verdeutlichen durfte. Es folgten mit Temperament gespielte Rumänische Tänze von Bartok, deren Wirkung durch Körpersprache intensiviert wurde. Und wenn man nicht wüsste, dass Stephan Grappelli, der berühmte Zigeunergeiger, schon lange tot ist, beim Blues aus der G-Dur Sonate von Maurice Ravel meinte man, er sei auferstanden. Ansonsten bot der Ravel Exotik pur, betörend gespielt, mehr im Schemenhaften als im Konkreten angesiedelt.
Als Zugabe spielten die beiden delikat und unglaublich exakt aufeinander abgestimmt Giya Kanchelis Rag-Gidon-Time. Als die Kopatchinskaja für ein modernes Stück für Geige und Stimme, virtuos gespielt, Ovationen erhielt, fühlte sich Say herausgefordert, entledigte sich seiner Jacke und improvisierte sein unglaubliches Summertime-Feeling. Das war einfach grandios.
Von Beethoven bis zu zeitgenössischer Brisanz - Im vorletzren Traunsteiner Sommerkonzert faszinieren überraschende Kontraste
Oswald Heimbacher in Traunsteiner Tagblatt vom 12.9.2007: In Europäische Dimensionen entführte das achte Sommerkonzert am Montag das Publikum mit der moldawischen Geigerin Patricia Kopatchinskaja und dem türkischen Pianisten Fazil Say. Die legendäre Kreutzer-Sonate Ludwig van Beethovens leitete die Vortragsfolge ein. Das Werk entstand 1803 im gleichen Jahr wie die zweite Sinfonie. Zwei Jahre später widmete der Komponist das Werk dem Violinvirtuosen Rodolphe Kreutzer, dessen klassische Etüden immer noch jedem fortgeschrittenen Geigenschüler beträchtiliche Mühe abfordern. Leo Tolstois aufrüttelnde Erzählung um einen Eifersuchtsanfall hat auch nach mehreren Verfilmungen dem Werk einen Platz in der Weltliteratur gesichert. Freilich lässt sich vom Gehalt der Komposition kaum eine geistige Brücke zu der russischen Dichtung schlagen.
Die Kreutzer-Sonate sprengt den kammermusikalischen Rahmen. Sie führt mitten hinein in konzertantes Niveau. Schon die erste Phrase fordert mit kühnen Doppelgriffen der Violinistin virtuose Fertigkeit ab. Nicht zufällig hat Pablo de Sarasate die Kreutzer-Sonate als einziges Beethoven-Werk in sein Repertoire aufgenommen. Die Variationen im Mittelteil zählen zu den wertvollsten im Gesamtwerk des Komponisten. In der zweiten Abwandlung klettert die Violine hinauf bis zum höchsten F. Chromatische Figuren prägen die Stimmung der Moll-Variation. Im Finalsatz wird die lebhafte rondoartige Bewegung durch einen Adagio-Einschub unterbrochen, der die Spannung in überraschender Weise noch zu steigern vermag.
Die beiden Interpreten zogen vom ersten Takt an das Publikum in ihren Bann. Von der als selbstverständlich vorausgesetzten technischen Beherrschung ganz abgesehen vermochten sie das dramatische Geschehen in den drei Sätzen hautnah in schier explosiver Brisanz auf das Publikum zu übertragen. Selbst dem Hörer, dem Beethovens Werk einigermassen vertraut zu sein schien, offenbarten sich neue ungeahnte Nuancen. Die frühe Pause gab den Zuhörern reichlichen Diskussionsstoff.
Vor zehn Jahren erst, 1997, komponierte Fazil Say seine Sonate für Violine und Klavier op.7. Die Titel der einzelnen Sätze illustrieren treffend ihren Charakter: In der "Melancholy" dominieren über ostinaten Arpeggien schlichte Melodien. Schroffe Synkopen kennzeichnen die "Grotesque". Das wilde Furioso des "Perpetuum mobile" provozierte in der Klosterkirche Beifall auf offener Szene. Im "Anonymous" entfalten sich über magischen Flageolett-Registern eigenwillige Tongebilde. Auch hier gab es heftigen Applaus für den interpretierenden Komponisten und seine Partnerin.
Bela Bartok hat zusammen mit Zoltan Kodaly der folkloristisch inspirierten ungarischen Musik zu Weltgeltung verholfen. Er war ein entschiedener Gegner des Nazitums, das auch in seinem Vaterland fanatische Anhänger gefunden hatte. Als Goebbels 1936 eine Ausstellung "Entartete Musik" veranstaltete, protestierte Bartok beim Deutschen Aussenministerium ggen das Fehlen seiner Werke in diesem Rahmen, ähnlich wie es Oskar Maria Graf 1933 auf literarischem Gebiet gewagt hatte. Die 1917 vertonten "Rumänischen Volkstänze" erklangen in einer Transkription von Zoltan Szekely. Vom "Tanz mit dem Stabe" bis zum "Schnelltanz" blieb auch hier Hochspannung unmittelbar präsent.
Maurice Ravels G-Dur Sonate wurde 1927 in Paris uraufgeführt. Bemerkenswert erscheint der bitonale Mittelsatz, der gleichzeitig in As-Dur und G-Dur erklingt. In diesem "Blues" spiegelt sich die Auseinandersetzung des Komponisten mit der damals aktuellen Jazzbewegung wider. Ravel bekannte sich aber nachdrücklich zu seinem Vaterland. Ein brilliantes "Perpetuum mobile" zitiert als Schlussatz noch einmal die Themen aus dem Allegretto und dem Blues.
Nach den "klosterkirchlich" üblichen Beifalls-Stürmen gab es im fast ausverkauften Haus noch drei überaus eigenwillige Zugaben, die dem denkwürdigen achten Sommerkonzert gewissermassen die Krone aufsetzten.
Umjubeltes Duo: Zwiegespräche unter Virtuosen
li in Trostberger Tagblatt, 15.9.2007: (Traunstein) Wenn das Wort von der Seelenverwandtschaft eine Berechtigung hat, am Montagabend hat es gegolten. Mit Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say standen zwei Künstlertypen auf dem Podium der gut besuchten Klosterkirche, wie man sie sich in der Art des Konzertierens übereinstimmender nicht denken kann. Im äusseren Habitus sind beide durchaus verschieden. Die Geigerin bleibt solange beherrscht, solange sie nicht von Prestissimo-Passagen ins Ekstatische getrieben wird. Der Pianist dagegen bringt publikumswirksam seinen ganzen Körper einschliesslich Mimik bis über den Rand des Theatralischen ins Spiel. Das Entscheidende des Abends jedoch war die konzertierende Symbiose mit der dieses Duo virtuose Zwiesprache hielt.
Beethovens A-Dur-Sonate op 47, die "Kreutzer-Sonate" gibt reichlich Gelegenheit, Virtuosität und Aussage miteinander zu kuppeln. Das taten die beiden denn auch. Presto im Kopf- und im Finalsatz bedeutete wirklich Sturm und Drang, und die Andante-Variationen lebten von der intensiv farbig gestalteten Untrerschiedlichkeuit auch im Austausch der Stimmen. Zu einem Wechselbad der Gefühle geriet anschliessend die Sonate für Violine und Klavier op.7 von Fazil Say mit einem faszinierend mitdenkenden Geigenpart der Patricia Kopatchinskaja. Spätromantischer Einschlag ist in den beiden mit "Melancholy" überschriebenen Sätzen, Elemente des Jazz im "Grotesque" und Verträumtes in "Anonymous", das alles hörte sich gut an, kam aber aus Konventionellem nicht heraus. Der geigenbogenschädliche und klaviaturbedrohende Mittelsatz "Perpetuum mobile" allerdings war genau das, worauf die Fazil-Fangemeinde gewartet hatte: Chaotische Virtuosität. Dafür gab es sogar Zwischenbeifall.
Danach gut passend Bartok und Ravel mit wiederum Gleichklang der Seelen zwiwchen Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say. Bei Bela Bartoks rumänischen Tänzen aus dem Jahr 1917 gesellte sich bei beiden ein ausgeprägter Sinn für volkstümliche Rhythmen und in Maurice Ravels G-Dur Sonate wurde die ganze geschmeidige Melodik der so unterschiedlichen und doch in sich geschlossenen drei Sätze hervorgehoben.
Die Zugaben für den kräftigen Applaus bewegten sich zwischen genialer Musical-Paraphrase und virtuos-humorvollem Klamauk. Die Traunsteiner Sommerkonzerte hatten an diesem Abend ihren "Event".
Dramatische Akzente gesetzt - Mahler Chamber Orchestra unter Philipp Herreweghe spielte Beethoven und Schumann
Hartmut Lück in Bremer Nachrichten, 11.9.2007: In den letzten Jahrzehnten haben es sich viele Geiger (und auch Dirigenten) angewöhnt, den ersten Satz des Violinkonzertes op. 61 von Ludwig van Beethoven im Tempo sehr zurückzunehmen: Dass ein "Allegro ma non troppo" doch in erster Linie eben ein "Allegro" ist und nicht die zähflüssige Brühe eines "Andante sostenuto", konnte man kaum mehr wahrnehmen, weil einer langsamer spielte als der andere. Umso erfreulicher, dass nun im Gastspiel des Mahler Chamber Orchestra im Großen Saal der Glocke der Dirigent Philipp Herreweghe und die junge Geigerin Patricia Kopatchinskaja endlich einmal wieder diesen "Allegro"-Charakter deutlich profilierten.Und nicht nur das: Die Geigerin entfaltete eine weite dynamische Palette zwischen nahezu gehauchtem, schmeichelndem Piano und einem wild herausfahrenden Forte, das dann manchmal durchaus hart und eckig geriet. Herreweghe wiederum verstand diesen Eröffnungssatz des Beethoven-Konzertes so dramatisch wie die Kopfsätze von dessen Sinfonien, drückte aufs Tempo und spielte auch die Farbkontraste geradezu überdeutlich aus. Eine überraschende und ungemein wohltuende Sicht, die alles Sentimentale vermied und dem grimmigen Komponisten mit der genialen "Pranke" sympathisch nahekam.Vielleicht mochten die theatralischen Eskapaden von Patricia Kopatchinskaja, die sich ständig tänzerisch herumbewegte und mit allen Mitmusikern Blickkontakt suchte, nicht jedermanns Sache sein; insgesamt aber gefiel ihr frisches, unkonventionelles Konzept selbst da, wo es die Grenze zum subjektivistischen Ausdeuten weit überschritt. Dem langsamen Satz gab sie dann jene Lyrik, die im ersten Satz korrekt ausgespart wurde, und das Finale wurde ein wirklich virtuoser Kehraus, dem sich auch das Orchester bereitwillig und farbenreich anschloss. Begeisterter Beifall und eine ulkige Zugabe, als hätte die selige Cathy Berberian ihre "Stripsody" auf der Geige heruntergefetzt...
Junge Geigerin führt auch mal ein Tänzchen vor - Mahler Chamber Orchestra und Solistin Patricia Kopatchinskaja in der Bremer Glocke
Nordwest-Zeitung, 11. September 2007: Bei ihr ist alles ein wenig anders: Während andere Solisten beim Orchestervorspiel zu Beethovens Violinkonzert geduldig auf ihren Einsatz warten, führt Patricia Kopatchinskaja in der Bremer Glocke während des Musikfest-Konzertes ein kleines Ausdruckstänzchen vor, scheint die Musiker des Mahler Chamber Orchestras befeuern zu wollen mit ihrer Intensität. Dann endlich darf sie und stürzt sich mit Vehemenz in ihren Solopart.
Dort beschreitet die 29jährige Moldawierin völlig eigene Wege. Sie spielt mit den Tempi, lässt ihre Geige manchmal knirschen und knarzen, geht dynamisch bis an die Grenzen der Geige und phrasiert noch jede Kleinigkeit hitzig aus. Ihre experimentelle Subjektivität hat mit den gerade bei dem Werk so ausgeprägten Phrasierungstraditionen kaum noch etwas zu tun, wirkt in ihrem unbändigen Ausdrucksdrang jedoch überzeugend.
Das von Philippe Herreweghe geleitete Mahler Chamber Orchestra, das den Abend zuvor mit Beethovens eher selten gespielter Ouvertüre Die Weihe des Hauses op. 124 einleitete, stand der Geigerin reaktionsschnell zur Seite und setzte etwa in der berückend schön vorgetragenen Larghetto-Einleitung auch in Beethovens Konzert Gegenakzente. Dass dieses von Claudio Abbado initiierte Projektorchester längst Ausnahmestatus besitzt, wird schließlich deutlich in Robert Schumanns Rheinischer Sinfonie Nr. 3 op. 97.
Herreweghe nutzte die perfekte Ensembletechnik und die Ausdrucksmöglichkeiten des Orchesters für eine geradezu exemplarische Version des Werks. Durch annähernd vibratolosen Streicherklang, perfekte Binnendynamik und äußerste Phrasierungsdeutlichkeit bekamen gerade die bewegten Ecksätze größte Durchsichtigkeit. Und die ungezählten Farbnuancen, die Herreweghe aus diesem Spitzenorchester heraus zauberte, verliehen gerade dem sakral getragenen vierten Satz weihevolle Tiefe. Auch da großer Jubel in der fast voll besetzten Glocke.
Mondsee-Musikfestival: Gelungener Beginn
Michael Wruss, Oberösterreichische Nachrichten vom 3.9.2007: Eine wahre Hexenküche an Klangeruptionen boten dann Patricia Kopatchinskaja und Polina Leschenko mit Robert Schumanns erster Violinsonate op. 105. Emotion pur, leidenschaftliche Ekstase im prickelnden, risikobereiten Musizieren...
Zum Schluss dann das Klarinettenquintett (2004) des Composers in Residence, Friedrich Cerha: voller spritziger Einfälle, die wie das ebenso rhythmisch verzwickte Intermezzo an Beethovens op. 69 anzuknüpfen schienen. Ein großes gehalt- und klangvolles Kammermusikwerk, das von Paul Meyer, Ernst Kovacic, Patricia Kopatchinskaja, Antoine Tamestit und Christian Poltéra so leidenschaftlich musiziert wurde, dass vom begeisterten Publikum ein Dacapo gefordert wurde.
Magische Musik am Mondsee
Ernst P. Strobl, Salzburger Nachrichten vom 3.9.2007: Das Eröffnungskonzert am Samstag gab einen guten Eindruck von der Magie dieses kammermusikalischen Bemühens im kleinen Rahmen. Anders als bei zahlreichen Veranstaltungen der Salzburger Festspiele herrschte eine andächtige Aufmerksamkeit und spürbare Wertschätzung im voll besetzten Saal. Ein besseres Publikum kann man sich kaum wünschen!
Heinrich Schiff ließ es sich nicht nehmen, den musikalischen Auftakt persönlich zu gestalten. Gemeinsam mit dem Pianisten Lars Vogt spielte er Beethovens Sonate für Violoncello und Klavier, op. 69, ein zunehmend intensiveres Miteinander von warmem Celloton und eher trockenem Klavier. Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja kam zwar barfuß auf die Bühne, musikalisch dennoch nicht auf leisen Sohlen. Im Gegenteil: Bei Robert Schumanns Sonate für Violine und Klavier Nr. 1 zeigte sie zupackendes Temperament, das vonnöten war, denn Polina Leschenko am Flügel entfaltete Kraft und Brillanz.
Man blieb bei Schumann: Antoine Tamestit mit vollem Bratschenklang und der Pianist Lars Vogt spielten "Vier Märchenbilder" für Viola und Klavier.
Höhepunkt war aber Friedrich Cerhas Quintett für Klarinette und Streichquartett, ein quicklebendiges, vor Humor sprühendes, ungemein tänzerisch gewürztes Stück, das auf Begeisterung stieß. Ernst Kovacic und Patricia Kopatchinskaja, Antoine Tamestit und Christian Poltéra bildeten mit dem Klarinettisten Paul Meyer ein wunderbar einstudiertes Team mit virtuoser Energie. Der verdiente Jubel galt auch Friedrich Cerha.
Lucerne Festival: Blickpunkt Ungarn
hmn in Neue Zürcher Zeitung vom 20.8.2007: . «Moderne» heisst, neben dem Lucerne Festival Orchestra mit Claudio Abbado und der Lucerne Festival Academy mit Pierre Boulez, die dritte jener Programm-Schienen, durch die Lucerne Festival auf dem weiten Feld der sommerlichen Musikfestspiele sein besonderes Profil gewinnt. Was die von dem Dramaturgen Mark Sattler betreute Konzertreihe auszeichnet, wurde im ersten Konzert dieses Sommers in der vollbesetzten Lukaskirche gleich wieder deutlich. Es sind durchgestaltete, in sich stimmige und aussagekräftige Programme, die auf hohem Niveau dargeboten werden. Sándor Veress ist ein Komponist aus dem musikalischen Herkunftsland Ungarn, der gerne vergessen geht dabei gehören György Ligeti wie György Kurtág zu seinen Schülern. Ein «Dyptych» für Bläserquintett von Veress eröffnete die Matinee. Antworten darauf gaben das frühe, sparsame und zugleich ausdrucksstarke Bläserquintett von Kurtág und das emotional dichte Trio für Violine, Horn und Klavier von Ligeti, das von Patricia Kopatchinskaja, Olivier Darbellay und Konstantin Lifschitz eindringlich gegeben wurde. Ebenso feinsinnig wie spannend die Obertonstudie «Quatre cadres harmoniques» des Veress-Schülers Roland Moser, der Kurtág in der Schweiz bekannt machte, als noch niemand von ihm sprach. Zur Uraufführung gebracht wurde schliesslich «RIT», ein Trio für Violine, Horn und Klavier von Rico Gubler.
Menuhin Festival, Gstaad:
Patricia
Kopatchinskaja, Sol Gabetta und Henri Sigfridsson weckten in Saanen Begeisterung
Dr. Rolf P. Steiger in Anzeiger von Saanen, Juli 2007: Die drei Shootingstars prägten am Sonntag in der besetzten Saaner Kirche Aufbruchstimmung mit Werken Beethovens und überzeugten mit Präsenz, brillantem Können und verblüffender Durchschlagskraft nicht ohne gewisse theatralische Effekte.
Die schwungvolle Interpretation vom Opus Primus des Bonners, dem 1. Klaviertrio Es-Dur op. 1 (1793/94), vom Meister bewusst zum op. 1 bestimmt, bewies das exzellente Zusammenspiel: Die resolute, ja fast aggressive, stets technisch glänzend spielende moldawische Geigerin Patricia Kopatchinskaja, die feinfühlig, präzis und mit wunderbarem Celloklang musizierende argentinische Cellistin Sol Gabetta und der technisch versierte, von Spielwitz und Freude getriebene finnische Pianist Henri Sigfridsson stürzten sich vehement und ohne Berührungsängste in ihre Instrumenten-Parts und schenkten im Wechselspiel individueller Artikulationen Beethoven-Klänge voll Sturm und Drang.
Danach erlaubte die berühmte «Kreutzersonate» für Klavier und Violine (1802/03) als virtuoses Bravourstück dem sympathischen moldawischen Geigenstar nach feinem Solo-Auftakt alle Register ihrer aggressiven, fast überbordenden Virtuosität und mitgehender Ausdruckskraft mit hinreissenden strahlenden Gebärden und Tempi zu ziehen, denen der Finne am Klavier im Wechselspiel eindrücklich entgegnete. Den finalen Sturmlauf der expressiven Geigerin konterte er mit festlich begleitender Ruhe, was beide Instrumente im Andante herrlich verband, bevor sie im Finale musikalische Gipfel erklommen eine phänomenale Interpretation unserer Zeit, die aber doch nachdenklich an die erhaltene Einspielung des 18-jährigen Yehudi Menuhins mit seiner 14-jährigen Schwester Hephzibah von 1934 sinnen liess &ldots;
Nach der Pause war die Reihe an der begnadeten Sol Gabetta: In der Sonate für Cello und Klavier op. 69 drückte sie fesselnde Cellokunst aus, überzeugte wunderbar im solistischen Spiel und entwickelte im Anklang an Bachs Johannespassion «Es ist vollbracht» herrliche Melodik, die mit dem Klavier zum packenden Musizieren zweier gleichwertiger Instrumente wurde. Rhythmische Wechsel prägten das Scherzo mit bunten Farbtupfern, erfüllten das wunderbare Adagio cantabile, um im virtuosen Finale heiter auszuklingen ein Musizieren erstaunlicher Reife und edler Schönheit.
Das abschliessende Klaviertrio c-Moll (op. 1 Nr. 3) schenkte noch einmal aufbrechende Musik höchster Empfindung, die zum begeisterten Triumph des sympathischen Trios mit Patricia Kopatchinskaja, Sol Gabetta und des in der Zugabe sogar singenden Henri Sigfridsson wurde eine einmalige Begegnung mit der Aufbruch-Musik Beethovens.
Klingende Philosophie - Ein beglückendes Erlebnis war das Saisonschlusskonzert des Blauen Abozyklus mit Leila Pfister, Sol Gabetta, Patricia Kopatchinskaja und Henri Sigfridsson.
Patrick Fischer in BUND, Bern vom 16.6.2007: ....
Folie à trois: Wie ein Stelldichein der drei Hexen aus Shakespeares «Macbeth» nahm sich dagegen die Interpretation von Beethovens Tripelkonzert mit der Geigerin Patricia Kopatchinskaja, der Cellistin Sol Gabetta und dem Pianisten Henri Sigfridsson aus. Die wunderbar raunenden Bass- und Celloregister nahmen den beschwörenden Gestus des vorangehenden Werks wieder auf und legten den Solisten einen roten Klangteppich zur Begrüssung aus. Auf dieser Basis entfaltete das bestens eingespielte Klaviertrio sein ganzes Gestaltungsspektrum. Rückhaltlos begeisternd, mit welcher Neugierde und welchem Mut zum Risiko die bei allem konzertanten Profil kammermusikalisch agierenden Solisten dem keineswegs unproblematischen Werk zu entlocken wussten.
Mit welcher Umsichtigkeit die drei ihre unterschiedlichen Temperamente einzubringen und zu einem grossen Ganzen zu verschmelzen wussten, war schon atemberaubend: Patricia Kopatchinskaja, der ungestüm, mitunter fast mit der Brechstange vorausstürmende Vulkan, offenbarte gegenüber der poetisch-klangsinnlich vorgehenden Sol Gabetta ihre subtilen Gestaltungsmöglichkeiten, während Gabetta ihrer Kollegin beherzt Paroli bot. Mit inspiriert aufgerauten Kantilenen wertete Henri Sigfridsson seinen etwas lapidaren Klavierpart auf und unterlegte den beiden hoch fliegenden Streicherinnen ein sicheres, aber äusserst flexibles Fundament. Allein beobachten zu können, wie die einzelnen musikalischen Gesten perfekt ineinander griffen, liess den Abend zu einem beglückenden Erlebnis werden. Abgerundet wurde die rundum geglückte Aufführung mit einer Beethoven-Bearbeitung von «Horch auf, mein Liebchen», mit der sich der Pianist als überaus fähiger Bariton vorstellte...
Hohe Zeit des Trio-Spiels - Drei Shootingstars in der letzten Kammermusik der Saison demonstrierten Deutlichkeit, Präsenz und Durchschlagskraft, nicht ohne Showeffekte.
Hanspeter Renggli in BUND, Bern vom 13.6.2007: Noch ist er mit seinem weitschweifigen uvre von einigen hundert Kompositionen ein wenig bekannter Komponist. Die Musik des Amerikaners Charles Ives spiegelt nicht allein die eklektisch-respektlose Musikauffassung der amerikanischen «middle class» um 1900 wider. Sie verhält sich gegenüber den europäischen Traditionen ambivalent. Mal versucht sich Ives in reiner Stilkopie, mal erweitert der Avantgardist avant la lettre das Stilverständnis, vor allem aber höhlt er die Konventionen auf despektierlich-phantasiereiche Art aus. Wer hätte vor wenigen Jahrzehnten die heutige Aktualität dieser Musik für möglich gehalten? Es bedarf offensichtlich junger Interpreten, die frei sind vom konventionellen Zugang zu den tradierten Musikauffassungen, um Ives Musik den rechten «Ton» zu verleihen.
Unorthodoxe Vermengung: Die resolute, ja mitunter aggressive, aber immer brillante Spielweise der Geigerin Patricia Kopatchinskaja, der faszinierend präzise wie grosse Klang der Cellistin Sol Gabetta und die technisch souveräne, von Spielwitz geleitete Interpretation des Pianisten Henri Sigfridsson zeigten keine Berührungsängste gegenüber den Charakterwechseln und ungebändigten Schichtungen dieser Musik. Ives Musik verwirrt, weil sie, wie im Falle des Klaviertrios, keine eingleisige Wahrnehmung zulässt. Die unorthodoxe Vermengung von Populärem, von überbordenden Tonmassen und wiederum fein ausgehörten Klängen fand in diesem jungen Interpretentrio ideale Partner.
Grenzen des Eigenwilligen: Sprichwörtliche Begeisterung lösten bereits zu Beginn des Konzerts die jungen Interpreten mit Beethovens «Geistertrio» aus. Dass der Komponist mit dem Opus 70 um 1808 eine neue Seite der Kammermusik mit Klavier aufschlug, indem er das Zugänglich-Organische immer wieder durch Unerwartetes aufbrach, demonstrierten sie mit einer wunderbaren Präsenz im Detail. Von den kleinen Eigenwilligkeiten im Spiel von Patricia Kopatchinskaja, die keine Brüche, allenfalls einen Ausfluss von Spielwitz darstellen, weiss man. Mätzchen wie zusätzliche Schleifer und Übergänge mögen hingehen. Dass sie in Augenblicken der musikalischen Kulmination Bögen von grosser Intensität unvermittelt abbricht, stellenweise auch abreisst, taugt aber letztlich bloss zum Showeffekt. Weder wird dadurch die Durchhörbarkeit der musikalischen Strukturen gesteigert, noch wird die Balance der Teile verinnerlicht. Im Vordergrund steht allerdings auch bei ihr immer die letztlich einzigartige, erregte Spiellaune.
Individuell und homogen: Kammermusik wird oft mit dem Bild des totalen Ausgleichs und der Homogenität im Spiel der Beteiligten in Verbindung gebracht. Dieses Bild hat manche Ensembles nicht selten zu blasser Langeweile verführt. Das Wechselspiel von individueller Artikulation und gemeinsamer Stossrichtung im interpretatorischen Ansatz scheint jungen Musikerinnen und Musikern aufgrund ihrer zugriffigen Art oft leichter zu gelingen.
Im Klavierquartett H-Dur von Johannes Brahms, das aufgrund der frühen Entstehungszeit und der späten Neufassung einerseits in der Schumann-Tradition steht und gleichzeitig die Qualitäten des reifen Komponisten aufweist, überzeugten Patricia Kopatchinskaja, Sol Gabetta und Henri Sigfridsson nachhaltig. Es bedarf ebendieser Wechselwirkung von Homogenität im Zusammenspiel und Individualität der einzelnen Interpreten, um die dichte Kontrapunktik und die weit gespannten Zusammenhänge in dieser Musik deutlich zu machen. Natürlich rief dieses spannungsvolle Musizieren Zugaben nach sich, und ebenso natürlich ging dies nicht ohne Show ab, was in diesem Falle nicht ohne Reiz blieb.
Wirbelwind mit Geige - Patricia Kopatchinskaja mit dem Münchner Kammerorchester unter Alexander Liebreich
Martin Preisser in St.Galler Tagblatt vom 31.5.2007: ...Zweiter beglückender Programmpunkt war die Serenade für Violine und Orchester von Leonard Bernstein. In der jungen Moldawierin Patricia Kopatchinskaja fand Bernstein eine verblüffend geigende Anwältin seiner Phantasien. Ein Ton voll Kraft und Erdigkeit, voll Intensität und Spritzigkeit: Ein wilder Derwisch ist diese Geigerin, die sich in die Musik wirft und Bernsteins Vitalität, seinen Witz und Charme körperlich aufs Publikum übertrug...
Musiktheater mit bloßen Füßen - Meisterkonzerte Stuttgart mit Radiosymphonieorchester Stuttgart und Sir Roger Norrington
Helmith Fiedler in Stuttgarter Nachrichten vom 25.5.2007: ...Doch welch ein Kontrast zur ersten Programmhälfte mit Strawinskys klassizistischem Violinkonzert. Hat man so etwas schon in einem Meisterkonzert erlebt? Barfuß, aus Noten spielend, streifte die Solistin Patricia Kopatchinskaja im Beethovensaal alle Traditionshemmnisse ab, bot rotzfrech-zuckriges, auf weiten Strecken hinreißendes Musiktheater. Für artistische Doppelbödigkeit und rhythmisch konturenscharfe Stilisierung blieb da wenig Raum. Dafür reichte Kopatchinskaja auf ihrer Violine von Pressenda aus dem Jahr 1834 eine eigene Version einer Solokadenz zum Strawinsky-Konzert nach: Logisch beginnend mit Urvater Bach und kreisend um den Aria-II-Satz mündete das Ganze in ein furioses Capriccio-Finale unter nochmaliger Beteiligung der Konzertmeisterin Mila Georgieva. Doch nun erlebten die verblüfften Musikfreunde die 30-jährige, heute in Wien lebende Moldawierin auch noch als wahrhaft animalische Instinkt-Musikerin - als eine Art weiblicher Derwisch, der in der Zugabe "Crin" von Jorge Sanchez-Chiong nicht nur mitswingt, sondern auch katzenartige Fauchlaute auszustoßen hatte. Welch ein Saisonausklang!
Wie erobert man das Publikum? - Patricia Kopatchinskaja und Roger Norrington im Meisterkonzert Stuttgart
Erwin Schwarz in Esslinger Zeitung, vom 24.5.2007: Stuttgart - Nur wenige im Beethovensaal ahnen, was da kommt. Die Tür öffnet sich, eine junge Frau in Rostrot strebt der Podiumsmitte zu, barfuß, ein Notenblatt in der einen Hand, eine Geige in der anderen, Roger Norrington mit etwas anzüglichem Lächeln hinterher. Dann ist Patricia Kopatchinskaja bereit für Strawinskys Violinkonzert. Aber sie spielt es nicht. Sie stürzt hinein. Sie springt dem reißerisch schweren Eröffnungsakkord nach in die Luft. Körpereinsatz, Mienenspiel, Bogenführung, Tanzschritte bleiben hoch temperamentvoll. Man hat eine Musikdarstellerin der Extraklasse vor sich mit Derwischtänzen in den Ecksätzen, aber mit durchaus seelenvoll melancholischer Tongebung in den beiden Aria-Teilen dazwischen.
Im Finale kommt es, Strawinskys Vorschrift folgend, zum begeisternden Duett mit Mila Georgieva, der Konzertmeisterin des Stuttgarter Radio-Sinfonieorchesters, und wie schon erwartet, beginnt auch Norrington einen Podiumstanz, der beim Meisterkonzertpublikum halbwegs verlegene Heiterkeit auslöst. Dass Strawinskys Violinkonzert eher grimassierend als sinnierend dargeboten wurde, geht im Podiumsspektakel fast unter. Aber nicht genug des Sommervergnügens. Patricia aus Moldova wartete mit zwei Zugaben auf.
Die erste hieß Crin und bestand aus einem virtuos knatternden und mauzenden, lauten Zwiegespräch mit der Violine. Die zweite war eine improvisierend sich anhörende Paraphrase über Strawinskys Konzert, als Versuch einer Kadenz angekündigt, eine geigerische Lustnummer nach der anderen, wieder mit dem Konzertmeisterduett als Schluss. Der Beifall flammte zur Begeisterung auf. Auch mit solchen Nummern kann man ein Publikum erobern.
Im zweiten Programmteil aber Bruckners Sinfonie Nr. 3 d-Moll. Joseph Keilberths lapidare Feststellung Bruckner kann jeder dirigieren stammt aus einer Stilepoche, die Roger Norrington als falsch verstandene Aufführungstradition ablehnt. Nur historische Erkenntnisse zählen, ausgedrückt im Stuttgart sound des Radio-Sinfonieorchesters. So finden wir uns in der glücklichen Lage, zusammen mit dem britischen Chefdirigenten im Besitz der Wahrheit zu sein.
Wahrheit ist jedenfalls, dass das RSO beim 10. Meisterkonzert mit entwaffnendem Selbstbewusstsein die Klangvorstellungen Norringtons umsetzte. Die Eindrücke von der letztjährigen Aufführung der Dritten standen nicht zur Korrektur: Urfassung, sehr direkte dynamische Kontraste, frei von religiösem Sektierertum, eine Rhapsodie gläserner Differenzierungen, kühler Streicherton, feurige Bläser, ein Psychogramm durch Musik mit einem Orchester, das über die vielen Generalpausen hinweg weiterdenkt, statt jemals in handlungsarmen Stillstand zu geraten, und das Norringtons Sehnsucht nach dem reinen Ton zu stillen weiß. Auch so kann man ein Publikum erobern.
Ein Tier in allen Tönen - Patricia Kopatchinskaja debütiert mit dem DSO
Christiane Peitz, Der Tagesspiegel, 14.5.2007: Sie schnurrt, faucht, krallt sich fest, ein schönes Biest, ein wildes Katzentier mit Geige. Ihr Name: Patricia Kopatchinskaja, moldawische Musikertochter, Wohnsitz in Wien. Zum ersten Mal steht sie in der Philharmonie, debütiert mit dem Deutschen Symphonie-Orchester unter Sir Roger Norrington, barfuß, mit kindlichen Pausbacken. Nett sieht sie aus, aber das täuscht. Kopatchinskajas Spiel, Bartoks zweites Violinkonzert, und als Zugabe Crin, ein Wildkatzen-Solostück von Jorge Sanchez-Chiong ihr Spiel ist souverän und animalisch, zärtlich und frech. Eine Urinstinkt-Musikerin, die Witterung aufnimmt, auf der Lauer liegt, immer auf dem Sprung. Und die sich bei aller ungestümen Energie auch in die Trance hineinwagt, den süßen, innigen Augenblick. Bartoks Changieren zwischen Zwölftonmusik und Neoklassizismus: Beutezug einer Ausdruckshungrigen. Roger Norrington setzt auf innere Spannung, umgibt die Solistin mit einem nervös-agilen, niemals dampfenden Bartok, und mitten im Dschungel ist die Löwin los, sie streift durch die Nacht, mit leuchtenden Augen und zuckenden Muskeln...
Radikaler, elektrisierender Bartok von rauem Charme
fes in Berliner Morgenpost, 13.5.2007: Spricht man von den großen jungen Geigerinnen der Gegenwart, so bleibt ein Name meistens unerwähnt: Patricia Kopatchinskaja. Die gebürtige Moldawierin gilt noch als Geheimtipp... In der Philharmonie konnte man sie mit Bartoks zweitem Violinkonzert erleben.
Kompromisslos emphatisch ging sie das Werk an, mit einem ungeheuren klanglichen Ausdrucksvermögen. Sie riskierte viel und sorgte für so manche überraschende Wendung, die ihrer Intuition entsprang. Umso wichtiger das Einverständnis, das zwischen Solistin und Orchester herrschte. Das DSO unter Roger Norrington agierte äußerst flexibel und sorgte für kammermusikalische Dichte. Das Ergebnis war ein radikaler, elektrisierender Bartok von rauem Charme. Begeistert reagierte das Publikum auf Kopatchinskajas Zugabe: "Crin", ein Werk des argentinisch-chinesischen Komponisten Jorge Sanchez-Chiong. Wie sie hier ihre eigene Stimme in die wirbelnde Geigen-Akrobatik einbezog, war atemberaubend.
Triumph der jungen Geigerin Patricia Kopatchinskaja
Nikolaus Cybinski in Basellandschaftlicher und Mittelland-Zeitung 3.4.2007: "Die Souverainetet des Volkes soll ohne Rückhalt ausgesprochen werden". Das beschloss das Solothurnische Landvolk am 22. Dezember 1830. Zu lesen ist dieser Satz im Dornacher Heimatmuseum Schwarzbubenland, wo "Les muséques" Station machte. Das Konzert wurde zum Triumph der jungen Geigerin Patricia Kopatchinskaja, die mit Mama und Papa und dem ausgezeichneten Klarinettisten Reto Bieri Werke von George Enescu, György Kurtag, Otto M.Zykan, Grigoras Dinicu und Jorge Sanchez Chiong spielte. Die junge Geigerin ist keine Unbekannte bei "Les muséiques", doch nie zuvor war sie so gut wie jetzt. Ihr Temperament - gelegentlich fast in eine affektiert wirkende Körpersprache ausbrechend - "diktiert" ihr eine Tonbildung, die so selbstbewusst ist wie der Beschluss des Landvolkes. Dieses Selbstbewusstsein verbindet sich bei ihr mit souveräner Spieltechnik und einem sicheren Blick für das Wesen der Kompositionen. Was viele Musiker ihres Temperamentes nicht schaffen, das kann sie: sich auch zurücknehmen bis an die Ränder der Hörbarkeit. Das tat sie bei Enescu, aber vor allem bei Zykans Duo, wo sie im virtuosen Zusammenspiel mit Bieri beinahe exemplarisch vorführte, was eine geglückte Interpretation ausmacht.
Ihr Temperament hat Frau Kopatchinskaja wohl von ihrem Vater geerbt, der voller Elan das Volksstück "Doina und Hora" auf seinem Cymbal spielte, zuvor jedoch im elterlichen Duo die geigende Gattin höchst munter dominiert hatte, aber an dieser verunglückten Klangbalance war die Geigerin wesentlich mitbeteiligt.
Zum Abschluss dann "Crin" für Geige allein von Sanchez Chiong (*1969), ein kapriziöses Bravourstück, von Kopatchinskaja adäquat gespielt: kapriziös, bravourös, aber eben auch hoch musikalisch. An jungen Geigerinnen der Extraklasse ist zur Zeit kein Mangel. Patricia Kopatchinskaja kann für sich in Anspruch nehmen, dass sie und ihr Spiel glaubhaft sind. Ob der Musikmarkt dergleichen honorieren wird ist ungewiss. Das "Zeug" für eine beachtenswerte Karriere hat sie jedenfalls.
Intellekt, Emotion und ein geplatzter Luftballon - Eine Sternstunde: Das Konzert von Patricia Kopatchinskaja und Konstantin Lifschitz im Audimax Regensburg
Gerhard Heldt in Mittelbayerische Zeitung vom 30.4.2007: Der Violinvirtuose Julian Rachlin hatte sich an der Hand verletzt und konnte im Saisonschluss-Konzert der Regensburger Odeon-Concerte nicht auftreten. Veranstalter Reinhard Söll holte die junge Geigerin Patricia Kopatchinskaja, die zusammen mit Konstantin Lifschitz am Flügel ein Programm anbot, das ungewohnte Wege zum Verständnis klassischer wie neuer E-Musik zeigte.
Mit hohem intellektuellen wie emotionalen Einsatz näherten sie sich Beethovens Sonate für Klavier und Violine G-Dur op. 30,3. Diese Fortsetzung der früheren Mozartschen Klavier-Violinsonaten, in der beide Instrumente so miteinander konzertieren, dass die Violine nicht im Vordergrund steht, geriet unter ihren Händen in neuer Lesart zu einem Ereignis, das, weit entfernt von konventionellen Hörgewohnheiten, neue Einsichten vermittelte.
Die antreibende Kraft der Violinstimme legte die Geigerin mit bisweilen rauer, dann wieder höchst kantabler Tongebung frei, ungeheuer vital, geradezu exzessiv in extremste dynamische Bereiche vordringend. Beide Künstler setzten Virtuosität spielerisch als Mittel zur Verklarung ihrer interpretatorischen Ziele ein. Die Nachbarschaft zur fast gleichzeitig entstandenen, wesentlich leidenschaftlicheren Kreutzer-Sonate op. 47 wurde so deutlicher als in jeder Mozart-nahen Wiedergabe.
Die vier Präludien aus Dmitri Schostakowitschs selten zu hörenden Präludien op. 34 wurden zum besonderen Erlebnis: Im ersten brillierte die Geigerin mit Kunststückchen, wie man sie vom Zigeuner-Primas kennt: Portamento-Schluchzer und -Seufzer, Vogelstimmen-Imitationen in höchsten Lagen, rasende Staccato-Passagen; im zweiten dominierte ihr ungehemmte Spiellaune, der dritte kam als witziger Marsch daher, und der vierte bot beiden Musikern Gelegenheit, ihrem Temperament freien Lauf zu lassen.
Eminentes geigerisches Können: Zum Kabinettstück mit hohem Vergnügungsfaktor geriet Variations I (1948) des Amerikaners John Cage (1912-1992). Das ist Aleatorik in ihrer reinsten Form: Der Komponist gibt den Interpreten freie Hand, zu spielen, was sie aus seinen knappen Texten in den Noten, die nur aus Punkten und Linien bestehen, herauslesen. Vorgegeben ist lediglich der Parameter Zeit. In munterem Körperspiel, variantenreich mal gesprochenen, mal gehauchten Texten sowie in witzigen Geräusch erzeugenden Aktionen wurde eine gelungene Wiedergabe gar nicht mal so neuer Musik serviert, bei der die Geigerin u.a. auf dem Rücken liegend einen Luftballon aufblies und platzen ließ. Mit Lachen, aber auch reichlich Beifall kommentierte das Publikum diese ungewohnte Präsentation klassischer Musik.
Nach der Pause erfuhr die Sonate für Violine und Klavier Nr. 3 a-Moll op. 25 (1926, im Charakter rumänischer Volksmusik) von George Enescu, dem Lehrer Yehudi Menuhins, eine fulminante Wiedergabe. Als Geiger wusste Enescu, was er seinem Instrument zumuten konnte, und er ließ, in Anlehnung an Ravels Tzigane, keine Schwierigkeit aus. Patricia Kopatchinskaja hatte nochmals Gelegenheit, in den rhapsodischen wie tänzerischen Abschnitten ihr eminentes geigerisches Können vorzustellen, und sie kostete dies zusammen mit Konstantin Lifschitz bis in die feinsten Nuancen der an Farben und Emotionen reichen Partitur restlos aus. Für den Beifall bedankten sie sich mit einem Satz von Manuel de Falla und der witzigen Wiedergabe einer Miniatur von Gija Kantscheli
Motive wie Pistolenkugeln - Heidelberger Frühling: Das Trio Kopatchinskaja/Gabetta/Sigfridsson spielt turbulent
Hans-Günter Fischer in Mannheimer Morgen vom 26.4.2007: Es gibt junge Musiker, bei denen man sich fragen könnte, ob sie jemals eine Sturm-und-Drang-Phase durchlaufen haben. Und wir drücken uns auch nicht vor prominenten Beispielen: Hilary Hahn ist so ein Fall. Da können beim Konzert im Vatikan auch schon mal ein paar fromme Würdenträger friedlich einschlafen. Beim Trio Kopatchinskaja/Gabetta/Sigfridsson wäre das kaum passiert, bei seinem Auftritt in der Heidelberger Alten Aula jedenfalls wird niemand eingelullt, auch nicht bei Haydn. Gut, man hat von seinen zahlreichen Klaviertrios - noch immer sind sie sträflich unterschätzt - das populärste ausgewählt, die Nummer 39, die "All'Ongarese" durch den Schluss-Satz stürmt. Patricia Kopatchinskaja legt sich dabei mit ihrer Geige förmlich in die Kurve, Haydns "Ungarische Tänze" hat man wohl noch nie so aufgedreht, so lebensprall gehört.
Und in Charles Ives' Klaviertrio, einem Zitatenknäuel, sausen die Motive manchmal wie Pistolenkugeln durch den zweiten Satz. Mehr Avantgarde war nie in der Musik Amerikas. Da ist der ganze Mann gefordert: Henri Sigfridsson tritt denn auch auf, als spiele er westlich von Santa Fé Klavier, im Pulverdampf eines Saloons. Ein Pianist, der in der ärgsten Schießerei den Überblick behält und Turbulenz und Action liebt. Da passt es, dass die Geige Kopatchinskajas an einer Stelle wie ein Banjo klingt: Die Gattung des Klaviertrios wird hier zum Western.
Dieser Gattung eine Zukunft aufzuzeigen, ist nicht unbedingt das Ziel, wenn Kopatchinskaja zur Komponistin wird. Ihr Trio "Psst" - der Titel ist wohl keine Anleitung zum Leisespielen - greift die Möglichkeiten zeitgenössischer Musik humorvoll, fast ironisch auf. Der Gestus ist natürlich ein ganz anderer als in Brahms' saftig-opulentem H-Dur-Trio Opus 8, in dem die auch solistisch mehr und mehr erfolgreiche Cellistin Sol Gabetta expressive Linien auffährt. Das ist auch erforderlich, denn Sigfridssons Klavier kennt keine falsche Rücksichtnahme. Dieser Mann ist selbstbewusst, singt in der ersten Zugabe leibhaftig und semiprofessionell "Horch auf, mein Liebchen". In der zweiten geht es dann zu Astor Piazzollas Tango-Paraphrasen in Gabettas Heimat Argentinien - und in den Salon. Dort ist es fast genauso schön wie im Saloon.
Charme, Humor und Blumen
Erwin Kolb, Berner Zeitung vom 2.4.2007: Die Tel Aviv Soloists mit Dirigent Barak Tal und die Solisten Patricia Kopatchinskaja, Sol Gabetta und Henri Sigfridsson spielten im Rahmen von Interlaken Classics. Sie begeisterten das Publikum mit ihrem Charme und Elan...
Der erste Sinfoniekonzertabend der diesjährigen Interlaken Classics wurde für das sichtbar geniessende Publikum zu einem Anlass, der, gefüllt mit Freude machendem Musizieren, in bester Erinnerung bleiben wird...
Glanzvoller Höhepunkt: Dass Beethovens «Tripelkonzert» op.56 für Violine, Cello und Klavier zum glanzvollen Höhepunkt des Abends wurde, dafür sorgten drei bekannte Solisten. Patricia Kopatchinskaja (Violine), barfuss und in einem festlichen Kleid, in welchem sie als Papagena in der «Zauberflöte» gefallen würde. Sol Gabetta (Cello) in pastellfarbener Robe und Henri Sigfridsson (Klavier), wohltuenden Humor ausstrahlend und, wie sich in der Zugabe bestätigte, mit einer warm klingenden Bassbaritonstimme ausgestattet. Die drei erwiesen sich als ein verschworenes und mustergültig musizierendes Team. Auslotend, was die Komposition an Grossartigem beinhaltet, und bestens unterstützt von Orchester und Dirigent, verwöhnten sie ihr Publikum....
Polarisierendes Musikspektakel
Heinrich Sigrist in Zürcher Oberländer, 22..2007 Das Berner Kammerorchester unter der Leitung von Johannes Schlaefli spielte - die Spitzengeigerin Patricia Kopatchinskaja brillierte.
Das in allen Stimmen gut besetzte Kammerorchester bot in der Sinfonie Nr. 5 von Schubert in B-dur, D 485, mit dem satten und homogenen Klang einen ersten Musikgenuss. Der Dirigent leitete mit seiner exakten Stabführung die Musiker zu einer sehr schönen Ausarbeitung der Melodien an und sorgte so für eine stilgerechte Aufführung.Das mit marcia FUN betitelte Werk von Jürg Wyttenbach war zusätzlich charakterisiert mit «Konzertante Szenen für Patricia Kopatchinskaja, Johannes Schlaefli und das Berner Kammerorchester». Diese Uraufführung war ein riesiges - und durch die Art seiner «Musik» - wirklich polarisierendes Spektakel, das mit seinen zum Teil witzigen Einfällen einen Teil des Publikums zum Lachen reizte, während andere Zuhörer eher mit abweisenden Mienen das Geschehen auf der Bühne verfolgten. Die barfuss auftretende Solistin erwies sich dabei nicht nur als wahre, koboldhafte Komödiantin, sondern liess auch ihr immenses Können als Geigerin aufblitzen. Die artistischen Körperbewegungen zum Spiel oder das pantomimische Gefecht mit dem Geigenbogen gegen den mit dem Taktstock fechtenden Dirigenten zeigten eindrücklich die weit gespannten Fähigkeiten dieser äusserst begabten jungen Musikerin.
Wirres Programmblatt: Ihrem gesamten Auftreten haftete jedoch etwas Exotisch-Zigeunerartiges an, was besonders schön in einem kurzen Duo mit dem Kontrabassisten zum Ausdruck kam. Ihr Gesang mit einer geschulten, geschmeidigen und sehr modulationsfähigen Stimme - teilweise auch als «Sprechgesang» in berndeutscher und abwechselnd in englischer Sprache vorgetragen, wurde hilfreich verständlich gemacht durch ein vom Komponisten abgegebenes Blatt. In diesem war der englische Originaltext der vier kurzen Gedichte von Dorothy Parker in einer von Jürg Wyttenbach übersetzten deutschen Prosa- und berndeutschen Fassung kopiert. In eben demselben Blatt fand sich auch eine Kurzbeschreibung über die zwölf Abschnitte des Werkes: «Trugschuss / Generalpause oder Schweigeminute / Marcia funebre / Synkope: Au(!!)f-Tritt / Kollophonium bzw. Kunst-harz (t) (1. Chanson) /<...certo, certo! ma Concerto! / Eben: Unglückliches Zusammenspiel (2. Chanson) / Cadenza: Tango vibratissimo / Marcia FUN ..... / Uebles Nachspiel - jusqu'aux derniers vers (Choral und 3. Chanson) / tell@tarantell@tarantell@ / Notturno: On cheating the Fiddler (Den -Fiddler/Tod überlistend)(4.Ch anson) / WARNUNG: Aenderungen wahrscheinlich / WARNUNG: Zu viele Informationen schaden der Gesundheit!»Diese Angaben waren dabei nur zum Teil nützlich, denn die Ereignisse überschlugen sich manchmal fast: So traten auch mehrmals die beiden Hornisten zusammen mit einer Dame auf, die einen Blumenstrauss in der Hand hielt, und spielten Melodien in der Art von «Guggenmusiken», sehr zur Erheiterung eines Teils des Publikums.
Womöglich einmalig: Das Ganze glich alles in allem mehr einem gigantischen Spektakel (in dem das Orchester unter der Leitung von Johannes Schlaefli perfekt mitspielte) und weniger einem Solokonzert für Violine und man fragte sich, ob eine andere Geigerin als Patricia Kopatchinskaja mit ihren überragenden Fähigkeiten überhaupt in der Lage wäre, diese Komposition nochmals aufzuführen. Alle Musiker, inbegriffen die Solistin und der Komponist, wurden mit einem kräftigen Applaus bedacht.Nach der Pause erklang von Sándor Veress (1907-1992) Expovare mit den Sätzen EXPOsition, Variation, REcapitulation. Der 1949 in die Schweiz emigrierte Ungaren schrieb dieses kurze Stück für die Schweizerische Landesausstellung, die EXPO 64 in Lausanne, wo es am 22. Juni 1964 uraufgeführt worden war.Den krönenden Abschluss bildete das Violinkonzert Nr. 4 D-dur KV 218 von W. A. Mozart in einer sehr eigenwilligen Interpreation der virtuosen und mitreissend spielenden Solistin. Für einige mag diese Art, Mozart zu spielen, vielleicht eher auf Ablehnung gestossen sein. Die Mehrheit der Zuhörer bezeugte jedoch mit ihrem tosenden Schlussapplaus die Zustimmung auch zu den sehr persönlich und extrem schwierig gestalteten Kadenzen mit bisher nie gehörten Pizzicati und Glissandi!
Von Harald Budweg, Rhein-Main-Zeitung vom 14.3.2007: ...In jeder Hinsicht im Mittelpunkt des Abends stand die aus Moldau stammende Geigerin Patricia Kopatchinskaja, die sich liebevoll des selten aufgeführten Konzerts für Violine und Orchester d-Moll op. posth. von Robert Schumann annahm. Die junge Virtuosin dürfte einigen Pro Arte-Abonnenten der Alten Oper noch lebhaft in Erinnerung sein, wo sie im Mai 2006 (zusammen mit Paavo Järvi und der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen) Beethovens Violinkonzert in äußerst eigenwilligem Gewand vorstellte.
Hochkarätiges musikalisches Ereignis: Ihr Mainzer Auftritt vermochte jetzt wesentlich mehr zu überzeugen, weil die spektakulär hochbegabte Violinistin ihr technisch makelloses, oft überschäumend impulsives Spiel in den Dienst eines vom Komponisten vorgegebenen Sinnzusammenhangs stellte. So konnte die Musik fliessen, atmen, ihren poetisch-lyrischen Gehalt fast ungehemmt entfalten. Keine Phrase wurde schroff abgehackt, nichts schien übertrieben außer das allzu gemächliche Tempo des Finalsatzes, dessen Bezeichnung Lebhaft, doch nicht schnell zwar Mäßigung des Tempos nahelegt, aber eben doch im Rahmen der Konzertformkonvention.
Hatte Järvi in Frankfurt eher als heimliches Korrektiv gewirkt, so dienten Thomas Kalb und die Mainzer Musiker als anpassungswillige Begleiter. Was in der Alten Oper damals noch eine Spur von Zirkusshow offenbart hatte, war diesmal ein hochkarätiges musikalisches Ereignis. Ein Grund mehr zur Freude.
Anmerkung des Webmasters: Darf in Bescheidenheit vermerkt werden, dass es für das Schumann-Konzert eigenhändige Metronomangaben von Schumann gibt. Diese wurden im Finale realisiert. Wenn dem Rezensenten dieses Tempo "allzu gemächlich" schien, muss er diese Kritik an Schumann richten und nicht an die Interpreten.
Keine Kompromisse bei der Interpretation - 6. Sinfoniekonzert mit Ausnahme-Violinistin
Daniel Honsack in Mainzer Allgemeine Zeitung vom 13.03.2007: Das 6. Sinfoniekonzert mit der Violinistin Patricia Kopatchinskaja stellte unter der Leitung des Gastdirigenten Thomas Kalb drei Werke vor, die fast in Vergessenheit gerieten und erst nach dem Tod ihrer Komponisten wieder entdeckt wurden.
Es ist nicht einfach, sich im internationalen Musikgeschäft einen Platz zu erkämpfen. In der klassischen Musik sind Interpreten durch perfekte CD-Einspielungen in Sachen Technik und Virtuosität für jedermann bequem vom heimischen Sessel aus vergleichbar geworden, der Konzertgänger erwartet genau das zunehmend auch in der Live-Situation.
Umso erfrischender ist es, wenn sich eine Musikerin dieser Vergleichbarkeit entzieht. Bis heute hat Patricia Kopatchinskaja darauf verzichtet, Standard-Repertoire einzuspielen, ins Studio geht sie nur für zeitgenössische Werke. In Mainz gab sie nun mit Schumanns Violinkonzert d-Moll eine überaus eindrucksvolle Visitenkarte ab. Das sechste Sinfoniekonzert des Philharmonischen Orchesters im Staatstheater erhielt durch ihren Auftritt eine für manche sicherlich überraschende Wendung. Nach einer eher gewöhnlich strukturierten und entsprechend betulich interpretierten Sinfonietta für großes Orchester D-Dur von Louis Théodore Gouvy mutete allein das Auftreten der jungen Künstlerin aus Moldova als kompletter Kontrast an. In rotem Stoffkleid und barfuß betrat sie die Bühne, nutzte die ersten Takte des Orchesters, um sich bewegungsreich in die Musik hineinzufühlen.
Dann die ersten Striche. Ein fast ruppiger Einstieg, der keine Zweifel zulässt, dass nun eine Interpretation zu erwarten ist, die keine Kompromisse eingeht. Patricia Kopatchinskaja spricht in Tönen so selbstverständlich, wie andere Worte benutzen. Sie bindet ihren Part spannungsvoll in das Orchestertutti ein, nimmt ihren Ton behutsam zurück, blendet ihn beim kurzen Klarinettensolo fast aus. Den rhythmisch fluiden Mittelsatz bezeichnet sie später als "einen der schönsten langsamen Sätzen, den ich kenne", würde ohnehin das Schumann-Konzert dem Brahms-Pendent vorziehen. Wohl auch, weil es nur selten auf dem Podium erklingt, noch lange nicht mit zu festgefahrenen Erwartungen verbunden ist.
Der Zuhörer erfährt bei ihr unmittelbar, wie Musik gemacht wird, wie sie leben kann. Virtuose Läufe und zart flüsternde Passagen gehören nicht einfach zum Geschäft, sondern sind offensichtliches Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung. Das tiefe Empfinden von Klangstrukturen und musikalischer Sprache gehört zum Wesen dieser Ausnahme-Musikerin, die mit 13 Jahren aus der damaligen Sowjetunion nach Wien kam und später auch Komposition studierte. Sie bewohnt die Musik wie ein uraltes Haus, das sie sich im Laufe der Jahre ganz persönlich zu eigen gemacht hat und daher weiß, wie sie die Möbel verrücken kann...
Mit Leidenschaft, ohne Schuhe - Junge Violinsolistin begeistert - barfuß
Anna-Kristina Laue in Rhein-Zeitung vom 12.3.2007 Alles schien wie immer im Staatstheater Mainz. Ein kleines, ouvertürenartiges Stück eröffnete den Abend, ein Solokonzert sollte folgen, und nach der Pause stand eine große Sinfonie auf dem Programm. Die Sinfonietta von Louis Théodore Gouvy war operettenhaft verklungen, mit einer großen Stretta am Ende, und man war damit eingestimmt, ohne besonders gefordert worden zu sein. Mit Spannung wurde also der Auftritt der jungen Violinsolistin erwartet. In einem ärmellosen, roten Kleid betritt sie schließlich die Bühne, gefolgt von Dirigent Thomas Kalb. Frisch und jung sieht sie aus. Der Blick des Publikums wandert den goldenen Blumenapplikationen auf ihrem Kleid folgend gen Fußboden. Ein leichtes Raunen geht durch den Raum - denn Patricia Kopatchinskaja trägt keine Schuhe.
Zwischen all den sorgfältig polierten Lackschuhen der Orchestermitglieder wirken ihre bloßen Füße sehr verletzlich, aber auch sehr deplatziert. Doch dann beginnt sie zu spielen und verleiht dem lange in Vergessenheit geratenen Violinkonzert Robert Schumanns einen völlig neuen Klang. Sehr impulsiv und leidenschaftlich streicht sie die Seiten, variiert wohl überlegt zwischen einem weiten Vibrato in den liedhaften Passagen und einem fahlen Klang, der besonders im zweiten Satz die Nähe zur letzten Komposition Schumanns, den Geistervariationen, deutlich macht.
Der warme, bratschenartige Ton ihrer Geige und ihr zum Teil kratziges, schnelles Staccato erinnern an die Zigeunerweisen Sarasates - und plötzlich ergibt auch ihr Gesamtauftritt einen Sinn: vom Kleid bis hin zu den unbeschuhten Füßen, die oft den Takt mitklopfen, bringt sie die Virtuosität und Leidenschaft des Schumannschen Spätwerks zum Ausdruck und damit auch eine Hommage an den ungarischen Geiger Josef Joachim, für den das Konzert ursprünglich komponiert war. Mit einem humoristischen Stück von Jorge Sánchez-Chiong als Zugabe nahm die Solistin das Publikum endgültig für sich ein...
Marianne Mühlemann im BUND vom 6.3.2007: Wie sie passt auch er in kein Kästchen: In «Concerto!» mit dem Berner Kammerorchester finden die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und der Komponist Jürg Wyttenbach kongenial zusammen.
Es war eine Frage der Zeit, bis die moldawische Geigerin Patricia Kopatchinskaja und der in Basel lebende Berner Komponist und Veress-Schüler Jürg Wyttenbach künstlerisch zusammenfinden zwei Seelenverwandte, der Provokateur und die Muse. Beiden liegt das Experimentieren im Blut. Ihren Herzenswunsch hatte Kopatchinskaja schon vor längerer Zeit deponiert. Ein Stück wünschte sie von ihm, bei dem sie nicht nur Geige spielen, sondern auch tanzen und singen kann.
Für den heute 72-Jährigen ist die Idee des multiplen Interpreten seit den 1970er-Jahren ein Thema. Damals schrieb er die rhapsodisch-frei klingenden, exakt notierten "Trois chansons violées pour une violoniste chantante". 1990 kam die "Harmonie mit schräger Dämpfung" dazu, ein Zyklus auf Gedichte von Paul Klee für eine singende Geigerin. Und nun also "marcia Fun", ein im Auftrag von Pro Helvetia entstandenes uvre für das Berner Kammerorchester (BKO) und seinen Dirigenten Johannes Schlaefli, das im Rahmen des Veress-Festivals im Kulturcasino zur Uraufführung kam - neben Mozarts 4. Violinkonzert mit ausdrucksvollen Gesangslinien, reizendem Rondoschluss und eigenwilligen Kadenzen, Schuberts fünfter Sinfonie und Sandor Veress' raffinierter kleiner Gebrauchsmusik "Expovare", die der Komponist für die Schweizerische Landesausstellung von 1964 komponiert hat.
Dass der Titel "marcia Fun" nach "marche funèbre" klingt, ist Kalkül: Komödiantische Wortspielereien und Tragisches legt Wyttenbach in den zwölf konzertanten Szenen nahe zueinander. Einmal mehr entpuppt sich der blitzgescheite Homo universalis als charmanter Provokateur: Wie er Musikbetrieb und Publikum auf die Schippe nimmt, ist witzig und hintergründig zugleich. Im Visier hat Wyttenbach die Rituale des klassischen Konzertbetriebs. Seine Ganzkörperanweisungen in der Partitur lassen einige Tabubrüche erwarten: Schnecke nach unten, Rücken nach links, Bogen unter die Saiten; es ist nur der Anfang.Kopatchinskaja ist in ihrem Element. Sie tänzelt und parliert (auf Berndeutsch und Englisch Gedichte nach Dorothy Parker), kratzt den Steg, forciert Glissandi, klopft den Geigenkasten, dass man kaum seinen Ohren traut. Brillant changiert die Geigerin zwischen den gestalterischen Extremen, inszeniert Staccatoattacken mit Saitenriss, einen Fechtkampf mit der Konzertmeisterin. Und das hervorragend disponierte BKO und sein Dirigent machen den turbulenten Spass mit, in dem nichts improvisiert wird. Ein Fest für ein mutiges Orchester - und ein entdeckungsfreudiges Publikum.
Uwe Mitsching, Neumarkter Nachrichten vom 15.2.2007: Wenn man an drei Tagen drei Mal Kammermusik mit jungen Künstlern hört, ist man um Vergleiche nicht verlegen. Und fragt sich, was ist so erstaunlich an Patricia Kopatchinskaja, Sol Gabetta und Henri Sigfridsson, in ihrem namenlosen Ensemble, dass ihnen die Zustimmung von Publikum und Kritik so zufliegt? Wie jetzt im Reitstadel, der bis auf den letzten Stehplatz überfüllt war.
Aber man fragt nicht lange und so schnell hatte man nicht mit der Antwort gerechnet. Denn aus dem Mozart-Klaviertrio KV 542 machten die drei vom ersten Ton an eine Personality-Show der Profilneurosen. Allen voran Patricia Kopatchinskaja, natürlich barfuss und mit jedem Auftakt, jedem Einsatz so auf Trio-Attacke. Es hält sie kaum auf ihrem Platz, jedes kleine Staccato wird zum Schnellgewehrfeuer.
Wenn dazwischen der Pianist Henri Sigfridsson für ein paar Takte das Ruder in die Hand bekommt, hat man fast überhört, dass Patricia auch hübsche, wohlklingende Passagen spielen kann - wenn sie nicht gerade wieder zu einem flammenden, grellen Furioso ansetzt. Da tut es Sol Gabetta sichtlich leid, dass Mozart das Cello (noch) in die zweite Reihe verbannt hat und sie in aller gespannten Ruhe nur ein paar schöne runde Töne beisteuern kann.
Henri Sigfridsson denkt mittendrin keine Spur daran, sich an die Wand spielen zu lassen. In seinen Mienen spiegelt sich jede Phrase, seine Hände spielen an der Grenze zwischen Charakter und Grimasse. Zuim Klaviertrio fügt sich das alles nicht, eher zur Unterhaltung, die Auge und Ohr bedient, zum egozentrischen Kammermusiktheater, zur Oper für drei Instrumente: Exzentrik ist Trumpf.
Auch bei Beethoven (Klaviertrio op. 70, Nr. 1) feuert Patricia Kopatchinskaja ihre Geige mehrfach in die Ecke. Aber sie braucht sie dann doch noch für das Duell mit dem Cello, das jetzt im "Geistertrio" ordentlich aufholen darf. Da lassen die Drei einen Orkan über Beethoven hinweg stürmen, der Kyrill zu einem lauen Lüftchen macht. Wer Klassik noch als das Edle, Schöne und Gute im Kopf hatte, dem zeigen Pat, Sol und Henri: Es war ganz offenbar ein Kampf, mindestens ein Schaukampf bis aufs Messer, bei dem die Fetzen von den Bogensaiten fliegen.
Mörder lauert um die Ecke: Bei jedem schauerlichen Piano lauert der Mörder schon um die Ecke, und das Geistertrio-Largo klingt spannend, wie ein Halloween-Schocker aus Hollywood: geradezu gruselig, wenn Pat und Sol die Kettensägen anwerfen.
Aber alles Blut war nur Ketchup, kregel feiert man im Finale Auferstehung, investiert alles an Gefühl in diese letzte Runde - eins kann man auf keinen Fall sagen, dass einem langweilig wurde, nur das Popcorn hat gefehlt. Das Publikum jedenfalls warf alle edlen Beaux-Arts zum alten Plunder und bekannte sich mit Bravo zur bravourösen Bataille.
Was würden die Drei dann erst aus Schumanns "Mit Energie und Leidenschaft" (1. Satz von op.63) machen? Was an aller Exaltiertheit Mozart und Beethoven lustvoll gemeuchelt hatte, das passte zum romantischen Gefühlstaumal natürlich viel besser. Oder man hatte sich an diese grellen, expressiven Farben gewöhnt. Oder wollte Sigfridsson ein friedlicheres Ständchen bringen, der in der Pause Vater geworden war?
Egal, Henri Sigfridsson durfte ruhig seine Freude in die Tasten hämmern, die Kopatchinskaja zu ihren alles vernichtenden Bogenattacken ausholen oder sich auf den Geigenritt in den wilden Westen machen, Sol Gabetta düster Blicke und Töne versenden. Nach vier Sätzen wusste man jedenfalls, dass sie alle "mit Feuer" spielen, ja eine ganze Feuersbrunst entfachen oder ein "Langsam" gründlich zerfasern können. Und dass dieses Trio infernal ein Wunder an Selbstinszenierung ist - was will er Musikmarkt mehr an Sensation?
Höchstens einen Pianisten, der die Zugabe als Wiegenlied für sein Baby singt. Oder eine argentinische Cellistin, die sich nach Hause und noch einen Piazzolla wünschen darf - die besten Minuten des ganzen Abends. Nichts, was es an diesem "Konzertfreunde"-Abend nicht gegeben hätte.
Anmerkung des Webmasters: Darf man vielleicht in Bescheidenheit vermerken, dass kein Geringerer als Enescu vertreten hat, dass Mozart IMMER Oper sei. Und dass Teile des Geistertrios ursprünglich als Bühnenmusik für Sheakespeares Macbeth entstanden sind, wo tatsächlich Hexen und Mörder den Ton angeben, - darf, ja MUSS das in einer Interpretation nicht spürbar werden?
Botschaft für Pianisten: Gerade Vater geworden! - Kopatchinskaja/Gabetta/Sigfridsson in Neumarkt
Randolf Jeschek in Mittelbayerische Zeitung vom 14.2.2007: Violine: Patricia Kopatchinskaja, in Moldova geboren, Studium in Wien und Bern; Violoncello: Sol Gabetta, geboren in Argentinien, Studium in Madrid, Basel und Berlin; Klavier: Henri Sigfridsson, gebürtiger Finne, Studium in Helsinki, Köln und Weimar.
Ein Trio sind sie seit 2003, ohne Ensemblenamen, dafür sind sie zu viel(seitig) auf den Podien der Welt unterwegs. Die Liste der Preise und Auszeichnungen, der Orchester, Dirigenten und Solisten, mit denen sie Musik machen, sind lang, die ersten CDs auf dem Markt. Im Historischen Reitstadel Neumarkt spielten sie Mozart, Beethoven und Schumann.
Der Beifall war freundlich bis begeistert, nicht nur weil der Pianist während des Konzerts zum zweiten Mal Vater geworden war (in der Pause hatte Sigfridsson per SMS von seiner Frau die frohe Botschaft erfahren), auch musikalisch hatten sie einiges zu bieten.
Konzert als Extremsport: Die Frage nach der handwerklich-technischen Grundausstattung ist schnell abgehakt: Da fehlt nichts. Sie verfügen über ein breites Repertoire an Ausdrucksmitteln, spielen mit Power und solistischem Zugriff. Ausgewogene, glatte Schönspielerei meiden sie wie die Pest, stattdessen ist Extremsport angesagt, zwischen heftigen, harten, geräuschintensiven Ausbrüchen und fahlen, brüchigen, stockenden Pianissimo-Feldern ist alles geboten, von vibratoloser Statik bis zum gefühligen, süßlichen Kuschelton.
Und das alles mit übergangsloser, überfallartiger Reihung, mit scharf abgegrenzten, überdeutlich akzentuierten Phrasierungen. Man ist hellwach, immer auf Sprung. Langeweile kommt da keine auf. All dies wird aber in ähnlicher, leider recht undifferenzierter Weise auf drei so verschiedene Komponisten wie Mozart, Beethoven und Schumann angewendet.
So bleibt Mozarts E-Dur-Trio KV 542 nur schwer identifizierbar, Positivem nachspürend redet man in solchen Fällen landläufig von aufgerautem Klang, vom Gegen-den-Strich-Bürsten etc. Es hat ja auch was, aus dieser Musik das Mozartkugel-, Wolferlhafte zu eliminieren, mit dieser Konsequenz allerdings schüttet man das Kind mit dem Bade aus.
Etwas anders sieht es mit Beethoven aus. Ob man am Beginn des Geistertrios so rumpelnd mit der Tür ins Haus fallen muss, sei zwar dahingestellt, aber gerade der langsame Mittelsatz hatte schon berückende, faszinierende Momente. Endgültig überzeugte dann Schumanns Klaviertrio op. 63, das mit Ausdrücken wie Energie, Leidenschaft, Feuer, innige Empfindung in den Satzbezeichnungen aufwartet. Da wurde drängend, schwellend, pulsierend und zusammenhängender musiziert, auch sperrig, nervös, fiebernd. Das Rechte für Freunde der Borderline-Romantik.
Drei Zugaben: ein kleines Beethoven-Lied (der Pianist singt auch sehr schön), ein fabelhafter Piazzolla und ein ausgelassener, hemdsärmeliger Ongarese-Haydn.
Heinz Kunz in Berner Zeitung vom 10.2.2007: Die Intensität, mit der sich die jungen Künstler Patricia Kopatchinskaja (Violine), Sol Gabetta (Cello) und Henri Sigfridsson (Klavier) mit Haydn, Beethoven und Schumann auseinandersetzten, faszinierte die Zuhörer im «Bären».
Noch trägt ihr vor drei Jahren gegründetes Trio keinen Namen. Aber dass sie als einzelne Künstler bereits zur internationalen Prominenz zählen, war bekannt. So hatten sie nicht nur den ausverkauften Saal im Langenthaler «Bären» auf sicher, sondern gewannen mit den ersten Takten die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums.
Wie temperamentvoll die jungen Interpreten Haydns Werk G-Dur angingen, liess aufhorchen. Sie hatten den Mut, die bekannte Thematik jugendfrisch auszuleuchten, kraftvolle Farben zu setzen und die Kontraste mit hohem Profil herauszuarbeiten. Damit wischten sie jede Spur der Behäbigkeit weg, die man Haydn so gerne andichtet. Und sie überhöhten seine dramatische Seite, die sie als ungestüme Zigeunermusik im «Rondo all Ongarese» vorantrieben.
Trotzdem sprengte diese entfesselte spielerische Virtuosität den Rahmen der Klassik nicht. Vielmehr schuf sie einen Zu-gang zu Beethovens «Geistertrio» op.70 und lief auf eine erneute Steigerung des Ausdrucks hinaus, indem hier die Cellistin gleichwertig zum Zuge kam. Mit vollendeter Klanggestaltung auf ihrem alten Meisterinstrument trug sie zur fahlen Geisterstimmung des Mittelsatzes bei.
Ein tiefes Erlebnis bedeutete das Klaviertrio d-Moll von Schumann. Grossartig, wie die jungen Künstler es in der dunklen Zerrissenheit nachempfanden, wie akzentreich sie feine Schattierungen zum Leuchten brachten und im Schlusssatz alle Register der wiedergefundenen Lebensfreude zum Erklingen brachten.
Schwebende Offenheit - Swiss Chamber Soloists in der Kirche St. Peter
Alfred Zimmerlin in Neue Zürcher Zeitung, 14.1.2007: Empfindsam wurde in Ludwig van Beethovens Streichquartett F-Dur op. 18/1 jede musikalische Bewegung ausgehört und belebt - mitunter auch etwas selbstverloren. Das Quartett der Swiss Chamber Soloists mit Patricia Kopatchinskaja und Daniel Kobyljansky (Violinen), Jürg Dähler (Viola) und Daniel Haefliger (Violoncello) hat zu Beethovens stolzem Quartett-Erstling einen sehr eigenen Zugang gefunden, dessen Ansatz in einem weniger überakustischen Raum als der Kirche St. Peter in Zürich mit anderer Schärfe zur Geltung gekommen wäre. Als grandiose Klammer erklang zum Schluss des Abends Arnold Schönbergs zweites Streichquartett mit Sopran fis-Moll op. 10, ein wahres Künstlerdrama. Denn da wird Abschied von der Spätromantik (und von Schönbergs eigenem privatem Drama) genommen und mit Stefan Georges «Ich fühle luft von anderem planeten» in neue Ausdrucks-Sphären aufgebrochen. Ein berührendes Erlebnis. Und welche Intensität hat die Sopranistin Sylvia Nopper den beiden Vokalsätzen «Litanei» und der «Entrueckung» gegeben.
Die beiden Meisterwerke umrahmten die Uraufführung der «Drei Sätze für Streichquartett» von Mischa Käser. Offen, unverbindlich und mit dem Charme der Unbeschwertheit wird zu Beginn Material ausgebreitet und nebeneinander gestellt: feine Klänge, brüchige Klänge, ganz aus Körperbewegungen und Körperhaltungen heraus entwickelte Gebärden. Der Satz kann in alle Richtungen weitergehen, und das tut er zunächst auch, bis die lockere Form dann doch mindestens als Tendenz eine Richtung erhält und sich grössere Klarheit einstellt. «Nach einer Improvisation» heisst dieser erste Satz, und tatsächlich hat Käser auch die Aufzeichnung einer Improvisation gleichsam in eine Streichquartett-Sprache übersetzt. Dem formal offenen Kopfsatz stellt Käser einen strengen zweiten Satz gegenüber; auch hier sagt der Titel genau, was passiert: In «getrennt - zusammen» nähern sich musikalische Gestalten, die sich zunächst abzustossen scheinen, in einem kreisenden Prozess der unmerklichen Veränderung langsam und zwingend an. Der letzte Satz nun vollzieht sozusagen die Synthese der beiden Haltungen, anhebend als zartes - und augenzwinkerndes - Adagio. Verwandte, mitunter auch kontrastierende Klangmomente folgen sich. Offenheit wird suggeriert, doch durch eine repetitive Verhaltensweise entsteht eine zielsichere Form. Und ihre Schlusskurve ist ein Wurf.
Geigerin Kopatchinskaja gab dem Neujahrskonzert Zigeunertemperament - Das Luzerner Sinfonieorchester bot ein hinreissendes Neujahrskonzert.
Urs Mattenberger in Neue Luzerner Zeitung, 3.1.2007: ...
Musikalischer Reisser: Dass das - ausverkaufte - Doppelprogramm unter dem Motto Zigeunermusik ein musikalischer Reisser war, lag aber auch am orchestralen Hauptgang unter der Leitung von Christian Arming. Da nämlich wirkte mit der Rumänin Patricia Kopatchinskaja eine junge Top-Geigerin mit, die das Zigeunermusizieren wie kaum eine Zweite im Blut hat. In ihrem zweiten Auftritt mit dem Luzerner Orchester bewies sie es hinreissend mit Pablo de Sarasates Zigeunerweisen. Sehnsuchtsvolle Schluchzer auf der wohlig schnurrenden G-Saite, das Wimmern und Flöten in hohen Lagen, die Funken schlagende Virtuosität, bei der das Temperamentbündel mit dem Bogen fuchtelte, als wäre es eine Waffe: Mit all dem kostete Kopatchinskaja die Zigeunerklischees theateralisch aus - da ein trotziger Blick ins Orchester, dort ein verschmitztes Lächeln zum Publikum - und riss das Publikum im ausverkauften Konzertsaal zu Begeisterungsstürmen hin.
Zirkusnummer am Hackbrett: Nach so viel Seelenwärme und Nervenkitzel sorgte für die eigentliche Überraschung aber Vater Viktor Kopatchinsky. Am Cymbalom-Hackbrett hatte er seine Tochter in einem Duo noch diskret begleitet. Aber solo wirbelte er in moldawischen Volksweisen zum Schluss mit den Schlägeln auf den Saiten herum, als wäre es eine Zirkusnummer: ein musikalischer Höhepunkt für sich...