Zwei Jungstars lassen aufhorchen - CD Naive V5146 mit Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say
Uli von Erlach, Schweizer Illustrierte vom 28.11.2008: Zwei Jungstars lassen aufhorchen! Geigerin Patricia Kopatchinskaja und Pianist Fazil Say mit eigenwilligem Programm, gespielt mit Verve und Sentiment: expressiver Beethoven, bluesig-melancholischer Ravel, angriffiger Bartók. Als Überraschung die bildhafte Klangwelt in der Sonate von Fazil Say.
Barfuß im Olymp der Geigenstars - Patricia Kopatchinskaja spielte Strawinsky.
(Sch) in Vorarlberger Nachtrichten vom 6.11.2008: Die "Weltklassik"-Reihe des TaK im Vaduzer Saal ist schon längst ein Synonym für internationale Spitzenkonzerte geworden. Das bewies auch das jüngste Konzert mit dem Musikkollegium Winterthur unter der Leitung des Dirigenten Heinrich Schiff und mit dem Shooting-Star aus Moldavien, der jugendlichen Geigerin Patricia Kopatchinskaja. Das Programm bot die Sinfonie in H-Dur, Nr. 46, Hob I:46, von Joseph Haydn, das Concerto in D-Dur für Violine und Orchester von Igor Strawinsky und die populäre SinfonieNr. 2, D-Dur, op. 73, von Johannes Brahms. Der berühmte österreichische Cellist und Dirigent Heinrich Schiff war auch zeitweise Chef des ältesten Schweizer Orchesters, des Musikkollegium Winterthur, eines Klangkörpers von europäischem Rang. Schon bei der Haydn-Sinfonie in H-Dur bewies Heinrich Schiff mit sensibler Zeichengebung seine enorme Konzerterfahrung, und "sein" Kollegium bot klangschön ein energisches Vivace, ein erhaben-trauriges Poco Adagio, ein erdig-frisches Menuett und ein pulsierend-lebendiges Finale-Presto.
Und dann huschte die mädchenhafte Patricia Kopatchinskaja barfuß aufs Podium und präsentierte mit unglaublicher Virtuosität, aber auch herrlich melodiösen Kantilenen das Violinkonzert von Strawinsky. Als Zugabe spielte und trällerte sie einen musikalischen Scherz, aber das Sahnehäubchen der besonderen Art gabs dann noch mit einem kleinen Duo von Bartok mit Meister Schiff am Cello...
Stürmisch
bis heiter: Kein Wetterbericht - sondern Kurzcharakterisierung des Konzerts
Profis mit
teilweise verwegenen Interpretationen: Heinrich Schiff, Patricia
Kopatchinskaja und das Musikkollegium Winterthur purer Genuss.
Von Henning v. Vogelsang in Liechtensteiner Vaterland vom 3.11.2008: Das Musikkollegium Winterthur als Orchester in wechselnder Besetzung, Patricia Kopatchinskaja, Solovioline, und Heinrich Schiff als Dirigent und auch mal als Cellist: «Ein Schiff in Sturm und Drang» nannte sich das Programm mit Werken von Haydn, Strawinsky und Brahms im Vaduzer Saal, eine TaK-Veranstaltung.
Barfuss und im Abendkleid: Auf dem Programm standen Joseph Haydns Sinfonie H-Dur Nr. 46, Hob I:46, Igor Strawinskys Concerto en Ré, Konzert für Violine und Orchester D-Dur, und von Johannes Brahms die Sinfonie Nr. 2 D-Dur, op. 73. Trotz hoher Professionalität Heinrich Schiffs, eines gestandenen Erfolgsdirigenten in renommierten Konzertsälen weltweit, übernahm die moldawische Vollblutgeigerin Patricia Kopatchinskaja im Mittelteil des Konzerts (Strawinsky) die Führungsrolle, was die Aufmerksamkeit des Publikums angeht. Barfuss wie immer und im Abendkleid fesselte die gut dreissigjährige, aber viel jünger wirkende Künstlerin die ganze Zeit ihrer Auftritte hindurch mit ihrer fesselnden Ausdrucksstärke und ihrem zudem zum Motto des Abends passenden, geradezu stürmischen Temperament.
Ein solcher Körpereinsatz erregt Aufmerksamkeit und Bewunderung zugleich und könnte von einer mittelprächtigen Leistung ablenken, wenn es sie hier denn gäbe. Aber der Fairness halber muss man zugeben, dass sie einfach brilliant ist und man ergo diese tänzerische Bewegtheit als beeindruckendes Supplement einerseits, sicher aber vor allem als eben einfach Ausdruck ihrer Befindlichkeit im Spiel werten darf.
Enthusiasmiertes Publikum: Technisch bravourös, voller Raffinessen, hatte sie selbst, so schien es, das ganze, exzellente Orchester in ihrer Hand. Sie ist so etwas wie eine Extremsportlerin unter den Geigern, interpretiert ganz im persönlichen Stil, ohne sich um das zu scheren, was wohl erwartet wird. Das liess natürlich auch das Publikum nicht kalt, das sich zurückhalten musste, um mit dem Applaus bis zum Schluss des Strawinsky-Teils zu warten. Aber da fiel er dann auch verdient enthusiastisch aus. Ihre Zugabe eines modernen, kleinen quirligen Stücks für Geige und Stimme, unglaublich schnell und präzise, war das Sahnehäubchen ihres furiosen Auftritts. Selbstbewusst, sicher in Auftritt und Spiel, kompromisslos darin auch, kam sie und ging sie wieder. Ein Star...
Berauschend unkonventionell - Begegnung zweier Seelenverwandter: Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja präsentiert mit Fazil Say ihre erste CD
Sie wollte es niemals tun. Nun hat sie es doch getan: Zusammen mit dem türkischen Pianisten Fazil Say hat die in Bern lebende moldawische Geigerin Patricia Kopatchinskaja ihre virtuose Interpretationskunst auf einen Tonträger gebannt. Ein Album voller unwiderstehlicher Widersprüche.
Marianne Mühlemann, BUND (Bern) , 3.11.2009: Ohne Noten geht Patricia Kopatchinskaja niemals aufs Konzertpodest. Ohne Schuhe manchmal schon: Die 31-jährige Geigerin, die für ihre Spontaneität beim Publikum berühmt und bei Dirigenten und Orchestern berüchtigt ist, passt in keine Schublade. Sie hält wenig von Konventionen und stellt sich und den klassischen Konzertbetrieb immer wieder infrage. Und gerade dadurch tut sie ihm gut.
Das zeigt die virtuose Musikerin auch mit ihrer Debüt-CD: Auf dem Album, das sie mit dem türkischen Pianisten Fazil Say beim Label Naïve eingespielt hat, sind neben Beethovens «Kreutzer-Sonate» und Maurice Ravels Violinsonate G-Moll Bartoks rumänische Volkstänze sz. 56 sowie eine Violinsonate zu hören, die Fazil Say als Komponist einer Reihe kontrastreicher Salon- und Charakterstücke präsentiert.
Mit Schrauben und Aschenbecher: Da haben sich zwei Seelenverwandte gefunden. So verführerisch hat man Ravels 2. Satz aus der Violinsonate in G noch nie gehört: Die Geigerin verzieht ihre Melodien zu taumelnden Girlanden, als spielte sie nicht ein Streichinstrument, sondern eine Jazztrompete. Und im bitonal gesetzten Blues, den Ravel nach einem Amerikabesuch 1928 komponiert hatte, scheint leise ein Banjo mitzuspielen. «Fazil hatte die Idee, das Klavier zu präparieren. Mit Schrauben und Aschenbechern.» Der Effekt ist verblüffend.
Auch Beethoven berührt durch seine ungestüme Direktheit. Die herben Sforzati und der raue musikantische Impetus, mit dem Patricia Kopatchinskaja das Presto der «Kreutzer-Sonate» angeht, sind auch in den rasanten Triolenläufen des Pianisten Fazil Say zu finden. Anders der Ton in den rumänischen Volkstänzen von Bartok: Da führen die kernigen Klangattacken und hypnotischen Drehfiguren weiter in imaginäre zarte Klangwelten voller Sehnsucht und zauberischer Feinheit. Schliesslich präsentiert sich der 38-jähige Pianist als Komponist von Charakterstücken: In seiner Violinsonate op. 7 bringt er west-östliche Idiome in einen innigen Dialog. Obwohl es sich bei dem Tonträger um eine Studioaufnahme handelt, spürt man die Geigerin Patricia Koptachinskaja, so wie man sie von der Bühne kennt. Direkt, wach, unverblümt. Wenn sie den Bogen an die Saiten setzt, dann tut sie es mit einer Intensität, dass der Hörer das Gefühl erhält, die Tinte der Noten, die sie spielt, sei noch nass. Ja, sagt Patricia Kopatchinskaja, sie spiele niemals auswendig. Sie lerne immer wieder neue Stücke, auch viel Zeitgenössisches. Da müsse man akzeptieren, dass sie nicht auswendig spiele. «Noten geben mir Freiheit. Jedes Konzert soll so unmittelbar sein, als ob es eine Uraufführung wäre. Ich stelle mir immer vor, der Komponist sitze im Publikum.» Sie ist überzeugt, dass es ihr nur so gelingen kann, die Leute in klassischen Konzerten wieder zum genauen Zuhören zu bringen.
«In Bern zu Hause» Patricia Kopatchinskaja schafft es, bekannte Werke des klassischen Repertoires in ein neues Licht zu stellen. Dass sie dadurch ihr Publikum polarisiert, war ihr lange nicht bewusst. Doch sie hat gelernt, damit umzugehen. Sie erlebe immer wieder, dass Leute im Publikum bei der ersten Begegnung empört auf ihr Spiel reagierten, und bei der zweiten begeistert. Gemischte Reaktionen wird auch ihre erste CD provozieren. Mit der gleichen Vehemenz, mit der sie sich jahrelang dagegen gesträubt hatte, ihr eigenes Live-Spiel mit einer Konserve zu konkurrenzieren, steht sie heute dahinter. «Ich habe mich verändert», sagt die Interpretin, die vor drei Jahren Mutter einer Tochter geworden ist. Im Moment wird sie noch ganz vom Konzertieren absorbiert. Sie könnte sich aber vorstellen, in zehn, zwanzig Jahren an einer Hochschule eine Professur anzunehmen. Nicht in Paris, Berlin oder Wien: «Am liebsten in Bern. Hier bin ich zu Hause» , sagt sie. Patricia Kopatchinskaja ist überzeugt davon, dass nur im Konzertsaal, im lebendigen Austausch zwischen Interpret, Publikum und Komposition wirklich Magisches entsteht. Doch sie kann dem Gedanken, durch eine CD etwas Bleibendes zu schaffen, mittlerweile auch Positives abgewinnen. So sehr, dass sie nach dem Debüt auch schon zwei weitere CD-Projekte aufgegleist hat. Mit Philippe Herreweghe und dem Orchestre des Champs-Elysées hat sie in Paris soeben Beethovens Violinkonzert aufgenommen. Und eine dritte CD wird sie mit der Pianistin Mihaela Ursuleasa und ihren Eltern Viktor Kopatchinsky (Cymbal) und Emilia Koptatchinskaja (Violine) einspielen.
Patricia Kopatchinskaja, die international gefragte Solistin, die sich seit diesem Sommer auch als Botschafterin für Terre des Hommes für die Kinder der Welt engagiert, freut sich darüber, dass man sie in Bern wahrnimmt. Mit dem Anerkennungspreis der kantonalen Musikkommission, den sie am Mittwoch in der Dampfzentrale erhält, will sie das Berner Festival für improvisierte Musik «zoom in» unterstützen.
Preisverleihung Mittwoch, 5. 11., 19.30 Uhr, Dampfzentrale.
Elektrisierender Strawinsky
Alfred Zimmerlin, Neue Zürcher Zeitung, 31.10.2008: Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja versteht es eindrücklich, auf eigenwillige Weise den Kern eines Werkes freizulegen. Zum Beispiel in Igor Strawinskys Concerto en Ré für Violine und Orchester, das am Mittwoch im Winterthurer Stadthaus mit dem Orchester Musikkollegium Winterthur unter der Leitung seines einstigen Chefdirigenten Heinrich Schiff zu hören war. Ihr Ansatz ist ganz körperlich-theatral, und genau so scheint offenbar auch Igor Strawinsky empfunden und komponiert zu haben. Ganz unterschiedlich die Körperzustände, die Bewegungen im ersten Satz.
Und Heinrich Schiff hat dafür ein offenes Ohr, er geniesst diese Körperlichkeit, überträgt sie auf das Orchester, das ebenso genüsslich mitgeht. Nicht immer mit letzter rhythmischer Präzision allerdings, gerade dem Kopfsatz hätte ein genaueres Zusammenspiel manchmal gutgetan. Aber das Ergebnis war elektrisierend. Welche kommunikative Ausdrucksvielfalt können danach die beiden Arias entfalten, und das Capriccio-Finale spielen Geigerin und Orchester launig, zupackend und mit einer umwerfenden Frechheit. Da sind plötzlich Dinge zu hören, die man so in diesem Werk noch nie gehört hat. Kopatchinskaja erklärt einem hier gleichsam den neoklassizistischen Strawinsky neu - und man muss ihn so einfach lieben.
Zum ersten Mal seit Heinrich Schiff das Orchester Musikkollegium Winterthur 2001 als Chef verlassen hat, ist er wieder gemeinsam mit dem Orchester aufgetreten. Da eine heikle Haydn-Sinfonie - Nr. 46 in H-Dur - an den Anfang zu stellen, braucht Mut und das Vertrauen, da wieder anknüpfen zu können, wo er vor sieben Jahren aufgehört hat. Es gab durchaus Stellen, wo etwas vertiefter hätte gefeilt werden können, so vertraut ist dem Orchester Schiffs spezielle Art der Zeichengebung nicht mehr. Aber künstlerisch erklang das Werk mit einer wunderbaren Inspiration.
Und zum Schluss Johannes Brahms' zweite Sinfonie: Wie Schiff die Form voller Spannung und innerer Logik aufbauen konnte, Details pflegte, das Orchester ausdrucksstark aufblühen liess, war ein Genuss. Das Publikum dankte es ihm mit langem, warmem Applaus.
Präsenz des Lebendigen im Zusammenspiel - Ein gereifter Maestro und ein stürmisches junges Talent: Heinrich Schiff und Patricia Kopatchinskaja boten zusammen mit dem Musikkollegium Winterthur ein funkensprühendes Konzert.
Rita Wolfensberger, Landbote (Winterthur) vom 31.10.2008: Die gegenwärtige Konzertsaison des Musikkollegiums ist ein Interregnum. Der bisherige Chefdirigent, Jac van Steen, hat sich verabschiedet, der designierte, Douglas Boyd, hat sein Amt noch nicht angetreten. Die Saison ohne festen Chefdirigenten hat ihre positive Seite darin, dass bewährte Gäste nun vermehrt zum Einsatz gelangen - und das Wiedersehen mit Ehemaligen gefeiert werden kann. Im zweiten Abonnementskonzert war es nun Heinrich Schiff, den sowohl das Orchester als auch sein Publikum als den Urmusiker wiedererkannte, als der er sich einige Jahre lang in Winterthur profiliert hatte.
Schiff gehört nicht zu jenen Perfektionisten, denen die absolute Präzision des Elektronenzeitalters das Wichtigste im Leben ist, sondern Spontaneität und entsprechende Präsenz des Lebendigen und Momentanen, zu denen die Partituren ihn inspirieren, gehen als Energiestrom von ihm aus und bewirken bruchlose Geistesgegenwart auch bei all seinen Musikern. Er ist ja nicht «nur» Dirigent, sondern vor allem auch Cellist: Man erkennt immer wieder seinen praktischen Sinn für Solistisches, wenn es bei Bläsern, Streichern und beim Schlagzeug um protagonistische Profilierung geht - und täuscht man sich, wenn man ahnt, dass ihm dabei die herrlichen Cellokantilenen besonders am Herzen liegen?
Dass er sein geliebtes Instrument mitgebracht hat und es zur Überraschung der Besucher mit der Solistin des Abends, der Geigerin Patricia Kopachinskaja, in ein paar von Bartóks legendären Duetten (für zwei Geiger!) als Zugabe zum vergnügten Klingen gebracht hat, war natürlich ein besonderer Leckerbissen.
Zum eigentlichen Programm: Keiner der anderen grossen Wiener Klassiker hat sich in seinem sinfonischen Schaffen an die damals noch ferne Tonart H-Dur gewagt, wohl aber Joseph Haydn, der Älteste unter ihnen: Mit dem Werk Nr. 46 Hob. 1/46 hat er deutlich Neuland betreten, schon mit der eigenartigen Intervallkombination des Hauptthemas, dann auch mit rhythmischen und polyphonen Kühnheiten, mit denen er erstaunliche Verschmelzungen von barocker Tradition und seherischen Vorahnungen erzielte und es zusätzlich fertigbrachte, dem Geschmack seines Brotherrn und dessen illustren Gästen trotzdem vertraut zu bleiben. Und eben das: Die Durchhörbarkeit in der Mehrstimmigkeit, die Überraschungsmomente etwa im Hinauszögern und Verblüffen von Schlussphasen, aber auch die unantastbare Eindeutigkeit der allzeit wirksamen Funktionsharmonik wussten Schiff und seine Musiker ungemein spannend zu verwirklichen.
Bravour und Emotion: Auch Strawinsky hat im Laufe seiner schöpferischen Entwicklung mehrmals Neuland betreten - zum Beispiel damals, als er den Auftrag erhielt, ein Violinkonzert zu schreiben, obwohl er für das Soloinstrument und dessen Spielarten noch keine Erfahrung besass - wie oft in derlei Fällen entstand dabei ein originelles Meisterstück. Typische Elemente von Strawinskys Stil herrschen darin vor: Rhythmische Pulsationen, die mitunter fast das Manische berühren, Schärfe mittels gezielter Fremdtöne, ohne die tonale Erkennbarkeit gänzlich zu opfern, und dann vor allem die rechtzeitig immer wieder eingeschalteten Transparenzen von solistischen Ensembles: Patricia Kopatchinskaja interpretierte den funkelnden Solopart mit imponierender Überlegenheit, in der über die Bravour hinaus die leidenschaftliche Emotion der Ausdrucksgestaltung immer entscheidend blieb. Blühend die Duette und Terzette mit den Orchestersolisten, mitreissend die Ströme des Gesamtklangs: So mag Strawinsky sich das Werk gewünscht haben.
Vital und spannungsvoll: Bei der Komposition seiner zweiten Sinfonie hat Brahms zwar schon einige Erfahrung in der Orchesterbehandlung gehabt: Trotzdem ist seine Fähigkeit, tonsetzerische Kunst oft aus knappstem thematischem Material in Weiten und Grössen zu projizieren, just in diesem Werk geradezu überwältigend. Nicht umsonst gehört diese Sinfonie mit ihrem triumphalen Schluss bei Dirigenten wie beim Publikum zu den unersättlich beliebtesten; und so beglückte sie in der vitalen und spannungsvollen Interpretation durch Schiff und das Musikkollegium Winterthur auch diesmal wieder restlos.
Verrücktes Spiel - Am Mittwoch gastiert die Geigerin Patricia Kopatchinskaja beim Musikkollegium. Voraus schickt sie ihre neue CD, die sie mit dem Pianisten Fazil Say aufgenommen hat: doppelte Energie, eindringlich, manchmal auch aufdringlich.
Herbert Bütiker in Landbote (Winterthur), 28.10.2008: Sie gehört in die schon ein wenig unübersichtlich geworden Kategorie «attraktive junge Geigerin», deren immer wieder neue Blüten auch das hiesige Publikum erleben kann. Von Hillary Hahn bis Janine Jansen waren etliche von ihnen in den letzten Jahren schon da, und jetzt kommt Patricia Kopatchinskaja, die Moldawierin, die 2000 den Henryk-Szeryng-Wettbewerb in Mexico gewann und dann eine internationale Karriere startete. Zum Ruf einer temperamentvollen und eigenwilligen Geigerin gehört auch eine ausgeprägte Körperpräsenz, das zeigt auch ihr Youtube-Werbefilmchen, und zum Konzert von Igor Strawinsky, mit dem sie in Winterthur auftreten wird, soll sie auch schon barfuss angetreten sein.
Der neuen CD, die die inzwischen 30-Jährige nun im Duo mit dem Pianisten Fazil Say vorlegt, ist schon eine Reihe von Aufnahmen vorausgegangen, allerdings in einem exklusiven Segment mit kaum bekannten zeitgenössischen Komponisten. Jetzt stehen Beethoven, Ravel und Bartók beim prominenten Naïve-Label auf dem Programm. Doch so einfach einreihen ins Klassikangebot möchte man die CD dann doch nicht. Denn was sich hier zwei aus Standardwerken herausnehmen, ist beträchtlich.
Draufgängerisch: «Energie, passion, folie» haben sie sich auf die Fahne geschrieben, und zumindest für den ersten Satz von Ludwig van Beethovens berühmter Violinsonate Nr. 9 in A-Dur, der sogenannten Kreutzer-Sonate, ist das mit einer Heftigkeit der Sforzati, mit rauer und pressender Klanggebung verbunden, dann wieder mit einem zum Nichts zusammengezogenen Piano, dass so viel «verrückte» Interpretation» zumindest gewöhnungsbedürftig ist. Ob der Sache gerecht, bleibt die Frage: Es handelt sich ja nicht um «Die Wut über den verlorenen Groschen», sondern um anspruchsvoll komponierte, freilich auch sehr temperamentvolle Virtuosenliteratur.
Etwas anders liegt der Fall der g-Moll-Sonate von Maurice Ravel, deren mittlerer Satz mit Blues überschrieben ist. Da lassen sich die beiden nicht zweimal bitten, Fazil Say hat das Klavier präpariert und lässt es klingen wie ein Banjo, Kopatchinskaja verzieht die Töne wie ein Jazztrompeter, kurz: Es groovt ganz mächtig. Zwar hat Ravel, wie er selber meinte, aus dem Jazz, den er während einer USA-Reise 1928 studierte, französische Musik gemacht, und wenn da aus «Kammermusik» wieder Jazz wird, mag das den Absichten des Erfinders zuwiderlaufen, aber die Stirne runzeln wird man darob gleichwohl nicht: Lieber lässt man sich verführen.
Das gilt für viele weitere Aspekte dieser CD. Auch in den Rumänischen Volkstänzen sz 56 von Béla Bartók bleibt der Wille spürbar, musikalische Pointen in die Extreme zuzuspitzen - die feinsten Flötentöne! Das Wollen, das im scheinbar grenzenlosen Können immer mitzuhören ist, lässt zwar mehr an den Ehrgeiz im modernen Konzertsaal denken als an das urtümliche musikalische Temperament, das Bartók auf dem Balkan registriert hat, aber der Reiz des Ungestümen ist eben auch da unwiderstehlich.
Stimmige Partnerschaft: Zum Hörgenuss gehört der Eindruck, einer stimmigen musikalischen Partnerschaft beizuwohnen. Dass die eigenwillige Gestaltungskraft und die Bereitschaft, sie mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit auszuleben, primär beim Pianisten zu suchen sind, erschliesst sich aus dem, was die Geigerin über ihre Begegnung mit ihm äussert, aber nicht nur. Als inspirierter und inspirierender Musiker erweist sich Fazil Say zum Schluss des Programms mit einer eigenen Komposition, der Violinsonate op. 7 von 1997.
Eine salonesk-melancholische Melodie bildet den Ausgangspunkt («Melancholy») und kehrt am Schluss wieder. Dazwischen bekommt vieles Raum, was schon die vorausgegangenen Interpretationen mitbestimmte, energievolle Rhythmik und heftige Klangattacken («Grotesque» und «Perpetuum mobile»), Wegdriften ins östlich Meditative («Anonymous») mit dem flötenden Klang der Violine und dem präparierten Klavier zwischen Perkussion und archaisierendem Saitenklang. Fazil Says Klangimagination und Patricia Kopatchinskajas rückhaltloser Einsatz von geigerischer Akrobatik und Schmelz finden da glücklich zusammen.
Eine Platte für Selberdenker: Patricia Kopatchinskaja spielt: Werke für Violine und Orchester von Kühr, Resch & Zykan
|
Interpretation: |
***** |
Dr. Stefan Drees auf www.klassik.com vom 23.10.2008: Dies ist eine ganz besondere und auf ihre Art extrem faszinierende CD eine Platte freilich, die sich wohl eher dem an zeitgenössischer Musikproduktion interessierten Hörer als dem normalen Klassikliebhaber erschließen wird. Das Label col legno hat drei Violinkonzerte von österreichischen Komponisten aus drei unterschiedlichen Generationen, alle jedoch nach der Jahrtausendwende komponiert, nebeneinander gestellt und ermöglicht damit einen vergleichenden Blick darauf, wie das Konzert auch heute als kompositorische Problemstellung begriffen werden kann. Tatsächlich findet jede der hier präsentierten Generationen andere Fragestellungen, an denen sie sich in Bezug auf die Gegenüberstellung von Solist und Orchester abarbeitet. Und zu erleben, wie dies an Werken derselben Gattung passiert, macht viel von der Spannung aus, die mit der Produktion verbunden ist.
Dass dies mit teils haarsträubenden violintechnischen Anforderungen verbunden ist, braucht kaum gesondert betont zu werden. Ein großes Lob gilt daher der in allen drei Fällen atemberaubend agierenden, in Moldawien geborenen Geigerin Patricia Kopatchinskaja, die sich sekundiert vom Radio-Symphonieorchester Wien unter jeweils andere Dirigenten den Werken und den in ihnen gestellten Aufgaben mit einem Höchstmaß an Aufmerksamkeit, mit einem ungemein breit gefächerten Repertoire an Ausdrucksnuancen und vor allem mit hörbarer Freude an der Darstellung von Details widmet. Dies schlägt umso deutlicher zu Buche, als es sich hier ausschließlich um Live-Einspielungen handelt, deren intensive und spannungsreiche Atmosphäre mittels exzellenter Klangqualität eingefangen wurde.
Drei
Generationen im Vergleich
Die älteste
Generation vertritt der inzwischen verstorbene Altmeister Otto M.
Zykan (1935-2006) mit seinem Violinkonzert Da drunten im
Tale (2004). Die erste Hälfte des vergangenen Jahrhunderts
hat untrügliche Spuren in der Komposition hinterlassen, denn
ohne die Tradition der Violinkonzerte Alban Bergs und Arnold
Schönbergs scheint dieses Werk undenkbar. Die berückend
schöne Orchestration von Dirigent Bertrand de Billy in
einem ständigen Schwebezustand zwischen Schwindel erregender
klanglicher Präsenz und feiner, fast sphärisch anmutender
Wirkung gehalten entwirft über unterschiedlichste,
manchmal nostalgisch, manchmal ironisch wirkende Klangsplitter hinweg
einen kaleidoskopartigen Wechsel von Situationen, die jedoch
gleichsam einem erzählerischen Faden zu folgen scheinen. Der
Violinpart mit seiner Ausrichtung an stark erweiterten traditionellen
Spieltechniken gibt sich einerseits virtuos, orientiert sich
andererseits jedoch immer auch am Melos ein Umstand, dem die
Geigerin mit ständigen Wendungen und Klangfärbungen begegnet.
Ganz anders wirken dagegen die Movimenti (2006) von Gerd Kühr (* 1952) mit ihren ständigen Brüchen, hinter denen gleichfalls Erinnerungsfragmente hervorblitzen. Nicht nur die vielen Wendungen der Musik, auch der Anfang wartet mit Überraschungen auf: wenn der Hörer nämlich erkennen muss, dass der Stimmvorgang des Orchesters sich plötzlich zur Grundlage eines fein gesponnenen Klangs verändert, über dem in höchsten Lagen schwebend die Solovioline einsetzt ein Prozess, der im Ende der Komposition im Stimmen der leeren Saiten des Soloinstruments gespiegelt wird. Stefan Asbury zeichnet die Wendungen von Kührs Musik aufmerksam nach, Kopatchinskaja beeindruckt durch souveräne Bewältigung der geforderten Spieltechniken und durch genaue Umsetzung der Stimmungsschwankungen, die Passagen voller Fragilität mit eisig wirkender Klanglichkeit ebenso umfassen wie Ausbrüche voller Emotionaliät und Wärme der Tongebung. Dabei gerät vor allem das letzte Drittel des Werkes dermaßen intensiv, dass man kaum zu atmen wagt.
Der jüngste im Bunde der versammelten Komponisten ist schließlich Gerald Resch (* 1975), der in seinem Werk Schlieren (2005) die Aufmerksamkeit mehr in den Bereich harmonischer Differenzierungen und Spannungszustände verlagert. Mit der räumlich hervorragend wahrnehmbaren Bewegung orchestraler Klangmassen, in deren Dramaturgie Resch den wiederum von Kopatchinskaja faszinierend ausgeleuchteten Solopart auf immer wieder neue Weise einzubinden versteht, erreicht er ganz andere, aber nicht weniger intensive Wirkungen als Zykan oder Kühr. Johannes Kalitzke zeichnet als Dirigent das musikalische Geschehen sehr plastisch nach und setzt dabei die aus dem Orchester hervorquellenden Klangattacken mit großer, fast körperlich wirkender rhythmischer Prägnanz um.
Großes Lob
Für mich
gehört diese Produktion ohne jeden Zweifel zu den spannendsten
Platten des auslaufenden Jahres, denn sie ist ein wichtiges Dokument,
das sich mit der Aktualität des Komponierens für die
Konzertgattung befasst und schon von daher einen hohen Repertoirewert
verdient. Darüber hinaus ist es angenehm, dass hier keine
schwülstigen Klänge im Stile einer rückwärts
gewandten Alibi-Moderne zu hören sind (derzeit aufgrund des
Engagments einer bekannten Geigerin wieder einmal populär und
daher gern als Nonplusultra zeitgenössischen Musikschaffens
dargestellt), sondern dass tatsächlich kompositorisch wie
musikalisch Gehaltvolles vermittelt wird. Zum Gelingen des Projekts
trägt daher auch bei, dass man den Hörer gleichsam
literarisch mit einem Text von Peter Waterhouse in die Wahrnehmung
der Werke einstimmt, ohne die Musik erklären zu wollen. Es ist
also mit anderen Worten auch eine Platte für den
aufmerksamen Selberdenker, eine Produktion, die sich mit Wucht gegen
allgegenwärtige Musikberieselung und leichte Handhabbarkeit
stellt. Und dafür muss man dem Label col legno höchsten
Respekt zollen.
Wild, wach und wunderbar - CD Naive V5146 mit Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say
(ch) in der Sonntags-Zeitung (Zürich) vom 5.10.2008: Sie könnten zum Traumpaar der Klassik werden: Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und der Pianist Fazil Say. auf ihrer ersten CD überhaupt bringt die in Bern lebende Moldawierin Beethovens Kreutzer-Sonate zum Glühen. Ravels Violinsonate hat man noch selten so jazzig und frech gehört. Und Fazil Says Eigenkomposition von 1996 braucht genau das Feuer und die Energie, die die beiden aus ihren Instrumenten schlagen. So wild, wach und wunderbarm, wie sie zusammenspielen kann man sich nur auf das Konzert in der Zürcher Tonhalle freuen (19.2.2009).
Musikalische «Incorrectness» - Beethoven, Ravel, Bartók, Say. Patricia Kopatchinskaja (Violine), Fazil Say (Klavier). CD Naïve V5641
ME in Basler Zeitung Kulturmagazin vom 4.10.2008: Für diese CD gibt es wohl nur einseitige Parteinahme. Wenn Fazil Say für den Blues in Ravels Violinsonate den Aschenbecher auf die Saiten des Flügels legt, grenzt dies im Anti-Raucher-Zeitalter an Political Incorrectness. Wie er damit Kopatchinskajas Pizzicati zur jazzigen Banjo-Imitation verstärkt und beiläufig die neue Klanglichkeit des «präparierten Klaviers» einbringt, überrumpelt schlicht. Mit gutem Grund kann auch über die Wiedergabe von Beethovens «Kreutzersonate» gestritten werden, aber die Vitalität, die sich da förmlich Luft macht, ist unwiderstehlich. Dass die Kopatchinskaja Bartóks «Rumänische Tänze» mit genuin-folkloristischer Expressivität angehen wird, war zu erwarten. Dass Fazil Says eigene Violinsonate zu Barpiano-Geklimper auszufasern droht, ebenfalls: nichts für eine hehre Ewigkeit, sondern fürs Hier und Jetzt!
Patricia Kopatchinskaja setzt mit Bartoks Violinkonzert Nr. 2 in Mainz Maßstäbe
Daniel Honsack auf http://wiesbaden-kultur.blogspot.com am 21.9.2008: Wer die Interpretationen von Patricia Kopatchinskaja kennt, dem wird es zukünftig schwer, sich mit anderen Annäherungen zufrieden zu geben. Im vergangenen Jahr war es Schumanns Violinkonzert, mit dem sie im Mainzer Staatstheater Maßstäbe gesetzt hat, ihre Beethoven-Interpretation vor zwei Jahren in Frankfurt ist jedem unvergessen, der sie gehört hat. Nun eröffnete sie gemeinsam mit der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz die Saison der Meisterkonzerte in der Rheingoldhalle. Dafür hatte sie sich das Violinkonzert Nr. 2 Sz 112 von Béla Bartók ausgesucht, wahrlich kein Werk, das den Ohren schmeichelt.
Gerade hier aber gelingt es der Fachfrau für Gegenwarts-Musik, die Spannungen eines Werkes zu erspüren, das vor 70 Jahren an der Grenze zwischen den Stilen einen ganz eigenen Weg einschlug. Den Kopfsatz nimmt sie mit rasendem Eifer, das man Angst bekommt, sie könne die Bremse nicht rechtzeitig finden. Doch bei allem Enthusiasmus und aller Leidenschaft weiß sie ganz genau, was sie sich und dem Stück zutrauen kann. Mit einer geradezu urwüchsigen Musikalität, die durch eine ungeheure Disziplin veredelt wird, widmet sie sich einer Interpretation, der ein Höchstmaß an Impulsivität inne wohnt. Die wenige Gelegenheiten, die sich zum sinnlichen Schwelgen anbieten, nutzt sie weidlich aus, daneben stehen im Blindflug durchfegte Doppelgriff-Passagen.
Fahl und unwirklich steigt sie in den langsamen Satz ein, gibt ihm zunehmend Substanz. Klanglich scheint sie keinerlei Grenzen zu kennen. Im finalen Allegro molto macht sie sich die Sprache Bartóks endgültig zu eigen und demonstriert, wie sehr sie sie bis ins Detail beherrscht. Dieses Selbstbewusstsein am rechten Platz wirkt in keiner Sekunden aufgesetzt, denn vor allem steht Patricia Kopatchinskajas Natürlichkeit, mit der sie keinen Zweifel an der Aufrichtigkeit ihres musikalischen Anliegens lässt.
Die Staatsphilharmonie unter der Leitung von Ari Rasilainen ließ sich dabei nie in den undankbaren Part eines Stichwortgebers zurück drängen, in der folgenden dritten Sinfonie von Anton Bruckner in der zweiten Fassung von 1876/77 war der Klangkörper in seinem ganzen Format wahrnehmbar. Sehr differenziert und wohlproportioniert hat Rasilainen ein sehr tief gehendes Verständnis für das Werk vermittelt. Klare Strukturen und pointiert ausformulierte Themensetzung ließen die Sinfonie transparent und dennoch dramatisch wirken.
Leidenschaftliches Bekenntnis zur Volksmusik - Diesmal alles anders: Patricia Kopatchinskaja spielt zum Musikfest Bremen mit ihren Eltern im Übersee-Museum
Kreiszeitung, 22.9.2008 (Eig. Ber.): BREMEN In diesem Konzert des Musikfestes und der Philharmonischen Gesellschaft war alles anders: die junge Geigerin Patricia Kopatchinskaja, die im vergangenen Jahr ein geradezu unvergessliches Violinkonzert von Ludwig van Beethoven gespielt hatte, trat zusammen mit ihren Eltern auf. Sie trug ein rotes Abendkleid, was nicht unbedingt zu einer 31jährigen passt, war aber barfuss. Der Abend fand nicht in einem Konzertsaal statt, sondern im stimmungsvollen Lichthof des Übersee-Museums. Das Programm war durchzogen von der Volksmusik Moldaviens, zu der die junge Frau mit einer bezaubernden Moderation ein leidenschaftliches Bekenntnis ablegte. Und das "klassische" Programm passte zu dieser Musik, in dem die Stücke aus eben dieser Folklore inspiriert waren: György Kurtág, Béla Bartók, Maurice Ravel und George Enescu.
Das war alles schon so anders, dass einfach beste Laune beim Publikum aufkam. Sie wurde weiter gefüttert vom weiteren Ereignis: die Interpretationskunst Kopatchinskajas. Die Binsenweisheit für die Grundlagen mitreißender Interpretation, dass die Musik so klingen sollte, als sei sie in diesem Augenblick erfunden, erfüllt die Wahlwienerin - die Familie ist dorthin emigriert - in einer derart atemberaubenden Weise, dass man versucht ist zu sagen: Das hat man so noch nicht gehört. Es ist einfach phänomenal, mit welchem Totaleinsatz sie die Rumänischen Volkstänze von Bartók, die acht Duos für Violine und Cymbal von Kurtág, die absurd schwere "Tzigane" von Ravel und die eigenwillige Sonate des Rumänen Enescu zu ihrer Sache macht. Dabei hilft ihr eine Technik, die ihre alles zu erlauben schient: wie sie wie eine lauernde Raubkatze in einen Klang hinein geht, wie sie Tonfärbungen von unglaublichem Ausmaß erreicht, wie sie die geforderte Vierteltönigkeit "schleifen" kann. Sie verfügt über Streich- und Grifftechniken, die nicht von diesem Stern zu sein scheinen.
Doch weit davon entfernt, ein Akrobatikstar der Violine zu sein, ist dies alles von einer tiefen Musikalität erfüllt. Darüberhinaus hat sie Dirigieren und Komposition studiert, alles zusammen: von Patricia Kopatchinskaja wird die Musikwelt noch vieles hören. Hoffentlich erlaubt der Musikbetrieb, eine solche Persönlichkeit zu erhalten. Woher sie das alles hat: Die Folklore, die an das skandinavische "Fiddeln" erinnert spielten ihre Mutter Emilia Kopatchinskaja, begleitet am Cymbal von ihrem Vater Viktor Kopatchinskaja, der auf seinem Instrument, dem mit Hammern geschlagenen Hackbrett, weltweit einer der besten Spieler ist. Das Temperament scheint sie von ihm zu haben, die zuverlässig fundierte Technik von der Mutter. Ein durch und durch begeisterndes Konzert, in dem der russische Pianist Kontantin Lifschitz für die Sonate von Enescu ein angemessener Partner war.
Erdverbundene Virtuosen - Patricia Kopachinskaja mit ihren Eltern im Überseemuseum
Von Arnulf Marzhof in Bremer Zeitung und Weser-Kurier vom 20.9.2008: Wieviel die musikalische Moderne der Folklore verdankt, konnte man beim Musikfest im Überseemuseum mit der Geigerin Patricia Kopachinskaja und ihren Eltern Emilia Kopachinskaja (Geige) und Viktor Kopatchinsky (Cymbal) erleben. Das musikalische Material wie rhythmische Impulsgänge, Begleitfiguren zur Melodie, Tonleitern jenseits von unserem gewohnten Dur und Moll wirkten wie ein kräftigender Unterstrom für die akademisch klingende Moderne. Insofern war es aufschlussreich, in dem Konzert mit Kompositionen von Béla Bartók, György Kurtag, Maurice Ravel und George Enescu die folkloristischen Momente genauer verfolgen zu können.
Die berühmten Rumänischen Volkstänze von Bartók erklangen transkribiert für zwei Geigen, Klavier (Konstantin Lifschitz) und Viktor Kopachinsky am Cymbal, eine Art "Hackbrett" mit Dämpfungspedal. Es kann dünn und drahtig klingen, aber auch volltönend im Bass, und ist für die musikalische Moderne mit ihren Ansprüchen an neue Klänge interessant. Von Kurtag erklangen Duos op. 4 für Violine und Cymbal sowie "Splitter" op. 6c für Cymbal solo - Musik, die viel mit der Spannung von Intervallen und Klangfarben arbeitet.
Nicht zufällig hatte Bartók Schwierigkeiten, die Klangmuster der "Volksmusik" in den Proportionen unseres Notensystems abzubilden, weil unser Metrum auf anderen Voraussetzungen beruht. Wie die formidablen Kopachinskajas und Konstantin Lifschitz am Klavier die "organischen" Impulsgänge in Rhythmus, Melodie und Tonrepetionen aus der inneren Spannung heraus entfalteten, war überragend und umso bewundernswerter, als man oft in die Extreme des Tempos und der Kleinteiligkeit ging, ohne dass an dem Zusammenspiel etwas unausgeglichen erschien. Man war eben im moldawisch-rumänischen Kulturkreis verwurzelt.
Virtuosität verlangen auch die oft einfachen Strukturen der Folklore, und erst recht, wenn sie in die "Kunstmusik" von Bartók oder in Ravels "Tzigane", die Rhapsodie in der Fassung für Violine und Klavier, Eingang finden.
Patricia Kopachinskaja gehört zu der jüngeren Geigergeneration, in der die ausdrucksbetonte Virtuosität noch einmal zugelegt hat. Man glaubt, wie bei Janine Jansen, die zu Beginn des Musikfestes auftrat, dass das auch etwas mit dem erweiterten Klangspektrum und der Freiheit zu zu tun hat, über den großen Konzertsaalton hinauszugehen. Dass man so viele Spiccato-Töne auf einen Bogen bekommen, ein so himmlisches Flautando, so schnelle Pizzicati mit der Linken und der Rechten ausführen kann, machte Eindruck. Auch der Cymbalist legte zuweilen ein atemberaubendes Tempo vor, die Tanzmuster mit den schneller werdenden Tonrepetitionen wirkten geradezu körperlich anregend.
Bei George Enescus gefühlstiefer Sonate für Violine und Klavier a-Moll, op 25, kehrten Motive aus Bartóks Volkstänzen wieder, und Lifschitz erwies sich neben Patricia Kopachinskaja als eindrucksvoller Mitgestalter der vielschichtigen Sonate Enescus.
Die Kopatchinskys nebst Pianist
Charlotte Reuter 19.9.2008 auf dem Blog der Musikredaktion des Radio Bremen: Zu Beginn: Bartoks rumänische Volkstänze, die nicht hätten authentischer vorgetragen werden können. Patricia Kopatchinskaja zeigte hier brillant, wie sie ihrer Geige einerseits durch energische Bogenstriche die fettesten Töne abverlangt, andererseits meisterhaft klar und durchdringend Flageolettöne zum Klingen bringt. Mehr als auffällig ist Patricias energiegeladenes, impulsives und nur so vor Ausdruck strotzendes Geigenspiel, wozu ihre Eltern einen starken Gegenpol bildeten, weil sie sehr viel Ruhe und Gelassenheit ausstrahlten. Patricia Kopatchinskaja führte mit ein paar interessanten Moderationen durchs Pogramm, denn neben Informationen über die vorgetragene Musik konnte man auch etwas über das Heimatland der Kopatchinskys, Moldawien, erfahren. Emilia und Viktor Kopatchinksy widmeten sich auch der Folklore, was nicht nur fürs Ohr Neues bot, sondern auch für die Augen, denn man bekommt nicht jeden Tag einen so rasanten Cymbalspieler wie Viktor Kopatchinsky zu sehen. Weniger angenehm fürs Ohr war die Akustik im Lichthof des Überseemuseums, die viel zu Wünschen übrig lies.
Selten habe ich Ravels Tzigane so leidenschaftlich und mitreißend gehört, wie sie Patricia Kopatchinskaja vorgetragen hat. Sicher hat nicht nur die Tzigane beeindruckt, sondern das ganze abwechslungsreiche Programm, denn das Publikum erklatschte sich gleich mehrere Zugaben.
Bodenständiges Temperament trifft auf Nachdenklichkeit
Hans-Günter Fischer in Mannheimer Morgen vom 19.9.2008: "Persönliche Gründe" hielten Ari Rasilainen davon ab, die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz bei ihrer Mannheimer Saisonpremiere - wie zunächst geplant - zu dirigieren. Das sagt Rainer Neumann, der Orchester-Intendant. Und solche Gründe seien "häufig keine angenehmen", meint er in der Pause noch. Das sind dann aber auch die schlechten Nachrichten gewesen, die Solistin des Konzerts im gut besuchten Musensaal des Rosengartens ist die angekündigte: Patricia Kopatchinskaja.
Der Geigerin war man bislang eher im kammermusikalischen Bereich begegnet, wo sie unter anderem mit der Cellistin Sol Gabetta und dem Pianisten Henri Sigfridsson ziemlich bestechend Trio spielt. In Béla Bartóks zweitem Violinkonzert hat sie die Noten vor sich stehen, Kammermusiker sind das gewohnt. Doch man kann nicht behaupten, dass sie an der Partitur klebt.
Temperament ist ausreichend im Schwange, wenn sich die gebürtige Moldawierin die stilisierten Volkstänze des Kopfsatzes zur Brust nimmt, deren Idiomatik ihr hörbar vertraut ist. Immer wieder stampft sie dazu mit den Füßen. Freilich werden "bodenständige" Passagen von Beginn an neben nachdenkliche, meditierende gestellt - doch wieder "kammermusikalisch". Auch der Geigen-Ton bleibt schlank und dunkel. Umso heller wird es in der Zugabe, obwohl es sich um zeitgenössische Musik handelt, von dem gebürtigen Venezolaner Jorge Sánchez-Chiong: Ein Geigen-Slapstick, bei dem Kopatchinskaja auch seufzen, hecheln, murmeln muss. Ein Spaß...
Ausnahmegeigerin Patricia Kopatchinskaja erntet Beifallsstürme im ersten Mainzer Meisterkonzert
Siegfried Kienzle In Allgemeine Zeitung (Rhein-Main-Presse) vom 16.9.2008: Atemberaubend - für das Spiel der jungen Geigerin Patricia Kopatchinskaja aus Moldawien ist das noch eine gelinde Untertreibung. Wie ein Energie-Irrwisch stürzte sie sich auf Béla Bartóks zweites Violinkonzert. Sie machte dieses nahe bei Schönbergs Zwölftonklang angesiedelte Werk so impulsiv und lebendig, dass sie beim ersten Mainzer Meisterkonzert in der Rheingoldhalle einen Begeisterungssturm auslöste.
Die Geigerin, die in Mainz vor einem Jahr bereits mit dem Schumann-Konzert beeindruckt hatte, formte Klang und Phrasierung aus ihrer eminenten Körperspannung heraus. Deshalb spielte sie barfuß, ging in Rückenlage und Kniebeuge, duckte sich und reckte sich wieder auf. Da standen kammermusikalisch zarte Abschnitte mit einem nahezu körperlosen Pianissimo neben aggressiven Attacken. Im Mittelsatz mit den sechs Variationen entwickelte die Geige gemeinsam mit der wunderbar leicht hingetupften Celesta besonderen Klangreiz.
Im Zusammenspiel mit der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Ari Rasilainen betonte die Geigerin Bartóks Nähe zur ungarischen Folklore und zur rhapsodischen Hitzigkeit der Zigeunermusik. Da mochte der genau konstruierte Variationsbau, worauf Bartók sein Werk gründet, zuweilen verwischen. Dafür wurde in der Wiedergabe ein Höchstmaß an Vitalität erreicht.
Alter Schlauch, neuer Wein - Patricia Kopatchinskaja mit Bartók in Mainz
Harald Budweg in Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16.9.2008: Schon anlässlich seiner Uraufführung im Jahr 1939 ist Béla Bartóks Konzert für Violine und Orchester Nr. 2 als eines der geistvollsten, konzentriertesten, facettenreichsten Meisterwerke zeitgenössischer Kunst erkannt worden - eine Musik, die als würdig erachtet wurde, mit den Gattungsbeiträgen der großen Klassiker (vor allem Beethoven und Brahms) verglichen zu werden. Das muss nicht bedeuten, dass Bartóks Komposition sich naht- und bruchlos in diese Traditionslinie fügt. Gewiss - der Komponist beharrt auf der dreiteiligen Konzertform, überträgt diese Dreiteiligkeit auf die Organisation der einzelnen Sätze, weil der erste ein Sonatenhauptsatz und der letzte ein Rondo ist und sich auch das liedhafte Andante tranquillo als Variationssatz zur Dreiteiligkeit weitet, wenn man die scherzoartige Version des Themas als deutlich abgesetzten Mittelteil ansieht. Doch Bartók geht noch weitaus strenger vor: Variationselemente sind allgegenwärtig und die Entsprechungen einzelner Abschnitte bilden zwischen Kopfsatz und Finale eine über das normale Maß weit hinausgehende Symmetrie. Weit weniger traditionsbezogen präsentieren sich die Binnenstrukturen der Themen: Das Konzert beginnt atmosphärisch mit Harfe und Streicher-Pizzicato, was lediglich das harmonische Gerüst darstellt; das in der Solo-Violine einsetzende Hauptthema wird sogleich entwickelnd fortgesponnen, schlägt jedoch alsbald um in eine gestaute, repetierte Floskel. An thematischen Schnittstellen, an denen die Musik nicht mehr frei fließen kann, kommt es dann auch zu den intensivsten Schlagzeug-Ausbrüchen: Akustische Höhepunkte gehen mit solchen der musikalischen Entwicklung keineswegs mehr konform.
Für die Interpreten erfordert eine solche musikalische Anlage ein Umdenken: Neue Wege der Gestaltung werden aufgezeigt. Die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz und ihr Chefdirigent Ari Rasilainen jedenfalls ließen sich nicht davon abhalten, mit diesem schwierigen Werk die Saison der "Mainzer Meisterkonzerte" in der dortigen Rheingoldhalle zu eröffnen. Bartóks Konzert war offenbar sehr sorgfältig geprobt: Rasilainen erfreute mit einer präsent ausgefeilten Dynamik, die der Solistin stets genügend Zeit zum Atmen ließ. Den Solopart gestaltete die aus Moldawien stammende Patricia Kopatchinskaja - eine erstaunliche Karriere, wenn man den künstlerischen Weg der jungen Virtuosin aufmerksam verfolgt hat, die im Rhein-Main-Gebiet vor wenigen Jahren mit einer ungewöhnlichen, auch gewöhnungsbedürftigen Darbietung des Beethoven-Konzerts zum ersten Mal aufgefallen war und hier mehrfach auch das vernachlässigte Konzert d-Moll von Schumann interpretierte. Doch Bartóks Konzert Nr. 2 offenbarte jetzt noch einmal einen gewaltigen Qualitätssprung: Blendende Technik, souveräner Gestaltungswille und ein erstaunliches Maß an musikalischer Charaktervielfalt kennzeichneten die ein hohes Maß an Reife spiegelnde Interpretation.
Gut, dass Rasilainen und die Musiker der Staatsphilharmonie dieses Niveau als Messlatte für ihre eigene Vorbereitung genommen haben; etwas weniger optimal, dass man dies anschließend bei Bruckners dritter Sinfonie d-Moll (in der zweiten Fassung von 1877) spürte: Die Aufführung beeindruckte zwar dynamisch, doch die Holzbläser hat man in Mainz im Zusammenklang schon eleganter erlebt. Und die Geigen waren öfter eine Spur zu früh.
Kraft-Akt an der Violine - Staatsphilharmonie in Kaiserslautern überrascht mit Geigerin Kopatchinskaja
(pom) in Die Rheinpfalz vom 13.9.2008: Zu Beginn der Saison gastierte die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz zusammen mit ihrem Chefdirigenten Ari Rasilainen am Donnerstagabend in Kaiserslautern. Mit Bartoks zweitem Violinkonzert und Bruckners dritter Sinfonie hatte man ein anspruchsvolles Programm zusammengestellt.
Schuhe hat die in Moldawien geborene Geigerin Patricia Kopatchinskaja gar nicht erst mitgebracht auf die Bühne der Kaiserslauterer Fruchthalle. Dafür die Noten für das Bartok-Konzert. Das kann man ihr beruhigt nachsehen, denn das 1937/38 komponierte Werk gehört zu den anspruchsvollsten des Repertoires. Gespickt mit abenteuerlichen technischen Schwierigkeiten, verlangt es einen Solisten mit Durchsetzungsvermögen, der sich von dem mitunter mit geballter Macht auftretenden Orchester nicht einschüchtern lässt.
Das könnte der jungen Geigerin ohnehin nicht passieren. Sie ist ein Energiebündel, verleiht ihrem Spiel durch Aufstampfen Nachdruck, verfolgt mit Gesten auch die Linien im Orchester und zwingt dem Stück, von dem man den Eindruck hat, es sei ihr auf den Leib geschrieben, ihren Willen auf. Da werden die grellen Effekte zur Schau gestellt, um im nächsten Augenblick in Momente vollkommener Innerlichkeit zu versinken. Patricia Kopatchinskaja geht dabei stets volles Risiko, liefert sich der Komposition aus und arbeitet sich in einem Kraft- und Gewaltakt an ihrem Instrument ab. Rasilainen und die Staatsphilharmonie geben dazu quasi eine Art staunende Kulisse ab. Wie auch das Publikum - erst recht in der Zugabe: Gurrend, schreiend, miauend und natürlich geigend präsentiert sie ein kurzes, 2007 entstandenes Stück von Jorge Sanchez Chiong.
Geigerin holt Mozart ins Jahr 2008 - Patricia Kopatchinskaja begeistert in Weilburg mit eigenwilligem Solokonzert
Klaus P. Andriessen in Weilburger Tageblatt vom 15.7.2008: Die elektrisierende Musikalität der Geigerin Patricia Kopatchinskaja und das grandios aufspielende Württembergische Kammerorchester haben am Wochenende für ein aussergewöhnlich spannendes und mitreissendes Konzert gesorgt. In der nicht ausverkauften Schlosskirche erlebten die Zuhörer am Samstag eine Sternstunde der Saison. Wer sie verpasst hat kann das Konzert am 8.Juli um 20.05 Uhr im Deutschlandradio Kultur hören : Mozart in einer grossartigen neuen Interpretation, plakative Filmmusik von Arnold sowie bewegende Trauermusik für die Opfer des Krieges von Schostakowitsch.
Die in Moldavien, dem Land zwischen Rumänien und Ukraine, geborene und heute meist in der Schweiz lebende Solistin Patricia Kopatchinskaja ist weit mehr als eine begnadete Violinistin: Sie komponiert gelegentlich selbst und auch das Dirigieren ist ihr nicht fremd. Beides sollte in Weilburg zu erleben sein.
Barfuss steht die zierliche junge Frau auf der Bühne, wartet auf ihren Einsatz im ersten Satz von Wolfgang Amadeus Mozarts (1756-1791) D-Dur-Violinkonzert KV 218. Fast verhalten beginnt ihr Spiel, fügt sich in Ton und Lautstärke wie selbstverständlich in das bestens aufgelegte Orchester ein. Mit jedem Takt zieht sie die Zuhörer mehr in ihren Bann, gewinnt der Musik Feinheiten ab und zeigt immer deutlicher ihre persönliche Mozart-Interpretation. Der Komponist war selbst ein grosser Meister der Violine, die er mit Schalk und Witz zu spielen wusste. Patrica Kopatchinskaja muss über die Musik eine direkte Verbindung mit dem oft zu Spässen aufgelegten Meister gefunden haben.
Die Solisin kommentiert ihr Spiel mit Gesten und Mimik, schmunzelt ins Publikum und lächelt dem Dirigenten Jonathan Stockhammer zu, der für Kammerorchester-Chef Ruben Gazarian eingesprungen ist. Schon ist sie Mittelpunkt des musikalischen Geschehens, ohne sich in den Vordergrund spielen zu müssen. Jetzt folgen einem heftigen Orchestereinsatz zarteste, dann wieder ungestüme Pizzicati. Das Orchester schweigt, Kopatchinskajas Violine von Pressenda aus dem Jahr 1834 bringt zauberhafte Töne hervor, wird sanft gestreichelt, dann wieder energisch rangenommen. Die Solistin liefert ihrem Publikum Kadenzen, die ganz und gar nicht in das übliche Mozart-Bild passen. Es ist eine Interpretation auf der Höhe der Gegenwart, die sich hier abspielt wie eine Uraufführung.
Im zweiten langsamen Satz singt und träumt die Solovioline, lockt süsseste Stimmen hervor, und ist im nächsten Augenblick zu heiteren Attacken aufgelegt. Wieder schweigt das Orchester, Patricia Kopatchinskaja webt kunstvoll ein feines Geflecht aus Tönen und beschert ihrem Publikum einen jener Momente, in denen Musik und Stück eins werden.
War schon bisher der Auftritt der Solistin alles andere als steif gewesen, werden nun im dritten tänzerischen Satz ihre Bewegungen noch intensiver: Musik und körperlicher Ausdruck fallen zusammen. Dabei bearbeitet sie mit traumwandlerischer Sicherheit und Leichtigkeit ihr Instrument und unterstützt schliesslich auch noch den Dirigenten in seiner Kommunikation mit dem Orchester. Begeisterter Applaus belohnt die Musikerin, die im besten Sinne unerhörte Mozart-Aufführung kommt hervorragend an.
Patricia Kopatchinskaja setzt noch etwas drauf: Geige und Stimme gleichzeitig in höchster Virtuosität einsetzend führt sie das kurze 1996 geschiebene "Crin" von Jorge Sanchez-Chiong (geboren 1969) auf. Den nochmals gesteigerten Applaus belohnt sie schliesslich mit "Ménétrier" aus den "Eindrücken aus der Kindheit" op.8 von George Enescu (1881-1955), das weitere Möglichkeiten des Geigenklanges auslotet.
Geschmeidigkeit und gebündelte Energie - Patricia Kopatchinskaja als Solistin eines Mozart-Violinkonzerts bei den Weilburger Schlosskonzerten
Harald Budweg in Rhein-Main-Zeitung vom 14.7.2008: Preisfrage für langjährige Besucher der Weilburger Schlosskonzerte: Warum bittet der Veranstalter die Konzertgänger in die Schlosskirche, wo doch Orchester dort an Samstagabenden gewöhnlich im Renaissancehof auftreten? Drei mögliche Antworten stehen zur Wahl. Erstens: Der Veranstalter folgt der auch in diesem Jahr leider zutreffenden Siebenschläfer-Regel und wagt den Gang ins Freie erst gar nicht mehr. Zweitens: Es wird an diesem Abend ein Klavier benötigt, und man möchte das kostbare Instrument nicht den zu erwartenden Temperaturschwankungen aussetzen. Drittens: Es handelt sich um einen Auftritt der Geigerin Patricia Kopatchinskaja.
Antwort Nummer drei ist in diesem Fall besonders zutreffend: Die junge Künstlerin aus Moldau war in Weilburg die Solistin in Mozarts Konzert für Violine und Orchester Nr. 4 D-Dur KV 218. Zu den zahlreichen Eigenarten, die diese Musikerin zu den unverwechselbaren Charakteren des Musikgeschäfts stempeln, zählt der Umstand, dass sie ihre Auftritte grundsätzlich barfuß absolviert, was im Renaissancehof des Weilburger Schlosses mit seinem Kopfsteinpflaster und auf dem kalten Bühnenboden kaum ohne gesundheitsschädigende Folgen möglich wäre. Dies alles wäre jedoch keiner Erwähnung wert, würde damit nicht schon ein wesentliches Charakteristikum ihrer Interpretationskunst beschrieben: Patricia Kopatchinskaja ist als Interpretin großer Musik ein Energiebündel, das musikalische Gestalten nahtlos in mehr oder weniger ausgeprägte Körperbewegungen überführt, deren oft jähe Umschwünge im Sinne einer kultiviert durchdachten Kontrastdramaturgie sie, wie man allein optisch deutlich wahrnimmt, ohne Schuhe viel besser abzufedern vermag.
Dabei hat sich Patricia Kopatchinskaja in dieser Hinsicht schon weit zurückgenommen: Ihr Frankfurt-Debüt vor einigen Jahren mit dem Beethoven-Konzert hatte sie noch als junge Wilde erscheinen lassen, bei dem nicht nur die Musik zerrissen und extrem unorganisch wirkte, sondern die Künstlerin selbst auch über die Bühne hüpfte, Grimassen zog und manches mehr. Zwei Auftritte mit dem Schumann-Konzert (in Mainz und Aschaffenburg) dagegen zeigten eine stark zurückgenommene, eher ehrfurchtsvoll und absolut partiturtreu den Notentext wiedergebende Geigerin von hohem Format. In Weilburg war ein weiterer Zuwachs an interpretatorischer Reife zu beobachten. Interessant in diesem Zusammenhang die Vielgestaltigkeit der Ausdrucksmittel: Mozarts D-Dur-Konzert wird ja heute nicht mehr in ästhetischer Distanz mit sämigem Einheitsbogenstrich vorgetragen, sondern eher als eines dem dramatischen Impetus einer Opernszene nicht allzu fern stehendes musikalisches Gebilde, das formal der dreiteiligen Konzertform gehorcht, hinsichtlich seiner Binnenstrukturen jedoch einige Abwechslung bietet. Patricia Kopatchinskajas technisch makelloses Spiel berücksichtigte die Eigenart der musikalischen Anlage, indem sie musikalische Gestalten im Dialog mit dem vom Württembergischen Kammerorchester Heilbronn sorgfältig vorbereiteten Orchesterpart mit fast überdeutlicher Präsenz gestaltete und dabei verschiedene Ebenen unterschiedlicher Interpretationsarten deutlich voneinander absetzte, ohne den Zusammenhang zu gefährden.
Deutlicher noch wurde die Auffassung der Interpretin bei ihrer ausgedehnten Kadenz im Kopfsatz. Dabei spielte sie nicht nur geistvoll mit der Motivik dieser Komposition, sondern setzte diese in Relation zu allgemeineren musikalischen Floskeln der Geigenliteratur, was sie nahtlos bei einer quasi Bach'schen Barockgeläufigkeit landen ließ. Eine derart impulsive Lebendigkeit provozierte am Ende starken Beifall.
Unter der Leitung des jungen dynamischen Dirigenten Jonathan Stockhammer, der anstelle des angekündigten Chefdirigenten Ruben Gazarian agierte, hatte zu Beginn Mozarts Sinfonie Nr. 11 D-Dur KV 84 eine so organische wie lebendige Interpretation erfahren. Die Musik des zur "Tatzeit" 14 Jahre alten Komponisten verrät auch die sichere Beherrschung dieser aus Italien übernommenen Form. Der Rest des Abends gehörte der (sehr) gemäßigten Moderne: Vom englischen Komponisten Malcolm Arnold, der mit seiner "Grand Grand Overture" einen der reizvollsten Beiträge für das Hoffnung-Festival 1957 geschaffen hat, erklang in Weilburg die Sinfonietta Nr. 1 op. 48, ein fröhliches Stück in erweiterter Tonalität. Als ernstes Gegenstück dazu folgte Dmitri Schostakowitschs Streichquartett Nr. 8 c-Moll op. 110 (1960) in der sieben Jahre später konzipierten Version für Streichorchester von Rudolf Barschai. Die Heilbronner präsentierten sich durchweg in künstlerischer Höchstform.
Hinreissend lebendig mit dem Württemberger Kammerorchester bei den Weilberger Schlosskonzerten
Olga Lappo-Danilewski in Gießener Allgemeine vom 13.7.2008: Das Programm beinhaltete im ersten Teil Bekanntes, im zweiten weniger Bekanntes - und war gerade darum hörenswert. Interessant auch, dass dem Württemberger Kammerorchester Heilbronn mit dem jungen Dirigenten Jonathan Stockhammer ein »Moderner« vorstand - im Sinne von Vielseitigkeit. Zu Gast war außerdem die aus der Moldavien stammende, in Wien und Bern ausgebildete, mehrfach preisgekrönte junge Geigerin Patricia Kopatchinskaja...
Die straffen Tempi des Mozart-Jugendwerks beherrschten auch das Violinkonzert Nr. 4 KV 218, wo Patricia Kopatchinskaja - zunächst etwas zu eilig - mit viel Energie voranging: mit eigenwiligen Betonungen, die Kadenzen und kurzen Soli raffiniert gespickt etwa mit Pizzicato und Echos sowie angedeuteten Zitaten (»Königin der Nacht«). Eleganz und feiner Ton gefielen dagegen im Adagio wohl auch den Puristen unter den Mozart-Kennern. Im tänzerisch schwingenden Schlussatz ließ die Solistin den wenig anmutigen Volkston an die erste Stelle treten, was fast wie gegen den Strich gebürstet erschien; ein accelerando gab noch »Pfeffer« vor dem unbetonten Schluss. Trotz einiger stilistischer Fragezeichen interessant und hinreißend lebendig! Solcher Art war auch die Zugabe, ein origineller, humorvoller Dialog von Stimme, Instrument, Konsonanten und Vokalen. Ganz Virtuosin, gab die Solistin noch ein sperriges Enescu-Stück als Encore. Stürmischer Applaus für den insgesamt unkonventionellen Auftritt einer begabten Geigerin mit vielen musikalischen Reserven...
Das Konzert wurde aufgezeichnet und ist am 18. Juli ab 20.03 Uhr im Deutschlandradio Kultur zu hören.
Liszt - ein Festival fasst Tritt
Gerhard Kramer in Wiener Zeitung vom 23.6.2008: Ein wenig skeptisch vernahm man vor zwei Jahren die Kunde, das Land Burgenland habe in Raiding, dem Geburtsort von Franz Liszt, ein neues Festival förmlich aus dem Boden gestampft. Doch siehe da: Schon im dritten Jahr konnte Intendant Walter Reicher jetzt dem Herbsttermin des Franz-Liszt-Festivals eine Serie von Frühlingskonzerten an die Seite stellen. Auf dem Parkplatz zeigten sich die ersten internationalen Autokennzeichen ein Festival scheint Tritt zu fassen...
Im ausverkauften Schlusskonzert vom Sonntag Vormittag praesentierte Patricia Kopatchinskaja "and friends" ein besonders spannendes Programm unter dem Motto "Franz Liszt und die Folklore" mit Werken von Manuel de Falla, Isaac Albéniz, Pablo Sarasate, Maurice Ravel, Béla Bartók und selbstverständlich Franz Liszt.
Hier konnte sie neben ihrer fulminanten Technik auch ihrem Hang zu folkloristisch angehauchter Spielweise freien Lauf lassen; so klangen etwa Bartóks Rumänische Volkstänze geradezu archaisch und keineswegs zahm-domestiziert wie gewohnt. Klar und prägnant assistierte Iwan Sokolow am Klavier, während Väterchen Viktor Kopatschinski sein Cymbal zwar rasant, doch etwas großzügig traktierte und die Intonation des Kontrabassisten aus Bratislava recht leger wirkte. Jubel!
Geigerisches Furioso versus Orchester - Jubel für die Kopatchinskaja
Gerhard Kramer in Wiener Zeitung vom 19.6.2008: Barfuß betritt sie das Podium, stampft bei akzentuierten Höhepunkten gerne einmal auf eine "junge Wilde", wie geschaffen für einen gleichnamigen Zyklus in Dortmund.
Überschäumendes, ungebärdiges Temperament ist in der Tat das hervorstechendste Persönlichkeitsmerkmal der moldawischen Geigerin Patricia Kopatchinskaja. Wie ein Wirbelwind fegte sie im Wiener Konzerthaus durch das rasante Laufwerk, die eminent schwierigen Doppelgriff-Passagen und vertrackten Akkord-Parallelen von Béla Bartóks Zweitem Violinkonzert. Kaum erwähnenswert angesichts ihrer fulminanten Technik, ihrer makellosen Intonation: Sie setzte von Anfang an folkloristisch anmutende Portamenti und Rubati ein, obwohl sie vom Komponisten nur an wenigen Stellen ausdrücklich vorgeschrieben sind...
Als Schiff sein Cello hervorholte und mit der Geigerin zwei kleine Stücke von Bartók zugab, erntete er Sympathie. Jubel für die Kopatchinskaja!
Sonnenhafte Musik
Fabian Kristmann in Mittelland-Zeitung vom 10.6.2008: Das von der jungen Cellistin Sol Gabetta im Jahre 2006 ins Leben gerufene SOLsberg-Festival nimmt sich wie eine märchenhafte Erfolgsgeschichte aus. Das zeigte sich auch an den beiden ersten Konzerten der diesjährigen Ausgabe in eindrücklicher Weise: Zahlreiche Musikbegeisterte, die ein ebenso frisches wie hochklassiges, manchmal auch durchaus eigenwilliges Musizieren erleben wollten, fanden sich in der Klosterkirche Olsberg ein und füllten am Eröffnungskonzert das prächtige barocke Gebäude inmitten der idyllischen Fricktaler Landschaft bis auf den letzten Platz. Gewissermassen als Zentralgestirn dieses nach nur zwei Jahren bereits fest etablierten Festivals bestreitet die charismatische Gabetta mit ihrem sonnenhaften Vornamen sämtliche Konzerte und weiss jeweils eine erlesene Auswahl von gleichfalls jungen und talentierten Musikern und Musikerinnen um sich zu scharen.
Das Eröffnungskonzert mit Musik von Manuel de Falla, Bela Bartok, Paul Constantinescu, Frank Martin und Antonin Dvorak war mit «Folk-Music» überschrieben und umfasste dementsprechend Werke, die von der Volksmusik verschiedener europäischer Kulturen inspiriert sind. Und ebendiese volksmusikalischen Elemente boten den drei Musikerinnen Sol Gabetta, Patricia Kopatchinskaja (Violine) und Mihaela Ursuleasa (Klavier) eine besonders gute Gelegenheit, ihre Fähigkeiten voll zur Geltung zu bringen: Diese bestanden nicht nur in einer jugendlich-temperamentvollen Spielfreude, die ja eigentlich vorausgesetzt werden konnte, und in einem Ausdrucksspektrum von schier unglaublicher Weite, sondern vor allem im Erzielen eines manch- mal wehmütig-melancholischen Stimmungszaubers in äusserster (dynamischer) Reduktion.
Am sonntäglichen Programm mit dem Titel «Die Forelle» stand - wie die Überschrift nahelegte - Franz Schuberts «Forellenquintett» im Mittelpunkt. Ergänzt wurde es durch das Notturno für Klaviertrio in Es-Dur desselben Komponisten und die «Episodi e canto perpetuo» des 1946 in Lettland geborenen Peteris Vasks - letzteres ein von energischer Rhythmik und fulminantem Drive geprägtes achtsätziges Stück, das ebenfalls Anleihen an die Volksmusik macht. Wieder erfreuten die bestens aufeinander abgestimmten Musizierenden - an der Seite von Gabetta und Kopatchinskaja traten diesmal der Bratschist Roman Spitzer, der Pianist Henri Sigfridsson sowie Aleksander Gabrys (Kontrabass) auf - mit feinsten Zartheiten und einem unerhörten Reichtum an Farben in Kombination mit einer mitreissend natürlichen Lebendigkeit. Überhaupt schien diese erste Hälfte des Festivals dank der Werkauswahl und den Interpretationen erfüllt von einer warmen Emotionalität, die direkt ins Herz traf und das Publikum restlos zu begeistern vermochte.
Tänzerische Kopatchinskaja - Konzert in Aschaffenburg
Christian Hoesch in Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 4.6.2008: Wenn sie wie eine Flamencotänzerin beim "Zapateado" rhythmisch mit den Füßen auf den Boden tritt, blitzen unter ihrem langen Taftkleid die nackten Füße hervor. Dabei biegt sie den Oberkörper weit zur Seite, als könne sie gar nicht genug ausholen, um ihrem Bogenspiel Kraft zu verleihen. Patricia Kopatchinskaja gehört zu den temperamentvollsten und spieltechnisch variabelsten Violinsolistinnen der jungen Generation. Im Rahmen der Aschaffenburger Orchesterkonzerte interpretierte die aus Moldawien stammende Geigerin mit der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Leitung von Ari Rasilainen das Violinkonzert von Robert Schumann.
Die Solostimme des ersten Satzes nahm Kopatchinskaja rhythmisch-bodenständig und vital. Ganz anders dagegen den langsamen Satz, in dem der nun lyrische Ton der Geige eine empfindsame, an der Grenze zur Zerbrechlichkeit geführte Nuance zeigte. Im höchsten Maße undankbar für den Solisten hat Schumann den Schlusssatz seines Spätwerks konzipiert: Der Sologeige werden rasante, mitunter barock anmutende Umspielungen zugemutet, die auf dem Hintergrund des nahezu behäbigen Polonaise-Rhythmus im Orchester kaum in ihrer komplizierten Virtuosität wahrnehmbar sind. Rasilainen versuchte mittels lichter Akzentuierung des Orchesterklangs den Eindruck von höherem Tempo zu erzeugen, Kopatchinskaja spielte an der Grenze des Ausführbaren - insgesamt eine überzeugende Lösung...
Kafkaeske Bogentänze und wilde Tonsprünge - Anna Maria Pammer und Patricia Kopatchinskaja überzeugen beim Förderkreis durch Höchstleistung
Anastasia Poscharsky-Ziegler in Der neue Tag - Oberpfälzischer Kurier, 19.4.2008 Weiden. Manchmal führt der Zufall besser Regie als die umsichtigste Planung: Mit den schon lange angesetzten "Kafka-Fragmenten" opus 24 von György Kurtag stimmte der Förderkreis für Kammermusik mit seinem 5. Meisterkonzert dieser Saison nun ideal auf die neu gestalteten Weidener Literaturtage ein. Wie immer in großer Zahl gekommen, belohnte das Publikum den Mut des Veranstalters, ungewöhnliche Wege mit Neuer Musik zu gehen.
Die nicht schulmeisterlich, sondern sehr entspannt vorgetragene Einführung des Regensburger Musikwissenschaftlers Randolf J. Jeschek erleichterte den Zuhörern das Verstehen des einstündigen zeitgenössischen Werkes. Mit den Interpretinnen, der Linzer Sopranistin Anna Maria Pammer und der aus Moldawien stammenden Violinistin Patricia Kopatchinskaja, standen hervorragende Musikerinnen zur Verfügung, denen das Publikum staunend vertrauen durfte.
Die vierteilige Vertonung von vierzig persönlichen Kurztexten Franz Kafkas gilt als eine der aufregendsten Kompositionen des 20. Jahrhunderts und riss den Saal am Donnerstag in einen abenteuerlichen, unberechenbaren Strudel literarischer und kompositorischer Kreativität. Schon das erste Fragment "Die Guten gehen im gleichen Schritt" baute mit seinen "Tänzen der Zeit" eine Brücke zur laufenden Grass-Ausstellung"Letzte Tänze" und leitete ei.nen skurrilen poetischen Reigen ein, dessen kritische Sätze noch lange im Gedächtnis haften werden, wie etwa "Was wir Weg nennen, ist Zögern."
Die Violinistin, die wie immer barfuß auftrat und ihren Standort öfters wechselte, nutzte ihren sicheren Stand zu extremer Körperarbeit, um die gewünschten kunstfertigen Effekte mit Verve und Witz zu erzielen. Mehrmals tauschte sie die Geigen verschiedener Stimmungen, oder drehte sogar während des Spiels an den Wirbeln, so dass jaulende Geräusche entstanden.
Manchmal im Einklang, manchmal gegeneinander, das andere Mal völlig unabhängig gestalteten die Interpretinnen ihre schwierigen Parts, die mit großer Spannung die Aufmerksamkeit der Hörer bruchlos erhielten.
Anna Maria Pammer zeigte sich der schwierigen Aufgabe, die Möglichkeiten der menschlichen Stimme von der Grenze zur Unhörbarkeit bis zum schrillen Schrei auszuleuchten, gewachsen. Faszinierend gelangen den Musikerinnen gegenseitige Imitationen ungewöhnlicher Tonfolgen, sowie die lautmalerische Darbietung von Textpassagen, wie etwa den raschelnden Blättern in "wie ein Weg im Herbst". Zu einem von kompositorischen Kunstgriffen schillernden Höhepunkt wurde der Schluss "Es blendete uns die Mondnacht": Flageolett-Töne bildeten das weißkalte Mondlicht nach, und mit einer ungarischen Folkloresequenz zitierte die Geige den Komponisten, der sich mit seiner Frau Marta als Schlangenpaar sah, von der Sängerin mit magischer Aura formuliert.
«Ists Wahnsinn auch, hat es doch Methode» - Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und die Pianistin Polina Leschenko bei den Wettinger Kammerkonzerten
Elisabeth Feller in Mittelland Zeitung vom 10.03.2008: «Sie wagt das Äusserste bis zur Entäusserung und verweist damit auf Horizonte, welche für die einen erfrischend, für die anderen provozierend wirken»: So fasste die Kritikerin 2003 ihre Eindrücke über das Konzert von Patricia Kopatchinskaja zusammen. Ebendies lässt sich auch über das jüngste Wettinger Konzert mit der Pianistin Polina Leschenko sagen. Auch diesmal setzt die Geigerin mit Mozart (Sonate B-Dur, KV 454), Fauré (Sonate Nr. 3), Schnittke (Suite im alten Stil) und Grieg (Sonate Nr. 3) auf ein forderndes Programm.
Eine verbindliche Klammer ist nicht Patricia Kopatchinskajas Sache, Eigenwilligkeit dagegen schon. Unverwechselbar will sie sein und das in jeder Phrase. Unter dieser Prämisse werden die Bewegungsimpulse von Mozarts Largo/Allegro-Einleitung exzessiv aufgeladen; wird die Klanggestaltung im Andante geradezu irritierend «ausgedünnt». «Ists Wahnsinn auch, hat es doch Methode», heisst es bei Shakespeare. Lebte er heute, hätte er wohl an Patricia Kopatchinskaja gedacht. Eines ist ihr Spiel jedenfalls nie: Langweilig. Sie und ihre gleichgesinnte Partnerin werfen sich förmlich ins musikalische Geschehen, lassen Faurés «Fülle des Wohllauts» auch schon mal sausen, um stattdessen auf aufgerauhtere Töne zu setzen. Das spricht weniger für uneitle Zuwendung, als für ein unbändiges, komplett im Augenblick haftendes Spiel. Fesselnde Wirkung entfaltet es bei Griegs dramatisch zerklüfteter Sonate. Hier begegnen Kopatchinskaja/Leschenko auch dem allgegenwärtigen Gespenst des Formverlustes souverän. Was bleibt unter dem Strich? Ein gleichermassen erfrischender wie provozierender Abend.
Standing Ovations
Urs Mattenberger in Neue Luzerner Zeitung vom 23.2.2008:
Flirt mit der Geige: ...In den Zugaben mit der zweiten Solistin des Abends, der 30-jährigen Ausnahmegeigerin Patricia Kopatchinskaja, prickelte es schon da wie an einer Jam-Session. Im zweiten Satz aus Ravels Violinsonate flirtete die kapriziös schmachtende Geige regelrecht mit Says lässig verschlepptem Klavierblues. Und die obligate Schlusszugabe des Pianisten, Mozarts «Türkischer Marsch», überraschte einmal mehr durch immer wieder neue Jazz-Eskapaden. Hinreissend.
Die Begeisterung, die sich hier in Standing Ovations entlud, war freilich durch das ganze Konzert vorbereitet. Ein Höhepunkt war Ravels Klavierkonzert in G-Dur: Fazil Say verhalf ihm, agil begleitet vom Orchester, zu einer kontrastreich aufgefächerten, ja zersplitterten Wiedergabe...
Popballade: Zum zweiten Höhepunkt machte Patricia Kopatchinskaja die Uraufführung von Says Violinkonzert «1001 Nacht im Harem». Das war neue Musik, die mit ihrem Patchwork aus exotischen Farben und Rhythmen auch die jungen Hörer ansprach - wie eine «musikalische Erzählung», wie eine Schülerin meinte. Neben der schillernden Farbigkeit des Orchesters war es hier vor allem die Solistin, die in die Extreme ging: Wirbelwind Kopatchinskaja verhalf dem Werk zu einer Musikantik und Klangsüsse, die unter die Haut ging und bei der man, bei den perkussiven Pizzicato-Attacken, wie auf Nadelspitzen sass...
Wenn eine Geigerin verzaubert - Patricia Kopatchinskaja begeisterte das Publikum im Brahms-Saal nicht nur optisch, sondern vor allem akustisch.
Kurier, Wien vom 6.2.2008: Auf dem Programm standen u.a. Haydn, Strawinsky und Schönfeld. Dass Patricia Kopatchinskaja ihr Publikum optisch zu beeindrucken vermag, weiß man. Wer am Dienstag im Brahms-Saal die Augen schloss, konnte sich davon überzeugen, wie sehr die Geigerin allein durch ihr Spiel fasziniert. Fabelhaft, wie sie bei Haydns "Zigeunertrio" den "Cantabile-Abschnitt" vom Klavier auffing und gestaltete, sensationell ihr "feeling" im dritten Satz. Zündend ihre Sicht der "Tarantella" aus Strawinskys "Suite italienne", und feurig das Finale...
Dream team mit Raritäten - Eine Formation, die man sich merken muss: Patricia Kopatchinskaja, Sol Gabetta und Henri Sigfridsson spielten in Liestal
Jenny Berg in Basler Zeitung vom 31.1.2008: Das Fussvolk stimmt ab: Wenn ein Konzert ausverkauft ist - was bei Kammermusik selten der Fall ist - muss etwas Besonderes auf dem Programm stehen. In diesem Fall waren es wohl die Namen der Interpreten, die so zahlreiches Publikum zu den Baselbieter Konzerten strömen liessen: Patricia Kopatchinskaja, Sol Gabetta und Henri Sigfridsson. Drei junge Solisten von internationalem Format, die sich hin und wieder zum Klaviertrio zusammentun - aus Freude an der Kammermusik, aber auch aus Freude aneinander, denn dass sich diese drei nicht nur musikalisch verstehen, macht wohl das Geheimnis ihres unglaublich homogenen Zusammenspiels aus.
Dabei sind ihre künstlerischen Charaktere so unterschiedlich, dass sich in der Liestaler Stadtkirche die Spannung zwischen ihnen in Funken zu entladen schien - beziehungsweise in der immer wieder plötzlich aufspringenden Geigerin Kopatchinskaja. Selbst bei Haydn, dessen G-Dur-Klaviertrio zu den Evergreens der Kammermusik gehört spielte Kopatchinskaja die Melodie, als ob sie sich gerade erst in diesem Augenblick in sie verliebte - um dann in der Wiederholung überraschend neue Seitenh in ihr zu entdecken. Gleichzeitig imitierte Sigfridsson auf dem Flügel in bestechender Schärftre die Artikulation der Streicher und führte gemeinsam mit Gabettas kernig warmer Cellolinie in einer Klarheit durch die Haydn'sche Geschichte, die das Publikum fesselte.
Ein völlig neues Klangbild kreierten die drei Musiker in Mieczyslaw Weinbergs Klaviertrio. Mit erdrückender Stringenz zogen sie durch die massiven Klangberge, hielten die fast schmerzvolle Kargheit der langsamen Leere aus und erzeugten mit ihrem Spiel eine tragisch aufgeladene Emotionalität, die ähnlich betroffen macht, wie es die Klangsprache seines Zeitgenossen Schostakowitsch sonst tut.
Auch mit Frank Martins Klaviertrio über irische Volkslieder grub die Formation tief in ihrer Schatzkiste voll unerschöpflichem Klangreichtum. Mit Swing und Groove wurden Tanzbein und Spielarm geschwungen, bis unmerklich die Volkstümelei in musikalischen Zerrbildern unterging - ein Zauber, der sich in einer spielerischen Leichtigjkeit versteckte, die bei kaum einem festen Ensemble zu hören ist.
Ein nicht gehörter Aufschrei gegen den Krieg
Reinhard Kriechbaum auf www.drehpunktkultur.at vom 29.1.2008: Nicht auf Originalinstrumente kommt es an, sondern auf den Geist einer Interpretation. Das bestätigte wieder einmal das Konzert am Montag (28.1.), mit dem Mozarteum Orchester und dem OENM unter der Leitung von Philippe Langrée.
Adorno schrieb, dass man nach dem zweiten Weltkrieg keine Gedichte mehr schreiben könne - Karl Amadeus Hartmann (1905-1963) hat schon 1939 keine Melodie mehr schreiben können. Sein Concerto funebre ist als ein vehementer Appell gegen die Gräuel des beginnenden Weltkriegs zu lesen. Lähmendes Entsetzen kann man aus dieser über Strecken aschfahlen Musik ebenso herauslesen wie ein entsetztes (und leider vergebliches) Aufschreien. Gegen die Aussichtslosigkeit für das Geistige stehe diese Musik, hat Hartmann später geschrieben. Sie ist damals ebenso wenig gehört worden wie späterhin, und so ist Karl Amadeus Hartmann eben einer aus der "verschollenen Generation. Verfemt in der Nazi-Zeit, für eine Rehabilitation nach dem Krieg reichte die Zeit nicht mehr. Es war dann wohl für einen Expressionisten wie Hartmann auch kein Platz mehr im zunehmend abstrakt und seriell sich ausrichtenden neuen Musikleben.
Ein wichtiger Programmpunkt also bei der Mozartwoche, und ein denkwürdiges Interpretationsereignis mit der intensiv gestaltenden Solistin Patricia Kopatchinskaja. Sie findet für diese aufrüttelnde Musik insistierende Töne, weit weg von jeder Ästhetik des Schönen. Sie lässt in diesem Werk den Ton manchmal versiegen, streicht extrem am Steg, sucht genaue Klang-Entsprechungen zum Orchester, das oft mitten im Strich zu versiegen, zu vertrocknen scheint. In diesem gespenstischen, greifbar todtraurigen Umfeld, in einer Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit dann ein Sturm sozusagen mit letzter Kraft, ein geigerisches Furioso...
Das Publikum folgte dem Geschehen gebannt, vor allem während Hartmanns Concerto funebre hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Das will etwas heißen, denn das Neue tut sich ja immer noch sehr schwer in den Ohren der Mozartwochen-Gäste.
Schonungslose Individualität einer Interpretin
Peter Cossé auf www.klassik-heute.com vom 13.2.2008: ...Faszinierend auch eine Aufführung von Karl Amadeus Hartmanns Concerto funebre für Violine und Orchester mit der (barfuß auftretenden!) Geigerin Patricia Kopatchinskaja unterstützt, abgedunkelt, angefackelt vom Mozarteum Orchester, dessen Leiter an diesem Abend, Louis Langrée, sich für weitere Aufgaben zu empfehlen vermochte. Hier zeigte sich, wie unter gewissen Voraussetzungen schonungslose Individualität einer Interpretin, gepaart mit Werk- und Kulturkenntnis, eine Aussage formuliert, die dem bestürzt lauschenden Hörer nicht anders als allgemeingültig in Erinnerung bleibt!
Phänomenal beredtes, ausdruckstarkes Spiel
Ernst P. Strobl in Salzburger Nachrichten vom 30.01.08: ...Das traditionelle Publikum zeigte sein Entzücken auch bei schwieriger Literatur wie dem Concerto funebre für Violine und Orchester von Karl Amadeus Hartmann. Eine bessere Solistin als PK hätte man für das 1939 als Anklage gegen das geisttötende Naziregime geschriebene Werk nicht finden können. Ein wunderbar sicherer Geigenton und ein phänomenal beredtes, ausdruckstarkes Spiel, dazu legte die Moldawierin ihrem Temperament keine Zügel an und riss mit ihrer unmittelbaren Wirkung auch das Orchester mit und natürlich das Publikum&ldots;
Klänge der Schwermut - Radio-Sinfonieorchester mit amerikanischer Musik
Verena Großkreutz in Esslinger Zeitung vom 17.1.2008: In der Stuttgarter Orchesterlandschaft scheinen derzeit amerikanische Wochen angesagt zu sein. Nach dem Kammerorchester und den Philharmonikern stellte auch das Radio-Sinfonieorchester (RSO) Werke US-amerikanischer Komponisten in den Mittelpunkt seines jüngsten Konzerts...
Für das Violinkonzert von Samuel Barber hatte man eine der interessantesten jungen Künstlerpersönlichkeiten engagiert: die Geigerin Patricia Kopatchinskaja, die sich nicht nur durch höchste technische Kunstfertigkeit, sondern auch durch ihren unverkrampften Zugriff auf die Musik in die Herzen des Publikums spielt. Nichts wird bei ihr zur virtuosen Nebensache, alles fügt sich in den quirligen Fluss straff gespannter Spannungsbögen. In Barbers melancholischem Werk von 1939/40 brachte sie die Melodien prachtvoll zum Erblühen, ließ im langsamen Satz ihre Geige so traurig singen, dass man dunkle Wolken im Beethovensaal aufziehen sah, nahm das rasende Finale verblüffend leicht und dennoch aggressiv. Das Orchester ließ sich von der Solistin mitreißen, fiel allerdings zuweilen durch klangliche Übermacht aus der Rolle...
Wie im Märchen
Susanne Benda, Stuttgarter Nachrichten, 17.1.2008: Plötzlich fühlt man sich wie im Märchen: Man hört Musik aus Zeiten und Ländern, in denen das Wünschen nach dem ungestört Schönen noch geholfen hat, und als Solistin beim amerikanisch-kanadischen Abend des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart (RSO) im Beethovensaal betritt eine Geigerin die Bühne, deren langes rotes Kleid kaum die nackten Füße darunter bedeckt.
Patricia Kopatchinskaja trägt aus Prinzip keine Schuhe. Das ist eine Angewohnheit des mittlerweile in Berlin lebenden moldawischen Jungstars - eine jener Künstlermarotten, die der Vermarktung ausgesprochen zuträglich sind. Weil die mittlerweile 30-Jährige gut, nein: exzellent Geige spielt, spielt die nackte Haut unter der Robe nur insofern eine Rolle, als sie sicherlich mit dafür sorgte, dass die Musikerin jetzt auch hier in Stuttgart auftritt.
Den Zuhörern kann die Blöße also egal sein. Ihnen bietet Patricia Kopatchinskaja den Solopart von Samuel Barbers Violinkonzert mit hoch emotionalem, dabei nie zu breitem, überaus beweglichem Ton; sehr virtuos und mit ideenreicher, wendiger Farbgestaltung kleidet die Geigerin selbst schnelle Tonkaskaden aus, und weil sie eine offenbar integrativ denkende Solistin ist, gerät zumal der zweite, langsame Satz zu einem klingenden Abbild einer Prärielandschaft im Breitwandformat.
Das ist zwar nicht ganz pathosfrei, aber zweifellos packend - fast meint man im Beethovensaal den Rauch des Lagerfeuers riechen zu können. Zu dieser Wirkung trägt Andrey Boreyko am Pult des RSO nicht unwesentlich bei...