Olga Lappo-Danilewski in Gießener Allgemeine vom 13.7.2008: Das Programm beinhaltete im ersten Teil Bekanntes, im zweiten weniger Bekanntes - und war gerade darum hörenswert. Interessant auch, dass dem Württemberger Kammerorchester Heilbronn mit dem jungen Dirigenten Jonathan Stockhammer ein »Moderner« vorstand - im Sinne von Vielseitigkeit. Zu Gast war außerdem die aus der Moldavien stammende, in Wien und Bern ausgebildete, mehrfach preisgekrönte junge Geigerin Patricia Kopatchinskaja...

Die straffen Tempi des Mozart-Jugendwerks beherrschten auch das Violinkonzert Nr. 4 KV 218, wo Patricia Kopatchinskaja - zunächst etwas zu eilig - mit viel Energie voranging: mit eigenwiligen Betonungen, die Kadenzen und kurzen Soli raffiniert gespickt etwa mit Pizzicato und Echos sowie angedeuteten Zitaten (»Königin der Nacht«). Eleganz und feiner Ton gefielen dagegen im Adagio wohl auch den Puristen unter den Mozart-Kennern. Im tänzerisch schwingenden Schlussatz ließ die Solistin den wenig anmutigen Volkston an die erste Stelle treten, was fast wie gegen den Strich gebürstet erschien; ein accelerando gab noch »Pfeffer« vor dem unbetonten Schluss. Trotz einiger stilistischer Fragezeichen interessant und hinreißend lebendig! Solcher Art war auch die Zugabe, ein origineller, humorvoller Dialog von Stimme, Instrument, Konsonanten und Vokalen. Ganz Virtuosin, gab die Solistin noch ein sperriges Enescu-Stück als Encore. Stürmischer Applaus für den insgesamt unkonventionellen Auftritt einer begabten Geigerin mit vielen musikalischen Reserven...

Das Konzert wurde aufgezeichnet und ist am 18. Juli ab 20.03 Uhr im Deutschlandradio Kultur zu hören.

 

 

Dream team mit Raritäten - Eine Formation, die man sich merken muss: Patricia Kopatchinskaja, Sol Gabetta und Henri Sigfridsson spielten in Liestal

Jenny Berg in Basler Zeitung vom 31.1.2008: Das Fussvolk stimmt ab: Wenn ein Konzert ausverkauft ist - was bei Kammermusik selten der Fall ist - muss etwas Besonderes auf dem Programm stehen. In diesem Fall waren es wohl die Namen der Interpreten, die so zahlreiches Publikum zu den Baselbieter Konzerten strömen liessen: Patricia Kopatchinskaja, Sol Gabetta und Henri Sigfridsson. Drei junge Solisten von internationalem Format, die sich hin und wieder zum Klaviertrio zusammentun - aus Freude an der Kammermusik, aber auch aus Freude aneinander, denn dass sich diese drei nicht nur musikalisch verstehen, macht wohl das Geheimnis ihres unglaublich homogenen Zusammenspiels aus.  

Dabei sind ihre künstlerischen Charaktere so unterschiedlich, dass sich in der Liestaler Stadtkirche die Spannung zwischen ihnen in Funken zu entladen schien - beziehungsweise in der immer wieder plötzlich aufspringenden Geigerin Kopatchinskaja. Selbst bei Haydn, dessen G-Dur-Klaviertrio zu den Evergreens der Kammermusik gehört spielte Kopatchinskaja die Melodie, als ob sie sich gerade erst in diesem Augenblick in sie verliebte - um dann in der Wiederholung überraschend neue Seitenh in ihr zu entdecken. Gleichzeitig imitierte Sigfridsson auf dem Flügel in bestechender Schärftre die Artikulation der Streicher und führte gemeinsam mit Gabettas kernig warmer Cellolinie in einer Klarheit durch die Haydn'sche Geschichte, die das Publikum fesselte.

Ein völlig neues Klangbild kreierten die drei Musiker in Mieczyslaw Weinbergs Klaviertrio. Mit erdrückender Stringenz zogen sie durch die massiven Klangberge, hielten die fast schmerzvolle Kargheit der langsamen Leere aus und erzeugten mit ihrem Spiel eine tragisch aufgeladene Emotionalität, die ähnlich betroffen macht, wie es die Klangsprache seines Zeitgenossen Schostakowitsch sonst tut. 

Auch mit Frank Martins Klaviertrio über irische Volkslieder grub die Formation tief in ihrer Schatzkiste voll unerschöpflichem Klangreichtum. Mit Swing und Groove wurden Tanzbein und Spielarm geschwungen, bis unmerklich die Volkstümelei in musikalischen Zerrbildern unterging - ein Zauber, der sich in einer spielerischen Leichtigjkeit versteckte, die bei kaum einem festen Ensemble zu hören ist.

 

Ein nicht gehörter Aufschrei gegen den Krieg

Reinhard Kriechbaum auf www.drehpunktkultur.at vom 29.1.2008: Nicht auf Originalinstrumente kommt es an, sondern auf den Geist einer Interpretation. Das bestätigte  wieder einmal das Konzert am Montag (28.1.), mit dem Mozarteum Orchester und dem OENM unter der Leitung von Philippe Langrée.

Adorno schrieb, dass man nach dem zweiten Weltkrieg keine Gedichte mehr schreiben könne - Karl Amadeus  Hartmann (1905-1963) hat schon 1939 keine Melodie mehr schreiben können. Sein „Concerto funebre“ ist als ein vehementer Appell gegen die Gräuel des beginnenden Weltkriegs zu lesen. Lähmendes Entsetzen kann man aus dieser über Strecken aschfahlen Musik ebenso  herauslesen wie ein entsetztes (und leider vergebliches) Aufschreien. Gegen die „Aussichtslosigkeit für das Geistige“ stehe diese Musik, hat Hartmann später geschrieben. Sie ist damals ebenso wenig gehört worden wie späterhin, und so ist Karl Amadeus Hartmann eben einer aus der  "verschollenen“ Generation. Verfemt in der Nazi-Zeit, für eine Rehabilitation nach dem Krieg reichte die Zeit nicht mehr. Es war dann wohl für  einen Expressionisten wie Hartmann auch kein Platz mehr im zunehmend abstrakt und seriell sich ausrichtenden neuen Musikleben.

Ein wichtiger Programmpunkt also bei der Mozartwoche, und ein denkwürdiges Interpretationsereignis mit der intensiv gestaltenden Solistin  Patricia Kopatchinskaja. Sie findet für diese aufrüttelnde Musik insistierende Töne, weit weg von jeder Ästhetik des Schönen. Sie lässt in diesem Werk den Ton manchmal versiegen, streicht extrem am Steg, sucht genaue Klang-Entsprechungen zum Orchester, das oft mitten im Strich zu versiegen, zu vertrocknen scheint. In diesem gespenstischen, greifbar todtraurigen Umfeld, in einer Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit dann ein Sturm sozusagen mit letzter Kraft, ein geigerisches Furioso...

Das Publikum folgte dem Geschehen gebannt, vor allem während Hartmanns „Concerto funebre“ hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Das will etwas heißen, denn das Neue tut sich ja immer noch sehr schwer in den Ohren der Mozartwochen-Gäste.

 

 

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