In geduckter Körperhjaltung und quirlig wie ein Kobold: Patricia Kopatchinskaja in Friedrichshafen (Bild: Rüdiger Schall)

 

 

 

 

 

 

 

 

Guido Holze, Rhein- Main-Zeitung vom 11.8.2009: Langweilig wird es dem Publikum mit Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say nicht. Schon optisch agieren die aus Moldawien stammende Violinistin und der türkische Pianist und Komponist so extrem, als ginge es ihnen um einen Gegenentwurf zum vermeintlich steifen klassischen Vortrag und die möglichst deutliche Visualisierung ihrer unkonventionellen Musizierhaltung. Kopatchinskaja, die stets barfüßig auftritt, was beim Mainzer Musiksommer auf Schloss Waldthausen in Budenheim infolge eines bodenlangen Kleids kaum sichtbar wurde, tanzt beim Spielen mit kreisendem Oberkörper manchmal geradezu herum und schneidet Grimassen. Say seinerseits beugt sich, mitunter fast in der Horizontalen, zu ihr hinüber und dirigiert sein eigenes Klavierspiel, sobald er eine Hand dazu frei hat.

Das alles findet seinen Niederschlag im klanglichen Resultat. Im Kopfsatz von Beethovens Violinsonate Nr. 9 A-Dur op. 47 ("Kreutzer-Sonate") waren aufs äußerste geschärfte Kontraste zu hören - sowohl, was die Tongebung zum Leisen und Zarten wie zum Wilden, Kratzigen und Hässlichen hin anbelangt, als auch, was die Tempowahl vom Fast-Stillstand bis hin zu enormer Rasanz betraf. Das bewegte sich hart am Rande einer noch legitimen Übertreibung, zumal dort, wo Say dem modernen Instrument Fortissimi entlockte, die besser zu Prokofjew gepasst hätten und am historischen Hammerflügel undenkbar gewesen wären. Der Witz des Mittelsatzes mit den ständigen Synkopen jedoch kam, dank eigenartiger Phrasierungen und verstärkt durch die Körpersprache Kopatchinskajas, bestens heraus.

Mutig hatte Say seine eigene, 1997 entstandene Violinsonate op. 7 zwischen die Werke der großen Komponisten auf das Programm gesetzt. Im direkten Vergleich mit Ravel und Bartók, deren Einfluss spürbar war, wurde deutlich, dass zum Teil auch ein nicht 1970, sondern hundert Jahre zuvor geborener Komponist Autor des Werks hätte sein können. Anfang und Ende klangen ungebrochen neoromantisch. Wenn Ravel in seiner zum Abschluss gespielten Violinsonate Nr. 2 G-Dur einen Blues sublimiert, so spielten in Says Komposition auf direktere Art Funk und Jazz-Rock hinein. Anklänge an türkische Musik fanden sich in der vom Klavierpart dominierten Sonate vor allem in einem Abschnitt, der in entsprechenden Skalen auf gedämpften Saiten des Flügels zu spielen war.

Im äußerst musikantischen, showreifen Vortrag schlossen sich "Sechs rumänische Volkstänze" Sz 68 von Bartók an, ursprünglich für Soloklavier gesetzt, hier jedoch in einer Bearbeitung mit Violine zu hören. Das passte, da volksmusikalisch inspiriert, gut. Wieder war die Interpretation des Duos eindeutig und alles andere als lau. Dass auch eine leise Innenschau möglich und nicht alles einfarbig war, zeigte sich danach zu Beginn der Ravel-Sonate. Sie war passend im Stil der "Roaring Twenties" gestaltet, lärmend, im Blues mit rabiatesten Pizzikato-Arpeggien, derben "Blue Notes" und Tonverschleifungen. Das Artifizielle der Komposition blieb dabei allerdings auf der Strecke.

Wild war die Zugaben-Show: "Crin", ein Werk für Solovioline aus der Hand des 1969 geborenen chinesisch-venezolanischen Komponisten Jorge Sanchez-Chiong, erforderte ständiges Mitskandieren und glissandoartige Stimmgeräusche von Kopatchinskaja, die von Say und ihr gemeinsam verrockte Version von "Für Elise" heizte die Stimmung weiter auf. Zu dem mit Versatzstücken nach Art Fritz Kreislers spielenden Stück "Rag-Gidon-Time" von Giya Kancheli ließ die Violinistin am Ende sogar den Takt mitklatschen.

 

 

 

 

 

 

HGF in Mannheimer Morgen vom 5.6.2009: Bei Patricia Kopatchinskaja  geht unser Blick zunächst nach unten. Und tatsächlich: Sie spielt barfuß. Stimmt es also doch, was man von ihr gelesen hat, eine "Rebellin auf vier Saiten" wird die Geigerin genannt. Solche PR-getunten Attribute machen sich bisweilen selbstständig. In Schwetzingen ist diesmal ohnehin schon alles bunter als gewöhnlich: Vorsicht, Fernsehaufzeichnung. Der Mozartsaal, der sonst in schlichtem Weiß gehalten ist, wird rot und blau beleuchtet.

Und das passt zu dem, was Kopatchinskaja mit Henri Sigfridsson (Klavier) und Sol Gabetta (Cello) aus dem 25. Klaviertrio von Joseph Haydn macht. Das Schluss-Rondo nageln die drei so rustikal "all'ongarese" auf die bäuerlichen Tanzdielen, dass Haydns feines Damenpublikum in London doch wohl seine Näschen hätte rümpfen müssen. Das ist nicht der "Originalklang". Und ob Beethoven sein "Geistertrio" derart zwischen harschem Sturm und Drang und zartester Romantik hin und her flottieren lassen wollte, kann bezweifelt werden. Kopatchinskaja & Co neigen zur Überartikulation, es fehlt an der formalen Abrundung, dem Ausgleich zwischen den Extremen.

"Pathétique" im Kleinen: Glänzend glückt jedoch Tschaikowskys a-Moll-Trio, das zur "Pathétique" im Kleinen wird. Auch hier kommen die Einzelheiten sehr prägnant heraus, etwa die (Prügel-) Fuge im Variationensatz. Doch die Musik darf auch frei ausschwingen, Gabetta intoniert blitzsauber ihre Kantilenen, Sigfridsson stemmt den gewaltigen Klaviersatz fast à la Rachmaninow empor. Die Zugabe des Gamben-Großmeisters Marin Marais entwirft ein feines Spinnennetz instrumentaler Stimmen. Man verfängt sich gern darin.

Kommentar: Beethovens Geisertrio kommt aus der Welt von Shakespeares Macbeth - Mord, Totschlag, Hexen und Geister. Soll man, darf man diese archaische und brutale Welt verharmlosen?

 

 

 

 

 

 

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