Aus Aserbeidschan - Die Basel Sinfonietta in Zürich
Alfred Zimmerlin in Neue Zürcher Zeitung, 5.11.2009: Während eines guten Monats, noch bis zum 6. Dezember, setzt sich das Festival Culturescapes mit der Kulturlandschaft Aserbeidschans auseinander, einer asiatisch-islamischen Kultur ganz eigener Prägung. Seit 2003 gibt es dieses Festival, das jährlich die Begegnung mit dem Schaffen, den Bedingungen und Besonderheiten eines Kulturkreises ermöglicht. Zunächst in Basel beheimatet, ist Culturescapes ein überregionales Festival mit Veranstaltungen in der ganzen Deutschschweiz geworden. Den Reigen der Zürcher Veranstaltungen eröffnete die Basel Sinfonietta unter der Leitung von Stefan Asbury; mit der Uraufführung des «Konzerts für Orchester und Sologeige» (2004) des aserbeidschanischen Komponisten Faradsch Garayev (geb. 1943) lockte sie erstaunlich viel Publikum in die Tonhalle Zürich.
Als Solistin konnte Patricia Kopatchinskaja gewonnen werden - ein Glücksfall. Die aus der Republik Moldau stammende junge Geigerin hat ein tiefes Verständnis für diese Musik entwickelt und spielte sie mit einem Engagement und Farbenreichtum sondergleichen; das anfangs unruhige Publikum wurde so gebannt, dass man am Schluss eine Stecknadel hätte fallen hören. Das Werk hat faszinierend eigenwillige Seiten. Sein erster Satz - «Variationen ohne Thema» - lässt die Sologeige mit virtuosen Flageoletten tanzen und setzt sie in einen Klangraum mit erlesenen, eigentümlichen Farbmischungen. Langsam entwickelt sich die Musik aus einem signalhaften Anfangsimpuls in die Richtung einer freien, improvisatorischen Rhythmik. Satz zwei - «Thema mit Allusionen» - pflegt die postsowjetische Zitier- und Stilkopierlust, eine theatrale Verneigung vor der Violinkonzert-Tradition. In sehr persönliche Ausdrucksbereiche entwickelt sich der letzte Satz («Thema und vier Variationen»), der mehr und mehr fesselt.
Luigi Nonos Spätwerk am «zoom in» - Zuhörer werden zu Mitspielern.
(pof) in der Bund vom 2.11.2009: Ein warmes, leicht rötlich schimmerndes Licht strahlt in den Chorraum des Berner Münsters. Das Publikum tritt nach und nach ein und scheint etwas irritiert, weil die Stühle scheinbar willkürlich verteilt und in alle Richtungen orientiert sind. Einige sind auch umgekippt, einer fungiert als Notenständer.
Wie soll man diese Musik hören? Diese zunächst ganz praktische Frage stellt sich alsbald auch in einem weit komplexeren Sinne: Luigi Nonos «La lontananza nostalgica utopica futura», ein rund 40-minütiges Werk für Solovioline, 8-spuriges Tonband, Klangregisseur und acht bis zehn Notenständer fordert den Zuhörer in mannigfacher Hinsicht heraus. Am Übergang zwischen Chor und Altarraum beginnt die Berner Musikerin Patricia Kopatchinskaja ihre Wanderung durch den Konzertraum und das weite Feld geigerischer Ausdrucksmöglichkeiten. Tonfetzen, vereinzelte Akzente und Liegetöne verschiedenster Klangvaleurs schweben durch die Kirche und mischen sich mit den polyfonen, mit Alltagsgeräuschen versetzten Klängen, welche der Tonregisseur Volker Böhm den Impulsen der mitunter Vokalisen singenden Instrumentalistin entgegensetzt. Die Tongebilde verdichten und überlagern sich kurzzeitig und bleiben doch fragmentarisch, ja bisweilen disparat. Die angebliche Hermetik von Nonos Spätwerk ist oft und kontrovers diskutiert worden, erweist sich aber in diesem Konzert als unhaltbar.
Durchdacht und doch offen: Nonos Tonsprache mag verklausuliert sein, das Publikum hat er aber bei aller Sperrigkeit und Sprödigkeit nicht aus den Augen verloren. Mehr noch: Er macht den Zuhörer zum Mitspieler. Während sich die Geigerin durch den Raum bewegt und mal aus unmittelbarer Nähe, mal aus einiger Distanz das Publikum bespielt, ist es an diesem, die verschiedenen Klangteile zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Insofern, aber auch aus der teils gelenkten, teils spontanen Interaktion zwischen Geigerin und Regisseur erscheint es auch plausibel, dass Luigi Nonos Spätwerk im Rahmen des Festivals für improvisierte Musik «zoom in» zur Aufführung kommt. Obschon das Werk konzeptionell haarklein durchdacht ist, ist der Ausgang letztlich doch offen, was sich auch am Schluss sehr stimmig zeigt, wenn Patricia Kopatchinskaja, die sich dieser raren Musik mit dem gleichen unbedingten Einsatz widmet wie dem weit öffentlichkeitswirksameren klassisch-romantischen Repertoire, den Raum durch eine offenstehende Seitentür verlässt. (pof)
Barfuss
gespieltes Konzert an der Grenze zur Exzentrik - Solides Orchester,
herausragende Solistin im Kuppelsaal
Jörg Worat
in Celle'sche Zeitung vom 30.10.2009: ... Ein anderes Bild
stellte sich mit dem Auftritt von Patricia Kopatchinskaja ein, die
Prokofjews 2. Violinkonzert im wahrsten Sinne in Angriff nahm. Die
aus Moldavien stammende Geigerin ist ein höchst willkommener
Gegenpart zu all den äusserlich wie musikalisch auf Hochglanz
gebürsteten Solisten unserer Zeit. Kopatchinskajas Ton ist nicht
süffig, nicht "schön", aber immer beseelt, wobei
diese Intensität schon mal die Grenze des Exzentrischen streifen
kann. Das Orchester geriet da punktuell schon mal ins Hintertreffen.
Eine kompromisslose Musikerin, die im Extremfall wegzufliegen droht,
weshalb zwei typische Merkmale ihres Auftrittes wohl keine blossen
Marotten sind, sondern für mehr Bodenhaftung sorgen dürften:
Kopatchinskaja pflegt ihre Konzerte barguss zu spielen und, auch
dies eher unüblich, nach Noten. Konsequenterweise geriet ihre
Zugabe merkwürdig, ein ebenso kurzes wie wildes Stück von
Jorge Sanchez-Chiong unter Einbindung von Vokalelementen. Ob die
Choreographie für den Geigenbogen wohl dazu gehört? Das
Orchester hatte nach diesem Wirbelsturm genau genommen keine Chance
mehr zu echten Höhenflügen...
Schmeichlerien
und Kratzbürste - Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja
fasziniert im Hannoverschen Kuppelsaal
Rainer Wagner
in Hannoversche Allgemeine vom 29.10.2009: ... Dann kam Patricia
Kopatchinskaja und der Abend wurde zum Ereignis. Sie mspielte nicht
Prokofjews häufiger zu hörendes erstes Violinkonzert,
sondern sein zweites, in dem die Geige vom ersten (Solo-)Ton das
Sagen hat. Kopatchinskaja liess keinen Zweifel aufkommen, dass sie
(und jetzt müssen die Damen Jansen, Fischer und Skride mal
ganz tapfer sein) die aufregendste Geigerin ihrer Generation
ist (und ein Daniel Hope neben ihr keine Chance hätte).
Kopatchinskaja ist so etwas wie die (junge) Martha Argerich auf der
Geige. Sie tobt und tanzt, sie bürstet gegen den Strich, ist im
Kopfsatz widerborstig bis zur Kratzbürstigkeit. Doch im Andante
kann sie auch versonnen bis versponnen klingen. Ein
"marcato" lässt sich so ein Temperamentsbündel
nicht zweimal sagen, das Russische Staatsorchester war da mal
Partner, öfter aber Klangfolie. Kopatchinskaja lieferte eine
fulminante Interpretation und legte mit ihrer Zugabe ("Crin"
des venezuelanisch-chinesischen Komponisten Jorge Sanchez Chiong)
noch einen drauf: Das ist ein glitzerndes Feuerwerk füpr vier
Saiten und zwei Stimmbänder, geistreich, witzig, verspielt...
Trister
Rahmen für ein Temperamentsbündel
Karla Langehein
in Schaumburg-Lippische Landeszeitung vom 29.10.2009: (Hannover)
Es lag sicher nicht an der vertrackten Akustik des Kuppelsaals, dass
Tschaikowskys Hamlet-Partitur derart spröde im
Auditorium ankam. Selbst wenn die Bläser Glanzmarken zu setzen
vermochten und die hervorragende Oboistin mit ihrer schönen
Interpretation des Ophelia-Solos musikalische Bewegung in den
statischen Verlauf brachte, konnte das alles nicht darüber
hinwegtäuschen, dass der Chef des Russischen Staatlichen
Sinfonie-Orchesters, Valery Poljansky, eher Takt-Verwalter als
Gestalter ist. Weitgehend frei von interpretatorischem Profil,
dirigentischen Impulsen und Akzenten verlief auch Prokofjews
Romeo und Julia das hatte mit Ballett nichts mehr
zu tun und war lediglich ein trister Rahmen für einen Brillanten
namens Patricia Kopatchinskaja.
Als Geigerin,
Komponistin und Dirigentin räumt sie seit einiger Zeit in der
internationalen Rangliste der Spitzengeiger gehörig auf und um
ein urmusikalisches Temperamentsbündel mit
phänomenaler Ausstrahlung, dem die unterschiedlichen
Klanggesichter von Prokofjews zweitem Violinkonzert wie auf den Leib
geschrieben scheinen. Mit der Eingangskantilene des ersten Satzes
legte Kopatchinskaja einen ganzen Kosmos frei da konnte man
die berühmte Stecknadel fallen hören und im
temporeichen Finalsatz zog sie mit überbordender Leidenschaft
und grenzenloser Kraft das Orchester samt Dirigenten mit und
die Hörer in ihren Bann.
Wer Kopatchinskaja
je mit einer komischen Bühnenrolle wie Kagels Water
Musik erleben konnte, kennt ihren Charme und Witz. Davon
kündete die Zugabe: Jorge Sanchez-Chiongs Komposition für
Sprache und (wildgewordene) Geige mit dem Titel Crin.
Kopatchinskaja
begeistert barfuss
Henning Queren
in Neue Presse Hannover vom 29.10.2009: Barfuss gehts am besten.
Im Kuppelsaal war das Moldawische Geigenwunder Patricia
Kopatchinskaja zu Gast und spielte mit dem Russischen
Staatlichen Sinfonieorchester Prokofjews zweites Violinkonzert mit
einem Minimum an Schuhwerk und Maximum an Emotionen. Und das Publikum
war nachhaltig beeindruckt. Allein, wie die junge Geigerin den
Prokofjew tanzte, das hatte schon Schauwert, sie sprang, um dem
Bogenstrich noch mehr Druck zu geben, tigerte über die
Bühne, ging in die Knie, um den zweiten Satz mit einem
edelsüssen Diskant zur kitschnahen Hymne zu machen, und rockte
sich durch das Allegro-Finale mit einem Körperausdruck, den sich
so nicht einmal Nigel Kennedy getraut hätte. Mit viel
Gefühl: Prokofjew bekam das überaus gut. Als witzige Zugabe
brachte sie ein kleines Stück vom venezuolanischen Jungtöner
Jorge Sanchez Chiong, gleichzeitig gesprochen und gespielt eine Art
Schwitters auf der Geige...
Ein
lustvolles Ereignis - Staatskapelle Russland im Kurhaus Wiesbaden
Harald Budweg
in FAZ Rhein-Main-Zeitung vom 26.10.2009: ...Zuvor hatte die aus
Moldau stammende Geigerin Patricia Kopatchinskaja im Zentrum dieses
musikalisch hochkarätigen Abends gestanden. Die weltweit
umjubelte Virtuosin, die vor kurzem das Gesamtwerk für ioline
und Orchester von Beethoven eingespielt hat - darunter ein
interessantes Fundstück aus einem Jugendwerk des Komponisten -
interpretierte in Wiesbaden das Konzert für Violine und
Orchester D-Dur op.35 von Peter Tschaikowsky. Dabei war es
belückend zu erleben, wie sehr die Künstlerin auf dem
steilen Weg ihrer Karriere an zusätzlicher Energie,
Souveränität und differenziertem Ausrucksvermögen
gewonnen hat. Wie oft schon hat man den Soloeinstieg im Kopfsatz mit
allzu gepresstem Bogendruck vernommen. Nicht so Patricia
Kopatchinskaja, die mit fast spielerischer Leichtigkeit
"einsteigt", um das anschliessende Thema um so
bedeutungsvoller zu nehmen, nunmehr jeder melosreduzierten
Unverbindlichkeit entkleidet. Immer wieder auch setzt die Solistin
Akzente, die der Verdeutlichung der ohnehin plastisch geformten
Themenverläufe dienen, ohne dass die Phrasen dabei aufgesetzt
wirken. Für das Finale braucht sie kein rasendes Tempo für
die Selbstdarstellung. Eine durchwegs überzeugende Leistung von
traumhafter Intonationssicherheit.
Lieber krass als schön: Patricia Kopatchinskaja in der Liederhalle
Verena Großkreutz in Stuttgarter Nachrichten, 26.10.2009: Mit der erhabenen, reinen Klangwelt der Hahns und Mutters hat sie wenig gemein: Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja blieb auch am Freitag in der Stuttgarter Liederhalle ihrem Motto, Kunst sei nicht da, um schön zu sein, absolut treu. Barfüßig wie immer und mit robustem Körpereinsatz verpasste sie Prokofjews zweitem Violinkonzert einen krassen, modernen Klang. Mit dem exzellenten Russischen Staatlichen Sinfonieorchester Moskau unter der Leitung von Valerij Poljanskij gab sich die 32-Jährige nicht mit traditionellen Einheits-Konzerttonfällen ab.
Ihr Zugriff ist subtiler, entlockt den durch Bogendruck zuweilen arg überspannten Saiten stets überraschende Charaktere: Da tapst es schwerfällig, da jault es, schleicht auf samtigen Pfoten oder kichert rumpelstilzchenhaft... Das Publikum im gut besuchten Beethovensaal war schockiert, dann hellauf begeistert.
Von himmlisch bis höllisch
Elfi Braschel in Südkurier vom 26.10.2009: (Friedrichshafen) Sie hat ein Gesicht wie ein Engel und spielt wie der Teufel. Mit brillanter Technik und geballter Energie holt die gebürtige Moldawierin Patricia Kopatchinskaja noch ein Quäntchen mehr aus ihrer Geige heraus, als es bisher möglich schien. Damit hat sie schon etliche Preise gewonnen, bis hin zum diesjährigen ECHO-Klassik-Preis im Bereich Kammermusik. Mit ihrer Interpretationsart geht die stets barfuß spielende Geigerin neue Wege und fällt damit eindeutig aus dem Rahmen. Das lockte dann auch eine besonders große Zuhörerschar ins Graf-Zeppelin-Haus in Friedrichshafen. Auch wegen des renommierten Russischen Staatlichen Sinfonieorchesters unter der straffen Leitung von Valery Poljansky...
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In geduckter Körperhjaltung und quirlig wie ein Kobold: Patricia Kopatchinskaja in Friedrichshafen (Bild: Rüdiger Schall) |
...Ganz eins mit der Geige und der Musik wird mit Patricia Kopatchinskaja Prokofjews hoch virtuoses, kompositorisch raffiniertes Violinkonzert Nr. 2 in g-Moll zu einem kleinen Wunderwerk, so wie sie die schwierigen Intervallsprünge, Tempiwechsel und Modulationen beherrscht. Wie besessen durchlebt sie die Musikebenen mit spannungs- und energiegeladenen Passagen und Ausbrüchen oder filigran säuselnden Tönen. Ihr Spiel ist ungestüm und drahtig, mit markigen, teils bewusst derb gesetzten Akzenten. In geduckter Körperhaltung und quirlig wie ein Kobold fiebert sie dem nächsten Einsatz entgegen. Dann wieder, zart und durchsichtig wie eine Elfe, entlockt sie mit auf den Saiten schwebendem Bogen fast überirdische Töne. Hingerissen erklatscht sich das Publikum ein hitziges, witziges Streitgespräch: ihre Stimme gegen die der Geige. Chapeau auch für die Musiker! Mit ihrer zweiten Zugabe lüften sie das Geheimnis ihres großartigen Könnens: Poljansky geht, sie spielen alleine zu Ende und nicht weniger bestechend und mitreißend.
Unorthodoxer Auftritt der Violinistin - Staatskapelle Russland spielt unter Valerij Poljanskij Werke von Tschaikowski und Prokofjew
Axel Zibulski in Wiesbadener Kurier vom 24.10.2009: Sie tritt barfuß und im roten Kleid auf: Unkonventionell gibt sich die aus Moldawien stammende Geigerin Patricia Kopatchinskaja. Erst kürzlich erhielt sie für ihre Einspielung mit Violinsonaten Ludwig van Beethovens den renommierten Echo-Klassik-Preis, jetzt war die 1977 geborene Solistin zu Gast beim Saisonauftakt der Meisterkonzerte im Wiesbadener Kurhaus. Durchaus einen Kontrast bot Kopatchinskajas unorthodoxer Auftritt auch zu ihren Begleitern, der 1991 gegründeten, gleichwohl traditionsbewussten Staatskapelle Russland, die eingangs in Peter Tschaikowskys Fantasie-Ouvertüre "Hamlet" ein eher konventionelles Interpretations-Ideal verfolgt hatte...
Solistin begeisterte: Das Publikum nahm die Staatskapelle Russland freundlich auf; für Begeisterung hatte zuvor der Auftritt Patricia Kopatchinskajas gesorgt: Sie setzte in Peter Tschaikowskys Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35 einen reizvollen interpretatorischen Kontrapunkt zu der zuverlässigen Orchesterbegleitung. Ihr Ton war häufig fiebrig, mit Mut zu Schroffheiten oder sogar Hässlichkeiten, in ihrer Musizierhaltung setzte sie den zwingenden und unbedingten Ausdruckswillen über das Ziel sauberen Schönklangs. Fast ins Flächige verdichtete Läufe, scharf angeschnittene Pizzicati - das war manchmal durchaus Geschmackssache, sorgte insgesamt aber für einen feurigen, vitalen und mitreißenden Start in die neue Saison der Meisterkonzerte.
Der Blick des Bildhauers
Annette Eckerle in Stuttgarter Zeitung vom 24.10.2009: Valerij Poljanskij wurde 1949 in Moskau geboren, in eine Musikerfamilie hinein. Es heißt, seine musikalische Begabung habe sich früh gezeigt. Poljanskij studierte Chor- und Orchesterdirigieren, wurde mit 28 Jahren von Gennadij Roschdestwenskij entdeckt, leitete dann den staatlichen Kammerchor Russlands, wurde 1992 Chefdirigent und Künstlerischer Leiter der Staatskapelle Russland. Poljanskij ist von robuster Gestalt. Würde er statt des Dirigentenstabs als Bildhauer Hammer und Meißel führen, es wäre nicht verwunderlich.
Jetzt gastierte Poljanskij mit dem Russischen Staatlichen Sinfonieorchester im Beethovensaal. Auf dem Programm standen Tschaikowskys Fantasie-Ouvertüre "Hamlet" op. 67, Prokofjews zweites Violinkonzert sowie eine Auswahl aus den Romeo-und-Julia-Suiten op. 64. Poljanskij arbeitete mit dem Auge und dem Ohr eines Bildhauers, der weiß, welche Skulptur sich in einem Steinblock verbirgt, wo der Meißel mal mit Wucht, mal mit Bedacht anzusetzen ist. Ein Zuckerpuder-Romantikton ist also Poljanskijs Sache nicht. Er liebt die ein wenig kühlen und doch kontrastscharfen Klangfarben, einen kompakten und doch formbaren Ton, weshalb er bei der Hamlet-Ouvertüre eben keine wabernde Schauermärchensülze anrichtete. Dafür ist Poljanskij zu formbewusst.
Und so sollte auch aus Prokofjews zweites Violinkonzert mehr werden, als nur eine virtuose Jonglage mit Formelementen aus Klassik und russischer Folklore. Den Solopart spielte Patricia Kopatchinskaja, lyrisch zart, wild impulsiv, bedingungslos emphatisch. Das orchestrale Relief im Hintergrund stellte Poljanskij mit so viel Schärfe wie Detailbesessenheit heraus. Nichts überließ er dem Zufall. Und so sollte er dieses Werk von dem noch immer umhergeisternden Urteil befreien, es sei schlicht, allzu sehr volksmelodienselig und darum der kompositorische Salto mortale rückwärts im êuvre Prokofjews.
Poljanskij raute den Orchesterklang im ersten Satz auf, ließ die synkopische Rhythmik bei weitem nicht so lyrisch verflacht spielen, wie andere, weniger plastisch denkende Dirigenten. Im zweiten und dritten Satz griff er zum ganz feinen rhythmischen Werkzeug zwecks Veredelung der Klangoberfläche. Er wusste ja, dass er in Patricia Kopatchinskaja eine Solistin hatte, die diesem Werk nicht den Tort antun würde, es als kapriziöse Tonspielerei, als Komposition eines Salonlöwen abschnurren zu lassen. Momentan dürfte es auch kaum eine Geigerin geben, die mit so viel Mut zum schmutzigen Ton durch den Synkopendschungel des dritten Satzes sausen würde.
Kurz und gut: eleganter ginge es schon, charaktervoller nicht.
Feuriges Konzert mit virtuoser Geigerin - Nie hat man das Wort "Hexe" in solch bewunderndem Ton gehört wie beim Konzert des Russischen Staatlichen Sinfonieorchesters mit der jungen moldawischen Geigerin Patricia Kopatchinskaja, die mit ihrem expressiven Spiel die Zuhörer zu Beifallsstürmen hingerissen hat.
Christel Voith in Schwäbische Zeitung vom 22.10.2009: (FRIEDRICHSHAFEN) Wer meinte, sich nach den Eigenheiten des punkigen Ausnahmegeigers Nigel Kennedy über nichts mehr zu wundern, den hat die junge Musikerin eines Besseren belehrt. Alles an der furiosen "jungen Wilden" ist echt, ist keine Allüre, auch nicht ihr Auftritt mit nackten Füßen unterm langen Abendkleid. Alles an ihr lebt, wenn sie in glühenden Farben Sergej Prokofjews Violinkonzert Nr. 2 g-Moll op. 63 spielt - die Noten, die sie vor sich hinstellt, bräuchte sie gewiss nicht. Der ganze Körper spielt mit, die junge Frau genießt den süßen Gesang ihrer Geige, wird zum neckisch wispernden Kobold, zum rasenden Dämon, zur lauernden Wildkatze, die Füße wippen oder stampfen mit. Bittersüße betörende Lyrik steht neben ungestümem Vorwärtsdrängen, spielerisches Wiegen neben virtuosen, schwindelerregenden Attacken bis zum letzten Sturmwind, der über die Saiten fegt. Wen wundert's, dass auch keine brave Zugabe kommt, sondern ein freches Kabinettstückchen des Jazzmusikers Jorge Santos aus Honduras, bei dem man nicht mehr unterscheiden kann, ob nun die Geigerin oder ihr Instrument lauter schwätzt, quietscht und kratzt.
Chedfdirigent Valery Poljansky hat indessen beim Violinkonzert mit seinem großen Orchester bestens die Balance gehalten, dass auch noch die leiseste Regung der Sologeige hörbar blieb. Auch wenn das Orchester ganz ungewöhnlich ohne jede Erhöhung vor ihm sitzt und auch er selbst auf ein Podest verzichtet, hat er seinen Klangkörper mit sparsamen, aber äußerst präzisen Gesten, teils auch nur mit Blicken fest im Griff, dass noch die vehementesten Klangstürme transparent herüberkommen.
Beethoven Violinkonzert - Vier neue Aufnahmen bei Decca, Naive, Orfeo, Virgin Classics
Manuel Brug auf Welt Online vom 22. 10. 2009: Viel Freude wie Hörarbeit für Beethoven-Fans und Geigenliebhaber. Aber auch die CD-Enzyklopädisten müssen stark sein, denn beim Buchstaben B wird der Regalplatz noch einmal enger. Selten war jedenfalls zu erleben, dass innerhalb von sechs Wochen gleich vier völlig unterschiedliche Aufnahmen des gleichen, aber stets anders kombinierten Spitzen-Repertoirewerks erschienen sind, von denen man keine missen möchte.
Den Anfang machte Janine Jansen, die im Gegensatz zu Lisa Batiashvili vor einem Jahr zwar ebenfalls die Deutsche Kammerphilharmonie begleiten lässt, aber nicht allein, sondern unter der Stabführung von Paavo Järvi. Der derzeit wohl beste Beethoven-Sound passt sehr gut zu ihrem wachen, direkten Ansatz. Forsch, doch gleichsam fragend erobert sie sich die viel gespielten Noten, mit verhaltenem, nobel aufblitzendem Glanz. Natürlich respektlose Romantik-Frische trifft auf lebhaften Drive und Risikoeinsatz. Das steht auch dem souverän gemeisterten Britten-Konzert gut an.
Der barfüßige moldawische Geigenwirbelwind Patricia Kopatchinskaja macht hingegen seinem Image alle Ehre und lässt hier die Beethoven-Fetzen fliegen. Es mag mutwillig wirken, mit bewusst aufgerauter Interpretation die Extreme zu suchen, aber es überzeugt in seinem vehementen, eher die Pianogefilde liebenden Gestaltungswillen. Und mit Philippe Herreweghe und seinem auf Originalinstrumenten spielenden Orchestre des Champs-Elysées hat sie so unorthodoxe wie interessierte Partner, die die Interpretations-Odyssee zur aufregenden Klassikschnitzeljagd mutieren lassen. Schon weil Kopatchinskaja statt auf die üblichen Kadenzen auf die von Beethoven selbst zurückgreift, die er für die eigene Klavierbearbeitung nachgeschoben hat. Sie ist zudem die Puristischste: Bei ihr kommt nur Beethoven in den Futternapf, abgeschmeckt mit einem Konzertfragment und den beiden weit lieblicher genommenen Romanzen.
Damenhaft elegant und mit Grandezza, dabei höchst kurvenreich und dynamisch, durchmisst Arabella Steinbacher den Beethoven-Parcours, wohl auch, weil sie mit Andris Nelsons und dem WDR-Sinfonieorchester die am sattesten klingenden Begleiter hat - die sich wiederum im beigegebenen Berg-Konzert schattenhaft flexibel klein machen. Die Münchnerin entdeckt wenig Neues, spielt aber mit wunderschöner Linie und tragendem Ton.
Als Lady gebärdet sich hingegen der einzige Herr im Quartett - Renaud Capucon. Der spielt auch hier als Charaktertrumpf seinen kleinen, konzentriert exquisiten Ton aus, erweist sich freilich innerhalb von dessen Grenzen als feinsinniger Stilist und detailfreudiger Beethovenjünger. Das glüht quasi von Innen, bleibt träumerisch geheimnisvoll und hintergründig. Kontrastiv dazu der robuste Klang von Yannick Nézet-Séguin und dem Rotterdam Philharmonic; im wunderbar kitschigen Korngold-Konzert gehen alle emotional in die Vollen.
CD-Tipp: Ludwig van Beethoven - Violinkonzert
Fridemann Leipold auf Bayerischer Rundfunk-Online vom 20.10.2009: Gleich dreimal erscheint das Violinkonzert von Beethoven dieser Tage neu auf CD, eingespielt von drei jüngeren Interpreten, die mit Anfang dreißig nahezu derselben Generation angehören: Die Niederländerin Janine Jansen hat sich dafür mit dem Beethoven-"Dream Team" um Paavo Järvi und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen zusammengetan (bei Decca), der Franzose Renaud Capuçon mit den Rotterdamer Philharmonikern unter dem kanadischen Shootingstar Yannick Nézet-Séguin (bei Virgin Classics).
Die dritte im Bunde ist die aus Moldawien stammende Geigerin Patricia Kopatchinskaja; sie ist die unbekannteste der drei - und fraglos die unkonventionellste. So hat sie in Wien und Bern neben Violine - u.a. bei Igor Ozim - auch Komposition studiert und sich zunächst einen Namen gemacht mit zeitgenössischer Musik von Gerd Kühr, Johanna Doderer, Jürg Wyttenbach, Violeta Dinescu, Boris Yoffe und anderen. In dem türkischen Pianisten Fazil Say hat Patricia Kopatchinskaja offenbar einen gleichgesinnten Musiker gefunden - Say begleitet sie auf ihrem ersten Recital für Naive, sie spielt gelegentlich seine Kompositionen.
Aufgeschlossenheit und Neugier: Dass Patricia Kopatchinskaja sich für ihre Aufnahme des Gesamtwerks für Violine und Orchester von Ludwig van Beethoven mit Spezialisten für historische Aufführungspraxis zusammengetan hat, spricht für ihre Aufgeschlossenheit und Neugier. Wie sie selbst, verwenden die Musiker des Orchestre des Champs-Élysées unter ihrem flämischen Gründer und Leiter Philippe Herreweghe ausschließlich Originalinstrumente; Quellenforschung und das Studium des Autographs (mit überraschenden, kleinen Abweichungen vom gewohnten Notentext!) verstehen sich für sie von selbst. Die flüssigen Tempi in den Ecksätzen des Konzerts resultieren aus den Metronom-Angaben, die Beethovens Schüler Carl Czerny überliefert hat. Durchhörbarkeit und griffige dynamische Kontraste, geschärfte Artikulation und ein sprechender Klang sind längst Markenzeichen des Orchestre des Champs-Elysées.
Springlebendiger Tonfall: Patricia Kopatchinskaja bringt sich überdies mit einer Spontaneität, ja Improvisationslust ein, die bei klassischer Musik schon ungewöhnlich ist - und bei einer so bekannten Partitur wie Beethovens Violinkonzert für frischen Wind sorgt. Es herrscht ein feiner, leichter, aber springlebendiger Tonfall vor - der wohl auch den Aufzeichnungen, die wir über den Uraufführungs-Interpreten Franz Clement besitzen, geschuldet ist. Da ist von "einer unbeschreiblichen Zartheit, Klarheit und Eleganz, von einer entzückenden Lieblichkeit und Reinheit" in Clements Spiel die Rede, auch von "einer ganz eigenartigen Leichtigkeit". Patricia Kopatchinskaja hat sich diese historischen Vorgaben offenbar zu Eigen gemacht. Sie nimmt sich mit ihrem Rubato-Spiel viel Freiheit im Umgang mit der musikalischen Zeit und entwickelt immer wieder unwiderstehlich tänzerischen Drive.
Organisch und natürlich: Zusammen mit Herreweghe und seinen Mitstreitern treibt sie diesem Schlachtross der Konzert-Literatur alles Gravitätische, Heroische, Bräsige aus und lässt Beethovens Musik organisch fließen, ja natürlich "atmen". Die Grenze zum Manierismus ist da nicht weit und wird in den - aus Beethovens Klavierfassung destillierten - Kadenzen (mit originaler Paukenbegleitung und virtuell hinzugefügter zweiter Tonspur!) auch manchmal überschritten &ldots; Das tut dem aufregenden, unbedingten Spiel Patricia Kopatchinskajas indes keinen Abbruch und macht Appetit auf mehr.
Jung, hübsch und vernarrt in Alban Berg
Felix Stephan, Berliner Morgenpost, 17.10.2009: Jung, hübsch und bestens ausgebildet sind die Geigerinnen der Gegenwart alle. Doch keine unter ihnen elektrisiert wie Patricia Kopatchinskaja. Sie ist eine engelsgesichtige Musikbesessene, ein abenteuerhungriges Naturkind.
Barfüßig schwebte die 32jährige Moldawierin nun mit Alban Bergs betörendem Violinkonzert in die Philharmonie. Die Musik fuhr ihr geradezu in die Glieder. Kopatchinskajas Körper zuckte, ihre braunen Haare wirbelten. Sie tanzte eine spontane Choreographie der Freude und des Leids. Und das Wunder geschah: In Kopatchinskajas Gestalt und Antlitz spiegelte sich Manon Gropius - jenes tragisch früh verstorbene Mädchen, dem Alban Berg in seiner Musik ein Denkmal gesetzt hatte.
Hugh Wolff dirigierte das wohlgenährte Rundfunk-Sinfonieorchester in schlaksig verschnörkelter Manier. Eng umschlungen mit der Solistin trieben die Musiker dem lähmenden Tod entgegen...
Klassik
· CD · Rezensionen: Ludwig van Beethoven: Alle Werke
für Violine und Orchester (Konzert op. 61, Romanzen op. 40
u. 50, Konzertfragment WoO 5)
Patricia
Kopatchinskaja, Orchestre des Champs-Elysées, Philippe Herreweghe
naïve/Indigo
937642 (62 Min., 10/2008)
Christoph Braun in Rondo-Magazin, 10.10.2009 Seit ihrer Kreutzersonaten-Platte mit Fazil Say weiß man: Von Patricia Kopatchinskaja kann man allerhand erwarten nur keinen "klassisch" ausgewogenen Beethoven. Ihn wird auch jetzt jeder vermissen, der sich mit dem Violinkonzert einen beschaulichen Sonntagnachmittag machen will. "Frechheit!" wird er empört rufen, und wir stimmen ihm begeistert zu. Denn was sich die junge Moldawierin mit der wild fliegenden Haarpracht (das naïve-Label liebt offenbar solche Blickfänge) hier, bei ihrem ersten CD-Ausflug in das traditionelle sinfonische Repertoire leistet, zeugt von einer hinreißenden Respektlosigkeit vor der Traditionslast dieses anspruchsvollsten aller Violinkonzerte. Schon ihr erstes Zuwortmelden verstört, verzögert sie doch ihren kadenzartigen Eingang nach der Orchestereinleitung provozierend lang. Danach inszeniert Kopatchinskaja eine Tour de Force dynamisch ex- und implosivster Art, mit wütend herausgeschleuderten Spitzentönen und furiosem Passagenspiel, introvertiertestem Innehalten und innig ausgekosteten Kantilenen. Nicht zuletzt packt einen der verspielt-kratzbürstige Rondo-Witz. Über so viel bedingungslose und originelle Beethovenexpression hinaus ist eine Art historisch fundierter Quellenquerschnitt dieses Work in Progress zu erleben: Kopatchinskaja hat sich im Verbund mit Herreweghe, dem erfahrenen Großmeister der historisch informierten Aufführungspraxis, alle überlieferten Autografen angeschaut und die horrend anspruchsvolle Spiel- und Kompositionspraxis des Wiener Uraufführungssolisten Franz Clement in ihr schnörkelloses Spiel eingebaut. Da Herreweghes Orchester (wenn auch nicht bis zum Äußersten) konturenscharf mitmischt, bleibt nur die Frage: Was will man von einer Neuaufnahme mehr!? Zumal sich die junge Wilde in den beiden Romanzen und dem frühen Konzertfragment als Sängerin von fragiler Expressivität zu erkennen gibt.
«Originalität
und unendliche Wiederholungen»
- Beethovens
Violinkonzert mit Patricia Kopatchinskaja und Lisa Batiashvili
Wieder einmal
sind zwei neue, von jungen Interpretinnen eingespielte Aufnahmen des
Violinkonzerts von Ludwig van Beethoven erschienen. Während Lisa
Batiashvili auf bewährten Schönklang setzt, beschreitet
Patricia Kopatchinskaja neue Wege.
Jenny Berg, Neue Zürcher Zeitung vom 2.10.2009: Wer jenes Violinkonzert einstudieren wollte, das Ludwig van Beethoven 1806 innerhalb weniger Wochen komponierte und hastig niederschrieb, das er seinem Freund, dem Geiger Franz Clement, erst zwei Tage vor der Uraufführung zum Proben überliess, das dieser Freund dann spielte und mit einer Showeinlage für verkehrtherum gehaltene Geige anreicherte, das darum nicht ankam und in Vergessenheit geriet, bis es der 13-jährige Joseph Joachim 1844 unter dem Dirigat von Felix Mendelssohn Bartholdy wieder wachküsste wer dieses Violinkonzert spielen wollte, der brauchte bis anhin einen langen Atem.
Früh war es von einer Aura des Geheimnisvollen umhüllt; enorm war die Ehrfurcht, mit der man ihm begegnete, hartnäckig sein Ruf, unspielbar zu sein. Die Meister der Geigenpädgogik rieten, das Konzert erst ganz zum Schluss der Ausbildung zu erarbeiten, es dann in den Fingern reifen zu lassen, bis es ganz von Lebenserfahrung gesättigt und einer Aufnahme würdig wäre. Erst der durchkommerzialisierte Musikmarkt und sein Bedürfnis nach unverbrauchten Gesichtern brach mit dieser Konvention und schuf sich einen Reigen frühreifer Junggeiger, die ihr besonderes Talent an Ludwig van Beethovens Opus 61 unter Beweis stellen sollten.
Keine Schwere, keine Tiefe: Der Dunst der zur Überhöhung neigenden Interpretationsgeschichte hat sich mächtig über das Werk gelegt und behindert den klaren Blick. Schon 1807 beklagten Kritiker «die unendlichen Wiederholungen einiger gemeiner Stellen», die sich neben all dem mannigfaltig Schönen und Originellen in dem Konzert eben auch fänden. Und tatsächlich sind es heute genau diese beinahe redundanten, sich oft nur durch Rhythmisierung und Chromatisierung unterscheidenden Dreiklangsbrechungen und Tonleitern, welche die Einfallslosigkeit vieler Solisten offenbaren. Bisweilen ähneln diese Passagen verblüffend jenen berüchtigten Etüden, die dem fleissigen Geigenschüler zu technischer Exaktheit verhelfen sollen.
Auch Lisa Batiashvili scheint diese Schule durchlaufen zu haben. Die heute 29-jährige Georgierin, die seit vielen Jahren in Deutschland lebt, hat für ihre vierte CD-Aufnahme Beethovens Violinkonzert gewählt. Immerhin: Kein Pathos, keine übertriebene Ehrfurcht findet sich in ihrer Interpretation, keine Schwere aber auch keine Tiefe. Sehr akkurat artikuliert, sehr sauber intoniert sind all die virtuosen Passagen, im Tempo verlässlich wie ein Metronom.
In den Kantilenen strahlt ihr ausnehmend schöner Stradivari-Klang; die leichte Bogenführung und ihr massvolles, wärmendes Vibrato heben die Wiedergabe angenehm ab von manch anderer, manieriert überladener Einspielung. Und doch beginnt man sich bald zu langweilen der Redundanz wegen, stamme sie nun aus der Feder Beethovens oder dem Bogen Batiashvilis. Auch die von der Solistin angeführte Deutsche Kammerphilharmonie Bremen vermag es nicht, ausserhalb der farbkräftigen Tuttipassagen für Akzente zu sorgen, zu sehr verschwindet sie hinter Batiashvilis dominierendem Spiel.
Wieder einmal sind Vertreter der historisch informierten Aufführungspraxis involviert, wo ein ausgetretener Pfad der Interpretationsgeschichte verlassen und ein Werk, das man in allen Varianten zu kennen glaubte, neu ausgeleuchtet wird. Unter der Leitung von Philippe Herreweghe spielt das Orchestre des Champs-Elysées in gewohnter Manier auf Instrumenten der Beethoven-Zeit; es wählt auch die frischen Tempi, die von Carl Czerny, dem Schüler Beethovens, überliefert wurden, und glänzt durch seinen herben Klang wie durch die vielschichtige, fein austarierte Klangdramaturgie.
Vogelgezwitscher statt Etüden: Die Hauptrolle spielt freilich eine Geigerin, die alles andere als eine Spezialistin der alten Musik ist: Patricia Kopatchinskaja. Die 32-jährige, seit langem in Bern lebende Moldauerin hat sich vor allem durch ihre temperamentvolle Spielweise und ihren Einsatz für die zeitgenössische Musik einen Namen gemacht. Dass sie nun das Wagnis eingegangen ist und Darmsaiten auf ihre Pressenda-Violine aufgezogen hat, beweist ihren Mut und ihre Experimentierfreude, aber auch ihre Achtung gegenüber dem Werk und den Umständen seiner Entstehung.
Dabei geht sie weiter als die meisten und orientiert sich in ihrer Interpretation bewusst an der Spielweise jenes Geigers, für den Beethoven das Violinkonzert komponiert hat. Lieblich und elegant soll Franz Clement gespielt haben, mit einer unglaublichen Zartheit, ganz anders als seine «mit der Gewalt des Bogens» arbeitenden Zeitgenossen, wie ein Kritiker einmal bemerkte. Lieblich und zart spielt auch Kopatchinskaja diesen Beethoven, und das allein ist schon eine Überraschung, erwartete man doch nach ihrer fulminanten Einspielung von Beethovens Kreutzersonate, dass sie sein Violinkonzert mindestens genauso zupackend und energisch angehen würde.
Stattdessen flüstert sie auf ihrer Geige mehr, als dass sie schreit, huscht sie zart und flink mit dem Bogen über die Saiten, erzeugt sie Vogelgezwitscher, wo andere ihre Etüden absolvieren. Die zaghafte, fast verletzliche Suche nach einem interpretatorischen Ausrufezeichen ist eine neue Seite an Kopatchinskajas immer wieder faszinierend abwechslungsreichem Geigenspiel.
Gewagte Kadenzen: Dass man zwischen all den überraschenden Wendungen den grossen dramaturgischen Bogenschlag ein wenig vermisst, mag in den Kadenzen begründet liegen, die Kopatchinskaja der Klavierfassung des Konzerts entnommen hat. Denn hier peitscht sie ihre Violine, jagt über halsbrecherische Skalen und erzeugt schale, gespenstische Klänge. Schon allein diese Kadenzen sind ein Spektakel sondergleichen. Und selbst wenn die neuen Wege, die Kopatchinskaja und Herreweghe hier einschlagen, bisweilen gewagt erscheinen, so ragt die Aufnahme doch weit über das Übliche heraus. Sie zeugt von einer im besten Sinne zeitgemässen Herangehensweise, die in Beethovens Violinkonzert nicht nur Pathos und Fingerakrobatik findet, sondern vor allem eines: Musik.
Ludwig van Beethoven: Violinkonzert in D-Dur, op. 61; Sulkhan Tsintsadze: Miniatures. Lisa Batiashvili (Violine und Leitung), Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, The Georgian Chamber Orchestra. Sony Classical 88697334002 (1 CD).
Ludwig van Beethoven: Violinkonzert in D-Dur, op. 61, Romanzen op. 40 und op. 50, Violinkonzert WoO 5 (Fragment). Patricia Kopatchinskaja (Violine). Orchestre des Champs-Elysées, Leitung: Philippe Herreweghe. Naïve 5174(1 CD).
Beethoven-Violinkonzert mit Kopatchinskaja (CD Naïve)
Uli von Erlach in Schweizer Illustrierte vom 27.9.2009: Patricia Kopatchinskaja, die «Junge Wilde» unter den Geigerinnen, spielt den Klassiker mal rau und fadengrad direkt, dann wieder mit grossem, warmem Klang. Und überrascht bei Kadenzen und kleinen Details mit neu Gehörtem. Erfrischend! Dirigent Herreweghe ist dafür genau der richtige Partner.
CD-Kritik: Eher formvollendet als formsprengend
H.L. in Frankfurter Rundschau vom 22.9.2009: Seit ihrer Zusammenarbeit mit dem Pianisten Fazil Say haftet der Geigerin Patricia Kopatchinskaja das Image einer jungen Wilden an, die Beethoven mit einem ungestümen Ausdruckswillen konfrontiert. In Beethovens Werken für Orchester und Sologeige, die sie jetzt mit dem Orchestre des Champs-Elysées unter Philippe Herreweghe eingespielt hat, scheint sie diesen Ruf konterkarieren zu wollen, allerdings nicht auf Kosten des emotionalen Ausdrucks.
Ihre Herangehensweise an Beethovens Violinkonzert op. 61 etwa scheint eher elegant und klangsinnlich als eruptiv und eher formvollendet als formsprengend. Die Tempi sind vergleichsweise bedächtig und folgen einer vertretbaren historischen Lesart: umso besser entfaltet sich ihr zahnseidiger Ton und die Nuancen, von denen ihr eine unglaubliche Palette zur Verfügung zu stehen scheint. Herreweghes klare Orchesterarbeit schafft eine ideale Bühne dafür, so dass hier in einem nicht aufgerissenen Rahmen ein pralles Maximum an Differenziertheit Platz findet, das der Musik eine enorme Präsenz gibt, ohne dass aufgeschäumte Wildheit an die Wand gemalt würde.
Meisterhaft
- Beethoven ohne Gebrauchsspuren
Beethoven
Violinkonzert / Romanzen / Kopatchinskaja / Orchestre des Charnps
Elysees naive
bli in Basler Zeitung vom 19.9.2009: Zögernd fast ängstlich betritt die Violine in Patricia Kopatchinskajas Interpretation des Violinkonzerts von Beethoven das Podium. Ihr feines Piano und ihr schlanker Ton sind eine Absage an den grossen triumphalen Virtuosenton Dann fällt eine kleine Tonleiter auf die von der Solistin locker eingefügt wird Es bleibt nicht die einzige «Lizenz» in ihrem zunehmend packenden die Solistenrolle kreativ auslegenden Beethoven Spiel Die aus Moldawien stammende 32 jährige Geigerin erfüllt unter Philippe Herreweghe noch jede kleine Sequenz mit individuellem Ausdruck und gestaltet das Werk zugleich aus dem Augenblick heraus und reflektiert Ihre überragende Technik und die aufmerksame Begleitung tragen das Ihre zur Meisterinterpretation bei Gewinnend auch die Violinromanzen und das kurze Fragment eines C Dur Violinkonzerts.
Feuer in der Nacht - Fazil-Say-Trio in den Wagenhallen
Von Dietholf Zerweck in Esslinger Zeitung, 12.9.2009: Die Strategie des Bachakademie-Intendanten Christian Lorenz, das Stuttgarter Musikfest an vielen neuen Orten zu verankern, sorgt für manche überraschenden Eindrücke. Feuer lodert aus zwei großen Scheiterhaufen im sandigen Terrain vor den Wagenhallen am Nordbahnhof, Funken fliegen in den Stuttgarter Nachthimmel, die ganze Szenerie wirkt wie die Einstimmung fürs Musikfest-Motto 2010 (Nacht). Wohl wenige der Besucher des Nachtkonzerts mit dem Fazil-Say-Trio waren schon mal hier im alternativen Künstlerdomizil der seit Jahren vom Abriss bedrohten Wagenhallen. Man genießt das Backstein-Ambiente zwischen kultivierter Lagerfeueratmosphäre.
Pianistische Lichtfunken: Hier hinein passt der Auftritt von Fazil Say mit seinen Mitspielern, der Geigerin Patricia Kopatchinskaja und dem türkischen Darbuka-Virtuosen Burhan Öcal. Alla turca ist an diesem Abend so etwas wie der rote Faden durchs Programm, das Say mit einer kleinen Rede beginnt. Manchmal habe ich Lust, ganz verrückte Sachen zu machen, versichert er. Als ob man das von dem genial-exzentrischen Pianisten nicht schon wüsste. Entstehungsmusik will er passend zum Licht-Thema des Festivals machen, gucken wir, ob das gut ist oder nicht. Nun lässt er im höchsten Diskant, rhapsodisch umsponnen von der linken Hand, pianistische Lichtfunken sprühen, die sich wie durch Zauberei im Andante-Thema von Mozarts A-Dur-Sonate niederschlagen. Die Variationen aus dieser Sonate spielt Say ganz - manchmal, wie in den leise mitgesummten Passagen oder der schmachtenden Mimik und Gestik der rubatoseligen langsamen Teile, wie eine Parodie seiner selbst. Doch sein eigenes, als Zugabe bekanntes Black Earth nimmt er ganz ernst, mit einer Hand im Klavierkörper.
Fauchen und knallen: Dann kommt Kopatchinskaja zu ihm auf die kleine Bühne. Die moldawische Barfuss-Geigerin kann es an Exzentrik mit Say jederzeit aufnehmen. Bela Bartóks Rumänische Volkstänze bersten vor explosiver Dynamik. Seine eigene Violinsonate hat Say der Partnerin eh auf den Leib geschrieben: Ihr Geigenton kann fauchen und knallen, schmeicheln und rasen, die dynamische Energie beider Spieler ist ungeheuer. Und um den improvisierten Charakter ihres Auftritts zu unterstreichen, spielen sie die Say-Sonate natürlich nicht der Reihe nach, sondern: vierter, zweiter, dann dritter Satz. Ein bisschen Virtuosität (Paganini), ein bisschen Jazz (Summertime) nach der Pause, ein paar tolle Improvisationen von Say und dem sein türkisches Perkussionsinstrument im Zehnachtel-Takt schlagenden Burhan Öcal, dann noch mal Mozart zu dritt: dessen Alla Turca aus der A-Dur-Sonate mit Hillbilly-Gefiedel, Beethovens Elise als Musikkabarett. Doch das von Öcal gesungene und von Say andächtig begleitete türkische Volkslied zum Schluss wird durch Kopatchinskajas geigerische Spiccati und Tremoli zum kleinen Kunstwerk. Nach Mitternacht leuchten noch immer die Feuer.
Ein mitreißendes Duo - Der Pianist Fazil Say und die Geigerin Patricia Kopatchinskaja wurden im Kunstraum Klosterkirche in Traunstein bejubelt.
Horst Reischenböck auf www.drehpunktkultur.at vom 11.9.2009: Bach zu Beginn: die Sonate h-Moll BWV 1014 wurde von den beiden kongenialen Partnern mit gedanklicher Strenge aber auch rhapsodisch frei ausschwingend vorgetragen. Bereits der erste angeschlagene Ton ließ aufhorchen: Gelang es doch Say spontan, in eine überirdische Aura abgeklärter Ruhe zu führen. Beeindruckend, ja grandios, wie er jedem weiteren Akkord nachsinnend eigene Valeurs vermittelte. War das noch überhaupt ein Steinway unter seinen Fingern? Genauso keusch, verhalten stieg auch Patricia Kopatchinskaja ins Geschehen ein, mit auf ein Minimum reduziertem Vibrato, vollkommen im Einverständnis.
Beethovens Sonate G-Dur op. 30 Nr. 3 kam mit stürmischem Drive und bewusster Freude am Ausspielen drastischer Elemente daher. Fulminant akzentuierten Kopatschinskaja und Say, raffiniert ausgehorcht stellten sie den markanten Rhythmen zarte Lyrismen gegenüber. Mit sechs Transkription aus Manuel de Fallas Canciones populares espagnoles setzten sie der musikantischen Präsenz noch eins drauf.
Der kapitalste Brocken war freilich Prokofjews Sonate f-Moll op. 80. Erste Skizzen entstanden 1938 nach dem Hören von Werken von Georg Friedrich Händels, vollendet wurde die Sonate aber erst acht Jahre später. Widmungsträger David Oistrach, der sie zum Abschied vor dem aufgebahrten Komponisten spielte, war der Ansicht, dass in der ganzen Welt viele Jahrzehnte lang kein an musikalischer Schönheit und Tiefe gleiches Werk für Violine erschien.
Nehmen sich Künstler wie Say/Kopatchinskaja des Werks voll glühender Leidenschaft an, dann wirken die vier zyklisch durch ein Zitat vom Ende des Finales - verbundenen Sätze wie aus einem Guss: berührend verhalten wie über einen Kirchhof streichenden Winde...
Von der Wiederbelebung einer klassischen Leiche - Beethoven zart und zerbrechlich. Patricia Kopatchinskaja unterläuft mit ihrem neuen Album das Image der kratzbürstigen Kampfgeigerin
Olivier Meier, Berner Zeitung vom 10.9.2009: Patricia Kopatchinskaja kann sich nicht über fehlende Aufmerksamkeit beklagen. Seit letztem Herbst, als die gebürtige Moldawierin ihr erstes Studioalbum auf den Markt brachte, geht die Post ab vor allem in Deutschland: «Der Spiegel» und «Die Welt» widmeten der «Wunder-Violinistin» längere Artikel, und auch in der ARD-Sendung «Titel, Thesen, Temperamente» tauchte sie an prominenter Stelle auf. Erstaunlich ist das kaum: Nicht genug damit, dass sich eine Geigerin als «ungekämmte Wildsau» unter «Hausschweinen» bezeichnet und der Überzeugung Ausdruck verleiht, dass Meister Beethoven «auch gestunken» habe. Kopatchinskaja spielt, wie sie spricht: erfrischend direkt, stets mit Notenblatt, aber gerne ohne Schuhe, mit dem Anspruch, die alten Meister in ihrer Radikalität neu zu entdecken und beleben.
Geist der Improvisation: Für ihr zweites Album hat sie sich einer klassischen Leiche angenommen: Beethovens Violinkonzert ist effektvoll totgespielt worden, ohne dass man sich gross für die Originalquelle und die Entstehungsgeschichte interessiert hätte. Kopatchinskaja tut es, und was sie ans Licht bringt, klingt verblüffend: Viel ist zu hören vom Geist der Improvisation, der dort zu finden ist, wenig von der kratzbürstigen Kampfgeigerin mit ihrem viel gelobten Flair fürs Hässliche. Zart und zerbrechlich wirkt manches, doch stets eingebettet in einen natürlichen, glasklaren Fluss. Nur in der Kadenz des Kopfsatzes kommt die «ungekämmte Wildsau» etwas zum Vorschein: Eine Achterbahnfahrt zweier Soloviolinen nimmt ihren unheilvollen Lauf. Und man reibt sich die Ohren angesichts der Hemmungslosigkeit, mit der hier eine Geigerin in die Trickkiste der Aufnahmetechnik gegriffen hat, die sich lange dagegen verwahrte, überhaupt ins Studio zu gehen. Fünf «Uraufführungen» Man sieht schon: Kopatchinskaja versteht es, Erwartungen zu unterlaufen.
Noch lieber als im Studio tut sie das allerdings im Konzertsaal. Jede Komposition soll klingen, als ob sie das erste Mal gespielt würde, meint sie. Und man hat wenig Grund, daran zu zweifeln, dass das auch für ihren Auftritt in Bern gilt: Auf dem Programm stehen Werke von Galina Ustvolskaja, Sofia Gubaidulina, John Cage und Johann Sebastian Bach, «uraufgeführt» von der Wahlbernerin im Klanggespräch mit dem Berner Cellisten Thomas Demenga und der rumänischen Pianistin Mihaela Ursuleasa.
Neue CD: Patricia Kopatchinskaja/Philippe Herreweghe/Orchestre des Champs-Elysées: Beethoven. Gesamtwerk für Violine und Orchester, Naïve.
Auftritt: Mi, 16.9., 20 Uhr, Dampfzentrale Bern. www.dampfzentrale.ch
Reinhard J. Bembeck in Süddeutsche Zeitung vom 10.9.2009: Beethovens Violinkonzert ist ein ziemliches Rätsel. Einerseits ist das Stück ungeheuer beliebt bei Geigern wie beim Publikum, andererseits gibt es kaum Aufnahmen, die den Notentext respektieren. Schon Beethovens Zeit hatte ihre Probleme mit diesem Konzert, das so seltsam Lyrk mit Marschdramatik kombiniert. Erst die Romantik entdeckte das Stück. Allerdings entstand wohl schon damals die noch heute fast ausschliesslich verbreietete Aufführungstradition, die dem Solisten eine Reihe von Freiheiten einräumt, die sich kein Pianist und kein Dirigent bei Beethoven herausnehmen dürfte, ohne als hoffnungslos veralteter Säusler abgetan zu werden. Aber offenbar traut kein Geiger Beethovens Noten, offenbar ist die Geigenwelt der Ansicht, dass dem Solopart nur mit einer Reihe von teils erheblichen Temposchwankungen und einem auf Bedeutungsschwere getrimmten Ansatz aufzuhelfen ist.
Jetzt haben auch die Junggeigerinnen Janine Jansen und Patricia Kopatchinskaja Einspielungen vorgelegt, und auch hier trifft man - Jugend scheint besonders anfällig für Nachahmung - auf die rubatogesättigte romantische Auffassung des Soloparts. Das ist umso erstaunlicher als die Geigerinnen sich zweier Experten in Sachen historischer Aufführungspraxis versichert haben. Jansen (Decca) wird begleitet von Paavo Järvi und der Deutschen Kaqmmerphilharmonmie Bremen, aber die spielen hier längst nicht so spannend aufgerauht wie in ihrem Beethoven-Symphonien-Zyklus (RCA).
Die sehr viel neugierigere und risikoaffinere Kopatchinskaja (Naive) aber lässt sich auf die historische Aufführungspraxis ein und hat Philippe Herreweghe und sein Orchestre des Champs Elysées für sich gewonnen - da gelingt deshalb die interessantere Lesart, plastischer, spannungs- und kontrastreicher. Denn die alten Instrumente garantieren sehr viel mehr Transparenz und Farbe, sie zeigen auch viel deutlicher, wo Beethoven an die Grenzen geht - allein schon, weil der Geigenton in der Höhe silbriger klingt, ultimativer.
Eines langen Tages Reise in die Nacht - Musikfest Stuttgart im Selbstversuch: Musikfest-Tage sind oft lang. Im Extremfall reichen sie von armenischen Kirchengesängen am frühen Morgen bis hin zu einem Nachtkonzert mit Fazil Say, Patricia Kopatchinskaja und Burhan Öcal.Wir haben am Dienstag den Musikfest-Konditionstest gewagt.
Susanne Benda in Stuttgarter Nachrichten vom 10.9.2009: ...Dann aber rasch auf zum Nachtkonzert des Fazil-Say-Trios in die Wagenhallen. Viele Besucher, die noch nie dort waren, waren bezaubert. "Da hilft uns", freute sich einer, "ausgerechnet die Bachakademie bei der Entdeckung unbekannter Orte in unserer Stadt." Der Mann will wiederkommen; er wird nicht der Einzige sein - auch weil das Konzert selbst schließlich zur Krönung des ganzen Tages geriet. Indem der türkisch-deutsche Pianist Fazil Say zu Mozarts bekannter A-Dur-Sonate improvisierte, indem die Barfuß-Geigerin Patricia Kopatchinskaja Bartãks Rumänische Volkstänze aus dem Geist der Volksmusik neu definierte und indem Burhan Öcal auf verschiedenen Trommeln auch Klassischem einheizte, gelangte selbst Abgenudeltes (Paganinis 24. Caprice, Beethovens "Für Elise", Gershwins "Summertime") wieder zurück zu seinen Wurzeln: zu Volksmusik und Improvisation. Erst lange nach Mitternacht - Götz Lembergs Licht-Spiele an der Heilbronner Straße spielten immer noch mit dem Motto des Musikfests - war der intelligente, witzige, hoch virtuose Dialog dreier Musiker zu Ende, und obwohl das musikalische Fest an diesem Tag gut 17 Stunden gedauert hatte, war"s am Ende doch mehr Spaß gewesen als Arbeit. Zumindest für das Publikum.
Musikfest: Der Pianist Fazil Say mit Freunden.
Clemens Haustein in Stuttgarter Zeitung vom 10.9.2009: ...Wer im Anschluss an das Konzert zu den Wagenhallen am Nordbahnhof weiterzog, bekam Kontraste und Klangextreme in Hülle und Fülle nachgeliefert. Grenzenlose Freiheit im musikalischen Ausdruck - vermutlich macht das den Pianisten Fazil Say zu einem der bedeutendsten Musiker unserer Zeit. Klassik? Jazz? Komposition? Improvisation? Bei ihm fließt alles ineinander. "Heute spielen wir zuerst den vierten und dann den dritten Satz" - so lautet eine seiner Ankündigungen.
Durchaus gewöhnungsbedürftig ist seine Freiheit, wenn er sich an Mozarts A-Dur Sonate KV 331 macht. Im Variationssatz ist von schroff knallenden Tönen bis genial ausgekosteter Geste alles dabei. Das Alla-Turca-Finale klingt, als sei eine ganze Armee von Zimbelspielern unterwegs - alles ist aus dem unmittelbaren Moment geschöpft. Eine weitere Steigerung gelingt mit der Geigerin Patricia Kopatchinskaja und mit dem Percussionisten Burhan Öcal. Wie die Berserker zelebrieren sie die in Bartoks Rumänischen Tänzen ausgedrückten Urkräfte. Das hat eine Unmittelbarkeit, die einen gebannt zurücklässt - und fast ein wenig erschrocken.
Erfrischend - Ludwig van Beethoven: Violinkonzert op. 61, Romanzen opp. 40 und 50, Violinkonzert woo 5 (Fragment). Patricia Kopatchinskaja, Violine. Orchestre des Champs-Elysées, Philippe Herreweghe. CD Naive V5174
Benjamin Herzog auf www.klassikinfo.de vom 8.9.2009: Jedes Mal ist sie wieder spannend: die Tutti-Exposition zu Beethovens Violinkonzert. Auch bei Philippe Herreweghe und dem Orchestre des Champs-Elysées liegt Spannung in der Luft. Schon ab den ersten vier Paukenvierteln. Und das, obwohl es Herreweghe im Folgenden eher von der melodischen Seite nimmt. Er lässt mehr singen, als dass er formuliert. Gespannt ist das Ohr auch deshalb, weil an diese CD eine Erwartung geknüpft ist: Historisierende Aufführungspraxis trifft auf Geigerin, die in Europas Konzertsälen unter dem Etikett "junge Wilde" auftritt. Vorläufig noch. Die Rede ist von der Wahlschweizerin Patricia Kopatchinskaja.
Beethoven ist ihr erster Versuch auf Darmsaiten. Kopatchinskaja behauptet sich souverän. Und - das ist sofort hörbar - ohne jede Kraft. Die Musik strahlt aus ihr heraus. Die Geigerin singt mit größter Zartheit, getragen von flüssigen Tempi. Eine Solistin, die ätherisch in Höhen entschwebt, das ist für Kopatchinskaja eigentlich untypisch. Scheinbar folgt sie hier dem "unbeschreiblich zarten" Spiel des Geigers, der Beethovens Violinkonzert 1806 aus der Taufe hob: Franz Clement. Temperamentvoll wird es dann doch noch: In der Kadenz, wo sogar plötzlich zwei Sologeigen Tonleitern hoch und nieder rasen Kopatchinskaja im Playback. Ein technischer Trick für die CD, nicht gerade "aufführungspraktisch", und doch... Der Grund für die solistische Duplizität ist die (von vielen Geigern gespielte) Klavierkadenz Beethovens, die auch Kopatchinskaja gewählt hat, der sie sich aber in einer selbst geschriebenen Spezialfassung von zwei Seiten her nähert und somit genauer am Original ist. Mut zur Originalität beweist das und ist zugleich gut recherchiert. Solche Rechercheergebnisse hält die Aufnahme schon vorher bereit: Kopatchinskaja greift auf verschiedene historische Alternativfassungen zurück. Hier eine unbekannte Wendung, dort ein paar Töne anders. Das stellt die Absolutheit des Werkganzen in Frage. Ein kleines Kratzen am großen Komponisten. Erfrischend.
Ist dieser Beethoven so gar nicht "wild", so spiegelt die Aufnahme doch Patricia Kopatchinskajas unbedingte Fähigkeit zu klanglichen und agogischen Feinheiten, zu einem geschmackvollen und zugleich frischen Spiel. Eine Seite, die in der Wahrnehmung dieser in fulminantem Aufstieg begriffenen Solistin nicht unterbelichtet bleiben sollte.
Neben dem Konzert und den Romanzen für Violine und Orchester findet sich auf der CD das Fragment eines frühen, höchstwahrscheinlich noch aus der Bonner Zeit stammenden Violinkonzerts in C-Dur. Stürmisch, draufgängerisch, neckisch spielt hier nicht nur die Solistin, sondern zeigt sich auch der Komponist. Sprünge über mehrer Oktaven, hochvirtuose Läufe - vieles ist anders als im D-Dur-Konzert. Doch bevor das Fragment nach sieben Minuten abbricht, hört man durchaus Ideen, die Beethoven in op. 61 später wieder verwendete. Solche Doppelgleisigkeiten gibt es bei ihm sonst nie. Komponierte er ein zu Lebzeiten verlorenes Konzert nach?
Tonhalle: Auftakt mit Teufelsgeigerin
Michael-Georg Müller, Neue Rhein Zeitung vom 6.9.2009: Düsseldorf. Wenn ein Generalmusikdirektor seinen Posten antritt und das erste Konzert mit seinem neuen Orchester dirigiert, erwartet man einen Knaller. Zumindest ein spannungsreiches Programm, mit dem er den Abonnenten Appetit auf die kommende Saison macht.
Doch Andrey Boreyko wählte neben einem Dauerbrenner, Mendelssohn-Bartholdys e-moll-Violinkonzert, zwei nahezu unbekannte, musikgeschichtliche Nebenwerke von Strawinsky und Tschaikowski für sein Debüt aus. Einziger Clou in Boreykos Programm, der gerade als Programm-Macher so gut sein soll, ist die Geigerin Patricia Kopatchinskaja.
Das Publikum erobert: Die moldawische Musikerin macht vieles anders als ihre Kolleginnen. Sie ist auch alles andere als ein sanftes Geigenmädchen. Sie spielt wild, leidenschaftlich und lässt ihren Emotionen freien Lauf. Dass ihr in schnellen Phasen manche Fehler unterlaufen, dass sie die Saiten reißt, manchmal schmiert und dem Orchester davonjagt - all' das provoziert und polarisiert das Publikum. So setzten schon in der Pause heftige Diskussionen über die Qualität der Kopatchinskaja ein. Kann man dieses? Darf man jenes?
Man liebt oder hasst sie. Dass sie ungeschminkt und barfuss auftritt und ihren Oberköper samt ihrer wertvollen Pressenda-Geige in die Notenblätter bohrt, verzeihen ihr selbst zugeknöpfte Kritiker. Aber: Muss eine 32-jährige internationale Violin-Virtuosin den Mendelssohn nicht auswendig beherrschen? Sie muss nicht, das bewies die Kopatchinskaja und eroberte mit ihrem Dynamit geladenen Spiel das Publikum. Jeder spürt; Die Kopatchinskaja ist echt, meint's ernst mit ihren Emotionen, spielt nichts Falsches vor. Ausgelassene Begeisterung, Johlen und Pfeifen für die junge Wilde. Fast wie bei einem Popstar...
Tosender Jubel für die barfüßige Violinistin
fes. in Berliner Morgenpost vom 5.9.2009: Spektakulärer geht's nimmer. Zum ihrem Saisonauftakt hatte die Staatskapelle auf dem Bebelplatz über 53 000 Zuschauer gratis beglückt. Nun kam nun der kostenpflichtige Nachschlag in der Philharmonie: Strauss' monumentale Alpensinfonie, ein Paradestück für Spitzenorchester.
Mit stattlicher Selbstgewissheit zog Dirigent Philippe Jordan die Musiker durch die Berglandschaft. Der 34jährige hochgewachsene Shootingstar, mittlerweile ein beliebter Gastdirigent der Staatsoper, zelebrierte das aufgeräumte Chaos. Bei ihm gab es kein andächtiges Verweilen auf der Bergspitze, kein Versinken in Naturschönheit. Stattdessen: eine stets bis zum Bersten gespannte Staatskapelle, effektstark und stolzgeschwellt.
Vielleicht lag es an Ligetis Violinkonzert in der ersten Konzerthälfte, dass an diesem Abend einige Plätze leer geblieben waren. Schade, denn die Kombination Strauss-Ligeti hatte es in sich. Epischer Wildwuchs traf hier auf filigrane Formen, verschwenderische Musikermassen auf kammermusikalische Intimität. Die Moldawierin Patricia Kopatchinskaja eroberte ihr Publikum barfüssig und im Sturm. Ligetis Violinkonzert fuhr ihr direkt in den Körper, ließ ihn wirbeln und zucken. Tosender Applaus und drei Zugaben. Für Ligetis' Violinduos nach rumänischen Volksliedern griff sich Kopatchinskaja kurzerhand den Konzertmeister.
Klangexplosionen: Philippe Jordan und die Staatskapelle Berlin
Isabel Herzfeld in Berliner Tagesspiegel 5.9.2009: Männer und Frauen passen nicht zusammen. Klavier und Geige auch nicht. Und schon gar nicht die Komponisten György Ligeti und Richard Strauss: Filigran und immer dem Allerneuesten auf der Spur der eine, bombastisch und retrospektiv der andere. Weit gefehlt! Wenn Philippe Jordan die Anfangsklänge der Strauss- schen Alpensinfonie zelebriert, ein aus dem Nichts aufsteigendes Wogen und Raunen, dann erscheint das gar nicht so weit entfernt von den flirrenden Bewegungen aus Ligetis Violinkonzert. Furchtlos reizt Jordan mit der Staatskapelle Berlin das klanggewaltige Pathos der Alpensinfonie aus, schafft spannenden Zusammenhalt, entwirft plastische Bilder von eisblitzenden Gletschern, Gipfeln und Gewitterstürmen und schlägt aus dem deutschen Klang des Orchesters dunkelglühende Funken.
Wie Strauss schöpft auch Ligeti alle Möglichkeiten seines Instrumentariums aus. Dass er für den Orchesterpart seines 1990 uraufgeführten Violinkonzerts nur 23 Musiker benötigt, merkt man seiner rauschhaften Farbigkeit nicht an. Da explodiert die Philharmonie vor Klang. Patricia Kopatchinskaja, barfuß herumtänzelnd, spielt als Solistin einzelne Orchesterkollegen offensiv an und stößt erstaunte (allerdings partiturgerechte) Ausrufe aus. Völlig ungezwungen entfaltet hier Neue Musik ihre Unmittelbarkeit und Unterhaltsamkeit, ein Kinderspiel der Experimentierlust und Kreativität. Nach zwei Ligeti-Zugaben ironisch aufgepeppter Folklore einerseits sowie einer glissando- und pizzikatogespickten Irrwitzigkeit andererseits ist schwer zu entscheiden, wer mehr Beifall erntet: Ligeti oder Strauss.
Fast sprühen die Funken von den Saiten
Rebecca Hack in Allgemeine Zeitung Mainz vom 11.8.2009: Mit faden Hörgewohnheiten räumen sie gründlich auf - das haben Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say am Sonntag im Budenheimer Schloss Waldthausen bewiesen. Vibrierende Spannung, energetisches Spiel und folkloristische Klänge schlagen den Bogen bei einem Konzert der Spitzenklasse im Rahmen des Mainzer Musiksommers. Beethoven, Say, Bártok und Ravel haben die aus Moldawien stammende Violinistin und der in Ankara geborene Pianist ausgewählt, eben jenes Programm, mit dem sie Anfang dieses Jahres bereits für Furore gesorgt hatten: Die Einspielung, ihre Debüt-CD, wurde mit dem Echo-Klassik-Preis ausgezeichnet. Das Duo legt damit die eigene Messlatte für den Abend hoch.
Beethovens Sonate A-Dur op. 47, die so genannte "Kreuzersonate", bildete den Anfang. Ein Zeitgenosse des Komponisten, Kritiker der "Allgemeinen Musikalischen Zeitung", glaubte in dem von Beethoven im Jahr 1803 geschriebenen Werk einen "ästhetischen oder artistischen Terrorismus" zu hören. Und eben dieser latente Terrorismus ist es, den Kopatchinskaja und Say gemeinsam auf die Spitze treiben und mit dem sie ihr Publikum von Beginn des Konzertes an fesseln. Beinahe überkorrekt lesen sie Beethovens Intention, lassen seine Kontraste ungebremst aufeinanderprallen und seine schroffen Wendepunkte unter ihren Händen fast brachial klingen. Besonders Patricia Kopatchinskaja, barfüßig und mit offenem Haar, geht forsch vor. Die Faszination, die von ihrem Spiel ausgeht, ist enorm. Im expressiven Presto des Finalsatzes erwartet man gar, im nächsten Moment Funken von ihren Saiten springen zu sehen.
Einen klanglichen Kontrast bildet Fazil Says 1997 entstandene Sonate für Violine und Klavier, geprägt von dem Spannungsverhältnis aus türkischer Volks- und Kunstmusik und westlichem Einfluss. Die fünfsätzige Sonate basiert weitgehend auf türkischen Skalen und scheint dem Duo auf den Leib geschrieben - auch wenn Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say erst seit 2006 zusammenarbeiten. Ihr Spiel ist perfekt aufeinander abgestimmt, jeder lässt dem anderen Raum, sich zu entfalten. Beide Musiker zeichnen ihr extrem selbstbewusstes, energetisches Spiel und der Mut zu eigenwilligen Interpretationen aus. So auch in Béla Bártoks sechs rumänischen Volkstänzen und in Ravels Sonate in G-Dur. Und so lassen Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say ein atemloses und berauschtes Publikum zurück: Erwartung übertroffen!
Showeinlagen - Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say in Budenheim
Guido Holze, Rhein- Main-Zeitung vom 11.8.2009: Langweilig wird es dem Publikum mit Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say nicht. Schon optisch agieren die aus Moldawien stammende Violinistin und der türkische Pianist und Komponist so extrem, als ginge es ihnen um einen Gegenentwurf zum vermeintlich steifen klassischen Vortrag und die möglichst deutliche Visualisierung ihrer unkonventionellen Musizierhaltung. Kopatchinskaja, die stets barfüßig auftritt, was beim Mainzer Musiksommer auf Schloss Waldthausen in Budenheim infolge eines bodenlangen Kleids kaum sichtbar wurde, tanzt beim Spielen mit kreisendem Oberkörper manchmal geradezu herum und schneidet Grimassen. Say seinerseits beugt sich, mitunter fast in der Horizontalen, zu ihr hinüber und dirigiert sein eigenes Klavierspiel, sobald er eine Hand dazu frei hat.
Das alles findet seinen Niederschlag im klanglichen Resultat. Im Kopfsatz von Beethovens Violinsonate Nr. 9 A-Dur op. 47 ("Kreutzer-Sonate") waren aufs äußerste geschärfte Kontraste zu hören - sowohl, was die Tongebung zum Leisen und Zarten wie zum Wilden, Kratzigen und Hässlichen hin anbelangt, als auch, was die Tempowahl vom Fast-Stillstand bis hin zu enormer Rasanz betraf. Das bewegte sich hart am Rande einer noch legitimen Übertreibung, zumal dort, wo Say dem modernen Instrument Fortissimi entlockte, die besser zu Prokofjew gepasst hätten und am historischen Hammerflügel undenkbar gewesen wären. Der Witz des Mittelsatzes mit den ständigen Synkopen jedoch kam, dank eigenartiger Phrasierungen und verstärkt durch die Körpersprache Kopatchinskajas, bestens heraus.
Mutig hatte Say seine eigene, 1997 entstandene Violinsonate op. 7 zwischen die Werke der großen Komponisten auf das Programm gesetzt. Im direkten Vergleich mit Ravel und Bartók, deren Einfluss spürbar war, wurde deutlich, dass zum Teil auch ein nicht 1970, sondern hundert Jahre zuvor geborener Komponist Autor des Werks hätte sein können. Anfang und Ende klangen ungebrochen neoromantisch. Wenn Ravel in seiner zum Abschluss gespielten Violinsonate Nr. 2 G-Dur einen Blues sublimiert, so spielten in Says Komposition auf direktere Art Funk und Jazz-Rock hinein. Anklänge an türkische Musik fanden sich in der vom Klavierpart dominierten Sonate vor allem in einem Abschnitt, der in entsprechenden Skalen auf gedämpften Saiten des Flügels zu spielen war.
Im äußerst musikantischen, showreifen Vortrag schlossen sich "Sechs rumänische Volkstänze" Sz 68 von Bartók an, ursprünglich für Soloklavier gesetzt, hier jedoch in einer Bearbeitung mit Violine zu hören. Das passte, da volksmusikalisch inspiriert, gut. Wieder war die Interpretation des Duos eindeutig und alles andere als lau. Dass auch eine leise Innenschau möglich und nicht alles einfarbig war, zeigte sich danach zu Beginn der Ravel-Sonate. Sie war passend im Stil der "Roaring Twenties" gestaltet, lärmend, im Blues mit rabiatesten Pizzikato-Arpeggien, derben "Blue Notes" und Tonverschleifungen. Das Artifizielle der Komposition blieb dabei allerdings auf der Strecke.
Wild war die Zugaben-Show: "Crin", ein Werk für Solovioline aus der Hand des 1969 geborenen chinesisch-venezolanischen Komponisten Jorge Sanchez-Chiong, erforderte ständiges Mitskandieren und glissandoartige Stimmgeräusche von Kopatchinskaja, die von Say und ihr gemeinsam verrockte Version von "Für Elise" heizte die Stimmung weiter auf. Zu dem mit Versatzstücken nach Art Fritz Kreislers spielenden Stück "Rag-Gidon-Time" von Giya Kancheli ließ die Violinistin am Ende sogar den Takt mitklatschen.
Faust und Melnikov spielen Beethoven"Complete Sonatas for piano and violin"
Jörg Königsdorf im Berliner Tagsspiegel vom 6.8.2009: Beethoven die Violinsonaten war die Gesamtaufnahme betitelt, die Anne-Sophie Mutter vor elf Jahren als erste Geigerin überhaupt! vorlegte. Complete Sonatas for piano and violin steht dagegen in historisch korrekter Reihenfolge auf der neuen Einspielung von Alexander Melnikov und Isabelle Faust (harmonia mundi). Ein Unterschied, der auf den ersten Blick nach philologischer Haarspalterei aussieht, aber in knappstmöglicher Form den Perspektivenwechsel charakterisiert, den Deutschlands klügste Geigerin und ihr Klavierpartner vornehmen...
...Und in jeder der zehn Sonaten hört man nicht nur zwei Instrumente, sondern plötzlich auch den Raum zwischen ihnen: Jedes Motiv, jeden noch so kleinen Einwurf beziehen die beiden auf ihr jeweiliges Gegenüber, Einfälle werden nicht präsentiert, um zu glänzen, sondern um eine Antwort zu bekommen und dem Dialog eine Wende zu geben. Einzig bei der extrovertiert-virtuosen Kreutzer-Sonate geht diese kommunikative Grundhaltung nicht völlig auf: Gegenüber dem hitzig-furiosen Zugriff von Patrizia Kopatchinskaja und Fazil Say wirken Melnikov/Faust doch etwas zu zivilisiert und bleiben Partner, statt Kontrahenten zu werden. Es gibt eben auch Musik, für die man sich besser nicht zu gut verstehen sollte.
Patricia Kopatchinskaja - Ihr möchte man bald wieder begegnen
Ulrich Weinzierl auf Welt-online vom 3.8.2009:...Aufatmen konnte man nach der Pause. Wer von der Moldawierin Patricia Kopatchinskaja (sie ist auch Says Duopartnerin) sonst nichts weiß, der weiß zumindest: Die junge Dame tritt gerne barfuß auf und liebt's erdig. Das hat ihr den Ehrentitel "Wildsau unter den klassischen Geigern" eingetragen. Frank Martins viel zu selten aufgeführtes "Polyptyque - Six Images de la Passion du Christ" (1973) ist Passionsmusik und unkonventionelles Violinkonzert zugleich: Meditative Betrachtungen zu Duccios "Maestà" aus dem Dom von Siena, einem frühen Höhepunkt der italienischen Gotik. Hier klug kombiniert mit Bach-Choralsätzen. Ein buchstäblich spirituelles Erlebnis. Ja, Patricia Kopatchinskaja kann bei Bedarf ziemlich wild sein. Aber Präzision und Reinheit eines vollen, schönen Tons, der sogar bis ins Verschwebende reicht, betören. Ihr möchte man bald wieder begegnen.
Der Tod hat viele Fratzen - Die Konzertreihe der Salzburger Festspiele führt die Zuschauer in eine direkte Konfrontation mit den letzten Dingen.
Ernst P. Strobl in Salzburger Nachrichten vom 3.8.2009: Auf der Suche nach sinnfälligen Programmen und inneren Zusammenhängen bei seinen Liszt-Szenen ist Konzertchef Markus Hinterhäuser auf allerhand Raritäten gestoßen. Inhaltlich richten sich viele der Werke an die musikalische Beschäftigung mit den letzten Dingen des Lebens, der Tod ist ein zentraler Punkt im Programm. Das gipfelte am Samstag im Haus für Mozart in Spätwerken von Liszt und Schostakowitsch.
Nach Liszts Kreuzwegstationen am Donnerstag ging es am Freitag in den Liszt-Szenen mit der Camerata Salzburg und dem Balthasar-Neumann-Chor unter Thomas Hengelbrock in die religiös anders gearteten Bachchoräle wie Komm o Tod, du Schlafes Bruder. Aufsehen erregte der türkische Pianist Fazil Say mit Liszt und Bach in Busoni-Bearbeitung und die Geigerin Patricia Kopatchinskaja als Solistin in Frank Martins Polyptique Six images de la Passion du Christ für Violine und zwei Streichorchester...
Wunderbar - Bach als Klammer für einen ausufernden Abend der Sonderklasse
Erhard Petzel auf www.drehpunktkultur.at (Salzburg) vom 2.8.2009: ...Eine überirdische Wendung dann im zweiten Programmteil. Hengelbrock dirigiert abwechselnd den von Tobias Hiller einstudierten Balthasar-Neumann-Chor mit Choralsätzen Bachs und die einzelnen Bilder von Frank Martins Polyptyque. Six Images de la Passion du Christ. Diese schrieb Martin statt eines Violinkonzerts: angeregt durch das Polyptychon der Maestà del Duomo di Siena von Duccio di Buoninsegna. Vergleiche mit Hindemith drängen sich auf. Martin besticht aber durch seine freizügige Eleganz, die über ganz innigen wie expressiven Phasen seiner Musik leuchtet.
Nahtlos gehen die Chorsätze in die Bewegung des Orchesters über, die hohe Ehrfurcht Martins vor Bach und seine über die Musik entwickelte Religiosität ergeben eine Passgenauigkeit der Bewegung, als wenn alles aus einem Guss komponiert worden wäre. Da wird die Schlussstrophe von BWV 265a cappella hingehaucht (nehmt hin und esst, das ist mein Leib, der für euch wird gegeben, und denket, daß ich euer bleib, im Tod und auch im Leben), die Solovioline wächst aus diesem Raum mit tröstlichen Klängen, das Orchester legt sich innig darunter: Jesus und seine Jünger beim letzten Abendmahl. Kontrast dazu Judas mit riffartigen Figuren im Orchester und nervös zerrupftem Soloinstrument. Dann: Unmittelbares Einmünden in der Hölle Schrecken BWV 105.
Es ist atemberaubend. Ein wunderbar homogener Chor mit absoluter Textverständlichkeit zu einem wunderbar homogenen Orchester mit transparentem Klang und einer expressiven Patricia Kopatchinskaja auf der Solovioline zu einer wunderbar harmonierenden Klitterung.
Und doch scheint der Abend bisher die beiden Solisten nur angeheizt zu haben. Ein eingelegtes Zettelchen informiert, dass noch ein Draufgabenteil folgt. Wie ein überhitzter Druckkochtopf explodierten Fazil und Patricia zu Beethovens Kreutzer-Sonate. Kurz Neue Musik mit Jaulen und Stimme zur Geige. Dann eine jazzige Paraphrase auf "Elise". Dann Bartoks Rumänische Volkstänze - so dynamisch, dass tatsächlich Volksmusik wurde, was bisher Konzertstück war. Umwerfend. Tobendes Publikum.
Schon gut, dass Besessene nicht mehr verbrannt werden.
Die Violinlöwin und ihr Blick auf Mozarts Musik
Ralf Snurawa in Die Stimme (Heilbronn) vom 29.7.2009: Patricia Kopatchinskaja im Kloster Schöntal.Foto: Snurawa Schöntal - Instrumentalisten drücken mit ihrem Vortrag über Musik etwas aus. Warum sollten sie dies nicht mimisch und gestisch unterstreichen? Das hat sich wohl auch die Violinvirtuosin Patricia Kopatchinskaja gefragt. Ihr Ansatz kommt dabei von der Neuen Musik her, in der ein Ineinanderfließen verschiedenster Kunstformen nichts Ungewöhnliches mehr darstellt.
Mit diesem Ansatz ging sie beim Hohenloher Kultursommer in der Klosterkirche von Kloster Schöntal die Interpretation zweier Mozartscher Violinkonzerte an, brav gefolgt von David Afkham, der das Württembergische Kammerorchester Heilbronn leitete. Die Deutung von Mozarts Musik aus heutiger Perspektive gelingt ihr dabei mit dem D-Dur-Konzert KV 218 viel entschiedener. Da lassen bereits vor dem Einsatz der Solovioline die betonten Staccato-Akzentsetzungen aufhorchen. Denen folgt ein zupackendes, aufgekratztes und scharf betonendes Violinspiel, das nichts mehr mit dem der unzähligen Weichspüler- und Schönklangidealisierer ihrer Zunft gemein hat.
Hochmodern Was bei beiden Werken irritiert, sind die unglaublich schnellen und nuancenreichen Ausdruckswechsel. Das klingt in dieser Geschwindigkeit hochmodern. Die humorvolle Kadenz des Eingangssatzes im D-Dur-Konzert wirkt von einigen Spielweisen her eher als Stück der Neuen Musik, was durchaus legitim ist. Man muss ja nicht so tun, als würde man immer noch in Mozarts Zeiten leben.
Aufgesetzt Extrem stellt Patricia Kopatchinskaja die beiden Tempi des Rondeaus gegenüber. Zum Schmunzeln bringt sie das Publikum mit den nah an den Dudelsack herankommenden Imitationen. Dagegen verwirrt aber manche allzu aufgesetzt erscheinende Wendung und dynamische Überreizung im Andante cantabile.
Schon der Beginn des Konzerts überrascht mit dem Ausloten der Klanglichkeit dieses Werks. Erst im Alla-turca-Abschnitt des Schlusssatzes wird die Solistin wieder zur Löwin an der Violine: ein Kontrapunkt zum graziös und elegant vorgetragenen Hauptthema.
Ganz scheint dies alles nicht im Sinn David Afkhams zu sein. Bei seinen Deutungen der Sinfonietta von Malcolm Arnold und Mozarts A-Dur-Sinfonie KV 219 geht er einen feinsinnigeren, mehr auf klangliche Transparenz setzenden Weg. Das dient gerade der Sinfonie, die nach Kopatchinskajas expressiven Auftritten zu einem schwachen Nachklang zu werden droht. Das Hervorheben imitativer Bestandteile und ein mit viel Esprit gespieltes Finale vermögen aber die Aufmerksamkeit wieder auf die Musik zu lenken.
1001 Nacht für die Geige
Frankfurter Neue Presse, 27.7.2009: Kratzbürstig klingt diese Geige. Wenn Patricia Kopatchinskaja ihre Saiten traktiert, mag der eine oder andere beim Beethoven- oder Mozart-Spiel weghören. Doch für die CD «1001 Nächte im Harem» ist die Moldawierin die richtige Besetzung. Der türkische Pianist und Komponist Fazil Say hat im Auftrag des mitmusizierenden Luzerner Sinfonieorchesters ein orientalisches Märchen in Töne gesetzt, manchmal jazzig, zuweilen (zu) traditionell, doch nie langweilig. Kopatchinskaja führt wie eine Teufelsgeigerin mit aufrüttelnder Heftigkeit durch die Klangimpressionen aus dem Morgenland. Der Derwisch ist aber Fazil Say. Der 1970 in Ankara geborene Künstler zählt mittlerweile zu den originellsten Musikern in Europa.
Angesprochen
Benjamin Herzog in Musik Theater, Juli/August 2008: Komponierende Klaviervirtuosen wie Chopin oder Liszt hat nicht nur das 19. Jahrhundert hervorgebracht. Auch der türkische Pianist und Komponist Fazil Say (geb. 1970) gehört zu ihnen. Nach einer ersten CD mit Klavierkonzerten Says, ist diese Aufnahme seinem Geigenkonzert "1001 Nights in the Harem" gewidmet. Die Uraufführung 2008 mit Says Duopartnerin Patricia Kopatchinskaja in Luzern ist hier dokumentiert. Der Beginn mit einer pulsierenden Trommel kündigts an: Hier zählt der Rhythmus. In der Tat ist der zweite Satz als eine mitreissende "Party" (Wortlaut Say) konzipiert, an der die im ersten Satz vorgestellten Harmesdamen sich ausgelassen vergnügen. Patricia Kopatchinskaja stellt die mal lasziven, mal kapriziösen Vergnügungsgeschöpfe mit viel Eigenwilligkeit dar und "säbelt" sich daraufhin mit aller Lust und voller Temperament durch den Mittelsatz. Im darauffolgenden hochromantisch-gesanglichen Andantino zeigt sie ihr volles Herz. Say ist ein Erzähler, seine Musik spricht einem direkt an. Sie ist voller sinnlicher Melodik und rhythmischem Drive - das hält einem bei bester Zuhörlaune.
CD-Tipps: Spektakuläre Artistik auf der Geige - Patricia Kopatchinskaja
Dr. Eberhard Kneipel auf www.thueringen-kulturspiegel.de vom 26.6.2009: Drei Komponisten, eine Muse: Da würde man gern sehen, was man hört! Denn keines dieser Konzerte bescheidet sich mit dem üblichen Solo-Auftritt; alle wollen der Geigen-Akrobatin jenes virtuose Futter zukommen lassen, das ihrer extravaganten Rolle angemessen ist und dessen Rezepturen sie gern auch mitmixt. Und jeder dieser Komponisten fühlt sich herausgefordert, das Konzertpodium zur Theaterbühne zu machen und sich spieltechnische Eskapaden und musikalische Attitüden einfallen zu lassen, um den Star in Szene zu setzen. Doch das kapriziöse, temperamentvolle Agieren der moldawischen Geigerin Patricia Kopatchinskaja verdeckt nie den Witz und die Originalität der Werke, die ihr die drei Österreicher zu Füßen legten. Sie wirken so inspiriert und überzeugend, dass auch der Nur-Hörer auf seine Kosten kommt und dass ihm zu diesen launigen Gattungs-Reflexionen gar eine eigene Bilderwelt einfällt. Schon die Titel laden dazu ein: Sie benennen den musikalischen Sinn und außermusikalische Absichten, obwohl nicht jeder Komponist der Maxime von Otto M. Zykan (1935-2006) folgen mag, dass eine Musik, die nicht zu erzählen weiß, besser nicht geschrieben wäre. Aber es gibt Gemeinsames! Jedes Konzert sucht, ob von der Geige dezent oder prononciert in Gang gesetzt, geradezu nachtwandlerisch seinen Anfang und Wege zu Entfaltung des Materials: über den Einzelton, ein Intervall, ein prägnantes Motiv; mit einer klaren Kontur, einer verwischten Linie, mit visionären Klängen. Jedes Stück gewinnt der Konstellation von Solo und Orchester Neues ab. Und jedes Konzert möchte das körperlich theatralische Spiel, die virtuose Gestik (Zykan) der Solistin, ihr ungestümes, lebendiges, liebenswert-verrücktes Wesen (Resch) zur Geltung bringen, ohne eine Zirkusnummer zu zeigen. Zykans Konzert (2004) rankt sich um das alte Volkslied Da drunten im Tale, etabliert kontrastreich Theater-Ambiente und romantische Kulissen, zitiert die Herz-Schmerz-Weise und lässt am Ende die Solistin singen. Auch die Movimenti (2006) des 1952 geborenen Gerd Kühr humorige und hintergründige Auslassungen anlässlich des Mozart-Jahres starten mit szenischen Aktionen des Orchesters, in die die Geigerin ebenso unvermutet einsteigt, wie sie als nach gefühlvollen Kantilenen, ungarischen Rhapsodien und rhythmischen Kapriolen alles vorbei zu sein scheint wieder aus der Versenkung auftaucht und noch ein Kadenz-Feuerwerk abbrennt. Gerald Reschs (geb. 1975) Titel Schlieren (2005) verdeutlicht moderne Kompositionstechniken: Schichten, Überlagerungen, Auflösungen. Und mit Doubles verweist er auf formale Zweiteilungen und Verdichtungen, auf poesievolle Einlassungen, auf Übermalungen, auf Paarungen, bei denen eine Orchester-Bratsche schon mal mit der Solo-Geige konkurriert. Überall aber ist die Muse auch die Diva. Das Orchester und die Dirigenten machen ihr diese Rolle nie streitig. Aber sie sind jederzeit auf souveräne und beeindruckende Art mit von der Partie. Brillant! >>
Kühr, Resch, Zykan Violin Concertos Der Anfang ist wie ein Anfang>>
Patrica Kopatchinskaja, violin, Radio-Symphonieorchester Wien, Stefan Asbury, Johannes Kalitzke, Bertrand de Billy, conductors; col legno WWE 1CD 20279
Ein anarchistisches Manifest mit Geige und Klavier - In den Händen von Patricia Kopatchinskaja wird eine Geige zur waffenscheinpflichtigen Kreuzung aus Aufputschmittel und Allesschneider.
Joachim Mischke in Hamburger Abendblatt vom 6.6.2009: Zur Gefühlskeule. Sie will nicht gefällig nett sein, sie zupft, wenn gewünscht, nicht an den Saiten, sondern reißt rabiat daran und rammt einem ihre Interpretationen mit freundlichem Lächeln in die Magengrube.
Aus ihrem Part in der "Kreutzer"-Sonate machte Kopatchinskaja im Kleinen Saal der Laeiszhalle eine widerspenstige Zähmung, einen Kammer-Krimi, vibratoentschlackt, trocken, spröde, rasant. Man hörte den Furor des genialen Einzelgängers Beethoven, seine Wut aufs besserwisserische Mittelmaß der Zeitgenossen. Ein anarchistisches Manifest, Zumutung und Sensation.
Mit dem Brummbären Fazil Say hat die Moldawierin einen ähnlich leidenschaftlich verschrobenen Klavier-Begleiter gefunden, dem Konventionen genauso herzlich egal sind. Die beiden sausten anschließend durch Bartóks rumänische Volkstänze, verloren und fanden sich in den rauchzarten Melodieschwaden von Says Violinsonate und torkelten lässig durch die blue notes , mit denen Ravel seine G-Dur-Sonate zum Stilbastard veredelte. Lange nicht mehr so gestaunt. jomi
Beethoven brutalst möglich - Die vermeintlichen Skandal-Klassik-Interpreten Fazil Say und Patricia Kopatchinskaja berserkern sich durch einen Sonatenabend
Julian Hofer in die Welt online vom 6.6.2009: Was wäre die (Musik-)Welt ohne ihre Images und Klischees! Erst diese ebenso herrlich plakativen wie schlichten Bilder locken doch viele Menschen in die scheinbar so schweren Klassikkonzerte, erst das künstlerische Brenneisen lässt viele Kritiker zu Poeten werden und in höchst blumiger Sprache ganz besonders originelle Musikerporträts entwerfen. Ein Festtag also für alle, wenn gleich zwei dieser Exemplare in einem Konzert aufeinander treffen wie jetzt beim m-Konzert in der Kleinen Musikhalle: Hier Fazil Say, der "Besessene" und "Charakterkopf, wie er nur selten auf dem klassischen Markt zu finden ist" - dort Patricia Kopatchinskaja, die selbsternannte "ungekämmte und eher schmutzige Wildsau", die stets barfuss aufläuft, um die Musik auch wirklich zu spüren. Ach ja, bevor wir es vergessen: der eine spielt Klavier, die andere Geige.
Sollte zumindest kurz erwähnt werden, denn nicht nur in den vom Rhythmus geprägten Werken Bartóks und Ravels schien das perkussive Element an diesem Abend zu dominieren, auch in Beethovens Kreutzersonate fuhrwerkte das Duo mit einer Heftigkeit, die immer wieder an Schlag-, Klopf- oder elektronische Zupfinstrumente denken ließ. Das bescherte ihnen für die jüngst erschienene, vom Programm her identische CD zum Konzert manch himmelhochjauchzende Rezension und nun im dicht gefüllten Saal spitze Jubelschreie. Doch bei aller Sympathie für eine gewisse Radikalität: Lohnt es sich wirklich, das Alte zu sprengen für einen bestenfalls in Ansätzen interessanten neuen Blick auf die Bruchstücke? Selbst wenn wir die handwerklichen Mängel (Unsauberkeiten bei der Intonation, halsbrecherische Tempi der beiden Virtuosen, die immer wieder nur so eben gemeinsam das Ziel erreichten, ein Wettstreit um den brutalsten Zugriff, der doch eher in Schlieren denn in der Präsentation von Extremen endete) einmal überhören: Kann sich die ästhetische Subversivität Beethovens nicht auch in einer klassischen Ausgewogenheit offenbaren?
Stattdessen kam der schroffe Angriff der Moldawierin auf die Sonate bisweilen einer Vergewaltigung ihrer Violine gleich (um auch einmal eines dieser schönen Bilder zu bemühen), übersteigerten beide Kontraste, offenbarten einen seltsam narzisstischen Humor im Andante, dem sie durch ständige Übertreibungen auch noch den letzten Funken an Schlichtheit austrieben und fegten dann im finalen Presto derart wild dahin, als gelte es, irgendwelche Rekorde zu brechen. Bei aller Liebe zum ureigenen Temperament der Interpreten: Mit Musikalität hatte diese Interpretation nur noch wenig zu tun.
Die bewiesen Say und Kopatchinskaja dann nach der Pause, als sie Ravels G-Dur-Sonate nicht allein zupackend angingen, sondern den Kopfsatz ebenso facettenreich wie mit rhythmischer Verve gestalteten, vor allem Say den Blues im Mittelteil wirklich swingen ließ und beide sich im abschließenden Perpetuum mobile gegenseitig beflügelten. Ganz in seinem Element schien das Duo auch in Bartoks "Rumänischen Volkstänzen", deckte hier neben den folkloristischen Elementen vor allem den perkussiv-motorischen Kern dieser von Zoltán Székely bearbeiteten Klavierstücke auf.
Und Says eigene Violinsonate op.7 - ja, der türkische Pianist springt nicht nur zwischen den Klassik- und Jazz-Welten, er komponiert auch? Es gibt Originelleres - doch den Weg ins Ohr findet Say mit seinen spätromantischen Anleihen allemal. Manchmal vielleicht zu leicht, da wird der Tastentiger dann zum Kuscheltier - aber wir wollen an dieser Stelle nicht noch mehr Images und Klischees bemühen. Wirklich nützen tun sie nämlich weder Künstlern noch Hörern.
Schwetzinger
Festspiele: Star-Rummel um Haydn
Alles
so schön bunt
HGF in Mannheimer Morgen vom 5.6.2009: Bei Patricia Kopatchinskaja geht unser Blick zunächst nach unten. Und tatsächlich: Sie spielt barfuß. Stimmt es also doch, was man von ihr gelesen hat, eine "Rebellin auf vier Saiten" wird die Geigerin genannt. Solche PR-getunten Attribute machen sich bisweilen selbstständig. In Schwetzingen ist diesmal ohnehin schon alles bunter als gewöhnlich: Vorsicht, Fernsehaufzeichnung. Der Mozartsaal, der sonst in schlichtem Weiß gehalten ist, wird rot und blau beleuchtet.
Und das passt zu dem, was Kopatchinskaja mit Henri Sigfridsson (Klavier) und Sol Gabetta (Cello) aus dem 25. Klaviertrio von Joseph Haydn macht. Das Schluss-Rondo nageln die drei so rustikal "all'ongarese" auf die bäuerlichen Tanzdielen, dass Haydns feines Damenpublikum in London doch wohl seine Näschen hätte rümpfen müssen. Das ist nicht der "Originalklang". Und ob Beethoven sein "Geistertrio" derart zwischen harschem Sturm und Drang und zartester Romantik hin und her flottieren lassen wollte, kann bezweifelt werden. Kopatchinskaja & Co neigen zur Überartikulation, es fehlt an der formalen Abrundung, dem Ausgleich zwischen den Extremen.
"Pathétique" im Kleinen: Glänzend glückt jedoch Tschaikowskys a-Moll-Trio, das zur "Pathétique" im Kleinen wird. Auch hier kommen die Einzelheiten sehr prägnant heraus, etwa die (Prügel-) Fuge im Variationensatz. Doch die Musik darf auch frei ausschwingen, Gabetta intoniert blitzsauber ihre Kantilenen, Sigfridsson stemmt den gewaltigen Klaviersatz fast à la Rachmaninow empor. Die Zugabe des Gamben-Großmeisters Marin Marais entwirft ein feines Spinnennetz instrumentaler Stimmen. Man verfängt sich gern darin.
Kommentar: Beethovens Geisertrio kommt aus der Welt von Shakespeares Macbeth - Mord, Totschlag, Hexen und Geister. Soll man, darf man diese archaische und brutale Welt verharmlosen?
Konvention und Inspiration
Der BUND (Bern), 9.5.2009: Die Berner Geigerin Patricia Kopatchinskaja und das Berner Symphonieorchester präsentierten Rares und Berühmtes eine Reise auf neuen und ausgetretenen Pfaden.
«Der Widerspenstigen Zähmung»: Der Titel der Ouvertüre des Königsberger Romantikers Hermann Goetz, welche das Berner Symphonieorchester zu Beginn des fünften Abonnementskonzertes (Rote Reihe) intonierte, überstrahlte weniger in musikalischer denn in programmatischer Hinsicht den ganzen Abend im Casino...
Statt der an Shakespeares Stück orientierten Opernhandlung folgte Mendelssohns berühmtes e-Moll-Violinkonzert. Die in Bern ansässige Geigerin Patricia Kopatchinskaja hat sich in den vergangenen Jahren mit diversen originellen Interpretationen den Ruf einer jungen Wilden erspielt. Fast eine Widerspenstige, könnte man sagen, wenn man den negativen Beigeschmack dieser Bezeichnung weglässt. Welchen Weg würde die temperamentvolle, manchmal fast draufgängerische Musikerin bei diesem als besonders fragil geltenden Werk beschreiten?
In den vergangenen Jahren haben mehrere Interpreten mit historisch informiertem Blick und bedenkenswerten Urtextvarianten die Patina von diesem oft in tourneefähig nivellierten Einheitsfassungen gegebenen Konzert entfernt. Würde sich die Geigerin diesem Trend anschliessen? Weit gefehlt! Kopatchinskaja wäre nicht Kopatchinskaja, wenn sie nicht auch hier eine individuelle, ihrem urmusikantischen Temperament entsprechende Lösung fände. Ausgehend von der reichen Aufführungstradition, die sonore, zum Teil fast spätromantisch anmutende Klanglichkeit und einen sehr freien Umgang mit den Tempi vorsieht, schuf die Violinistin das Vertraute insofern neu, als dass sie die einzelnen Phrasen gestisch deutete, dem umsichtig begleitenden Orchester förmlich zuspielte und ihrem Part weitere Plausibilität verlieh. Sie zertanzte das Stück aber in keiner Weise, weil sie wohl mit Vehemenz, aber auch mit Sorgfalt zu Werke ging. Am stärksten wirkten die fast gehauchten Übergänge und die in schnörkelloser Anmut gehaltenen Kantilenen des Mittelsatzes. Dies zeigte, dass die Musikerin ihrem Temperament nicht einfach ausgeliefert ist, sondern es sehr bewusst zu dosieren und einzusetzen weiss. In der «kurligen» Zugabe, einer tatsächlich widerspenstig anmutenden Stimme-Geige-Performance, liess sie dieses dann wieder voll durchbrechen.
Aber auch jenseits gestalterischer Belange ist festzuhalten, dass Kopatchinskaja auch in spieltechnischer Hinsicht hervorragend geigt. Sie bewältigte den heiklen, überaus transparent gesetzten Mendelssohn-Part mit Bravour.
Die Welt der Scheherazade
Stephan Bartels, Brigitte 8.5.2009: Inspiriert von der bekannten arabischen Märchensammlung, hat der türkische Pianist Fazil Say sein neues Werk "1001 Nights in the Harem" (CD Naive V5147) genannt. Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja übernimmt in dieser Einspielung mit dem Luzerner Sinfonie-Orchester die Rolle der Geschichtenerzählerin Scheherazade. Die Solostimme ihrer Violine entführt in die Welt der Haremsfrauen und ihrer Tanzmusik und zaubert aus der Stereoanlage die Stimmung eines lauen Frühsommerabends in einem Palast am Bosporus. Fazil Say liebt den Anblick dieser Meerenge in Istanbul und übersetzt ihn in wahrlich märchenhafte Klänge.
Die Klassik-Platte: Seele bis zum Rand gefüllt
Patricia Kopatchinskaja fuhrwerkt auf der Geige: Beethoven, Ravel und Bartók sie begreift alle großen Meister als Zeitgenossen.
Christine Lemke-Matwey in Die ZEIT vom 7.5.2009: Patricia Kopatchinskaja gehört zu jenen Künstlerinnen, von denen man selber gerne eine wäre. Man möchte von ihrer Ausdruckslust befallen sein, tanzen können, spielen wie sie, fuhrwerken auf der Geige, bis die F-Löcher nach Luft schnappen. Man möchte so jung sein wie sie (31) und mit nackten Füßen und Lampenfieber die Konzertpodien der Welt erobern. Ihre Finger, so erklärt die Moldawierin ihr Faible fürs Barfußspielen, seien direkt mit ihren Zehen verbunden, auch die müssten sich also frei bewegen können. Man möchte CDs hassen wie sie (und doch den Weg ins Studio finden), man möchte vom Schwarzen Meer kommen und Ravel und Bartók im Saal sitzen sehen, während man Ravel und Bartók spielt. Wie sie. Dann würde man den Komponisten tot oder lebendig endlich als Zeitgenossen begreifen. »Ich will die Leichen von Bach, Beethoven und Mozart auf die Füße stellen«, sagt Kopatchinskaja, und keiner anderen Geigerin der Gegenwart traute man solche Unerschrockenheit wohl zu.
Durchweg schön kann das nicht klingen. Eher angriffig, rissig, spitz. Die Geige als Schlag-, Klopf- und Zupfinstrument. Kopatchinskajas Ton gibt sozusagen von Haus aus Rätsel auf, nicht nur im Andante von Beethovens Kreutzer -Sonate, mitten im lieblichsten Lerchengetriller der vierten Variation. Wo Generationen von Geigern vor ihr höflich jubilieren, da setzt Kopatchinskaja mit nervös-fedrigen Fingerkuppen mehr den Flügelschlag in Töne, als würde sie selbst hoch am Himmel stehen. Und wo andere dem Sonatensatz vertrauen, im eröffnenden Adagio sostenuto, da ist sie in einer Weise sprunghaft und auf der Hut, dass es schmerzt. Jede unerwartete motivische Wendung baut sie zur Vollbremsung aus, alles Harmonisch-Inkontinente ist ihr Anlass, in Wunden zu wühlen, jedes raschere Tempo eine wilde Jagd. Das Improvisatorische, so lernt man, ist Kopatchinskajas Element: Musik mit den Augen und Ohren eines Wolfskindes. Vielleicht muss die Geigerin, die mit 13 nach Wien kam und heute in Bern lebt, noch radikaler werden, um auch zu verstehen, wie subversiv, wie anarchistisch der Klassiker Beethoven gerade in der Contenance sein kann.
Der türkische Pianist Fazil Say ist Kopatchinskaja auf ihrer Debüt-CD bei naïve ein geradezu erotischer Partner. Ob er nun hörbar und im Brustton mitsingt oder das Klavier für Ravels G-Dur Sonate mit Aschenbechern präpariert: Say schenkt sich (und ihr) nichts, bietet einen trockenen, klangrednerischen Beethoven und swingt bei Ravel, als habe es zwischen E und U nie Mauern gegeben. Am großartigsten aber: Wie die beiden Südosteuropäer Bartóks Rumänische Volkstänze bis zum Rand mit Seele und Sehnsucht füllen. Miniaturen aus einer fernen, farbenprächtigen Welt, in der die Musik mit den Menschen noch gesprochen hat.
Patricia Kopatchinskaja/Fazil Say: Violinsonaten von Beethoven, Ravel, Bartók und Say, Naive V5146, Aktuelle CD-Besprechungen
CD-Kritik: 1001 nights in the harem
hr2-Musik-CD-Empfehlung vom 02.05.2009: http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/2378198
Philipp Cavert auf NDR-Kultur vom 26.4.2009: Spaß beim Hören garantiert auch die neue Silberscheibe des türkischen Pianisten und Komponisten Fazil Say. Vergangenes Jahr hat ihn die EU zusammen mit dem Schriftsteller Paulo Coehlo zum Botschafter des Interkulturellen Dialogs ernannt. Und interkulturell ist auch seine neue CD. Das Violinkonzert "1001 Nacht im Harem" hat er der Geigenvirtuosin Patricia Kopatchinskaja gewidmet.
Patricia Kopatchinskaja, die mit Fazil Say schon als Duopartnerin zusammengearbeitet hat, spielt gemeinsam mit dem Luzerner Sinfonieorchester unter Leitung von John Axelrod. Wie bei Rimsky-Korsakoff entspricht die Geige der unermüdlichen Erzählerin Sheherazade. Das viersätzige Konzert vereint klassisch-abendländische und orientalische Einflüsse.
CD-Kritik: Kopatchinkaja/Say
www.Schattenblick.de vom 24.4.2009: Die in Moldavien geborene Geigerin Patricia Kopatchinskaja wird von ihren Fans liebevoll "PatKop" genannt und gehört zu den absoluten Violinstars der Gegenwart. Kopatchinskaja produziert an der Geige nicht nur "Schönklang", sondern legt mit ihren eigenwilligen Interpretationen oft auch die schroffen Seiten der so genannten Meisterwerke offen. Auf ihrer neuen CD spielt die Geigerin zusammen mit dem türkischen Klavierstar Fazil Say u.a. Beethovens bekannte Kreutzer-Sonate op. 47. Die beiden "jungen Wilden" kratzen am Denkmal des Titanen, und heraus kommt dabei ein Beethoven, den man so noch nicht gehört hat. Kopatchinskaja und Say spielen aggressiv, voller Dynamik und mit einer Frische, die überrumpelt und die Ohren putzt.
Heisser als Hard-Rock - Patricia Kopatchinskaja zelebrierte Prokofjews 1. Violinkonzert
Thomas Ziegner in Schwäbisches Tagblatt (Tübingen) vom 23.4.2009: Verglichen mit ihr mögen, nur bissl überspitzt formuliert, gern mit der Schablone "Teufelsgeiger" erfasste Kollegen wirken wie in Ehren ergraute, behäbig gewordene Kurkonzert-Fiedler: Patricia Kopatchinskaja behexte das Publikum am Montagabend im ausverkauften Abonnementskonzert der Württembergischen Philharmonie Reutlingen (WPR).
Träumerisch beginnt das erste Violinkonzert Sergej Prokofjews. Die Solistin findet wunderbar schattierte, verhaltene Piano-Sounds, kongenial assistiert von den WPR-Holzbläser(inne)n, Klarinette, Flöten, Oboe. Flimmernde Trillerketten, Streicher-Tutti-Tremolo sind das Vorspiel zu einer Nocturne-Stimmung, als wär's ein Seitenstück zu Mendelssohns "Sommernachtstraum", frappierend der Einsatz der Harfe, klangfarblich wirkend wie hell-diffuses Mondlicht
Beim schon mit etwas mehr motorischer Energie aufgelandenen Seitenthema realisiert die Geigerin Prokofjews Vortragsbezeichnung "narrante" (erzählend) durch näher am Rezitativ als am Ariosen angelegte Artikulation.
Wie entfesselt im vollendeten Einklang mit dem von Norichika Iimori excellent dirigierten Orchester , gestaltet Patricia Kopatchinskaja das irrwitzig rasante ("Vivacissimo") Scherzo, verbindet Leidenschaft mit präzisem Kalkül, messerscharfen Pointierungen. Unverhohlene Aggressivität dominiert über weite Strecken, gellend Fortissimo kommen hart angerissene Pizzicati auf allen vier Geigensaiten, die teils härtestem Druck standhalten müssen.
Die Interpretation wird zur brillianten Performance, wenn die Künstlerin die stark körper-, besser leibbetonte Musik mit entsprechenden Bewegungen und Gesten spielt. Sie duckt sich vor einem Auftakt, der auf die Millisekunde genau kommt, sie wiegt sich tänzerisch bei den zahllosen rhythmischen Raffinessen. Sound und Action, wie es in der Pop-Sphäre heisst, stimmen überein. Was die Kopatchinskaja leistet, ist heisser als Hard-Rock und "Klassik"-abstinenten Jugendlichen wärmstens zu empfehlen. Als Zugabe, nach tosendem Applaus, spielt sie ein Stück, das von Adriana Hölzsky stammen könnte: Ihren eigenen Extrakt des Scherzos, radikalisiert, mit vokalen Zutaten angereichert, gleichsam ein Prokofjew-Update.
Viele Uraufführungen Neuer Musik sind der fabelhaften Musikerin schon zu danken. An ihre Leistungsgrenze ist sie bisher nicht gelangt. Hans-Joachim Hespos sollte für sie schreiben...
Vibrierende, mitreißende Vitalität - Geigerin Patricia Kopatchinskaja und die Württembergische Philharmonie unter Norichika Iimori
Hansdieter Werner in Reutlinger General-Anzeiger vom 11.4.2009: Ein bisschen Show darf sein. Was ist schon dabei, wenn die junge Geigerin Patricia Kopatchinskaja barfuß das Podium betritt? Wenn sie sehr körperbetont musiziert, manchmal in die Geige hineinzukriechen scheint oder sich schlangenhaft um sie windet? Wenn sie Töne scharf anreißt, den Bogen rasen lässt oder so vehementen Druck auf ihn bringt, dass man um die Haltbarkeit der des Instruments bangt? Nichts ist dabei, denn all diese Dinge bezeugen das Temperament dieser Musikerin. Eine undomestizierte Vitalität, deren Energie eine ganz gewaltige ist und eine gewaltig mitreißende und begeisternde.
Die Frau musiziert mit Lust und Leidenschaft. Radikal und intelligent. Eine wahrlich verlockende und vibrierende Verbindung von Sinnlichkeit und Musikalität. Das Violinkonzert in D-Dur von Prokofjew spielt Patricia Kopatchinskaja, die eine fulminante Technikerin ist, mit Wärme und Hingabe. Zart an Anfang und Ende in den lichten, säuselnd hohen Lagen, wie sie überhaupt den manchmal robusten Glanz dieser Musik betont und ihm eine poetische Aura schenkt.
Spuk auf der tiefen g-Saite: Aber wehe, sie stürzt sich auf die tiefe g-Saite. Dann spukt sie wilden, glühenden, ruppigen und brachial schönen Wohllaut und lässt das Orchester fast stehen, das sich unter seinem ehemaligen Chef und jetzigen Ersten Gastdirigenten Norichika Iimori sozusagen ein kleines Turboloch gönnt, ehe es seiner Solistin an den klanglich exponierten Stellen dann mit voller Leistung folgt. Brillant hat die Württembergische Philharmonie das Scherzo musiziert. Klanglich hellwach und mit fabelhafter Präzision in der ständigen Höchstgeschwindigkeit eines Vivacissimo. In diesem Scherzo jubiliert die aggressive Virtuosität der Kopatchinskaja in einem Tonrausch voller Biss und Feuer - und wenn in ihrem Bogen dabei ein feiner Stacheldraht eingespannt zu sein scheint, dann wirkt ihr furios zupackendes Musizieren umso unbedingter. Besessen eben. Und danach die fast romantische sangliche Weite des letzten Satzes. Da leuchtet die Geige und die wilde Kopatchinskaja singt wie ein Engel auf ihrem Instrument. Großer Beifall in der Listhalle, der nach ihrer Lieblingszugabe »Crin« noch heftiger und freudiger wird.
Temperamentvoll träumerisch - Bravo! - Violinistin Patricia Kopatchinskaja begeistert
Peter Schinnerling in Südkurier, 11.4.2009: Es war nicht das erste Mal, dass die renommierte "Württembergische Philharmonie Reutlingen" in einem Villinger Meisterkonzert (Nummer 6) gastierte. Diesmal dirigierte sie Norichika Iimori, ständiger Gast und vormals künstlerischer Leiter des 1945 gegründeten Orchesters. Als Solistin trat das aus Moldawien stammende Geigenwunder Patricia Kopatchinskaja auf, sie studierte in Wien und Bern Violine und Komposition. Das Programm enthielt Werke von Rossini, Prokofjew und Schumann...
Träumerisches Violinkonzert: Sergej Prokofjew komponierte sein "1. Violinkonzert D-Dur" (op. 19) während des Ersten Weltkrieges in Russland, erst 1923 wurde es in Paris uraufgeführt. Mit den Frühwerken Prokofjews, Material für seine pianistische Karriere, verbindet man typische Stilelemente wie hämmernde Motorik und teilweise groteske Marschformen. Doch wenig davon findet sich im ersten Satz des "träumerisch" (sognando) beginnenden Violinkonzerts, in welchem Patricia Kopatchinskaja sofort ihren zart-innigen, aufblühenden Geigenton präsentieren konnte.
In der Folge gab es außergewöhnliche Klangfinessen wie solistische Pizzikato-Passagen, Staccato-Artikulation und so weiter, untermalt von Streicher-, Holzbläser- und Harfenklängen. In den weiteren Sätzen war auch die Basstuba zu hören (Posaunen waren nicht vorgesehen). Das "Vivacissimo"-Scherzo und das nur mäßig schnelle Finale boten der Solistin viele Möglichkeiten, ihre stupende Violintechnik bis in die höchsten Lagen temperamentvoll unter Beweis zu stellen: Der Pianissimo-Ausklang statt eines konzerttypischen Finalhöhepunkts überraschte allerdings. Dirigent Iimori war jederzeit ein zuverlässiger Partner der lebhaften Solistin, die riesigen Applaus mit "Bravo"-Rufen erhielt und sich mit einer winzigen zirkusreifen Instrumental-Vokal-Nummer, wiederum nach Noten gespielt, verabschiedete.
Barfuss, bodenständig und elektrisierend - Patricia Kopatchinskaja bei der Philharmonie
Rafael Rennicke in Reutlinger Nachrichten vom 11.4.2009: Strömende Energien: Die Philharmoniker und ihr Ex-Chef Norichika Iimori feierten einen leidenschaftlichen, umjubelten Auftritt. Solistin Patricia Kopatchinskaja elektrisierte mit Prokofjews erstem Violinkonzert.
...Elektrisierender Mittelpunkt des Abends war die Bekanntschaft mit Patricia Kopatchinskaja. Die junge Geigerin aus Moldawien sorgte für Aufsehen, Erstaunen, schliesslich nahezu stürmische Begeisterung mit einer Deutung von Prokofjews erstem Violinkonzert (1917), wie man sie in dieser Unwiderstehlichkeit vielleicht nur noch abseits des konventionellen, routinierten Musik-Establishments erleben kann: Das Stück dürfte man tatendrängender und vollblutmusikantischer nur selten gehört haben.
An diesem Abend gingen auf beiden Seiten Tatendrang und Intuition eine glückliche Verbindung ein. Synergien und ein elektrisierendes Zusammenwirken waren von Anfang an das goldene Band, das Kopatchinskaja, Iimori und das Orchester miteinander verband, das fahle, gläserne Leuchten des Beginns die Basiss für immer intensivere, mitreissendere Steigerungen, Gratwanderungen, Höhepunkte, Stürze.
Wie es der Solistin und dem Orchester gelang, Prokofjews heikle, an Facetten so reiche Klanglichkeit immer wieder in der Schwebe, zugleich in der Balance zu halten, derbes, urwüchsiges Aufflackern dabei ebenso instinktsicher zu pointieren wie die Zerbrechlichkeit einer frischgeschlüpften Schönheit: Dies war phänomenal.
Wäre die barfüssig musizierende Patricia Kopatchinskaja bei ihrem Auftritt nicht so sympathisch bodenständig gewesen - man hätte von einer Sternstunde sprechen müssen.
Ansteckende Heiterkeit
(gf) in Schwarzwälder Bote vom 11.4.2009: Im grossen Zyklus der Meisterkonzerte bot die Württembergische Philharmonie Reutlingen am Mittwoch Aussergewöhnliches. Unter der Leitung des agilen Japaners Norichiki Iimori spielte die moldawische Geigerin Patricia Kopatchinskaja Sergej Prokofjews erstes Violinkonzert D-Dur und liess im ständigen Wechselspiel mit immer neuen Überraschungsmomenten träumerische Impressionen hören.
Obwohl ihr Solopart mit kraftstrotzenden Entladungen nur so gespickt war, verbreitete die Geigerin ansteckende Heiterkeit und bewirkte über zarten Klanggeweben aus tiefen Stimmen wie Bratschen oder Kontrabass, einer Harfe und selbst einer Tuba im Hintergrund eine unerhört kontrastreiche Transparenz bis in die höchsten Höhen.
Das wirkte so gar nicht betont virtuos und bravourös, sondern sehr lyrisch, eher schelmisch und ironisch. Und dieser Diktion blieb die Kopatchinskaja auch mit ihrer Zugabe treu, einer kurzen aber heftigen Performance aus Geige und Stimme im Doppelpack von einem Koreaner komponiert...
Konzert: Patricia Kopatchinskaja
Anna Kardos in Tages-Anzeiger vom 6.4.2009: Dass Musik aus Tönen besteht, ist das Natürlichste der Welt. Trotzdem sind es die wirklich guten Interpreten, die einem diese Tatsache schlicht vergessen machen. Beispielsweise die junge Geigerin Patricia Kopatchinskaja. Schön oder spektakulär produzierte Töne darzubieten ist nicht ihr Ding - keine Frage, dass sie es sowieso könnte. Sie behandelt sie eher wie Schalen um einen Kern, taucht durch sie in in den Charakter der Phrase, in den Gestus der Musik. So auch in Beethovens *Tripelkonzert" Op.56, jenem ungewöhnlich besetzten Konzert, dem als "Solist" ein Klaviertrio vorsitzt.
Wenn Kopatchinskaja - zweifellos das Epizentrum des Konzertes - spielte, stoben die Funken und die Frische ihrer Interpretation liess sie förmlich eins werden mit der Musik. Aber damit nicht genug. Ihr zur Seite standen nämlich mit dem Cellisten Nicolas Altstaedt, dem Pianisten Henri Sigfridsson und dem Zürche Kammerorchster sämtlich Kammermusikpartner zur Seite, die diesen Namen auch verdienen. Der Grundton der drei Solisten war schlank und sprechend, Cello- und Geigenstimme schienen gemeinsam zu atmen, gingen ineinander auf, stets feinfühlig gekontert vom Klavier. Und zusammen mit dem ZKO verflochten sich die Stimmen derart kunstvoll und dabei so selbstverständlich zu einem Gesamten, dass Beethoven wohl selbst seine helle Freude daran gehabt hätte. Stellvertretend sass das Zürcher Publikum beglückt im Konzertsaal und für einmal sprach der sonst verpönte "Szenenapplaus" nach dem ersten Satz wohl jedem aus dem Herzen...
Eine Familie als Naturereignis
Markus Hennerfeind in Wiener Zeitung, 4.4.2009: Naturereignisse gibt es nicht nur im Freien. Selten, aber doch erscheint das Außergewöhnliche auch in Konzertsälen: Patricia Kopatchinskaja begeisterte das Publikum im Konzerthaus mit Moldawisch-Rumänischem. Mit dabei: Verwandtschaft aus Moldawien sowie die Pianistin Mihaela Ursuleasa.
Nach einer kleinen Lektion in moldawischer Geschichte legten sie los, Patricia und Emilia Kopatchinskaja an den Geigen, Viktor Kopatchinsky am Zimbal. Neben "echter" Folklore gab es Bartóks "Rumänische Tänze" sowie György Kurtágs Acht Duos op. 4 für Violine und Zimbal zu erleben: Erstaunlich, wie sie diese fragilen, knapp gefassten Piecen nicht nur konzentriert (das schaffen viele), sondern auch energiegeladen zum Klingen brachten. Kurtág gelang es darin übrigens, das Zimbal von seiner oft allzu scheppernden Üppigkeit zu befreien. Ravels "Tzigane", Enescus Dritte Violinsonate: Überall ließ Patricia Kopatchinskaja (gemeinsam mit Ursuleasa) die nackten Noten weit hinter sich und drang in Bereiche vor, die anderen Geigerinnen und Geigern wohl auf ewig fremd bleiben. Begeisterung im Mozartsaal.
Debut-CD wie sie nur alle Jubeljahre einmal kommt
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Glück mit Strawinsky
dob in Die Presse (Wien) vom 19.3.2009: ...Ungleich gelungener der Teil vor der Pause, bei einem Werk, das Norringtons quasi harscher Klangideologie besser anstand: Igor Strawinskys von barocken Modellen beeinflusstem Violinkonzert. Hier hatte Patricia Kopatchinskaja ihren großen Auftritt. Mit einer Energie sondergleichen, über jede technische Schwierigkeit souverän triumphierend präsentierte sie den schwierigen Solopart. Zudem in Tempi, die exakt auf jene Zeitangabe passten, die für dieses Werk vorgesehen ist. Und weil Strawinsky in diesem Concert en Ré keine Kadenz vorgesehen hat, gab die Solistin eine eigene, gespickt mit Worten und schließlich unter Mitwirkung des Konzertmeisters, drauf. Bach-gespiegelter Strawinsky, gesehen durch Kopatchinskajas enthusiastisch-brillante Brille. Das Publikum applaudierte begeistert.
Musikalischer Wildfang und zahmer Gigant
Judith Schmitzberger, Kurier (Wien), 19.3.2009: Unter dem roten bodenlangen Kleid blitzen immer wieder die nackten Füsse hervor, ihre offenen Locken fliegen mit den Tönen durch die Luft. Und so wie Patricia Kopatchinskaja auftritt spielt sie auch Geige: barfuss, erdig, impulsiv. Und bei aller Präzision, die sie im Konzerthaus bei Stravinskys "Concerto in re" zeigte, blieb ihre Interpretation erfrischendd lebendig, pointiert und gehaltvoll.
Roger Norrington und das RSO Stuttgart liessen der Solistin im ersten Teil des Jeuness-Konzertes klar den Vortritt. Und Kopatchinskaja bedankte sich für den Jubel des Publikums mit einem sehr humorvollen Versuch einer Kadenz zu Stravinsky Violinkonzert ...
Feuerwerk musikalischer Pointen
Gerhard Kramer in Wiener Zeitung vom 19.3.2009: ... Der Abend hatte so verheißungsvoll begonnen. Vor allem dank Temperamentbündel Patricia Kopatchinskaja als Solistin von Strawinskis Violinkonzert aus dem Jahre 1931: Mit energischem Zugriff, makelloser Technik, klarem, kraftvollem Ton und prägnantester Bogenführung verwandelte sie den schwierigen Solopart in ein wahres Feuerwerk musikalischer Pointen. Da schienen auch im Orchester alle die heiklen Takt- und Rhythmuswechsel in Ordnung zu sein.
Freches Spiel: Applaus
gkl in Trierischer Volksfreund, 16.3.2009: Einen Tag vor seinem 75. Geburtstag gastierte Sir Roger Norrington mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR (RSO) in der Luxemburger Philharmonie. Zusammen mit der jungen Geigerin Patricia Kopatchinskaja bereiteten sie dem Publikum einen strahlenden und lebendigen Sonntagmorgen.
Luxemburg. (gkl) Eigentlich war es schon verrückt, was sich da in der Luxemburger Philharmonie beim Applaus vor der Pause abspielte. Man musste sich fragen, wer denn da jetzt wem applaudierte. Das Publikum im ausverkauften Haus war begeistert und tat dies lautstark kund. Die Musiker des RSO, inklusive Sir Roger, applaudierten ebenfalls, und zwar ebenso begeistert wie die Menschen vor der Bühne. Dann aber kam immer wieder die Solistin des Konzertes, die moldawische Geigerin Patricia Kopatchinskaja auf die Bühne und fast mehr noch, als ihren Applaus in Empfang zu nehmen, applaudierte sie dem Orchester. Da herrschte Begeisterung, nachdem das Violinkonzert in D-Dur von Igor Strawinsky verklungen war - und das zu Recht. Das RSO ließ sich vom jugendlich-ungestümen, manchmal schon fast frechen Spiel der Kopatchinskaja anstecken. Mit der Interpretation von Kopatchinskaja erhielt die Musik einen Aspekt, der eine ganz eigene Lebendigkeit hatte. Diese Kombination aus perfekter Technik und höchster Virtuosität zeigt, dass die Interpretin ganz in die Musik eingetaucht ist. In einem Interview hat Kopatchinskaja einmal gesagt, sie fürchte, ihr Spiel sei zu persönlich. Völlig unbegründet, denn gerade diese zutiefst persönliche und ehrliche Art macht sie glaubwürdig und überzeugend.
Der zweite Teil des Konzertes gehörte ganz dem RSO, das sich der siebten Sinfonie von Anton Bruckner widmete. Da ist vor allem das vibratofreie Spiel, das nichts vom Klang der Musik verschleiert und die erhabene Schönheit der Komposition erlebbar macht. Großartig entwickelte sich der zweite Satz der E-Dur-Sinfonie, intensiv erfüllte der Klang den Raum beim Scherzo, strahlend und gefühlvoll wirkte das Finale. Diese Sinfonie begründete Bruckners Weltruhm. Wenn sie bei der Uraufführung so erklungen ist wie in Luxemburg, kann man das bestens verstehen.
Kopatchinskajas wilde Kreutzer-Sonate
ht in Bonner General-anzeiger vom 2.3.2009: Wenn man diese CD (naïve) auflegt, sollte man sich auf etwas gefasst machen: So wild, temperamentvoll und ungebärdig klingt Beethovens virtuose Kreutzer-Sonate sonst nie, selbst Gidon Kremer und Martha Argerich wirken neben der ungestümen Interpretation von Patricia Kopatchinskaja (Violine) und Fazil Say (Klavier) wie ein braves Konfirmandenpaar. Aber ganz ohne musikalische Reibungsverluste ist die Frischzellenkur, die das noch junge Duo dem Werk verpassen möchte, denn doch nicht zu haben. Sein Temperament lebt das Duo natürlich auch in Maurice Ravels G-Dur-Sonate und vor allem in Béla Bartóks mitreißend gespielten rumänischenVolkstänzen aus. Feurig, extrem virtuos und mit viel klanglichen Raffinement kommt Fazil Says eigene Violinsonate op. 7 zumFinale daher.
Fulminantes Symphoniekonzert
Jutta Höpfel, Tiroler Kronenzeitung 21.2.2009: Grosser Jubel im Congress: Ein Energiebündel, ja ein Vulkan ist die junge russische Geigerin Patricia Kopatchinskaja, die Mendelssohns Violinkonzert barfuss atemberaubend spielte! Dazu der excellente Dirigent Patrick Lange, mit dem Innsbrucks Symphoniker Werke von Yves und Schumann in Hochform musizierten!
Die leidenschaftliche, ja entfesselte Interpretation des Mendelssohn-Konzerts durch die Kopatchinskaja, ihr hinreissend leuchtender Ton, die glühende Intensität ihres Bogenstrichs sind einfach sensationell. Alle Facetten des Werkes, die kantable Lyrik und sprühende Spielfreude wie die bravouröse Technik durchdringt sie mit totaler Hingabe. Im excessiven Tempo des Finales schien das virtuose Feuer mit ihr durchzugehen und die Balance zum Orchester zeitweise zu gefährden. Aber mitgerissen vom Temperament der Solistin, hielten auch Patrick Lange und die Musiker das Publikum unter permanenter Hochspannung. Ein aufregendes, ein aussergewöhnliches Konzert, das vom Publikum mit viel Applaus belohnt wurde.
Romantik für einen saftigen Bühnen-Kick - Bravorufe fallen selten im Innsbucker Symphoniekonzert, aber Patick Lange und Patricia Kopatchinskaja machten ein Ereignis daraus.
Ursula Strohal , Tiroler Tageszeitung 21.2.2009: Ja, sie kommt barfuss auf die Bühne, seit sie einmal ihre Pumps daheim vergass und nun - ebenso wie die gehörlose Percussionistin Evelyn Glennie - auf die Vibration der Musik durch das Podium nicht verzichten will. Das wesentliche an Patricia Kopatchinskaja ist aber das Urerlebnis Musik, das sie den Zuhörern schenkt. "Ich berausche mich an der Musik, sie entfacht meine Fantasie, ich will ganz tief in sie eintauchen", sagte die Geigerin, die jedes Werk wie eine Uraufführung spielt, und lässt daran teilhaben.
Technische Bravour: Kopatchinskajas stupende technische Bravour galt im Februar-Konzert des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck dem Violinkonzert des Jahresregenten Felix Mendelssohn-Bartholdy. Im letzten Satz schuf sie (im Donnerstagskonzert) vorübergehend einen kleinen Abstand zwischen sich und dem Orchester, aber es war ja nicht nur ein Rasen.
Das Finalthema huschte in immer anderer Elfenflüchtigkeit vorbei. Da war eine hintergründig graziöse Heiterkeit ebenso drin, wie ein tiefer, Mendelssohn oft abgesprochener Ernst an anderer Stelle. Was man in dieesem Werk zur Sentimentalität verzerren kann, kam, konzentriert natürlich im Mittelsatz, gesammelt, nobel, innig gesungen. Das Orchester folgte der Solistin, die immer neue Artikulationsüberraschungen bereithält und aktive Partnerschaft einfordert, mit gespannter Aufmerksamkeit.
CD-Kritik: Satte Hiebe ins Gedärm
Christa Sigg, Abendzeitung 20.2.2009: Diese Sanfte haut mit Schwung in die bildungsbürgerliche Magengrube: Patricia Kopatchinskaja bevorzugt einen extremen Beethoven. Patricia Kopatchinskaja geigt Beethoven und Konsorten geistreich gegen die Strich
Ihr Temperament ist umwerfend. Und kaum jemand hat in den letzten Jahren so dermaßen gegen den Strich gegeigt wie Patricia Kopatchinskaja. Die junge Frau aus Moldawien kickt Beethoven aus seinem gemütlich-bürgerlichen Fauteuil, genauso bekommen Bartók und Ravel satte Hiebe ins Gedärm.
Und das scheint nicht genug. Im Booklet zu ihrer Debüt-CD ist zu lesen, dass die 32-Jährige Beethoven am liebsten fragen würde, ob man die Kreutzer-Sonate nicht noch extremer spielen könnte. Nein, auf Schönklang ist die Kopatchinsjaka wirklich nicht aus, und man merkt schnell, dass der fein gepflegte Beethoven-Schinken aus dem behaglichen Kaminzimmer im Feuer gelandet ist, im Kopfsatz-Presto lichterloh zu brennen beginnt und selbst im eher braven Andante noch ordentlich glüht. Auch die saftigen Rumänischen Volkstänze von Bartók platzen gleich vor Energie, dazwischen bekommt Maurice Ravel in der G-Dur-Sonate tatsächlich den Blues, um wenig später berauscht in die Absinth-Ekstase abzudrehen.
Kratzbürstig ist das, aufwühlend leidenschaftlich und, ja, immer wieder auch betörend. Denn wenns drauf ankommt, gefrieren in Béla Bartóks Tanz aus Butschum die allerzartesten Spinnennetze.
Trotzdem gehört zu dieser Auffassung natürlich ein Wilder am Flügel: Auch der experimentierfreudige Fazil Say zählt weniger zu den Samtpfoten seiner Zunft. Was nicht heißen soll, dass dieses zupackende Duo auf Krawall gebürstet ist. Ganz im Gegenteil, ernsthaft und fern jeder Provokation ist das Ansinnen dieser beiden Vollblutkünstler und die CD schon jetzt der beste Störfaktor des Jahres 2009.
Konzert Kopatchinskaja/Say
Susanne Kübler, Tages-Anzeiger Zürich 18.2.2009: Zürich Tonhalle. - Wenn zwei sich finden, freut sich das Publikum. So jedenfalls wars am Montag im Meisterinterpreten-Konmzert mit der moldawisch-wahlschweizerischen Violinistin Patricia Kopatchinskaja und dem türkischen Pianisten und Komponisten Fazil Say. Sie praesentierten jenes Programm, das sie kürzulich auf CD herausgebracht haben, und natürlich hat man gehört, dass da gefeilt worden ist, nicht nur, aber besondes schön, wenn die Geigerin in der Beethoven Kreutzer-Sonate ihre Pizzicati so mikrosekundengenau in den Klavierpart einstreut, dass der Eindruck eines einzigen Instruments entsteht.
Aber solche Perfektionen waren nicht das Ziel, sondern eher ein Nebenprodukt des leidenschaftlichen Zusammenspiels. Eigentlich ging es um etwas ganz anderes: darum, den Geist eines Werks lebendig werden zu lassen, die Musik noch einmal so nachzufühlen, wie sie der Komponist erdacht haben mochte.Bei Beethoven äusserte sich das in einem fast improvisatorischen Gestus, in einem Träumen und Erschrecken, das einem vor Ohren führte, warum diese Sonate einst als so ungewöhnlich galt. Auch der erste Satz von Ravels G-Dur Sonate wirkte wie ein Spaziergang, während dessen den Musikern scheinbar spontan dies und jenes aufzufallen schien. Der zweite Satz, der Blues machte in seiner ebenso lasziven wie ironischen Interpretation dann klar, dass die beiden diesen Stil durchaus nicht nur durch die klassische Brille kennen.
Die Improvisation und das Aufgreifen fremder Musiken: Das waren die reoten Fäden in diesem klug kombinierten Programm. Am engsten verknüpft wurden sie in Says eigener Violinsonate von 1996, in der ein romantischer Ton in Minimal-Muster oder jazzige Attacken umschlagen kann, in der sich der Flügel auch mal in ein Zupfinstrument verwandelt - und in der die beiden vom ersten bis zum letzten Ton zeigen konnten, wie ählnlich ihr musikalisches Temperament beschaffen ist. Noch schöner war das nur noch in Bela Bartoks rumnänischen Volkstänzen zu erleben. Hier schien Patricia Kopatchinskaja zuweilen eher Bratsche als Geige zu spielen, die Intonation wurde exakt so volkstümlich wie nötig, und von der uirsprünglichen Kraft der Musik ging beim Transport in die überaus raffinierte Interpretationskunst kein bisschen verloren. Dass die Geigerin oft nach hinten und Say eher nach vorn als auf die Tasten schaute, machte auch optisch deutlich, wie eng und risikofreudig die Kommunikation hier war.
In den Zugaben wurde dann noch der dritte rote Faden des Abends in den Vordergrund geholt: der musikalische Humor, den die beiden nicht nur in einer hinreissenden Jazzversion von "Pour Elise" bewiesen. Das Publikum lachte, es applaudierte und stand schliesslich - in der berechtigten Überzeugung, eines der lebendigsten Konzerte dieser Saison gehört zu haben.
Die CD mit dem Recitalprogramm ist bei Naive erschienen. Ebenfalls bei Naive erscheint am 27.2. die Aufnahme von Says Violinkonzert 1001 Nights in the Harem" mit Patricia Kiopatchinskaja und dem Luzerner Sinfonieorchester unter der Leitung von John Axelrod.
Unbezähmbar - Das Duo Kopatchinskaja/Say in der Tonhalle Zürich
Thomas Schacher, Neue Zürcher Zeitung vom 18.2.2009: Eine der Zugaben begann harmlos mit Beethovens Klavierstück «Für Elise». Die Geigerin hörte dem Pianisten aufmerksam zu, doch plötzlich mischte sie sich ein, und allmählich mutierte der Klassiker zu einem frechen Jazzstück. Fazil Say und Patricia Kopatchinskaya sind zwei Persönlichkeiten, die aus ähnlichem Holz geschnitzt sind: Beide besitzen ein unbezähmbares Temperament, bewegen sich mit grösster Selbstverständlichkeit in unterschiedlichen stilistischen Bereichen und haben obendrein eine Neigung zu theatralischen Gesten. Der Duoabend der beiden Künstler in der Tonhalle Zürich liess diese Eigenschaften in einem breit gefächerten Programm hervortreten, das nicht zufällig dieselben Stücke enthielt wie die CD, die jüngst beim Label «naïve» erschienen ist.
Die Pièce de Résistance bildete Beethovens Kreutzersonate. Dass das Duo dem schwierigen Werk spieltechnisch gewachsen war, daran bestand nicht der geringste Zweifel. Was die Interpretationsebene betrifft, stellte sich beim Hören und Sehen gelegentlich der Eindruck von zwei Raubtieren ein: Die Spieler überboten sich gegenseitig an Temperament, wildem Dreinfahren und Körpereinsatz. Natürlich könnte man diese Sonate auch anders spielen, majestätischer den ersten Satz, ruhiger den zweiten und eleganter den dritten. Solche Eigenschaften kamen wohl etwas zu kurz. Aber in jedem Moment der Darbietung herrschte eine unwiderstehliche Spannung. Mit der Sonate für Violine und Klavier op. 7. stellte sich Fazil Say auch als Komponist vor. Das polystilistische Werk, in dem türkische Folklore sich mit klassischen Mustern verbindet, kam im Ausdrucksbereich auch den Fähigkeiten von Patricia Kopatchinskaja entgegen. Quasi zum Heimspiel für die junge Moldauerin wurden die Sechs Rumänischen Volkstänze von Bartók in der Bearbeitung von Zoltán Székely. Das grösste Wagnis ging das Duo mit Ravels G-Dur-Sonate ein. Hier begeisterte allem voran der Blues, bei dem die Geigerin die Töne seufzen liess, dass es eine Freude war.
Kommentar: Wir wissen, dass die meisten die Kreutzer-Sonate anders spielen, aber damit halten sie sich nicht an die vorhandenen Informationen aus der Beethovenzeit (Näheres siehe unter Kreutzer-Sonate).
Patricia
macht die Wildsau
Bevor sie auf
die Bühne geht, zieht sie sich die Schuhe aus und spielt
barfuß: die moldawische Wunder-Violinistin Patricia
Kopatschinskaja. Ihr kratzbürstiges Spiel gleicht einer Ohrfeige
für all die glatten Geigenmädchen von heute.
CD
Beethoven/Ravel/Bartok/Say (Naive V 5146).
Kai Luehrs-Kaiser auf Spiegel-Online vom 11.2.2009: "Wenn die anderen die Hausschweine sind, dann bin ich die Wildsau: Ungekämmt und eher schmutzig." Erfrischende Worte, die man von anderen Klassik-Geigerinnen, etwa von Anne-Sophie Mutter oder Julia Fischer, wohl nicht hören würde. Patricia Kopatschinskaja, 31, als "junge Wilde" unter den Geigerinnen seit Jahren ein Geheimtipp, bekennt sich zu einem furiosen Individualstil selbst bei Beethoven.
Sie zieht sich, bevor sie auf die Bühne geht, grundsätzlich die Schuhe aus und spielt barfuß. Ihr abruptes, explodierendes Violinspiel passt nicht zum Klischee klassischer Ausgeglichenheit und gymnasialer Bildung. Und hat doch Erfolg. "Ich bin überzeugt", sagt sie, "Beethoven hat auch gestunken. Und ich glaube auch nicht, dass das damals jemanden störte."
Um es kurz richtig zu stellen: Patricia Kopatschinskaja ("Patkop") stinkt nicht. Die moldawische Super-Geigerin, wohnhaft im behäbigen Bern, glaubt indes an eine "Verbindung zwischen den Zehen und meinen Fingern". Auf ungekehrten Holzpodien hat sie schon oft Verletzungen davongetragen. "Ich habe eine Botschaft", sagt sie beherzt: "Es reicht nicht aus, schön zu spielen. Die Darstellung muss eine Sensation in der ursprünglichen Wortbedeutung sein. Etwas für die Sinne!"
Damit verkörpert die am liebsten mit dem türkischen Pianisten Fazil Say auftretende Künstlerin einen neuen Typus von Klassik-Künstlern, denen die zähe Betriebsamkeit, das Klischee vom holden Bildungsideal und alle Abendkleid-Verträglichkeit der Klassik auf die Nerven geht. Und die musikalisch etwas dagegen setzen. Sogar eine CD. Im Parforce-Ritt ihres neuen Duo-Albums mit Fazil Say durchmisst sie in exzentrischem Stech- und Geschwindschritt den Weg von Beethovens knarziger "Kreutzer"-Sonate über Béla Bartóks eruptive Rumänische Volkstänze Sz. 56 bis hin zu Maurice Ravels absinthgetränkter G-Dur-Sonate und tonalen Eigenkompositionen von Fazil Say.
Es sind Aufnahmen, die an beiden Enden brennen. Auf der einen Seite der rhythmisch spitzeste und extremste Pianist, den es seit Insider-Heiligen wie Sergio Fiorentino oder Byron Janis gab. Und wenn es auf der anderen Seite je einen kratzbürstigen Geigenton gab, dessen Rhythmus knallen und Wunden reißen kann wie eine Peitsche: dann denjenigen von Patricia Kopatschinskaja.
Schon ihre Mutter war Geigerin. Der Vater Zimbalist in der Tradition der moldawischen Volksmusik. "Aber Volksmusik in unserer Heimat", versichert Patkop, "hat nichts mit dem Musikantenstadl zu tun!" Der Vater spielte zwölf Stunden pro Tag. "Ich könnte noch heute weinen, wenn ich es höre." Stattdessen spielt sie selber im Konzert und auf CD wie ein Geigenteufel. "Fazil hat mir die Augen dafür geöffnet, dass Musik im Moment entsteht und nicht in der Ewigkeit. Man muss eine eigene Geschichte erzählen, und sich nicht wiederholen. Darin sind wir uns einig."
Und genau darin sind die beiden sogar bereit, manche Geschmacksgrenze und manches Notendogma zu übertreten. Beethovens "Kreutzer"-Sonate, ein Schlachtschiff des Kammermusik-Marktes, erkennt man unter den Fingern der beiden Musiker erst dann wieder, wenn das Thema einige Takte lang für Erstaunen gesorgt hat. Reichlich ungewöhnlich. Entsprechend freizügig bekennt sich Kopatschinskaja zu allem, was ihr nicht liegt. "Das Mendelssohn-Konzert zum Beispiel gelingt mir nicht", gibt sie zu. "Das Konzert hat irgendwie zu viel Oberkörper. Ist zu wenig Tier."
Brahms Violinsonaten möchte sie "höchstens so spielen, als hätte sie Debussy komponiert". Grundsätzlich, sagt sie, suche sie "eher das Hässliche". Und bevorzugt privat die Stille als größten Luxus ihrer inzwischen ziemlich auf Touren gekommenen Karriere. All das sind Bekenntnisse, für welche Klassik-Künstler sonst einen Platzverweis kriegen. "Wer mich nicht mag, lädt mich halt nicht wieder ein." Patricia Kopatchinskaja, deren Spiel einer Ohrfeige für all die glatten Geigenmädchen von heute gleicht, ist der mit Abstand interessanteste Neuzugang zur Szene. Man muss sie lieben. Denn sie schreckt ab.
Patricia Kopatchinskaja geigt gegen den Strich (CD Kopatchinskaja/Say, Beethoven/Ravel/Bartok/Say, Naive)
Saarbrücker Zeitung vom 4.2.2009: Berlin (dpa) Ist das noch Beethoven? Wenn die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und der Pianist Fazil Say die Kreutzer-Sonate anstimmen, dürfen sich Puristen getrost abwenden. Es kratzt und ächzt, klingt wild und kaum nach Wohlklang. Die Geigerin aus Moldavien, die mittlerweile mit den führenden Orchestern der Welt auftritt, und der in Paris lebende Pianist aus Ankara treten einen Orkan los, der den Balkan in Ludwig van Beethoven (1770-1827) entdeckt. Ob man die Sonate nicht noch extremer spielen könnte, hätte sie den Komponisten gerne gefragt, wird die 32-Jährige im CD-Booklet zitiert. Der Hörer muss bei der anschließenden G-Dur-Sonate von Maurice Ravel und bei Bela Bartoks rumänischen Volkstänzen kaum das Ohr umstellen.
Skandalös gut - Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say spielen Werke für Violine und Klavier von Beethoven, Ravel, Bártok & Say
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Dr. Stefan Drees auf www.klassik.com vom 1.02.2009: Die vorliegende CD aus dem Hause naïve, die das erste gemeinsam erarbeitete Konzertprogramm der Geigerin Patricia Kopatchinskaja und des Pianist Fazil Say dokumentiert, hat einen Skandal heraufbeschworen. Angestiftet wurde er wahrscheinlich von jenen Kritikern, die zu Hause eine kitschige Beethoven-Büste mit würdevoll-grimmigem Gesichtsausdruck auf ihrem Schreibtisch stehen haben und zu der Gruppe von Leuten gehören, die eben genau wissen, dass man etwas so und nicht anders machen darf, weil es schon immer so und nicht anders gemacht wurde. Punkt (Woher sie das eigentlich wissen, sagen sie uns aber nicht). Immerhin gingen die Vorwürfe an die beiden Musiker so weit, dass sich Kopatchinskaja dazu veranlasst sah, auf ihrer Website einen offenen Brief mit dem Titel We do not apologize about our recording with Fazil Say zu veröffentlichen. Der Hörer sei also gewarnt, denn hier wird auf provozierend andere Weise musiziert und dennoch aus einer ziemlich gut begründeten, historischen Sichtweise heraus.
Konkret geht es zunächst um Beethovens Sonate A-Dur op. 47, die so genannte Kreutzer-Sonate, die jedoch nicht etwa für den Widmungsträger, den französischen Geiger Rodolphe Kreutzer, entstanden ist, sondern ursprünglich dem Mulatten George Polgreen Bridgetower (17781860) zugeeignet war (eine Widmung, die Beethoven angeblich wegen eines lächerlichen Streits zurück gezogen haben soll). Dass das Manuskript tatsächlich die Aufschrift Sonata mulattica Composta per il Mulatto Brischdauer, gran pazzo e compositore mulattico (mulattische Sonate, komponiert für den Mulatten Bridgetower, großer Narr und mulattischer Komponist) trägt, mag etwas von dem Humor zeigen, der sich hinter dem Werk versteckt; das Urteil, mit dem der Kritiker der Allgemeinen Musikzeitung die Komposition 1805 nach ihrer Drucklegung als befremdliches Werk titulierte, das man nur schätzen könne, wenn man von aesthetischem oder artistischem Terrorismus befangen sei, deutet an, mit welchem Unverständnis die Zeitgenossen übrigens auch der Widmungsträger Kreutzer, der (so überliefert Hector Berlioz) die Sonate als outrageusement inintelligible (äußerst unverständlich) bezeichnete das Werk aufgenommen haben.
Sonata mulattica: Genau diese Kriterien legen Kopatchinskaja und Say ihrer Interpretation zugrunde, die sie ganz bewusst als historisch korrekt bezeichnen, weil sie spürbar machen wollen, dass die Sonate ursprünglich eben für einen großen Narren geschrieben wurde und auf das Publikum befremdlich und terroristisch gewirkt hat. Weg also mit der grimmig dreinblickenden Beethoven-Büste und aufmerksam zugehört, was sich hier musikalisch tut, denn es hat tatsächlich Hand und Fuß man muss nur aufgeschlossen genug sein und dem Komponisten etwas mehr doppelbödigen Humor zugestehen! Mit sezierendem Blick isolieren die beiden Musiker die zahlreichen ungewöhnlichen Stellen des Werkes und arbeiten dabei eine Sichtweise heraus, die wie vielleicht keine Aufnahme zuvor die ästhetische Sprengkraft erkennen lässt, die sich immer noch in Beethovens Sonate verbirgt. Dadurch, dass sie die Angaben des Komponisten wörtlich nehmen, zeigen sie zugleich die Grenzen des Komponierten auf.
Da scheint das Gefüge unter Akzentuierungen und extremen Lautstärkekontrasten fast zerspringen zu wollen, da werden die formalen Brüche aufgedeckt und hemmungslos ausmusiziert, da wird mit einer Nuancierung von Vibrato und Anschlag gearbeitet, die das ganze Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten umfasst: Die Überdeutlichkeit, mit der das Duo den Beethovenschen Text liest, ist das eigentlich Radikale an dieser Einspielung, denn dadurch werden Beschönigungen vermieden, wird der Hörer auf eine gleichsam nackte Präsentation von Extremen geworfen, die sich so gar nicht in das hehre Ideal der klassischen Ausgewogenheit einfügen lassen wollen. Dass dies nicht beim Kopfsatz endet, macht die ganze Angelegenheit noch überzeugender: Gerade der häufig allzu bieder musizierte Variationssatz profitiert vom Ideenreichtum der Interpreten, lässt die oftmals seltsam anmutenden Figurationen Beethovens im neuen Licht humorvoller Übertreibung erscheinen, wonach das rasende, mit wuchtigem Fortissimo-Schlag anhebende Presto-Finale inklusive seiner abrupten Haltepunkte wie eine Abrundung dieser eigenartigen Sonate erscheint.
Ravel und der Aschenbecher: Überzeugend erscheint mir auch die Konfrontation von Beethovens Komposition mit Maurice Ravels Sonate G-Dur (192327): Rhapsodisch kommt der Kopfsatz daher, entbehrt völlig der Starre, den er in anderen Aufnahmen hat. Authentisch und mit Biss ist aber auch der anschließende Blues geraten, der hier (gleichsam gegen den Strich gebürstet) mit präpariertem Klavier erklingt im Booklet-Interview ist vom Platzieren eines Aschenbechers im Klavierinnern die Rede , wodurch der Satz eine ungemein faszinierende Atmosphäre, angesiedelt zwischen Melancholie, Müdigkeit und richtig schmutzigem Blues, erhält und die Klangfarben beider Instrumente sich stellenweise frappierend einander annähern. Ravels Sonate verliert den Anschein, jenes spätimpressionistisch-verspielte Juwel zwischen mechanischem Spielzeug und Schönklang zu sein, für das viele Interpreten sie halten; sie bekommt vielmehr eine zupackende Frische und Kraft, die man dieser Musik gar nicht zugetraut hätte. Und dass das abschließende Perpetuum mobile von der Erschöpfung des Mittelsatzes her erst in Schwung kommen muss und sich mit seiner Hyperaktivität zugleich auch immer auf der Kippe des Scheiterns befindet, führt dazu, dass ein zwingend logischer Bogen über der Gesamtanlage des Werkes steht und trotz der stringent ablaufenden Ereignisse der Bezug zu den vorangegangenen Sätzen immer erkennbar bleibt.
Angesichts solcher Ergebnisse muss man kaum betonen, dass die zur Schau getragene Musizierhaltung in den Rumänischen Volkstänzen von Béla Bartók erst recht zum Zuge kommt: Kopatchinskaja und Say schaffen auch hier einen faszinierenden, stimmungsreichen Bilderbogen, der die von Zoltán Székely für Violine und Klavier bearbeiteten Klavierstücke ganz neu wirken lässt und dabei mit besonderer Intensität auf die Ausarbeitung der folkloristischen Elemente fokussiert. Den Schlusspunkt setzt Fazil Says eigene, vor originellen Einfällen und Klangwirkungen förmlich überquellende Violinsonate op. 7 (1996) in fünf Sätzen, in der die Musiker den Hörer ein letztes Mal mit virtuosem, rhythmisch vorwärts treibendem Spiel in Atem zu halten wissen.
Insgesamt zeigt diese Einspielung vor allem zweierlei: dass hier ein Duo agiert, das die Musik so zu gestalten versteht, als sei sie gerade erst entstanden und würde nun zum ersten Mal erklingen ein Ansatz, der das Neue im Alten bloßlegt und viele Überraschungen birgt, was vollauf fünf Punkte für die Repertoirewertung rechtfertigt und dass Kopatchinskaja tatsächlich zu den faszinierendsten Figuren des gegenwärtigen Geigenspiels zählt.
Die aktuelle CD: Kopatchinskaja / Say - Werke von Beethoven, Ravel, Say und Bartók
Carsten Dürer in "Ensemble - Magazin für Kammermusik" Februar-März 2009: So haben Sie noch nie die Sonate Nr. 9 A-Dur für Violine und Klavier von Ludwig van Beethoven gehört, gleichgültig wie oft Sie diese Sonate schon in unterschiedlichen Interpretationen gehört haben. Drastisch wäre eine zu einseitige Bezeichnung, um diese Interpretation zu charakterisieren. Fazil Say und Patricia Kopatchinskaja loten die dynamischen Angaben des Komponisten ebenso sensibel und deutlich aus, wie sie den im Notentext angegebenen forzati-Zeichen und dem Ideal eines sich gegen die Konventionen aufbäumenden Komponisten folgen. Auf diese Weise entsteht eine unfassbar reine, eine bestechend transparente und überaus frisch-spannende Darstellung. Dabei überlassen die beiden Musiker ihr Zusammenspiel niemals dem Zufall, sondern liegen in jeder Nuance auf der absolut gleichen Linie, spielen perfekt die Idee des gleichberechtigten Spiels im Duo aus. Wundervoll austariert wird dabei auch der zweite Satz. Hier wird nichts dem Zufall überlassen und klingt dennoch vollkommen spontan.
Ähnlich geht man mit Ravels Sonate für Violine und Klavier G-Dur um, trifft stärker als sonst die Modernität, lässt die asiatische Musik, die der Komponist während der Pariser Weltausstellung 1900 kennenlernte, wirken, findet aber dennoch das beachtliche Gespür zu dem gewaltigen Klangfarbenreichtum Ravels, mit viel Emotion und Lust verbunden! Der Blues im Mittelteil wird mit Bravour wie ein direkt vom Mississippi importiertes Werk gesehen grenzwertig, da Say auch noch die Saiten des Flügels abhält, während Kopatchinskaja akustisch schmachtend ihre Violine trauern lässt. Die Sechs Rumänischen Volkstänze von Béla Bartók spielen die beiden mit so viel Ruppigkeit und sanftem Schmerz, wie man sie von einer Bauernfeier in Rumänien vor 100 Jahren erwarten würde. Bartók steht bei ihnen dennoch hoch im Kurs und wird vielleicht zigeunerischer gespielt, als man es ansonsten gewohnt ist.
Und Says Violinsonate? Die ist nun einmal, wie Say sich anhört: innig, von anatolischen Weisen gefärbt, aber in dieser Sonate weit weniger als in seinen Klavierwerken. Hier ist das Spiel selbst vielleicht auf der gesamten CD am klassischsten, auch wenn die Aussagekraft extrem virtuos und faszinierend akzentuiert daherkommt (z. B. der 3. Satz). Es ist eine CD, die zwei Musiker kombiniert, die aus ihrem Innersten Musik interpretieren, keine Konventionen zu durchbrechen scheuen, wenn sie nur ihrer Aussagekraft folgen können. Dass auch bekannte Werke dabei absolut neuartig klingen? Gut so, denn die Spielqualität ist bestechend hoch und die Aussagekraft extrem überzeugend. Lassen Sie sich verführen von dieser Art des Spiels, es lohnt sich!
Die Überraschung
Reinmar Wagner in "Musik & Theater", Februar 2009: Seit 2006 sind Patricia Kopatchinskaja, die moldawische Geigerin, und Fazil Say, der türkische Pianist, ein Duo-Paar. Wenn zwei Musiker von ihrem Temperament zusammenkommen, dann können nur die Funken sprühen oder die explosive Mischung geht hoch und endet im Desaster. Bei Say und Kopatchinskaja hat der Funke gezündet, und die Explosionen laufen einigermassen kontrolliert ab, das zeigt diese atemberaubend mitreissende CD. Schon in Beethovens «Kreutzer»-Sonate wähnen wir uns in einem osteuropäischen Zigeunerlager: Virtuosität auf die Spitze getrieben, die Extreme gesucht, giftig, grell die Akzente, fast nur noch Rhythmus, die Läufe, unterbrochen durch die zarteste Süsse, die nur schon deswegen nie kitschig werden kann, weil jederzeit, der Boden wegzubrechen droht und die beiden uns in den nächsten Strudel reissen. So geht es weiter durch dieses fulminante CD-Rezital: Ravels Blues soll klingen wie ein müder Afrikaner mit einem Banjo in einer verrauchten Bar. Genauso beginnt er auch, nur wird der Schläfer bald sanft aus seinen Träumen gerissen. Die «Rumänischen Volkstänze» von Bartók sind ein Musterbeispiel an Musizierlust bis hin zum überdrehten Delirium am Ende. Und auch die 1996 komponierte Sonate von Say selbst erweist sich als würdige Nachfolgerin in Sachen Kontrastreichtum und musikantischer Spielfreude.
Barfuß durch den Strom vollkommener Wildheit - Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say nähern sich Beethoven und Konsorten auf CD mit wenig Respekt und kommen zu erschütternden Ergebnissen
Stefan M. Dettlinger in Mannheimer Morgen vom 30.1.2009: Mit nackten Füßen soll dieses junge Weib bisweilen teuflisch geigend auf der Bühne stehen. Hört man das? Drückt das etwas aus? Tut es. Der nackte Fuß im klassischen Frack-, Lackschuh- und Glitzerkleid-mit-tiefem-Ausschnitt-Zirkus ist mehr als das Gebaren unkonventioneller Herangehensweisen. Es ist vielmehr der Wille zu zeigen, dass aus einer gewissen Respektlosigkeit heraus etwas entstehen soll, was möglicherweise mehr mit uns und unserer Zeit zu tun hat als das Durchspielen eingeschliffener Benimmabläufe.
Bei der aus Moldawien stammenden Patricia Kopatchinskaja, die auch bei den diesjährigen Schwetzinger Festspielen gastieren wird (3.6.), hat dieses Betragen aber nichts Artifizielles. Sie braucht es, braucht "einen stabilen Stand, um nach den Sternen zu greifen", sagt sie selbst. Mit Bescheidenheit hat das freilich nichts zu tun. Aber Kopatchinskajas Interpretationen sind auch alles andere als bescheiden. Sie haben die Wildheit und Spontaneität eines Jazzers beim Improvisieren. Kein Wunder: Kopatchinskaja komponiert selbst und sagt: "Aufführungen in ausgetretenen Pfaden können gar kein Erlebnis werden", worauf sie Altballettmeister Serge Diaghilevs Diktum "étonnez-moi!" anführt, zu Deutsch: verblüffen Sie mich!
Das tut sie, und ihr kongenialer Klavierpartner aus der Türkei ist ebenso wie sie eine Art revolutionärer Spinner, der Klassik neu erfahrbar machen will: Fazil Say. Nicht jeder muss mögen, was am Ende entsteht. Man kann das als zu wild, vielleicht auch unkultiviert empfinden, was die beiden mit Beethovens berühmter "Kreutzersonate" (op. 47, A-Dur) anstellen, zumal Urtextfetischisten sicherlich Verstöße finden werden. Aber die unendlich oft konsumierte Musik wird in dieser vitalen, unverblümten Musizierweise (wieder) zu dem, was sie anno 1803, dem Jahr der Entstehung, gewesen sein muss: ein abenteuerlicher Strom vollkommener Wildheit.
Say und Kopatchinskaja formulieren mit ihren Interpretationen das Gegenstück zum Hochglanzprodukt einer Anne-Sophie Mutter und ihrem Begleiter Lambert Orkis. Vielmehr als gängig lassen sie gleich im Presto des ersten Satzes Hässlichkeiten zu. Kopatchinskaja lässt da in wilden Wellen den Bogen über die Arpeggien und Intervalle fliegen, riskiert ein Fiepen und Flöten im Ton, doch sie tut dies in einer atemberaubenden Virtuosität. Auch Say riskiert neben rasanten Tempi fast gehämmerte und entsprechend harte Sforzato-Akzente, lässt den Steinway wie einen Löwen brüllen und wie Donner grollen. Beide können - selbstredend - blitzschnell auf Innigkeit und Empfindung umstellen, oder sollen wir sagen: Innigkeit und Empfindung fühlen?
Zu Bartók, dessen rumänische Volkstänze (sz. 56) auf dem Album ebenso enthalten sind wie Ravels Violinsonate G-Dur (mit dem verschrobenen Blues) und eine Sonate des Komponisten Say, passt der lebendige, mitreißende Musizierstil naturgemäß noch besser. Dies ist kein Interpretieren nach Noten mehr. Es ist die Schaffung eines neuen Werks aus dem Geiste des Komponisten. Hier haben sich zwei große Begabungen getroffen. Das musikalische Ergebnis ihrer Kooperation ist nichts weniger als eines der aufregendsten Alben der vergangenen Jahre. Barfuß-Musizieren ist gut. Da zieht es einem - im positiven Sinne - die Schuhe aus.
Beethoven
zwischen Schock und Staunen eine junge moldawische Geigerin
mischt die Klassik gehörig auf.
CD Naive V5146 mit
Violinsonaten von Beethoven, Ravel, Bartók und Say
Dirk Hühner auf www.kulturradio.de 27.1.2009: Wenn es für Musiker einen Radikalenerlass gäbe, fiele Patricia Kopatchinskaja als eine der ersten darunter. Die aus Moldawien stammende knapp dreißigjährige Geigerin bekennt sich zu einer dezidiert zeitgenössischen Sicht auf die Klassiker. Neue Musik, Volksmusik und Jazz sind ihre Bezugspunkte unter denen sie Beethoven in die Gegenwart katapultiert. Ihr Ansatz ist durch und durch improvisatorisch. So wie Beethoven seine Noten auf das Papier schleuderte, fegt sie durch die Partitur. Spontaneität und Energie vermittelt sie wie niemand sonst, besonders mit dem Jazz-erfahrenen Pianisten Fazil Say an ihrer Seite.
Auch bei Bartóks Tänzen und Ravels Blues-seliger Sonate schafft Patricia Kopatchinskaja einen überwältigenden Sprung in die Gegenwart. Dagegen fällt seltsamerweise die Sonate ihres Klavierpartners Fazil Say merklich ab. Zwar wird auch dort mit großer Heftigkeit agiert, aber das Stück lehnt sich doch zu sehr an romantische Muster an.
Der CD-Tipp von Radio Swiss Classic: "Beethoven Ravel Bartok Say"
Irène Maier in Newsletter von Radio Swiss Classic vom 20.1.2009: Wohl kaum eine CD ist mit soviel Spannung erwartet worden, wie die vorliegende Studioaufnahme mit der bis anhin Studio-scheuen Geigerin Patricia Kopatchinskaja und ihrem gegenwärtigen Duopartner Fazil Say (Naïve V 5146). Wer die beiden im Konzertsaal erlebt hat, weiss, dass er sich auf einen Hörgenuss einlässt, der gängige Massstäbe sprengt. Dies ist auf dieser CD nicht anders. Man wähnt sich im Konzertsaal. Die unbändige Energie, die berauschende Leidenschaft, die kompromisslose innere Ausdruckskraft gebündelt durch das Mikrofon, büssen nichts von ihrer Strahlkraft aus. Nicht dass Kopatchinskaja und Say den Notentext der Werke neu erfänden. Sie spielen, bis auf ein paar durchaus Sinn machende Eigenwilligkeiten, notengetreu, aber ihre Umsetzung ist rücksichtsloser, intensiver und extremer. Der Kreutzersonate von Beethoven geben sie ihre Radikalität zurück, was ihr eine Faszination verleiht, die körperlich spürbar wird. Ihre Seele, ihr Herzblut liegt in jedem Ton von Ravels Violinsonate, ebenso in den rumänischen Volkstänzen von Bela Bartok und dürfte selbst eingefleischte Puristen verzaubern. Das Ergebnis einer wunderbaren Partnerschaft ist die Violinsonate von Fazil Say. Zwar ist Patricia Kopatchinskaja nicht die Widmungsträgerin, aber das Duo widerspiegelt darin eine musikalische Symbiose, die kaum zu übertreffen ist.
Klassik in Reinkultur - Konzert Sinfonietta Schaffhausen
Rita Wolfensberger in Schaffhauser Nachrichten vom 19.1.2009: ...Dazwischen war Mozarts Violinkonzert Nr 4, KV 218, in D-Dur erklungen, für dessen Solopart die Geigerin Patricia Kopatschinskaja mit Elan, grossem Können und Selbstbewusstsein antrat. Ihre Interpretation liebte Kontraste, die Klanggebung war im Staccato und in der Akzentgebung mit kurzen Strichen, aber deutlichem Druck mitunter etwas spröde, aber in der enormen Vitalität und Phantasie, die auch durchaus ungewohnte Aspekte des Werkes offenbarten, so hinreissend wie faszinierend...
Patricia Kopatchinskaja - Sanfter Vulkan
Jürgen Otten in Frankfurter Rundschau, 12.1.2009: Fangen wir mit der Musik an? Oder mit dem Bild? Wir fangen mit dem Bild an. Auf dem Bild sehen wir einen jungen Mann, der uns mild-verschmitzt anschaut. Ein bisschen hat dieser Mann von einer Figur, wie sie bei Claude Lévi-Strauss zuweilen vorkommt, und sein Spiel beglaubigt diesen Eindruck. Denn dieser Mann ist Fazil Say, der Pianist der extremen Emotionen, des wilden Wogens auf technisch staunenswertem Niveau.
Aber um Say geht es nur in zweiter Linie. In erster Linie geht es um die Frau an seiner Seite. Sie umfasst eine Geige und sieht aus wie ein Kind. Wie ein schönes, zartes Kind. Dabei ist sie längst kein Kind mehr. Sie hat selber schon eines. Aber auch darum geht es nicht. Es geht darum, wie man sich in einem Bild täuschen kann.
Kaum hat man sich hingesetzt, die kleine silberne Scheibe in den CD-Player geschoben, deren Cover soeben beschrieben wurde, und das Adagio sostenuto genießerisch an sich vorübergleiten lassen, da wähnt man sich plötzlich inmitten eines Orkans. Der Orkan trägt den Namen Presto, ist im Original der Hauptteil des Kopfsatzes aus der Kreutzer-Sonate op. 47 und wurde von Ludwig van Beethoven in die Welt gesetzt. Ein kantiges Stück ist diese Sonate für das Klavier und die Violine, episch und virtuos, man kennt es ja zur Genüge. Doch hier ist es mehr: Es ist ein Naturereignis, gegen das sogar die Aufnahme des legendären Duos Martha Argerich/Gidon Kremer beinahe als ein laues Lüftchen bezeichnet werden muss. Und die war schon ziemlich schroff.
Man kommt kaum umhin, diese neue Interpretation, die auch in den folgenden zwei Sätzen eine existenzielle ist, als eine Sensation zu bewerten. Und zwar deswegen, weil hier jede gutbürgerlich-gepflegte Kunstanschauung über den Haufen geworfen wird. Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say negieren das Postulat des Wohlklangs. Sie treiben diesen Beethoven gewissermaßen an die Spitze einer imaginären heroischen Bewegung, deren einziges (und revolutionäres) Bestreben es ist, das Festgefügte aus den Angeln zu heben. Hinfort mit dem Schöngeist, heißt es hier, und: Was zählt, ist die reine Essenz.
Einem Musikleben, das die Wohlausgewogenheit schätzt (Kunst darf unterhalten, amüsieren, nicht aber stören), setzt diese Art des direkten, spontanen, die Konventionen sprengenden Musizierens einen Stachel in den Leib. Doch, um nicht falsch verstanden zu werden: Es ist kein Jota von einer Provokation darin enthalten. Es ist die ureigene Musikalität der Interpreten, die hier zum Tragen kommt.
Verstehen kann man das im Falle der Geigerin Patricia Kopatchinskaja nur, wenn man weiß, dass sie aus Moldawien stammt und aus diesem Land vor allem seine Musik mitgebracht hat. Sie lebt dort nicht mehr, unter anderem, weil es ein unglaublich armes Land ist. Sie lebt in Bern, in der behaglichen Schweiz. Ihr Denken und Fühlen aber ist entschieden unschweizerisch. Es ist moldawisch.
Wäre sie Jazzerin, würde man sagen: Sie hat den Blues in sich. Da Patricia Kopatchinskaja (im weitesten Sinne des Wortes) klassische Musikerin ist, darf man sagen: Sie hat den Volkstanz in sich. Ihr Spiel ist geprägt von den Liedern ihrer Heimat, mehr noch: von deren metrischen Verhältnissen. Und das ist das Faszinierende an dieser Künstlerin: Sie spielt Beethoven und Ravel genau so wie Bartók und Enescu. Sie spielt das alles mit einer rhythmischen Verve und einem glühenden (nicht selten kratzbürstigen) Ton, dass man jede Ordnung der Dinge vergisst und plötzlich zur Substanz des jeweiligen Stücks durchdringt. Und wie wundervoll ist diese Substanz im Falle der Violinsonate von Enescu, die aus unerfindlichen Gründen dem Konzertbetrieb abhanden gekommen war, bevor Patricia Kopatchinskaja das inspirierte Opus wiedererweckte!
Im Gespräch gibt sich die 32-Jährige nicht minder glühend, aber ebenso scharfsinnig. Sie hat genug erlebt, um zu wissen, dass es eine Nachtseite der Schönheit gibt. Als sie 13 war, verließ sie Moldawien gemeinsam mit ihren Eltern, einer Geigerin und einem Cymbal-Spieler, der während der Sowjetzeit als Dissident schlecht gelitten war, in Richtung Wien. Das Hab und Gut bestand aus ein paar Koffern und dem Hund. Keiner in der Familie konnte mehr als eine Handvoll Wörter Deutsch; es hieß, von vorne anfangen. Patricia studierte Komposition, irgendwann wurde man auf ihr Talent als Geigerin aufmerksam. Schritt für Schritt eroberte sie sich die Musikwelt, blieb aber innerlich auf Distanz. Das Kuschelige an der Klassik behagt ihr nicht. Und das Angepasste schon gleich gar nicht.
Und so spielt sie eben auch gänzlich unkuschelig und unangepasst. Ihre Interpretationen fordern heraus, fordern Einspruch, Widerspruch. Sie fordern die ganze Wahrnehmung. Den gezielten Blick durch das Bild hindurch zum Kern der Musik. Kann man von einer Künstlerin mehr verlangen?
Die CD mit Violinsonaten von Beethoven, Ravel, Bartók und Fazil Say erscheint in Deutschland am 30. Januar bei dem Label NAIVE. www.patkop.ch