Atemberaubend (CD Rapsodia, Naive)
Carsten Fastner in Falter 49/2010 (Wien) vom 9.12.2010: Viel Erfahrung mit der moldawischen Folklore und eine große Leidenschaft für die zeitgenössische Musik: Selbst in der Klassik sind diese prägenden Einflüsse im fulminanten Spiel der Geigerin Patricia Kopatchinskaja unüberhörbar. Nun bringt sie beides zusammen: Mit ihrem Vater (am Cimbalon), ihrer Mutter (Violine), Mihaela Ursuleasa (Klavier) und Martin Gjakonovski (Kontrabass) wirbelt sie durch furiose Volkstänze, seufzt alte Klagelieder und spürt den folkloristischen Wurzeln in Werken von Ravel, Enescu, Ligeti und Kurtág nach. Atemberaubend!
Rapsodia - Patricia Kopatchinskaja spielt
Thorsten Preuß auf Bayrischer-Rundfunk online vom 19.11.2010: Sie spielt Beethoven und Bartók am liebsten barfuß, inszeniert sich gern als ungezähmte, kratzbürstige Alternative zur Hochglanzwelt der Geigen-Divas, und nun wartet Patricia Kopatchinskaja auf ihrer neuen CD auch noch mit feuriger Folklore auf. Doch wer das Album mit dem Titel "Rapsodia" nur für einen weiteren, raffinierten Marketing-Gag hält, wird spätestens beim Hören eines Besseren belehrt.
"Rapsodia" ist zunächst eine sehr persönliche CD geworden: Eine Hommage an Moldawien, das kleine Heimatland von Patricia Kopatchinskaja, das sie im Booklet mit Süditalien vergleicht und von dessen furios-fröhlicher Volksmusik sie schwärmt. "Rapsodia" ist aber auch eine Hommage an Patricias Vater Viktor Kopatchinsky, der vor seiner Emigration nach Wien als berühmtester Cimbalom-Virtuose der Sowjetunion galt und im Kreml Konzerte gab - mit seinem Ensemble, das bezeichnenderweise auch "Rapsodia" hieß. Dass ein Musiker dieses Formats nach seiner Übersiedlung in den Westen seine Familie mit Schunkelmusik in Gasthäusern durchbringen musste, sagt auch etwas aus über den Umgang unserer Gesellschaft mit dem Potential von Migranten.
Ungestüme Musikalität einer Virtuosen-Familie: Auf der CD wird Vater Kopatchinsky voll rehabilitiert: Im Zusammenspiel mit der Tochter (und übrigens auch mit seiner Frau, der Geigerin Emilia Kopatchinskaja) lassen sich der farbige Klang seines 120 Jahre alten Cimbaloms und überhaupt die ungestüme Musikalität einer Virtuosen-Familie bestaunen. Faszinierend etwa, mit welch funkensprühenden Improvisationen Vater und Tochter die "Lerche" von Anghelu? Dinicu zum Zwitschern bringen (eines der berühmtesten Stücke aus dem Repertoire der osteuropäischen Zigeunerkapellen). Zwiespältiger fällt der Eindruck im Fall des Arrangements von Ravels "Tzigane" für Violine und Cimbalom aus: Zwar hatte Ravel beim Komponieren des Klavierparts in der Tat den Klang des Hackbretts im Kopf, doch im Praxistest fehlt dem Cimbalom dann doch die akkordische Fülle des Konzertflügels (und auch ein paar Noten). Da wünscht man sich am Ende, Patricia Kopatchinskaja hätte sich die Pianistin Mihaela Ursuleasa als Begleiterin geholt - wie im Fall der dritten Violinsonate von Ursuleasas Landsmann George Enescu. Dieses Stück "im Charakter der rumänischen Volksmusik" (so der Untertitel) gehört in der rhapsodischen, organischen, manchmal geradezu sprechenden Interpretation der beiden einstigen Studienkolleginnen zu den Höhepunkten des Albums.
Unbekümmert, unkonventionell, aber unbedingt schlüssig: Der Clou der CD aber ist die Zusammenstellung des Repertoires: Patricia Kopatchinskaja kombiniert Folklore und Avantgarde, Konzertsaal und Caféhaus -unbekümmert, unkonventionell, aber unbedingt schlüssig. Da erklingen zwischen zwei Bravourstücken plötzlich die acht fragilen Duos für Violine und Cimbalom op. 4 des ungarischen Komponisten György Kurtág: aphoristische Miniaturen, kaum mehr als hingehauchte Klanggesten. Und mit einem Mal erinnert man sich daran, dass neben Anton Webern auch ungarische Volksmusik Kurtágs unverwechselbaren Personalstil maßgeblich mitprägte. So, in einem solchen Kontext, muss man zeitgenössische Musik heute präsentieren!
Höchst originelle Aufarbeitung der Konzerttradition - Gerd Kühr dirigiert sein Violinkonzert "Movimenti".
Ernst Ranedi Reiner, Kleine Zeitung (Graz), 16.11.2010: Warum stimmt das Orchester seine Instrumente erst dann, wenn der Dirigent bereits ans Pult getreten ist? Weil Gerd Kühr das so komponiert hat, weil er aus dem Zentralstimmton "a" sein 2006 für Patricia Kopatchinskaja geschriebenes Violinkonzert "Movimenti" entwickelt. Der nächste Überraschungsgag: Die Solistin bleibt zunächst unsichtbar. Dann löst sich aus dem Tremolo der Streicher ihr Ton und die Widmungsträgerin schreitet von hinten barfuß an ihren angestammten Platz, wo sie sich so heftig auf ihre erste Solopassage stürzt, dass ihr der Bogen aus der Hand fällt.
Unter der Authentizität garantierenden Leitung von Gerd Kühr, der das ebenso diszipliniert wie engagiert musizierende recreation-Orchester sorgfältig auf seine heikle Komposition vorbereitet hat, spielte Patricia Kopatchinskaja am Montag und Dienstag im Stefaniensaal mit der für sie charakteristischen Impulsivität das auf ihr Temperament zugeschneiderte Konzert, das sich in elf Teilen originell mit der Virtuosentradition auseinandersetzt und sich mit den zu Beginn und am Ende erklingenden Tönen der leeren Saiten vor dem Violinkonzert Alban Bergs verbeugt.
Garniert hat Gerd Kühr sein Violinkonzert mit der Ouvertüre "Meeresstille und glückliche Fahrt" und der "Italienischen" Symphonie von Felix Mendelssohn Bartholdy, die er mit dem glänzend disponierten Orchester durchsichtig und schwungvoll realisierte.
Klassikhighlights im Herbst: Patricia Kopatchinskaja Rapsodia (Naive)
Dossier.Klassik, Oktober 2010: Sie ist eine wahre Teufelsgeigerin: Bei Patricia Kopatchinskaja trifft ungebremste Kreativität auf großes Virtuosentum. Diesmal widmet sie sich den Melodien ihrer Heimat Moldawien und mischt mit Unterstützung namhafter Musiker volkstümliche Lieder und Instrumente wie der Cymbal mit Werken von George Enescu, György Ligeti oder Maurice Ravel.
Traumwandlerisch zwischen Stilen und Kulturen - Patricia Kopatchinskaja Rapsodia, Naïve
(ark) in Aachener Zeitung vom 23.10.2010: Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja wandert als eine der interessantesten Solisten der jungen Generation traumwandlerisch zwischen Stilen und Kulturen. Jetzt entzückt die 33-Jährige mit einer Art klingendem Familienalbum aus ihrer Heimat Moldawien, das sie unter anderem mit ihrem Vater Viktor Kopatchinsky, dem berühmtesten Cymbal-Spieler der ehemaligen Sowjetunion, aufgenommen hat: tieftraurige, von Lebensdurst und -lust berstende Musik, teils atemberaubend virtuos. Ravels Tzigane und Enescus 3. Violinsonate sind die bekanntesten Stücke aus dem Geigenrepertoire, sehr apart ist Ligetis Duo. Sehr delikat: die folkloristisch beeinflussten Stücke von Kurtág (Duos für Geige und Cymbal), Dinicu, eine Petitesse von Jorge Sanchez-Chiong und Improvisiertes vom Familienquintett (auch die Mutter spielt Geige). Unglaublich. (ark)
Rumänischer Klangspass
Manuel Brug in Welt online vom 22.10.2010: CD Kopatchinskaja: Rapsodia (naive) - Entspannt, folklorefröhlich kommt die Barfußgeigerin aus Moldavien daher. Patrizia Kopatchinskaja, die nicht nur hierzulande die Podien im Sturm genommen hat mit Persönlichkeit und Können, hat die ganze Familie zu einem osteuropäischen Kammermusikfest eingespannt. Das wirbelt und zuckt, lässt das Cimbalon vibrieren - und immer die auch mal schluchzende Geige triumphieren. Ein wirklich feiner rumänischer Klangspaß.
Kopatchinskajas CD "Rapsodia"
BR-Online vom 13.10.2010: Patricia Kopatchinskaja bringt eine neue CD raus - ganz nach dem Motto "back to the roots". "Rapsodia" heißt der Geniestreich mit Klängen aus Patricias moldawischer Heimat und der Nachbarländer Rumänien und Ungarn. Als Unterstützung hat sich Patkop - so nennt sich Patricia selbst - ihre Familie geholt. Der Vater Victor Kopatchinsky war der bekannteste Cymbalumvirtuose der alten Sowjetunion, die Mutter Emilia Kopatchinskaja spielt auch Geige und Viola: Geballte moldawische Familienpower.
Ein Konzert, das die Menschen berührte - Fazil Say und Patricia Kopatchinskaja in der Schlosskirche
Brigitte Adamek-Rinderle, Saarbrücker Zeitung, 13.10.2010: Als "Für Elise" per Geige zum musikalischen Wirbelsturm wurde, war klar, dass es ein besonderes Konzert wurde: Zwei junge Musiker, Pianist Fazil Say und Geigerin Patrizia Kopatchinskaja, begeisterten in der Schlosskirche Blieskastel.
Die scheinbar banale Tonfolge des Klavierklassikers "Für Elise" erklingt. Ganz normal, wie es in den Noten steht. Dann erhebt sich die Geigerin Patrizia Kopatchinskaja vom Stuhl, auf dem sie fast unbemerkt gesessen hatte und los geht ein musikalischer Wirbelsturm. Da wird gerockt, improvisiert, was das Zeug hält. Mit einem Temperament, mit einer Freude, die ihresgleichen sucht. Diese Zugabe war symptomatisch für das gesamte Konzert, das der Pianist Fazil Say mit der Geigerin in der vollbesetzten Blieskasteler Schlosskirche gab.
Es war ein denkwürdiges Konzert, das keiner der Besucher so schnell vergessen wird. Nicht nur, weil extra für diese Veranstaltung dieses barocke Kleinod geöffnet wurde, sondern, weil es ein Konzert war, das die Menschen emotional berührte. Denn wer meint, klassische Musik sei schwere Kost, die nur vom Kopf her zu verstehen ist, der wurde bei diesem Euroclassic-Konzert eines Besseren belehrt. Das türkisch-ukrainische Duo ergänzt sich in Musikalität und Temperament vortrefflich. Das zeigte sich bereits beim ersten Stück, der Brahms-Sonate Nr. 3 op. 108, besonders aber bei Maurice Ravels "Rhapsodie Tzigane", in der die junge Geigerin das Publikum mitnahm auf eine Reise in die Welt der Zigeuner, mit ständigem Wechsel zwischen schluchzendem Weltschmerz und ausgelassener Fröhlichkeit. Fazil Say, der musikalische Tausendsassa, der mit traumwandlerischer Sicherheit seinen Part spielt und gern dabei mit summt, ist nicht nur ein grandioser Tastenkünstler, er ist auch ein ernst zunehmender Komponist.
Seine Violinsonate scheint Patricia Kopatchinskaja förmlich auf den Leib geschrieben; mit viel Körpereinsatz setzt sie die Emotionen, die sich in den Satzbezeichnungen wie Melancholy und Grotesque ausdrücken, um. Frenetischer Beifall des begeisterten Publikums und einige Zugaben der sympathischen Künstler, die gezeigt haben, dass Musik keine Grenzen kennt. Wenn sie nur die Seele berührt.
KLASSIK IM CLUB: Hüpfen und stampfen, zupfen und klopfen
Von Sarah Lodder in Göttinger Tageblatt vom 29.9.2010: Klassische Musik - die Vorurteile darüber sind bekannt: eine konzentriert-strenge Atmosphäre und beruhigende Klänge. Dass das nicht der Fall sein muss, haben am Dienstagabend, 28. September, die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und der Pianist Fazil Say bewiesen.
Im Rahmen der 24. Niedersächsischen Musiktage gastierten sie im Göttinger Szene-Club Savoy mit dem Programm "Fiesta und Basar: Club der Saiten" und räumten mit den Vorurteilen gekonnt auf.
Das Motto der Musiktage, die von der Niedersächsischen Sparkassenstiftung veranstaltet werden, lautet in diesem Jahr "Das Fest". "Wir wollten natürlich gerne, dass die Künstler dort auftreten, wo Feste heutzutage gefeiert werden", begründet Intendant Markus Fein die Wahl des eher ungewöhnlichen Auftrittsortes. Außerdem sei es Tradition dieser Reihe, große Musik nicht nur in klassischen Konzertsälen, sondern auch an ungewöhnlichen Orten zu organisieren, Erwartungshaltungen zu durchbrechen und Klischees hinter sich zu lassen.
Genau das taten die jungen Musiker an diesem Abend mit einem internationalem Programm. Angefangen bei rumänischen Volkstänzen von Bela Bartok, über Tzigane von Maurice Ravel bis hin zu eigenen Kompositionen von dem in der Türkei geborenen Fazil Say.
Seine Violin-Sonata "Grotesque" hielt, was ihr Titel verspricht, und die moldawisch-stämmige Kopatchinskaja ließ das Stück zu einem Ohren- und Augenschmaus werden. Leidenschaftlich wiegte sie sich mit ihrer Geige bei langsamen Passagen, hüpfte und stampfte bisweilen laut auf. Die Saiten ihrer Violine zupfte sie wie ein trotziges Kind, oder klopfte wild auf den Klangkörper.
Auch Say saß am Klavier keine Sekunde still, machte ausschweifende Handbewegungen, oder tappte und quietschte mit seinem Schuh im Takt. Und wer summt da eigentlich so laut die Melodie mit? Ebenfalls Say. Das Duo produzierte so nicht nur wundervoll innovative Musik, sondern es war auch aufregend, die Musiker zu beobachten.
Anschließend wurde noch einmal richtig aufgedreht: Mit einer Jazzbearbeitung von Mozarts "Alla turca"-Sonate und Gershwins "Summertime" bewies Say erneut sein Können. Nach den schrägen Tönen sagte er schmunzelnd: "Ich mache so gerne Quatsch - vor allem zusammen mit Patricia." So konnte das Publikum zu guter Letzt auch noch eine jazzige Version von "Für Elise" hören, bevor sich die Künstler unter tosendem Applaus verabschiedeten.
Fulminantes Konzert auf dem Petersberg
Mathias Nofze in Bonner Generalanzeiger vom 15.9.2010: Bonn. Singende Musiker scheinen in Mode. Das Ebène-Streichquartett verwandelt sich am Ende seiner Programme gerne mal in ein vorzügliches A-cappella-Ensemble. Und über die Cellistin Sol Gabetta vermeldeten wir "Singen kann sie auch", nachdem sie in der Beethovenhalle ein vokal-instrumentales Stück des lettischen Komponisten Peteris Vasks als Zugabe präsentiert hatte.
Im Steigenberger-Hotel auf dem Petersberg erlebte das Publikum jetzt in der restlos gefüllten Rotunde, dass auch Gabettas Klavierpartner Henri Sigfridsson über eine respektable, sonore Baritonstimme verfügt. Die lieh er, in der Zugabe, einer der Volksliedbearbeitungen von Beethoven für Stimme und Klaviertrio, ein hübsches Schmankerl, das (zusammen mit einer Piazzolla-Pièce) ein fulminantes Konzert beendete.
Am Beginn stand Beethovens erstes Klaviertrio in Es-Dur, eines von dreien, mit denen der junge Tonsetzer in Wien auf sich aufmerksam machte. Gabetta, Sigfridsson und die Geigerin Patricia Kopatchinskaja gaben der Musik das nötige Gewicht, spielten mit Nachdruck, mit jugendlichem Feuer und Hingabe.
Das Finale zum Beispiel legte das Trio einfach umwerfend gut hin. Klangvolles, elegantes und durchdachtes Spiel faszinierte bei Gabetta wie bei Sigfridsson, während Kopatchinskaja, die auch als "junge Wilde" gehandelt wird, ihren Geigenton gelegentlich ins Spitze, Scharfe, Grelle umschlagen ließ.
Im langsamen Satz von Schumanns Trio d-Moll passte dieser etwas brüchige Klang sehr schön zu der schwer fassbaren, geheimnisvollen Musik. Nicht immer aber produziert ein solches Verfahren eine Ausdruckssteigerung. Im Adagio des Beethoven-Trios etwa, wo Violine und Violoncello duettierend oder dialogisch sich äußern, konnte Sol Gabetta in puncto organische Melodiebildung stärker überzeugen. Einen starken Eindruck hinterließen auch die "Episodi e Canto perpetuo" von Peteris Vasks.
Zwei musikalische Vulkane in Saanen - Patricia Kopatchinskaja und Polina Leschenko nahmen das Publikum für sich ein.
Erich Binggeli in Berner Zeitung/Thuner Tagblatt vom 9.8.2010: Zum 50-Jahr-Jubiläum von Terre des Hommes Schweiz war geplant, dass die Geigerin Patricia Kopatchinskaja, die Botschafterin der Organisation, mit Fazil Say «Blues and Beethoven» musizieren sollte. Doch es kam anders: Der Pianist musste infolge akuter Erkrankung absagen. Zum Glück konnte der Abend dank Einspringen von Polina Leschenko gerettet werden.
Vital und temperamentvoll: Vom ursprünglichen Programm blieben allerdings nur die rumänischen Tänze von Béla Bartók. Zwei hochromantische Violinsonaten bildeten neu den Rahmen Robert Schumanns Nr. 1 in a-Moll, op. 105, und César Francks Werk in A-Dur. Dazu kam Alfred Schnittkes frühe Sonate Nr. 1, eine unerwartet vitale und schon beim ersten Hören recht zugängliche Schöpfung. Die beiden jungen Damen hatten ihr Programm klug gewählt. Denn sie lieben es offenbar, so richtig loszulegen und jede Gelegenheit zu temperamentvollem, musikantisch zupackendem, bisweilen geradezu atemberaubend virtuosem Spiel zu nutzen. Und dies tun sie so natürlich und mit so viel Spass, als ob dies die selbstverständlichste Sache der Welt wäre.
Kunst der Harmonie: So liess es die moldauische Geigerin Patricia Kopatchinskaja bei Schnittke nicht an Dezidiertheit und schillernden Klangfarben fehlen. Und Bartók steigerte sie, mit einem Schuss Zigeunerblut gewürzt, zu fulminanter Wirkung. Auch bei den beiden Romantikern trumpfte sie immer wieder mit Elan, Brillanz und eher herbem Ausdruck auf. Ihre Partnerin Polina Leschenko überraschte als kreative Mitgestalterin, die mit dem Wirbelwind Kopatchinskaja nicht nur problemlos mithalten konnte, sondern auch starke eigene Impulse beisteuerte. Da gab es keine Brüche zwischen den beiden Künstlerinnen. Zudem verlieh die Pianistin den Interpretationen Halt und wartete, trotz ihrer erst 29 Jahre erstaunlich gereift, mit jenen beseelten lyrischen Tönen auf, die man bei ihrer Kollegin noch etwas vermisste. Mit zwei Zugaben verabschiedeten sich die beiden musikalischen Vulkane vom Publikum in der praktisch vollbesetzten Kirche Saanen.
Ein Ausbund an Emotion - Ausnahmesolisten verbinden sich in Echternach zum Trio
Ein Klaviertrio mit Musik aus drei Epochen hat den nächsten kammermusikalischen Abend beim Internationalen Festival Echternach zu einem Erlebnis von besonderer Größe gemacht.
(gkl) in Trierischer Volksfreund, 17.6.2010: Echternach. Dieses Konzert hatte eine Qualität, die nur schwer zu toppen sein wird. Kammermusik vom Feinsten hatten die moldawische Geigerin Patricia Kopatchinskaja, die argentinische Cellistin Sol Gabetta und der aus Finnland stammende Pianist Henri Sigfridsson im großen Saal des Echternacher Trifolions zu bieten. Das Konzert wurde ein mitreißendes Ereignis, an dessen Ende ein minutenlanger, immer wieder von Bravorufen durchsetzter Applaus stand. Freilich - jeder Einzelne des Trios hat sich international als Solist einen herausragenden Namen erworben. Aber Solisten sind in der Regel Einzelkämpfer, denen man nicht immer großen Teamgeist nachsagen kann. Wer aber so etwas von diesem Trio vermutet, hat weit gefehlt.
Schon der Auftakt, Joseph Haydns G-Dur Trio, Hob. XV:25, löste berechtigterweise jubelnden Applaus aus. Ungestüm, furios, keck und auch ein bisschen frech machte sich das Ensemble an den Notentext, und spätestens beim letzten Satz, dem Rondo all'Ongarese, gab es für die drei kein halten mehr. Haydn in jugendlicher Freiheit. Wie anders das Trio H-Dur von Johannes Brahms. Die Künstler tauchten hier in die Welt der Romantik ein, voller Lyrik und Poesie, mal intensiv nachdenklich, dann wieder mit Macht vorwärtsdrängend. Mit glänzender Technik und verblüffendem Zusammenspiel setzten sie das Opus 8 bewundernswert in Szene.
Zweifelsfrei den Höhepunkt aber hatten sie sich für den zweiten Teil des Abends aufgehoben. Dimitri Schostakowitschs Trio e-Moll, im Angesicht des zerstörten Leningrad und nach dem Tod eines Freundes verfasst, war in dieser Interpretation ein Ausbund an Emotion und Empathie. Wie sehr die Künstler das Opus 67 verinnerlicht und auch ihr Publikum erreicht hatten, zeigte sich daran, dass sie nach den letzten Tönen fast wie in einem Gebet verharrten. Ein Abend mit besonderer Größe.
Eröffnung der Türkischen Nächte: Geigenton, verweile doch - Pianist Fazil Say und Geigerin Patricia Kopatchinskaja starten das Minifestival mit feinen Zwischentönen, die mitten ins Herz treffen.
Hamburger Abendblatt, 27.5.2010: Musik ist flüchtig; im Moment ihres Erklingens ist sie schon vorbei. Dieses physikalische Gesetz gerät bei uns, die wir jede Erinnerung treulich digital einwecken, gerne in Vergessenheit. Aber wer bei der Eröffnung des Minifestivals Türkische Nächte rund um den Pianisten und Komponisten Fazil Say dabei war, den traf diese Flüchtigkeit mitten ins Herz. Denn Say und seine Muse Patricia Kopatchinskaja zeigten sich in der Laeiszhalle als Künstler, die ebendiesem Augenblick kompromisslos verpflichtet sind...
...Dass es aber auch eine Menge feiner Zwischentöne gibt - und sich auch ein Sinfonieorchester dynamisch unterhalb des Mezzoforte bewegen kann - das zeigten die Beteiligten bei Says Violinkonzert "1001 Nights in the Harem", das er Kopatchinskaja gewidmet hat. Die Solistin tanzte förmlich; sie hauchte und zwitscherte und verwandelte ihr Instrument in ein ganzes Arsenal orientalischer Instrumente, einfühlsam begleitet vom Orchester, das mühelos zwischen tonalen und harmonisch freien Passagen changierte...
...Das interessierte, dank zweisprachiger Werbung zu guten Teilen türkische Publikum wurde zur Nachtsession mit Improvisationen und Lieblingsstücken von Kopatchinskaja, Say und dem Perkussionisten Burhan Öcal noch einmal jünger und türkischer. Öcal entlockte seiner türkischen Trommel eine verblüffende Vielfalt an Klängen. Die drei sprühten nur so vor Witz - und rührten einen im nächsten Moment zu Tränen.
Patricia Kopatchinskaja mag keine Aufnahmen. Das Violinkonzert hat sie dennoch eingespielt. Aber was hilft's? Jener Abend, er ist vorbei.
SCHUBERTIADE 2010 - Mit jugendlicher Unbekümmertheit
Wolfgang Stern, www.drehpunktkultur.at (Salzburg) vom 18.5.2010: Am Ende des ersten Blocks der diesjährigen Schubertiade im Ländle gab es mit Patricia Kopatchinskaja (Violine), Sol Gabetta (Violoncello) und Henri Sigfridsson (Klavier) hochkarätige Kammermusik von Haydn, Schumann und Peteris Vasks.
Schon im Haydn-Klaviertrio G-Dur, Hob XV:25, dem sogenannten Zigeunertrio, war der an der Grazer Musikuniversität lehrende gebürtige Finne ein umsichtiger und sicherer pianistischer Mitstreiter. Das Andante gelang voller Harmonie, Elegie im Einklang herrschte im zweiten Satz, ehe mit Paprika das Rondo all´ Ongarese im Presto die Möglichkeit zu einem brillanten Musizieren in the Gipsies´ style gab.
Das wohl interessanteste Werk des Abends war wohl das des 1946 in Riga geborenen Peteris Vasks. Episodi e canto perpetuo aus dem Jahr 1985 ist ein Klaviertrio, das von verfremdeten Klängen ebenso lebt wie von recht aggressiven Dissonanzen. Die technischen Anforderungen sind ansehnlich. Sol Gabetta ist eine perfekte Cellistin mit viel Umsicht, Patricia Kopatchinskaja, die umlängst mit ihrer Geige Schweizer Zollprobleme hatte, eine ideale Partnerin mit hohen Ansprüchen, Henri Sigfridssen ist sich seiner verantwortlichen Partnerfunktion am Klavier bewusst und lässt meist galant den beiden Streicherinnen den Vortritt.
Robert Schumanns viersätziges Klaviertrio F-Dur, op. 80, gab dem Trio Gelegenheit, romantisch auszuschwärmen, was zur Folge hatte, dass die begeisterten Zuhörer dem Trio drei Zugaben entlockten. Dabei durfte Piazzola - Musik aus meiner Heimat, so Sol Gabetta, geboren 1981 in Cordoba (Argentinien) - nicht fehlen.
Wenn starke Bilder den Ton angeben - Am zweiten Sinfoniekonzert der Interlaken Classics waren alle Blicke auf die eigenwillige Violonistin Patricia Kopatchinskaja gerichtet.
Svend Peternell, Berner Oberländer, 7.4.2010: Warum wohl schaut man der Violistin Patricia Kopatchinskaja, die barfuss auftritt, gebannt zu? Weil sie eine aufregende Persönlichkeit voll unberechenbarer Wildheit ist und immer bereit, Verkrustetes aufzubrechen. Breitbeinig steht sie da, wie eine gespannte Feder, zum Absprung bereit. Mit ihrer Spielweise voller Ecken und Kanten geht sie liebend gern sperrige Werke an. Und Sergej Prokofjews Konzert für Violine Nr 1, op. 19 aus den Kriegsjahren 1916/17 ist sehr sperrig. Expressiv ist Kopatchinskajas Ansatz. Sie entlockt ihrer Violine von Pressenda aus dem Jahre 1834 klangliches Raffinement, herbe Tonfolgen, eigenwillige Poesie. Erst im dritten Satz Prokofjew findet zu spröden Harmonien voller Wehmut entspannt sich ihre Körperhaltung. Der hohe Puls wird zurückgefahren. Ashkenazy ist klug genug, die Hörbarkeit des Klangkörpers dezent zurückzunehmen und den «Vorhang» für die Violonistin zu öffnen. Das Publikum ist aus dem Häuschen.
Das Konzert ist am 22. 4. auf Radio DRS 2 zu hören (20 Uhr).
Temperamentsausbrüche in Musik und Bild
Samuel Wenger in Jungfrau-Zeitung, 7.4.2010: Nach Tagen intensivster Vorbereitung an seinem Residenzort Interlaken hat das European Union Youth Orchestra (EUYO) am Karsamstag Abend einen blendenden Beweis seines Könnens abgelegt. Garant dafür war sein begnadeter Leiter Vladimir Ashkenazy, in Sphären vollendeten Violinspiels entführte die Solistin Patricia Kopatchinskaja.
Eine TeufelsgeigerinMan kommt nicht darum herum, an den Träger dieses Namens, Nicolo Paganini, zu denken, wenn man dem Spiel Patricia Kopatchinskajas teilhaftig wird. Schon 2004 hat sie in Interlaken mit Mendelssohns Violinkonzert begeistert und 2007 zusammen mit der Cellistin Sol Gabetta und dem Pianisten Henri Sigfidsson Beethovens Tripelkonzert zelebriert. Nun trat sie mit dem ersten Violinkonzert des kompositorischen Gipfelstürmers, des Russen Sergej Prokofiew an. Dem kammermusikalischen Werkcharakter entsprechend hat sich das Orchester zahlenmässig verkleinert, nicht aber in der Bedeutung und Kompetenz des Mitmusizierens. Immer wieder finden wir es in einer andern musikalischen Welt, woraus sich dann das Spiel der Solistin besonders klar abhebt. Entzücken aber ist das feine Duettieren der Violine mit verschiedenen Holzbläsern oder der Harfe. Atemberaubend legte sich die Solistin mit der halsbrecherischen Virtuosität an, schmiegsam und biegsam brachte sie die kurzen kantilenen Passagen zum Klingen und Singen und schlug das Auditorium bis zum letzten Ton des kniffligen und darob auch selten gespielten Werkes in ihren Bann. Mit noch erhöhter Aufmerksamkeit widmete sich das grosse Streicherrund bei den sich bietenden Gelegenheiten dem grandiosen Spiel seiner solistischen Partnerin und auch der Dirigent hatte seine ungetrübte Freude daran.
Das Zeremoniell über Bord, jetzt, hier und sofort - Patricia Kopatchinskaja spielt im Pfalzbau gegen Eingefahrenes an und reißt die Menschen damit zu ungewöhnlichen Reaktionen hin
Stefan M. Dettlinger in Mannheimer Morgen, 17.3.2010: Ein schelmisches, fast schon schallendes Lachen konnte Patricia Kopatchinskaja sich nicht verkneifen, als nach dem ersten, fulminant virtuosen Satz von Tschaikowskys Violinkonzert nicht nur der halbe Saal losklatschte, sondern einer der Besucher, natürlich ein Mann, sich auch noch hinreißen ließ, ein "Bravo" in Richtung Bühne zu schleudern. Sympathisch ist das ja, denkt man. Ungewöhnlich aber auch, widerspricht es doch streng dem klassischen Konzertzeremoniell.
Gegen dieses aber, und das macht die Sache im Grunde schon wieder stimmig, spielt Patricia Kopatchinskaja ohnehin mit aller Macht an. Und diese Macht ist groß. Barfuß und im roten Kleid steht sie auch an diesem Abend auf der Bühne. Sie wippt. Sie tanzt. Das kennen wir - dezenter - auch von Anne-Sophie Mutter. Doch dies hier ist anders. Purer. Archaischer. Kopatchinskajas Strich ist nicht weniger als schwindelerregend. Wenn sie spielt, solistisch oder in Begleitung der Deutschen Staatsphilharmonie, bleibt kein musikalischer Stein auf dem anderen.
Sie wagt Hässlichkeit im Klang wie sonst niemand im Geigenzirkus, sie spielt - besonders im letzten Satz - bisweilen fast zigeunerartig warm und schön und holt aus ihrer Violine aber alle möglichen Farben heraus, vom zärtlich-sinnlichen Flöten bis zum grässlichen Kratzen. Jede Phrase, jede virtuose Passage, und davon gibt es viele und sakrisch schwierige, scheint ihr erst im Moment des Spielens einzufallen. Kopatchinskaja scheint zu improvisieren, zu jazzen. Für den rauschenden Beifall, den die junge Frau aus Moldawien dafür erhielt, spielte sie gleich zwei Zugaben: eine, Bartók, im Duo mit dem Dirigenten des Abends, Heinrich Schiff, die andere, "Crin" von Jorge Sanchez Chiong, im Duo mit sich selbst, denn zu den wirr und nervös rauf- und runterlaufenden Tonkaskaden auf der Violine brabbelt, zwitschert und piepst Kopatchinskaja gefährlich.
Dass dies einen krassen Kontrast zum Gebaren eines Tariforchesters darstellt, in dem alles andere als an der Stuhlkante, nämlich an der Stuhllehne, gespielt wird, ist klar. Aber das Orchester spielt gut. Nicht mehr. Nicht weniger.
Fazil Says Geschichten aus 1001 Nacht im Harem
Julia Gaß in Dorstener Zeitung vom 11.3. 2010: Hätte es doch mal eher so eine "Zeitinsel" mit Fazil Say im Dortmunder Konzerthaus gegeben. Wir hätten den 40-jährigen türkischen Pianisten und Komponisten geliebt - nicht nur für sein "Black Earth", auch für seine sinfonischen Werke.
Zur Eröffnung des viertägigen Festivals zum Abschied seiner vierjährigen Residenz als Exklusivkünstler des Hauses erklang am Mittwoch in einem Ruhr.2010-Projekt die Deutsche Erstaufführung von Says Violinkonzert, uraufgeführt 2009 in Luzern. Es gab einen Sturm der Begeisterung für den Komponisten. Says Musik ist spannend, aufregend, gefällig zu hören, vieles klingt vertraut, man erkennt vieles wieder. Das kann eine Melodie am Schluss sein, die (wie in Rimsky-Korsakows "Scheherazade") am Anfang vorgestellt wird, ein türkisches Volkslied oder Vogelgezwitscher, das wir von Respighi kennen.
Herzschlag der Trommel: Alles gekleidet in farbige, spätromantische Klänge, deren Herzschlag türkische Trommeln sind. So abwechslungsreich wie die Zeitinsel ist das Werk und so spontan wie der Komponist sind seine musikalischen Einfälle. Says Darstellungen vom Orient klingen ehrlicher als die von Rimsky-Korsakow, und der Türke zeigt sich als Meister der Orchestrierung. Er weiß, wie man ein Orchester schillernd farbig klingen lässt. Atmosphäre hat das Werk auch: Man riecht orientalische Gewürze und spürt heißes Flirren in der Luft.
Geschichten der Geige: Die Sologeige, gespielt von Widmungsträgerin Patricia Kopatchinskaja, ist die Geschichtenerzählerin, die Scheherazade, in dieser "1001 Nacht im Harem". Die Moldawierin führte das WDR Sinfonieorchester durch die Geschichten. Spannungsvoll, emotional und sicher. Das ist ein Werk, das die Jahrhunderte gut überdauern könnte. Bei Howard Griffiths am Pult war das Violinkonzert in guten Händen.
Von butterweich bis ruppig - Umjubeltes Konzert der Hamburger Symphoniker
Traute Scheuermann in Harburger Anzeigen und Nachrichten, 9.3.2010: Durch hohen Schnee zu hohen Tönen - der erneute Schneefall hatte kaum jemanden davon abgehalten, zum Konzert der Musikgemeinde mit den Hamburger Symphonikern über die knapp geräumten Spuren in die Friedrich- Ebert-Halle zu stapfen.
Peter Ruzicka, ehemaliger Intendant der Hamburgischen Staatsoper, stand am Pult der Orchesters und dirigierte zunächst ein eigenes Werk: "Tallis - Einstrahlungen für großes Orchester" nannte er die Anlehnung an die Motette "Spem in Alium" des Engländers Thomas Tallis. Eine musikalische Konstruktion mit extrem hohen Streichertönen, die eine flirrende Atmosphäre schufen, in die hier und da die Wärme der mittelalterlichen Klänge wie in kühle, teilweise dramatische Betriebsamkeit leuchtete.
Eine temperamentvolle junge Dame betrat danach den kleinen Teppich, der zuvor auf dem Podium ausgebreitet wurde. Wer dachte, dass sollte die energischen "Auftritte" von Patricia Kopatchinskaja dämpfen, konnte sich bei genauem Hinsehen von seinem Irrtum überzeugen. Der Saum ihres Kleides berührte den Boden, aber ab und an enthüllte sich ihr Geheimnis - die moldawische Geigerin spielte barfuss und der Teppich diente der Vorbeugung kalter Füße.
Dem Violinkonzert D-Dur Opus 77 von Johannes Brahms gab sie eine ganz eigenwillige Färbung. Butterweich gestaltete sie die Piano-Stellen, so leise, dass der Ton fast bis zur Unhörbarkeit reduziert wurde und das Publikum in atemlose Stille versetzte. Doch, um die Kontraste zu betonen, spielte sie die lauteren Passagen mit kraftvollem Bogenstrich, beinahe ruppig. Die eigene Kadenz, ein zusätzlicher Beleg ihrer hohen Virtuosität, näherte sich streckenweise ganz der Klangkultur der vorangegangenen Komposition - Ruzicka wird es gefreut haben.
Zwei Zugaben gab es, eine davon eine fast zirkusreife, die menschliche Stimme einbeziehende Miniatur, die die Zuhörer mit Heiterkeit aufnahmen. Außerdem spielte Patricia Kopatchinskaja drei Tänze von Bartok zusammen mit dem Konzertmeister, er klassisch, sie buchstäblich springlebendig.
Brahms und eine phänomenale Solistin
pal in Hamburger Abendblatt vom 8.3 2010: Ein großer Konzertabend wurde den Besuchern des Konzerts der Musikgemeinde am Sonnabend beschert, als die Hamburger Sinfoniker mit Peter Ruzicka und der phänomenalen Geigerin Patricia Kopatchinskaja in der Friedrich-Ebert-Halle gastierten.
Hauptstück des Abends dann Brahms monumentales Violinkonzert. Die Solistin Patricia Kopatchinskaja ist hierzulande weniger bekannt, leider. Denn sie spielte in der Tat phänomenal. Nie wurde ihr Ton fett, auch nicht bei kräftigstem Spiel, das von expressiver Körpersprache begleitet wurde. Ihr Piano ist fragil; nie wird sie aufdringlich, nimmt sich zurück, hat einen auffallend schönen, auch weichen Ton, ist immer und eben auch in der Durchführung des unendlich langen, wunderschönen ersten Satzes hochexpressiv. Sehr spannend war ihre Kadenz am Ende dieses Satzes, die mit ihrem Flirren ein wenig an Ruzickas, ihres Förderers, Komposition gemahnte. Im letzten Satz wird ihr Spiel fast schelmisch.
WILDE
GEIGERIN
- Beethoven
als Revolutionsmusik
Konzerte
geben ist für Patricia Kopatchinskaja auch ein Rollenspiel. Sie
stellt sich vor, der Komponist sitze im Publikum
Dagmar Leischow, Die Tageszeitung, Berlin 2.3.2010: Ihr Markenzeichen: Sie tritt stets barfuß auf. Auch klingt bei Patricia Kopatchinskaja, Jahrgang 1977, nicht jedes Stück perfekt: "Perfektion und Schönheit sind für mich nur zwei Ausdrucksmöglichkeiten von vielen." Darum klebt die Geigerin nie an jeder Note. Bisweilen fängt sie im Konzert plötzlich an zu improvisieren. Zum Beispiel spielte sie Sofia Gubaidulinas "Der Seiltänzer" zur Verblüffung des Publikums auf dem Rücken liegend.
Oder sie entfacht bei Beethovens "Kreutzer-Sonate" wahre Gewaltszenen. Selbst im heiteren Schlusssatz entlockt sie ihrem Instrument messerscharfe Töne. Die treffen dann auf die entfesselten Klänge des türkischen Pianisten Fazil Say, mit dem sie ihre erste CD eingespielt hat: Neben Beethoven steht eine Violinsonate, die Say eigens für sie komponierte. Sie bringt Ravel zum Grooven und verweist mit Bartóks rumänischen Volkstänzen auf ihre osteuropäische Herkunft: "Weil meine Eltern Volksmusiker sind, habe ich Folklore quasi im Blut."
Mutter Emilia spielt ebenfalls Geige, Vater Viktor Zymbal eine Art Hackbrett. Schon als Kind ging Patricia Kopatchinskaja, die heute in Bern lebt, mit den beiden in der gesamte Sowjetunion auf Tournee. Bis die Familie 1989 nach Österreich flüchtete - "mit drei Koffern und einem Hund". Danach begann ein völlig neues Leben für die Zwölfjährige. Die erste Zeit verbrachte sie in einem Flüchtlingslager, sie sprach die Landessprache nicht, sie und ihre Familie mussten ihre Fingerabdrücke bei Ämtern hinterlassen. Als Moldawier waren sie Ausländer, man begegnete ihnen zuweilen mit einer gewissen Skepsis.
Das galt auch für die künstlerische Ebene. Als Nichtösterreicherin könne das Mädel doch keinen Mozart spielen, hieß es. All diese Erfahrungen hinterließen Spuren. Patricia Kopatchinskaja lernte sich anzupassen. In jeder Kultur, überall. Zugleich wurde ihr bewusst: "Letztlich kann ich mich nur auf mich selbst verlassen."
Fiktion Uraufführung: Folgerichtig ging sie stets ihren eigenen Weg. Der führte sie zunächst an die Wiener Universität für Musik und Darstellende Kunst, wo sie Komposition und Geige studierte. Mit 21 Jahren wechselte sie als Stipendiatin ans Berner Konservatorium. Dort machte sie 2000 ihr Diplom mit Auszeichnung. Später dann arbeitete sie mit namhaften Dirigenten wie Mariss Jansons oder Paavo Järvi. Mit dem Ensemble des Champs Élysées und dessen Leiter Philippe Herreweghe nahm sie Beethovens Violinkonzert auf. Dafür zog sie im buchstäblichen Sinne neue Saiten auf: "Weil das Orchester auf Alte Musik spezialisiert ist, spielten alle auf Darmsaiten." Wobei Patricia Kopatchinskaja die Leitlinie festlegte. Den ersten Satz etwa interpretierte sie in einem schnelleren Tempo - und nicht so ruhig wie ein Maxim Wengerow: "Ich mache da keine Trauer draus, für mich ist das reine Revolutionsmusik."
Patricia Kopatchinskaja sucht nach unkonventionellen Ansätzen. Jedes Werk will sie so spielen, als sei es eine Uraufführung und der Komponist sitze im Publikum: "Mit diesem Trick kann ich mich besser in die Musik hineinversetzen." Sie weiß eben genau, was sie will oder auch nicht: "Weil ich mit Bruch derzeit nichts anfangen kann, hat er nichts in meinem Repertoire zu suchen." Beethoven dagegen bewundert sie unendlich, Mozart ebenfalls. Darum möchte sie früher oder später all seine Violinkonzerte aufnehmen: "Ich werde mir dabei eine Oper vorstellen mit vielen facettenreichen Charakteren."
Noch lieber würde sie jedoch für sich selbst ein eigenes Violinkonzert komponieren, wenn sie ein bisschen mehr Zeit hat. Bei der Uraufführung, so denkt sie sich das, wird sie sich dann in eine Schauspielerin verwandeln, die Geige spielt: "Es genügt mir nicht, mit meinem Instrument einfach dazustehen. Ein Konzert erfordert auch körperlichen Einsatz, finde ich."
Ihre musikalische Philosophie übernahm sie einst von einem indischen Kollegen: "Als ich ihn fragte, was er in seiner Musik suche, da antwortete er: ,Ich will mich in ihr verlieren.' " Das ist auch ihr Ziel, allerdings erreicht sie es längst nicht immer: "Auch wenn es mir nur selten gelingt, meine Klänge wirklich ohne Anstrengung fließen zu lassen, sind das dann doch heilige Momente für mich."
Glück und Demut: Auf ihrer morgen beginnenden Deutschland-Tournee wird sie mit den Hamburger Symphonikern und dem Stuttgarter Kammerorchester spielen. Dass sie noch kein Weltstar ist, mag an ihrer Kompromisslosigkeit liegen.
Ihr soziales Engagement ist ihr genauso wichtig wie ihre Geige. Als Terre-des-Hommes-Botschafterin engagiert sie sich für Moldawien-Projekte: "Sicher habe ich das Land als politischer Flüchtling verlassen. Aber es bleibt für mich meine Heimat." Deswegen will sie etwas gegen die Missstände tun, die es dort gibt. Sie sammelt Geld für Straßenkinder, die in einem der ärmsten Länder Europas leben: "Die Armut hat die Mentalität der Menschen ziemlich verändert. Einige verkaufen ihre eigenen Kinder oder lassen sie allein zurück, wenn sie ins Ausland gehen." Solche Geschichten machen sie sehr, sehr demütig: "Fast schäme ich mich ein bisschen, dass ich so viel Glück hatte. Jeder andere hätte das ebenfalls verdient."
Patricia Kopatchinskaja startet am 3. März ihre Deutschland-Tournee in Hamburg. Mehr unter www.patkop.ch
Als ginge es um Leben und Tod
Birgitta Schmid, Badische Neueste Nachrichten, 2.2.2010: Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say stehen in zweifelhaftem Ruf: Die moldavische Geigerin und der türkische Pianist werden gern unter dem Label "Junge Wilde" vermarktet. Im Baden-Badener Festspielhaus sorgten Sie mit einem Programm, das sie im Jahr 2008 für das Label "Naive" eingespielt haben, für Furore. Das lag nicht daran, dass die gerne als "Wildkatze" bezeichnete Geigerin barfuss auftrat - das tut sie wegen guter Bodenhaftung immer - sondern daran, dass die beiden niemanden kalt lassen. Bei ihren Interpretationen, die sie in perfekter Übereinstimmung der Temperamente angehen, scheint es um nichts weniger zu gehen, als um Leben und Tod.
Eigensinnig und konzetriert dringen sie zur Essenz der Werke vor. Bei allem Nachdruck steht ihnen der Sinn aber nicht nach Überredung, sondern nach Überzeugung. So viel Feinsinn, so viel Pianissimo, soviel kluge Musikalität hätte man bei "jungen Wilden" nun doch nicht vermutet. Patricia Kopatchinskaja ist sicher keine Vertreterin des reinen Schönklangs, um so höher steht bei ihr die Wahrhaftigkeit des Ausdrucks im Kurs.
"Wahre Kunst ist eigensinnig" - Kopatchinskaja und Say begannen ihr Programm mit Ludwig van Beethovens Sonate für Klavier und Violine Nr. 9 A-Dur op.47, der sogenannten Kreutzer-Sonate. Witzigerweise hielt dieser Widmungsträger das Werk für unaufführbar. Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say führten dessen Urteil ad absurdum, in ihrer auf überraschende Kontraste setzenden Interpretation luden sie noch die kleinste Geste mit prickelnder Stimmung auf. Eine fahle, fast farblose einleitende Tonfolge der Violine, rasante Gesten, breit ausgesungene Kantilenen und ein ungemein beweglicher Klavierpart, das Andante con variationi dann sachte, vorsichtig begonnen und durch überraschende Akzente aufgerauht.
Maurice Ravels Sonate für Violine und Klavier G-Dur ist sein letztes kammemsikalisches Werk, sie sollte, so das Credo des Komponisten, bezaubern, aber - sie überrascht auch. Zunächst einmal mit einem zarten, impressionistisch anmutenden Gespinst, dessen ätherische Schönheit durch kurze heftige Ausbrüche unterstrichen wird. Dann durch den Blues-Satz, der ein ironisches Spiel mit jazzigen Formen liefert. Irrwitzig gesteigert der Finalsatz. Direkt geradlinig und raffiniert zugleich die kurzen Sechs rumänischen Volkstänze Sz 56 von Bela £Bartok, die in einer wirbelnden, virtuosen, atemberaubenden Version für Violine und Klavier begeisterten. Fazil Say spielt nicht nur exzellent Klavier, er komponiert auch. Seine Sonate für Violine und Klavier op. 7 kommt tonal fantasievoll und klanglich überzeugend daher. Zwei mit "Melancholy" bezeichnete Sätze umrahmen eine auf irreguläre Rhythmen setzende "Grotesque" und ein wahres Hexenstückchen von atemlosem "Perpetuum mobile".
Mal intensiv, aber leise und nuanciert, mal als schlichtes Lied oder Klage, dann wieder virtuos und ausdrucksstark gesteigert musizierten die beiden Manuel de Fallas "Suite populaire espagnole" nach den "Siete canciones populares españolas". Für den begeisterten Applaus bedankte sich das Duo mit einem komischen Nichts für Geige und Stimme, einem hinreissend verfremdeten "Für Elise" und einer herrlich ironischen Jetzt-reichts-aber,-wir-können-nicht mehr-Zugabe.
Mozartwoche: Kafka-Fragmente
Karl Harb in Salzburger Nachrichten, 29.1.2010: Gelegentlich verliert man in der Angebotsüberfülle der Salzburger Mozartwoche schon einmal den namensgebenden roten Mozart-Faden, wenn sich ein Programmteil wie das Nachmittagskonzert am Donnerstag im Solitär der Kunstuniversität Mozarteum verselbständigt.
Dort war nämlich ganz gewiss in einer Sternstunde das vielleicht maßgeblichste Vokalwerk des diesjährigen composer in residence der Mozartwoche, György Kurtág, nicht bloß zu hören, sondern mitzuerleben: die Kafka-Fragmente, op. 24, für Sopran und Violine, komponiert 1985/87, in die endgültige, vierteilige Druckfassung gebracht 1992.
40 Bruchstücke, vornehmlich aus dem dichterischen Nachlass Kafkas, vom Ein-Wort-Aphorismus bis zu einem einzigen, größer zusammenhängenden Text, hat Kurtág ausgewählt, um so einen Textklang oder eine Wortmelodie zu einem kondensierten musikalischen Ausdruck aus Stimme und Instrument zu verdichten. Wobei sich auch hierin fallweise die Ausdrucksträger überlappen und austauschen, also sehr wohl die extrem geforderte Sopranstimme quasi instrumental geführt, die Geige zum singend-sprechenden Partner gemacht wird. Es braucht also ein kongeniales Duo, um diese Fragmente zu einem zwingenden Ganzen zu versammeln.
Und dieses war hier beschäftigt: Die oberösterreichische Sopranistin Anna Maria Pammer, ausgewiesene Spezialistin für vokale Extremaufgaben, hat oft schon ihre Souveränität, Kenntnis und Leidenschaft in heiklen modernen Partien bewiesen. Noch nie aber habe ich sie großartiger, intensiver, glühend expressiver und doch in jedem Moment aufs Äußerste kontrolliert gehört wie in dieser denkwürdigen Stunde. Der Komponist verbeugte sich am Ende respektvoll vor ihr als Dank für eine überragende Leistung.
Aber gleichzeitig muss man auch die Geigerin Patricia Kopatchinskaja in höchsten Tönen mit demselben Lob überhäufen: ein hochkonzentriertes Energiebündel, eine Musikerin, die ganz selbstverständlich ins Extreme geht und dort mit Wonne ihre famosen Kunstfertigkeiten zum Besten gibt, besser: mit jeder Faser auslebt exzentrisch, aber in jeder Sekunde im Dienst des Werks, das erst dadurch seine ganze Komplexität, innere Tiefe und Schönheit offenbaren kann.
Einmal eingehört in Kurtágs Kafka-Welt, lässt diese einen 60 Minuten nicht mehr los. Und schwingt, unbewusst-bewusst, lange noch nach, auch und gerade, wenn man wie in dieser (Mozart-)Woche so viel anderes von diesem heute 83-jährigen Komponisten hören kann. Ganz selbstverständlich: großer Jubel. Die Moderne: So wird sie zum Ereignis.
Wenn Kafka von der Ballerina träumt - Patricia Kopatchinskaja und Anna-Maria Pammer mit den Kafka-Fragmenten von György Kurtág, - ein Höhepunkt der Mozartwoche.
Gottfried Franz Kasparek auf www.drehpunktkultur.at (Salzburg) vom 29.1.2010: Der Nachmittag ist wohl nicht gerade die ideale Zeit für ein Konzert, eher für einen Kaffeehausbesuch, aber das kann man vergessen, wenn eines der echten Meisterwerke der Neuen Musik derart belebend gespielt wird. Und der leider nicht ganz gefüllte Solitär bot mit dem verschleierten Blick in die Kälte den idealen Aufführungsort für einen Solitär der Kammermusik, in dem all die Düsternis, die Ausweglosigkeit, das sprichwörtlich Kafkaeske berührend Klang werden, ohne dass man deswegen in Depressionen verfallen muss. Denn Kurtág hat ein unglaubliches Gespür für den bitteren Witz dieser Literatur, für doppelbödige Heiterkeit und eine echte ungarische Musikantennatur noch dazu.
Wenn Kafka von der Ballerina Eduardova träumt, die in der Elektrischen von Geigen begleitet wird, dann ist das ein umwerfendes Naturereignis, zumal wenn eine Performerin wie die Kopatchinskaja die stoische Sängerin umkreist und das pfiffige Violinsolo am Schluss mit unüberbietbar delikatem Humor und herzzerreißend natürlichem Sentiment in den Raum schleudert
Anna-Maria Pammer kostete all die feinen Nuancen der Texte und deren sprachmalerische musikalische Umsetzung mit größter Virtuosität, souveräner Attacke und gefühlvoller Phrasierung perfekt aus. Kein Wunder, dass sich Meister Kurtág am Ende vor ihr verbeugte. Wunderbar klappte die Übereinstimmung der beiden Musikerinnen. Patricia Kopatchinskaja ist eine derart famose Interpretin zeitgenössischer Musik, weil sie von dem, was sie spielt, überzeugt ist, weil sie nicht den dunkel dräuenden, missionarischen Ernst mancher Avantgarde-Zirkel verströmt, sondern farbiges und sinnliches, mit bloßen Füßen geerdetes Musikantentum. Ihre technische Perfektion ist über allen Zweifel erhaben, aber dazu kommt in jedem Takt eine von innen glühende Expressivität, welche der alle Möglichkeiten des Violinspiels auskostenden und tief in die Seele forschenden Musik Kurtágs auf ideale Weise entspricht. Eine Sternstunde!