Das Glück der tanzenden Saiten und Tasten

Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say im Mozarteum - Die moldawische Geigerin und der türkische Pianist versetzten den Saal in hellen Jubel. Kein Wunder, denn mitreißender, tänzerischer, pulsierender und zeitloser kann man Klassik nicht spielen.

Die Kopatchinskaja verblüffte mit einem oft harte Akzente setzenden Mozart-Spiel, das in einigen schnellen Läufen fast barock modelliert wirkte, aber doch Muße des Verweilens in lyrischen Passagen fand. Da war keine falsche Lieblichkeit, sondern geballte Energie zu vernehmen. Zeitweilig wurde die B-Dur-Sonate KV 454 noch dazu zum Trio von Klavier, Violine und den „Vokalisen“, die der Pianist beisteuerte. Welcher am Ende des ersten Teile auf Punkt und Komma und mit Gusto die Variationen über „Ah, vous dirai-je, Maman“ interpretierte, so dass völlig klar wurde, dass hier eben nicht der Weihnachtsmann, sondern ein zärtlicher Silvandre eine verliebte Schäferin besucht.

In der Pause konnte man Blicke in die im Wiener Saal ausgestellten Autographen der beiden Klavierstücke werfen, eine gute Idee, die sich zur Nachahmung empfiehlt. Und dann ging’s weiter mit der vielleicht wildesten Violinsonate aller Zeiten, dem op. 47 Beethovens, zumindest was die Ecksätze betrifft. Diese Parforce-Jagd ist eigentlich von einem exotischen Mr. Bridgetower und nicht von Rudolphe Kreutzer inspiriert. Das Spiel der Kopatchinskaja, wie immer mit bloßen Füßen sich erdend, erreichte hier wahrlich atemberaubende Momente. Diese Ausbrüche sinnlicher Tanzlaune sind aber immer kontrolliert und auch dann, wenn ein paar Töne wackeln, in sich vollkommen stimmig. Fazil Say ist der perfekte Partner am Flügel; Beethoven, der Feuergeist, ist zum Greifen nahe. Im Andante fanden beide Erzmusikanten zu beseelten, tonschönen Augenblicken.

Der Zugabenteil wurde zum fulminanten letzten Programmpunkt. Béla Bartóks „Rumänische Volkstänze“ mit ihrer unwiderstehlichen Balkan-Farbenpracht und Maurice Ravels Blues-Satz aus der Violinsonate machten das Glück der tanzenden Saiten und Tasten vollkommen.

 

Sybill Mahlke, Tagesspiegel (Berlin), 12.12.2011: Es ist keine fertige Gestalt, sondern ein work in progress, was die Geigerin Patricia Kopatchinskaja aus dem D-Dur-Konzert von Tschaikowsky macht. Charakteristisch, dass sie die Noten ihrer Violinstimme selbst mit ihrem Instrument aufs Podium trägt. Die Blicke, die sie mit dem Dirigenten Heinrich Schiff wechselt, unterstreichen das Improvisatorische des Ereignisses. Überraschend zart und seidig intoniert sie das Hauptthema des ersten Satzes, um über unzählige Beleuchtungswechsel der Klänge in rauschende Virtuosität zu geraten. Kopatchinskaja steht mitten in der Musik und lauscht mit sichtbarer Teilnahme, wenn das Konzerthausorchester allein spielt.

Zum Zerspringen artistisch bewegt sich die moldawische Musikerin in ihrer Interpretation, die nicht nach Schönheit jagt und nicht vollendet ist, aber immer gespannt. Sie lässt ahnen, dass die Komposition in der Nähe des „Eugen Onegin“ entstanden ist. Dazu gehört auch Verhaltenheit an der Grenze des Hörbaren. Hier siegt das Russische über den mondänen Salonton, weil der Musik keinerlei Aufdringlichkeit unterschoben wird: Ein bisschen Geheimnis bleibt bei jeder Begegnung mit der barfüßigen Geigerin.

 

Klangrausch ohne falsche Rücksicht – und das Konzerthaus Dortmund jubelt

Lars von der Gönna in Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 14.11.2011: Ein Rausch ohne falsche Rücksicht: Das Publikum belohnte den Doppelabend mit Star-Dirigent Esa-Pekka Salonen im Konzerthaus Dortmund mit stürmischen Ovationen. Da störte dann auch die belanglose Video-Installation nicht mehr.

Strawinsky haben sie einen Verrückten genannt, den armen Bartók unspielbar. 100 Jahre später ist alles anders. Menschen lauschen fasziniert diesen Wunderwerken des 20. Jahrhunderts. Für Kunst braucht man eben doch einen langen Atem.

Zwei Abende, bestens besetzt bis unters Dach: Das Konzerthaus Dortmund reist mit seiner „Expedition Salonen“ sichtlich in guter Gesellschaft. Dem finnischen Star-Dirigenten gilt die Reise – und das Publikum betritt an seiner Seite einen Luxusliner sinfonischer Gestaltungskraft.

Gewiss: Er darf mit dem britischen „Philharmonia Orchestra“ auf einen außerordentlichen Klangkörper bauen. Es scheint, man braucht diese Musiker nur zu anzutippen, dann stürzen sie sich samt ihrer Balance aus Perfektion und enormer Klangkultur in jedes Wagnis der Musikliteratur, Strawinskys „Le sacre du printemps“ ist ein großes. Esa-Pekka Salonen gilt als einer der besten „Sacre“-Kenner unserer Zeit. Im Verschmelzen mit dem Orchester ist das Ergebnis eine Offenbarung. Den Teufelsritt aus vertrackten Rhythmen, Schichtungen und halsbrecherisch montierten Brüchen durchmessen sie schwindelerregend souverän. Freilich: Salonen geht (wie eingangs bei Janaceks raffinierter „Sinfonietta“) mit dem Riesenorchester Risiken ein – die Akustik des Konzerthauses führt er an Grenzen, aber es geht gut. Man sitzt mittendrin in diesem Rausch ohne falsche Rücksichten.

Salonen steuerte zum Doppelabend ein Violinkonzert aus eigener Feder bei, die barfüßige Patricia Kopatchinskaja als Solistin gab seinem meisterhaft orchestrierten, zitatensatten Konzert Farben eines anrührenden Psychogramms.

Stürmische Ovationen im Konzerthaus: Es ist müßig, angesichts dieses Projekts Höhepunkte zu suchen, Bartoks „Blaubarts Burg“ aber galt zum Finale der Expedition die größte Aufmerksamkeit. John Tomlinson in der Titelrolle erzählte in magischer Präsenz vom Frauenfresser als Schmerzensmann, nicht als Monster. Michelle Deyoungs „Judith“ verhehlte trotz Wagner-Potenzial nicht das Filigrane der Partie. Eine belanglose Video-Installation konnte dem Abend kaum schaden. Stürmische Ovationen, ganz besonders für Salonen und sein „Philharmonia“.

 

Anti-Ideal zur höheren Geigen-Tochter: Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say in Essen

 

Im Rheingau stand mit Peter Tschaikowskys Violinkonzert D-Dur op. 35 ein Repertoire-Klassiker auf dem Programm. Nur Episode blieb die kurze, von Fedossejew jedoch übermäßig breit genommene Orchestereinleitung. Denn dominieren sollte Kopatchinskajas impulsives bis feuriges, bei der Tempo-Wahl auch überraschungsreiches Spiel, das vom eher ebenmäßig begleitenden Orchester nicht immer punktgenau aufgefangen wurde.

Kopatchinskaja platzierte ihre Effekte freilich sicher, mit angerautem, von Schärfe wie Volumen geprägtem Ton in der Kadenz des ersten Satzes, in der langsamen Kanzonetta des Mittelsatzes aber auch lyrisch rein, leise, schwebend. Ein wenig musikalische Gegenwart gab es dann aber doch: Als Zugabe spielte sie ein knappes, ihr gewidmetes Stück von Jorge Sánchez-Chiong.

Das Tschaikowsky-Sinfonieorchester Moskau schien eingangs an die Kur-Tradition des Konzertortes musikalisch anzuknüpfen: Arg zuckrig und betulich klang nämlich der Konzertwalzer op. 47 des Tschaikowsky-Epigonen Alexander Glasunow. Doch vermittelte sich bereits hier die enge Vertrautheit zwischen dem Orchester und seinem langjährigen Chefdirigenten; bei minimaler Gestik konnte Fedossejew maximale Präzision erzielen. Davon geprägt war in der zweiten Konzerthälfte dann auch Igor Strawinskis Ballettmusik "Petruschka". Die tönenden Kapriolen einer Jahrmarkt-Puppe klangen in der Verballhornung romantischer Floskeln schön pointiert, zudem angemessen anschaulich in den skurrilen Kirmesmusik-Zitaten.

Zwei der drei Zugaben zum russischen Programm stammten von Tschaikowsky, eine weitere von Georgi Swiridow.

 

Das Duo kommt mit dem Schmelztiegel-Programm aus der CD und rundet die Ost-West-Begegnung durch drei Zugaben ab: das schnatternde "Crin" von Jorge Sanchez-Chiong, die Clownerie "Rag" von Giya Kancheli und Beethovens "Elise" als Jazz-Version. Was das Paar da wie improvisierend versprüht, hat seinen Dreh- und Angelpunkt in Bartóks "Rumänischen Volkstänzen" und in Ravels zweiter Sonate für Violine und Klavier.

Blues und osteuropäische Folklore beschnuppern sich und begrüßen auch Fazil Says arabisch angehauchte Sonate an diesem Treffpunkt dreier Welten. Das Multikulti-Konzept stülpen sie Beethovens "Kreutzer"-Sonate über. Die Einladung dazu beziehen sie aus der Tatsache, dass der Komponist seine "Sonata mulattica" ursprünglich dem "Mulatten Bridgetower" widmete. Darin kreuzen sich jetzt moldawische Kindheitserinnerungen der Geigerin und vulkanische Ausbrüche des Jazz-Pianisten aus Ankara mit hitzköpfiger Virtuosität. Das klingt zwar selten nach Beethoven, aber es passt zu ihm, denn auch er lebte ja in einer Multikulti-Gesellschaft. 

 

Bedingungslos- Patricia Kopatchinskaja in Zürich 

  

Beethoven, überraschend leise

Tobias Rotfahl in Tages-Anzeiger vom 14.5.2011: Nur selten äussern sich Musiker öffentlich über ihre Interpretationen. Patricia Kopatchinskaja hält es anders: Nicht kühn, kraftvoll, sondern zart, rein und vor allem leise sei das Geigenspiel des Widmungsträgers von Beethovens Violinkonzert, Franz Clement, gewesen: Daran halte sie sich. Diametral stellt sie sich damit einer Interpretationsgeschichte entgegen, die geprägt ist von magistral-hilflosen Versuchen, den simplen Tonleitern und Akkordbrechungen dieses Soloparts so was wie Bedeutungsschwere abzuringen.

Auf den Versuch einer Wiederbelebung von Clement lässt sich ihr Interpretationsansatz jedoch nicht reduzieren, sie bleibt ganz Kopatchinskaja, voller Temperament,
Einfallsreichtum und unbedingtem Ausdruckswillen - diesmal mit Fokus auf das Schlichte, Unschuldige, Schwebende. Ihr Mut zum Leisen überträgt sich wunderbar auf das Orchester - und das Spektakel wird ins Arrangement verschoben, das sie aus Beethovens Kadenzen zur Klavierfassung dieses Konzerts entwickelt hat und in das sie den Paukisten wie den Konzertmeister einbezieht.

Nicht nur hier wird das Gastspiel des Finnischen Radio-Sinfonieorchesters zur nachdrücklichen Bestätigung des erstklassigen Rufs, den Finnland auch in der musikalischen Bildung geniesst. Mit Dirigent Sakari Oramo richtet es in Carl Nielsens vierter Sinfonie den Fokus auf die harschen Konfliktlinien, die in diesem konservativen Werk durchaus existieren. Und wenn im Finalsatz die Paukisten zum Duell antreten, gibt sich auch der über den Abend gespannte Bogen zu erkennen: Vom Paukensolo am Anfang von Beethovens Violinkonzert bis zum Paukenduell am Schluss der pathosgeladenen Nielsensinfonie. 

 

 

 

 

 

Andres Boreykos glückliche Hand für die jungen Musiker

Klaus Geitel in Berliner Morgenpost vom 16.3.2011: Der ergreifendste Augenblick kam noch vor Beginn des Konzerts. Da bat Andrey Boreyko, der Dirigent der Jungen Deutschen Philharmonie, das Publikum sich für eine Minute gemeinsam mit dem Orchester zu erheben und Japans und der gequälten, vernichteten, gestorbenen Japaner zu gedenken...

...Die Musikermannschaft zwischen 18 und 28 Jahren wurde ihm bezaubernd gerecht, vor allem natürlich die Soloflötistin als Nachtigall. Auch Patricia Kopatchinskajas befeuertes Geigenspiel ließ sich beim schlechtesten Willen nicht überhören. Sie warf sich buchstäblich für Prokofjews 1. Violinkonzert ins Zeug. Allein schon das geradezu über Stock und Stein dahinrasende, fingerbrecherische Scherzo wies der jungen Geigerin den Weg in den Triumph.

 

 

 

Anna Kardos, Tages-Anzeiger 26.1.2011: Wer sein Publikum heute noch mit den üblichen Verdächtigen Beethoven, Schubert und Brahms überraschen will, muss mindestens ein Zauberer sein. Und nichts anderes ist die moldauische Geigerin Patricia Kopatchinskaja: Als Showtalent, ohne eine Show abzuziehen, als grossartige Technikerin, ohne sich um Technik zu kümmern, und als Musikantin, der kein Ton ohne Sinn durch die Hände geht, stand sie am Dienstag – seit je barfuss – auf der Bühne des grossen Tonhalle-Saals. Revolutionär und neu waren die Töne, als die Komponisten sie erdachten; und genauso revolutionär und neu klangen sie jetzt wieder, wenn die Geigerin sie in den Saal pfeifen, krachen und auch mal schweben liess. Ob ein fast gefährdetes Aussingen in Schuberts a-Moll-Violinsonate (D385), ob exaltierter Humor in Beethovens op. 30/3 oder mehr Podiumsattitüde in der d-Moll-Sonate von Brahms – mit der Grosszügigkeit einer Gräfin verteilte Kopatchinskaja die Musik an alle und jeden. Und genauso generös blickte sie darüber hinweg, wenn der eine oder andere Ton mal mehr rostig war als golden glänzte. Dass ihr Kammermusikpartner, der Pianist Fazil Say, mit dieser überbordenden Musikflut nicht immer Schritt hielt, mochte man balancetechnisch bedauern. Allerdings wäre ob einer Doppelportion kopatchinskajaschen Ausdrucks manches Ohr ins Rotieren geraten. So bot Say lieber Unterstützung mit perlenden Phrasen und kühleren Tönen. Bei der Zugabe zeigte er, dass ers auch kann, das Zaubern: Zum Klavierschüler-Evergreen, Beethovens «Für Elise», jammte er mit der Geigerin, bis der Saal vibrierte; nur das Fan-T-Shirt fehlte. Glauben Sie mir, jeder hätte es angezogen!

 

Exotisches à la russe - Das Berner Symphonieorchester unter der Leitung des ehemaligen Chefdirigenten Andrey Boreyko gestaltete im ausverkauften Kultur-Casino ein Neujahrskonzert mit illustren Gästen

Marianne Mühlemann, Der BUND, 4.1.2011:Vielleicht hätte man ihn anbehalten sollen, den Wintermantel. Festhalten: Der Abend beginnt mit einer Schlittenfahrt. Zwischen den Kufen stiebt der Schnee, eisig pfeift der Wind um die Ohren. Erregt bimmeln die Glöckchen im Pferdegeschirr. Alles echt, was das Ohr vernimmt. Und doch nur fantastisches Klanggespinst: Es ist ein Naturalismus, wie ihn nicht nur die Russen lieben. Wie die flotte Troika in der «Schneesturm»-Suite von Georgi Swiridow kommt auch das Berner Publikum in Fahrt. Benommen vom exotischen Farbenzauber, den das Berner Symphonieorchester (BSO) mit all seinen ihm zur Verfügung stehenden Instrumenten malt, lässt es sich in Nikolai Rimski-Korsakows «Scheherazade» op. 35 mit Sindbads Schiff auf die hohe See entführen. Konzertmeister Alexandru Gavrilovici verleiht der Stimme der Prinzessin Gestalt. Zart webt er seine Triolenfiguren in die Arpeggien der Harfe. Eine arabeske Träumerei. Mit betörend satten Blech- und durchsichtigen Bläserklängen führt sie das BSO in den Schiffbruch. So wills Rimski-Korsakow. Das Publikum schwelgt in Orientalismen à la russe.

 

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