Das Unaussprechliche als Lebensaufgabe - warum Geigen-Virtuosin Patricia Kopatchinskaja gern barfuß spielt, zeitgenössische Musik liebt und an das Schicksal glaubt. Ein Gespräch.
Peter Jarolim in Kurier (Wien) vom 28.1.2008: Patricia Kopatchinskaja ist anders. Ganz anders, als der normale Klassik-und Starbetrieb es eigentlich zulässt. Denn die junge Geigerin spielt nicht nur gerne barfuß, sondern liebt auch die zeitgenössische Musik, komponiert selbst und "lebt in den Noten". Wie sie in den Noten lebt, das kann das Publikum der Salzburger Mozartwoche heute, Montag, im Mozarteum erleben, wo Patricia Kopatchinskaja das "Concerto funebre" von Karl Amadeus Hartmann (also ein Werk des 20. Jahrhunderts) interpretieren wird.
"Ich habe ja in Wien Komposition studiert und meine Liebe zur zeitgenössischen Musik entdeckt. Immer nur Beethoven oder Mozart zu spielen das kann nicht das Ziel eines Künstlers sein. Außerdem denke ich, dass die Musik der Gegenwart die beste Art ist, seiner Zeit zu begegnen. Wir leben doch im Hier und Heute, und dem sollte man sich auch stellen." Aber, so die Virtuosin: "Ich verstehe das Publikum, dem die moderne Musik nichts sagt, weil sie zu elitär wirkt. Da ist es dann meine Aufgabe, diese oft nur spröde Musik so zu interpretieren, dass man sie mit dem Herzen oder mit dem Bauch hören kann."
Ist dieses Herz-Bauch-Gefühl auch der Grund, weshalb die gebürtige Moldawierin oft barfuß auftritt? Kopatchinskaja lacht: "Das ist wirklich keine Allüre, ich will mich da auch nicht interessanter machen. Wenn ich so auf das Podium gehe, spüre ich einfach die Musik besser. Aber ich kann auch mit Schuhen spielen", erklärt die Tochter einer Geigerin und eines nicht minder musikalischen Vaters.
"Es war irgendwie immer klar, dass ich Geige spielen werde. Aber ich hatte niemals Vorbilder, was mir unendlich leid getan hat. Nur ehrlich gesagt: ,Mir hat nie jemand gefallen. Das ist heute anders: "Ich finde Gidon Kremer ganz toll, weil er sich viele Gedanken macht. Und ich bin auch begeistert von Cecilia Bartoli, weil sie das auch lebt, was sie tut."
Kochkünste: Leben das heißt für Patricia Kopatchinskaja komponieren und musizieren. Ich habe keine große Meinung von meinen Kompositionen. Das ist wie mit dem Kochen. Wenn man selbst kocht, kann man nie richtig einschätzen, wie es nachher schmeckt.
Vielen Kolleginnen und Kollegen dürften die Werke Kopatchinskajas aber ziemlich gut schmecken, zahlreiche Aufführungen belegen das. Ich bin eine Geigerin aus der Not heraus, nur um es mir einmal leisten zu können, zu komponieren, lacht die Mutter eines zweijährigen Kindes. Dass Kopatchinskaja für Geige schreibt, versteht sich. Dass sie eines Tages gern eine Oper komponieren will, ist eine Angelegenheit des Herzens.
Traumwelten: Bis dahin aber musiziert sie mit den größten Orchestern und in den schönsten Sälen der Welt. Das ist die Erfüllung eines Traumes, erklärt die sehr selbstkritische Künstlerin. Über die Schattenseiten ihres Berufes ist sich die Musikerin klar. Man kann nie zu Hause sein, das bedeutet ein Höchstmaß an Organisation. Aber ich glaube an Träume und versuche auch, sie manchmal zu deuten. Nur, man soll nicht alles deuten. Ein Rest von Geheimnis muss bleiben, auch in der Musik. Und weiter: Ich möchte mein Schicksal das mit mir machen lassen, was mir vorbestimmt ist. Aber das Unaussprechliche in der Musik gehört sicher dazu.