MOZART, W.A. (1756-91)
Zur
Mozart-Interpretation
Hildesheimer
schildert trefflich, wie Mozart als Devotionalie oder gar als
schwärmerischer Religionsersatz (Kierkegaard) dienen konnte. Und
es gibt genug Interpretationen im Stile der süsslich-farblosen
Gipsbüsten, die im Musikalienhandel billig zu kaufen sind
(Bild). Aber Mozarts derbe Briefe sprechen eine andere Sprache.
Und über Wolfgang Amadeus Geigenspiel schrieb Vater Leopold in
einem Brief vom 12.2.1778: "In Wallerstein machtest Du ihnen
tausend Spass, nahmst die Violin, tanztest herum und spieltest,
sodass man dich als einen lustigen, aufgeräumten, närrischen
Menschen denen damals abwesenden anpries...". Die
Mozart'schen Geigenkonzerte sind spürbar von der Vokalmusik
beeinflusst und man kann den Standpunkt vertreten, dass sie lebhaft,
opernhaft, mit kontrastreich abwechselnden und teils kantigen
Charakteren gespielt werden dürfen.
Das sog.
Strassburger Konzert G-Dur, KV 216
Mozarts fünf
Violinkonzerte entstanden 1773-75 in Salzburg, während er als
Konzertmeister in fürsterzbischöflichem Dienst stand. Das
Konzert G-Dur KV 216 wird "Strassburger" Konzert genannt,
weil der dritte Satz ein Strassburger Volkslied aufnimmt. Im Herbst
1777 schrieb Mozart dem Vater aus Paris: "Beim Soupée
spielte ich das strasbourger-Concert. Es ging wie öhl, alles
lobte den schönen, reinen Ton." (L.L.)
Über
das "alla
turca" im Rondo des
Violinkonzerts KV 219
Es war die
türkische Militärmusik, die sog.
"Janitscharenmusik" welche in die westliche Kunstmusik
gewirkt hat. Die Janitscharen waren eine türkische Elitetruppe,
die ab 1329 ursprünglich aus christlichen Kriegsgefangenen
bestand, die sich zum muslimischen Glauben bekehren liessen.
Ergänzt wurde diese Truppe ab 1360 bis 1675 durch die sog.
"Knabenlese": Das türkische Militär nahm im
Balkan bei den christlichen Familien die stärksten und
gescheitesten Knaben weg und erzog sie im muslimischen Glauben zu
Soldaten. Die Janitscharen trugen hohe graue Filzhüte. Die
Janitscharenmusik - auf türkisch "Mehter" genannt -
marschierte ursprünglich zu Fuss und bestand aus Oboen,
Trompeten, grossen Trommeln, kleinen Doppelpauken, Becken und
Schellenbäumen. Bei voller Besetzung (nur für den Sultan)
hatte es von jedem Instrument neun Stück. Niedrigere
Würdenträger hatten nach Rang weniger Instrumente zu gut.
Die Janitscharen wurden 1826 abgeschafft.
Aber die Janitscharenmusik wurde in Istanbul wiederbelebt, tritt historisch kostümiert regelmässig im Militärmuseum auf: Über einem recht stereotypen Rhythmus von Pauken, Becken und Schellenbäumen spielen die Oboen und Trompeten immer nur einstimmige, recht einsilbige und oft repetitive Melodien in den charakteristischen orientalischen Tonarten. Der behäbige Rhythmus ist durch die eigenartige ordonnanzmässige Gangart der Truppe festgelegt (>>Sound).
Nach der misslungenen zweiten türkischen Belagerung von Wien (1693) und dem Frieden von Karlowitz 1699 brachte die türkische Botschaftsdelegation die Janitscharenkapelle samt Tanzgruppen, Schattenspielern und Seiltänzern mit, um in Leopoldstadt tagelange Festspiele zu zelebrieren. Damit hielt das stets homophone "alla turca" Einzug ins "polyphone Europa": Man versuchte, den charakteristischen Klang der Janitscharenmusik mit herkömmlichen Instrumenten zu imitieren oder man erweiterte sogar das Orchester mit türkischen Schlaginstumenten. Am Anfang des 19.Jahrhunderts erschienen Klaviere mit "Janitscharenzug", der gleichzeitig Paukenschlag und Schellenbaum imitiert. "Türkisches" kommt schon bei Rameau am Anfang des 18.Jh. vor, dann auch in den sog. Türkenopern Glucks, nämlich in "Iphigenie auf Tauris" (1764) und "Die Pilger von Mekka" (1779). Bei Mozart erscheint das "alla turca" erstmals in der frühen Symphonie KV 74, 1770, dann natürlich in der "Entführung". Auch Haydn, Beethoven und Spohr haben "alla turca" geschrieben.
Im Mozart'schen Geigenkonzert KV 219 beginnt das Rondeau im "Tempo di menuetto" sittsam und elegant, wie Smalltalk und Flirt im Salon. In die heile abendländische Kunstwelt bricht orientalische Militärmusik ein: Das Material ist ein Fremdkörper, denn es ist Mozarts früher geschriebener Ballettmusik "Le gelosie del seraglio" (KV135a, Mailand 1772) entnommen. Der Takt passt nicht zum Menuett, der Rhythmus ist hypnotisch-gleichförmig, die Melodien einsilbig, repetitiv und fremd. Celli und Bässe machen "con legno" den Effekt von türkischen Pauken. Und die Sologeige soll wohl eine Oboe vorstellen, mit etwas näselnd geraden oder gequetschten Tönen und wenig Vibrato. Mozart stellt einen Kulturgegensatz dar, der aufgrund der jüngsten weltgeschichtlichen Ereignisse wohl noch für einige Zeit aktuell bleiben wird (>>Kritik). (L.L.)
Divertimento
für Streichtrio
Es-Dur KV 563
Mozart komponierte
das Divertimento für Violine, Viola, Cello im September 1788 auf
dem Höhepunkt seines Schaffens unmittelbar nach der
Jupitersymphonie. Er schrieb es für den Freund, Geldgeber und
Mit-Freimaurer Michael Puchberg. Die Besetzung wurde selten und nur
von wenigen Komponisten verwendet (z.B. Beethoven, Schubert, Reger,
Dohnányi, Schönberg, Webern, Francaix)
und sie ist für die Interpreten heikler als das
Streichquartett, weil jede Stimme frei exponiert liegt und harmonisch
sinngebende Mittelstimmen fehlen. Mozarts Trio-Divertimento mit
seinen sechs Sätzen vom ungewöhnlichen Beginn "unisono
sotto voce" bis zum quirligen abschliessenden Rondo ist sicher
das bedeutendste Werk für diese Besetzung und eines der
vollkommensten Kammermusikwerke überhaupt. (L.L.)
Duo
für Violine und Viola No1 G-Dur, KV 423
1783 kam Mozart
mit Constanze für einige Monate nach Salzburg, um seine 1782
geheiratete Frau dem Vater vorzustellen. In Salzburg traf er auch den
ihm befreundeten jüngeren Bruder Haydns Michael. Dieser war dem
Glase mehr als zuträglich zugetan und zudem krank, sodass er
zwei von sechs durch den Salzburger Erzbischof Colleredo in Auftag
gegebene Duos für Violine und Viola nicht fertigstellen konnte.
Mozart half mit den Duos KV 423 und 424 aus. Ob der Erzbischof wohl
gemerkt hat, was für Meisterwerke er da erhalten hatte? (L.L.)
Trio
Es-Dur KV 498 (Kegelstatt) für Klarinette, Viola, Klavier
Die alte Mozart -
Literatur hat die Anekdoten um das Kegeln bei Mozarts Komponieren des
Trios KV 498 hartnäckig kolportiert. Es gibt aber nirgendwo eine
Quelle, die diesem Trio eine Kegelpartie "unterschieben"
könnte. Lediglich die einfachen Duos für Hörner (oder
Bassetthörner) hat Mozart laut ihm selbst "untern
Kegelschiebn" geschrieben. Was bleibt also beim "Kegelstatt
- Trio" vom Kegeln übrig? Nichts als der Name. Man kann
spekulieren, ob Mozart "an Kegelns statt" zum Komponieren
genötigt war. Es ist ganz sicher, dass Mozart sich die
Klarinette seines Freundes Anton Stadler ganz genau angeschaut hat.
Die Behandlung der Klarinette im Kegelstatt-Trio, wie übrigens
in allen anderen Kompositionen Mozarts auch, schöpft die
Vorteile, und eben nur die Vorteile der Klarinette dieser Zeit
vollends aus. Dies ist insofern bemerkenswert, als die Klarinette
damals ein völlig neu zu entdeckendes Instrument war. Die
Bratsche und das Klavier waren Mozart bestens bekannt, hatte er doch
beide Instrumente selber gespielt (Stephan Siegenthaler).