Weilburger Schlosskonzert 12.7.2008: Mozart, Violinkonzert KV 218
Patricia Kopatchinskaja / Württembergisches Kammerorchester / Jonathan Stockhammer,
Aufnahme Deutschlandradio Kultur
Kritiken dieses Konzertes:
Geigerin holt Mozart ins Jahr 2008 - Patricia Kopatchinskaja begeistert in Weilburg mit eigenwilligem Solokonzert
Die elektrisierende Musikalität der Geigerin Patricia Kopatchinskaja und das grandios aufspielende Württembergische Kammerorchester haben am Wochenende für ein aussergewöhnlich spannendes und mitreissendes Konzert gesorgt. In der nicht ausverkauften Schlosskirche erlebten die Zuhörer am Samstag eine Sternstunde der Saison. Wer sie verpasst hat kann das Konzert am 8.Juli um 20.05 Uhr im Deutschlandradio Kultur hören : Mozart in einer grossartigen neuen Interpretation, plakative Filmmusik von Arnold sowie bewegende Trauermusik für die Opfer des Krieges von Schostakowitsch.
Klaus P. Andriessen in Weilburger Tageblatt vom 15.7.2008: Die in Moldavien, dem Land zwischen Rumänien und Ukraine, geborene und heute meist in der Schweiz lebende Solistin Patricia Kopatchinskaja ist weit mehr als eine begnadete Violinistin: Sie komponiert gelegentlich selbst und auch das Dirigieren ist ihr nicht fremd. Beides sollte in Weilburg zu erleben sein.
Barfuss steht die zierliche junge Frau auf der Bühne, wartet auf ihren Einsatz im ersten Satz von Wolfgang Amadeus Mozarts (1756-1791) D-Dur-Violinkonzert KV 218. Fast verhalten beginnt ihr Spiel, fügt sich in Ton und Lautstärke wie selbstverständlich in das bestens aufgelegte Orchester ein. Mit jedem Takt zieht sie die Zuhörer mehr in ihren Bann, gewinnt der Musik Feinheiten ab und zeigt immer deutlicher ihre persönliche Mozart-Interpretation. Der Komponist war selbst ein grosser Meister der Violine, die er mit Schalk und Witz zu spielen wusste. Patrica Kopatchinskaja muss über die Musik eine direkte Verbindung mit dem oft zu Spässen aufgelegten Meister gefunden haben.
Die Solisin kommentiert ihr Spiel mit Gesten und Mimik, schmunzelt ins Publikum und lächelt dem Dirigenten Jonathan Stockhammer zu, der für Kammerorchester-Chef Ruben Gazarian eingesprungen ist. Schon ist sie Mittelpunkt des musikalischen Geschehens, ohne sich in den Vordergrund spielen zu müssen. Jetzt folgen einem heftigen Orchestereinsatz zarteste, dann wieder ungestüme Pizzicati. Das Orchester schweigt, Kopatchinskajas Violine von Pressenda aus dem Jahr 1834 bringt zauberhafte Töne hervor, wird sanft gestreichelt, dann wieder energisch rangenommen. Die Solistin liefert ihrem Publikum Kadenzen, die ganz und gar nicht in das übliche Mozart-Bild passen. Es ist eine Interpretation auf der Höhe der Gegenwart, die sich hier abspielt wie eine Uraufführung.
Im zweiten langsamen Satz singt und träumt die Solovioline, lockt süsseste Stimmen hervor, und ist im nächsten Augenblick zu heiteren Attacken aufgelegt. Wieder schweigt das Orchester, Patricia Kopatchinskaja webt kunstvoll ein feines Geflecht aus Tönen und beschert ihrem Publikum einen jener Momente, in denen Musik und Stück eins werden.
War schon bisher der Auftritt der Solistin alles andere als steif gewesen, werden nun im dritten tänzerischen Satz ihre Bewegungen noch intensiver: Musik und körperlicher Ausdruck fallen zusammen. Dabei bearbeitet sie mit traumwandlerischer Sicherheit und Leichtigkeit ihr Instrument und unterstützt schliesslich auch noch den Dirigenten in seiner Kommunikation mit dem Orchester. Begeisterter Applaus belohnt die Musikerin, die im besten Sinne unerhörte Mozart-Aufführung kommt hervorragend an.
Patricia Kopatchinskaja setzt noch etwas drauf: Geige und Stimme gleichzeitig in höchster Virtuosität einsetzend führt sie das kurze 1996 geschiebene "Crin" von Jorge Sanchez-Chiong (geboren 1969) auf. Den nochmals gesteigerten Applaus belohnt sie schliesslich mit "Ménétrier" aus den "Eindrücken aus der Kindheit" op.8 von George Enescu (1881-1955), das weitere Möglichkeiten des Geigenklanges auslotet.
Geschmeidigkeit und gebündelte Energie - Patricia Kopatchinskaja als Solistin eines Mozart-Violinkonzerts bei den Weilburger Schlosskonzerten
Harald Budweg in Rhein-Main-Zeitung vom 14.7.2008: Preisfrage für langjährige Besucher der Weilburger Schlosskonzerte: Warum bittet der Veranstalter die Konzertgänger in die Schlosskirche, wo doch Orchester dort an Samstagabenden gewöhnlich im Renaissancehof auftreten? Drei mögliche Antworten stehen zur Wahl. Erstens: Der Veranstalter folgt der auch in diesem Jahr leider zutreffenden Siebenschläfer-Regel und wagt den Gang ins Freie erst gar nicht mehr. Zweitens: Es wird an diesem Abend ein Klavier benötigt, und man möchte das kostbare Instrument nicht den zu erwartenden Temperaturschwankungen aussetzen. Drittens: Es handelt sich um einen Auftritt der Geigerin Patricia Kopatchinskaja.
Antwort Nummer drei ist in diesem Fall besonders zutreffend: Die junge Künstlerin aus Moldau war in Weilburg die Solistin in Mozarts Konzert für Violine und Orchester Nr. 4 D-Dur KV 218. Zu den zahlreichen Eigenarten, die diese Musikerin zu den unverwechselbaren Charakteren des Musikgeschäfts stempeln, zählt der Umstand, dass sie ihre Auftritte grundsätzlich barfuß absolviert, was im Renaissancehof des Weilburger Schlosses mit seinem Kopfsteinpflaster und auf dem kalten Bühnenboden kaum ohne gesundheitsschädigende Folgen möglich wäre. Dies alles wäre jedoch keiner Erwähnung wert, würde damit nicht schon ein wesentliches Charakteristikum ihrer Interpretationskunst beschrieben: Patricia Kopatchinskaja ist als Interpretin großer Musik ein Energiebündel, das musikalische Gestalten nahtlos in mehr oder weniger ausgeprägte Körperbewegungen überführt, deren oft jähe Umschwünge im Sinne einer kultiviert durchdachten Kontrastdramaturgie sie, wie man allein optisch deutlich wahrnimmt, ohne Schuhe viel besser abzufedern vermag.
Dabei hat sich Patricia Kopatchinskaja in dieser Hinsicht schon weit zurückgenommen: Ihr Frankfurt-Debüt vor einigen Jahren mit dem Beethoven-Konzert hatte sie noch als junge Wilde erscheinen lassen, bei dem nicht nur die Musik zerrissen und extrem unorganisch wirkte, sondern die Künstlerin selbst auch über die Bühne hüpfte, Grimassen zog und manches mehr. Zwei Auftritte mit dem Schumann-Konzert (in Mainz und Aschaffenburg) dagegen zeigten eine stark zurückgenommene, eher ehrfurchtsvoll und absolut partiturtreu den Notentext wiedergebende Geigerin von hohem Format. In Weilburg war ein weiterer Zuwachs an interpretatorischer Reife zu beobachten. Interessant in diesem Zusammenhang die Vielgestaltigkeit der Ausdrucksmittel: Mozarts D-Dur-Konzert wird ja heute nicht mehr in ästhetischer Distanz mit sämigem Einheitsbogenstrich vorgetragen, sondern eher als eines dem dramatischen Impetus einer Opernszene nicht allzu fern stehendes musikalisches Gebilde, das formal der dreiteiligen Konzertform gehorcht, hinsichtlich seiner Binnenstrukturen jedoch einige Abwechslung bietet. Patricia Kopatchinskajas technisch makelloses Spiel berücksichtigte die Eigenart der musikalischen Anlage, indem sie musikalische Gestalten im Dialog mit dem vom Württembergischen Kammerorchester Heilbronn sorgfältig vorbereiteten Orchesterpart mit fast überdeutlicher Präsenz gestaltete und dabei verschiedene Ebenen unterschiedlicher Interpretationsarten deutlich voneinander absetzte, ohne den Zusammenhang zu gefährden.
Deutlicher noch wurde die Auffassung der Interpretin bei ihrer ausgedehnten Kadenz im Kopfsatz. Dabei spielte sie nicht nur geistvoll mit der Motivik dieser Komposition, sondern setzte diese in Relation zu allgemeineren musikalischen Floskeln der Geigenliteratur, was sie nahtlos bei einer quasi Bach'schen Barockgeläufigkeit landen ließ. Eine derart impulsive Lebendigkeit provozierte am Ende starken Beifall.
Unter der Leitung des jungen dynamischen Dirigenten Jonathan Stockhammer, der anstelle des angekündigten Chefdirigenten Ruben Gazarian agierte, hatte zu Beginn Mozarts Sinfonie Nr. 11 D-Dur KV 84 eine so organische wie lebendige Interpretation erfahren. Die Musik des zur "Tatzeit" 14 Jahre alten Komponisten verrät auch die sichere Beherrschung dieser aus Italien übernommenen Form. Der Rest des Abends gehörte der (sehr) gemäßigten Moderne: Vom englischen Komponisten Malcolm Arnold, der mit seiner "Grand Grand Overture" einen der reizvollsten Beiträge für das Hoffnung-Festival 1957 geschaffen hat, erklang in Weilburg die Sinfonietta Nr. 1 op. 48, ein fröhliches Stück in erweiterter Tonalität. Als ernstes Gegenstück dazu folgte Dmitri Schostakowitschs Streichquartett Nr. 8 c-Moll op. 110 (1960) in der sieben Jahre später konzipierten Version für Streichorchester von Rudolf Barschai. Die Heilbronner präsentierten sich durchweg in künstlerischer Höchstform.
Hinreissend lebendig mit dem Württemberger Kammerorchester bei den Weilberger Schlosskonzerten
Olga Lappo-Danilewski in Gießener Allgemeine vom 13.7.2008: Das Programm beinhaltete im ersten Teil Bekanntes, im zweiten weniger Bekanntes - und war gerade darum hörenswert. Interessant auch, dass dem Württemberger Kammerorchester Heilbronn mit dem jungen Dirigenten Jonathan Stockhammer ein »Moderner« vorstand - im Sinne von Vielseitigkeit. Zu Gast war außerdem die aus der Moldavien stammende, in Wien und Bern ausgebildete, mehrfach preisgekrönte junge Geigerin Patricia Kopatchinskaja...
Die straffen Tempi des Mozart-Jugendwerks beherrschten auch das Violinkonzert Nr. 4 KV 218, wo Patricia Kopatchinskaja - zunächst etwas zu eilig - mit viel Energie voranging: mit eigenwiligen Betonungen, die Kadenzen und kurzen Soli raffiniert gespickt etwa mit Pizzicato und Echos sowie angedeuteten Zitaten (»Königin der Nacht«). Eleganz und feiner Ton gefielen dagegen im Adagio wohl auch den Puristen unter den Mozart-Kennern. Im tänzerisch schwingenden Schlussatz ließ die Solistin den wenig anmutigen Volkston an die erste Stelle treten, was fast wie gegen den Strich gebürstet erschien; ein accelerando gab noch »Pfeffer« vor dem unbetonten Schluss. Trotz einiger stilistischer Fragezeichen interessant und hinreißend lebendig! Solcher Art war auch die Zugabe, ein origineller, humorvoller Dialog von Stimme, Instrument, Konsonanten und Vokalen. Ganz Virtuosin, gab die Solistin noch ein sperriges Enescu-Stück als Encore. Stürmischer Applaus für den insgesamt unkonventionellen Auftritt einer begabten Geigerin mit vielen musikalischen Reserven...
Das Konzert wurde aufgezeichnet und ist am 18. Juli ab 20.03 Uhr im Deutschlandradio Kultur zu hören.