«Rüttihubeliade» – eine «Kammermusikorgie» zum Jahreswechsel

    Reinmar Wagner befragt Patricia Kopatchinkaja, Musik&Theater , Dezember/Januar 2004/5

    Wie ist die Idee zu diesem Festival entstanden?
    Mit einigen in der Welt zerstreuten Freunden machen wir seit Jahren Kammermusik, nur für uns. Aber es ist schwierig, alle zu einer Zeit an den gleichen Ort zu bringen. Mit einem Festival können wir diese Kammermusiktätigkeit ausbauen. 

    Warum gerade Rüttihubelbad? Was macht diesen Ort besonders?
    Weil wir im Rüttihubelbad offene Ohren für diesen Plan fanden. Und es hat einen schönen Saal mit modernster Technik, einen neuen grossen Steinway-Flügel, Probenräume, Hotel, Restaurant und daneben ein gemütliches altes Ferienheim für Kinder wo wir Musiker „en famille“ wohnen können.   

    Spielt es für Sie und das Festival eine Rolle, dass dieser Ort von Anthroposophen geprägt wird?
    Würden Sie diese Frage auch stellen, wenn wir z.B. in der Luzerner Jesuitenkirche spielen würden? Aber im Ernst, es gibt bei den Anthroposophen Idealismus und Sinn für Kunst. Vielleicht ist es kein Zufall, dass mein Traum dort Wirklichkeit werden konnte. Der Konzertsaal mit seinen abgerundeten Wänden hat übrigens eine ideale Akustik für Aufnahmen. 

    Wirkte das Gidon Kremer-Festival im österreichischen Lockenhaus ein wenig als Inspiration?
    Kremer ist eine Grösse, mit der man sich nicht vergleichen soll. Nein, den Mut haben wir vor allem am West Cork Chamber Music Festival in Irland bekommen. Dieses wurde vor zehn Jahren von einem musikbesessenen Grossbauer, einem pensionierten Flugkapitän und einigen jungen Musikern angerissen, in einem ganz abgelegenen Schloss. Während einer Woche gibt es vier Konzerte pro Tag. Sie sind ausverkauft, trotz einem avantgardistischen Programm und trotz, oder gerade wegen einer eigentlich unprofessionellen Leitung, die sich ausschliesslich an Liebe zu Musik orientiert.     

    Warum motiviert die Aussicht stärker, ohne Gage und dafür mit Freunden zu spielen?
    An „normalen“ Festivals muss man oft Stücke spielen, die einem nicht liegen, und manchmal mit Musikern, mit denen man sich nicht versteht. So spielt man unter dem möglichen Niveau. An der Rüttihubeliade spielen wir nur das, was uns interessiert, zusammen mit Freunden. So spielt man besser als sonst. Das ist der Lohn. Und wenn genug Publikum kommt, werden wir sogar kleine Gagen zahlen können.  

    Neben den Vorlieben der eingeladenen Künstlern und den vorgegebenen Besetzungen. Woraus ergibt sich das Programm?
    Aus nichts anderem. Wir haben kein Konzept, ausser, dass wir das Repertoire der „Sonatenabende“ meiden.  

    Mit Ivan Sokolov und Boris Yoffe sind zwei Komponisten auch als Musiker am Festival präsent. Welche Vorteile und Nachteile ergeben sich daraus?
    Beide Komponisten spielen auch in der Kammermusik mit. Komponisten spielen anders als „normale“ Musiker, oft analytischer, deutlicher. Wenn z.B. Boris Yoffe in einem Streichquartett die Bratsche spielt, so beginnen die Nebenstimmen sinngebend zu leuchten, wie man es sonst nie hört.  

    Ivan Sokolov ist Gastkomponist und bringt auch eine Uraufführung mit. Wo könnte man seine Musik stilistisch einordnen?
    Ivan bringt zwei Uraufführungen, das Klavierquintett und das musikalische Kindermärchen. Er ist ein hochgebildeter, frommer und geistreicher Surrealist, eine Kombination wie sie nur Russland hervorbringt. Er ist in vielen Stilen zuhause, wie Schnittke. Vor drei Jahren komponierte er ein Stück „Heimat“, das wir an der Rüttihubeliade auch bringen werden. Was er über dieses Stück schrieb, sagt auch einiges über ihn und sein Denken: „In diesem Werk wollte ich mit den einfachen Mitteln etwas allgemeines und sozusagen "Kluges" sagen... Was denn? Wenn ich das jetzt sage, beschränke ich das Hören dieses Stückes auf gerade diese Idee. Vielleicht gibt es aber noch andere Aussichtspunkte? Die Musik komponieren vielleicht mehrere "Komponisten" - 1.) Gott, 2.) "Komponist", 3.) Die Notation, die von einem Mönch Guido erfunden wurde, 4.) Instrument, 5.) Interpret, 6.) Akustik, - und 7.) - der Zuhörer selbst! Alle beeinflussen das Endresultat der Musik, das in den Seelen der Zuhörer entsteht!

    Wie kriegt man es zusammen, soviele Programme und Werke in so kurzer Zeit zusammen aufzuführen? Für Proben bleibt während des Festivals ja kaum Zeit. Ist das Unvollkommene eingeplant?
    Wir proben ab Mitte Dezember. Der Einsatzplan während des Festivals sieht aus wie in einem militärischen Kurs, - von Morgen bis in die Nacht nur Proben, Spielen, Essen, Schlafen. Eigentlich eine Orgie. Aber eben dafür kommen wir ja zusammen. Unvollkommenheit gehört zu einem solchen Festival. Wer erstarrte apollinische Vollkommenheit sucht, soll eine CD kaufen. Wer Experiment und Risiko sucht und das lebendige dionysische Feuer, der ist bei uns am richtigen Ort, - ich komme aus einem weinbauenden Land.

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