Zeitschrift der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, Ausgabe: März 2003, von Michaela Schlögl (*)
Patricia Kopatchinskaja - Musik, riskant wie das Leben
Nein, als "Star" fühle sie sich nicht, sagt der "Rising Star" Patricia Kopatchinskaja. Und Star wolle sie auch keiner werden, das enge die Freiheit ein. Das Reisen, das die Position des "aufsteigenden Sternes" mit sich bringe, störe sie hingegen nicht. Am 13. März ist die junge Künstlerin mit dem Pianisten Christoph Hinterhuber im Zyklus "Rising Stars" wieder einmal in Wien zu hören.
Auf Achse war die Musikerfamilie Kopatchinskaja früher mit ihrem Volksmusikensemble durch sämtliche Sowjetrepubliken. Jetzt kommt Patricia Kopatchinskaja gerade von einem Konzert aus New York, dazwischen geigte sie in Athen auf. Unser Gespräch findet anläßlich der Zwischenstation in Wien statt. Wien hätte im Leben ihrer Familie anläßlich der Emigration ebenfalls "nur" Zwischenstation sein sollen, dann wurde es zur vorläufigen Endstation. Als Patricia dreizehn war, befand der Vater, daß es in der Heimat Moldavien für die Musikerfamilie keine Chancen gäbe. Man beschloß auszuwandern, "egal, wohin". Die ersten Jahre musizierte man in Wiener Gasthäusern, wie dem "Beograd": Der Vater Cymbal, die Mutter Geige. Fiel der Vater einmal aus, dann sprang Patricia am Klavier ein, an die "zwanzig Schilling Trinkgeld" erinnert sie sich genau. Heute spielt der Vater in der Wiener Volksoper Cymbal, zum Beispiel im "Zigeunerbaron".
Neues wagen
Die Tochter, die
seit ihrem sechsten Lebensjahr Geigenunterricht bei einer
Oistrach-Schülerin erhielt, hat sich endgültig für das
Streichinstrument entschlossen. Aber das Wort
"endgültig" paßt so gar nicht zu ihr: "Ich
sehe mich nicht als Geigerin, ich bin Musikerin", sagt sie, die
jede "Schubladisierung" verabscheut. "Wenn man mich
die Tuba lehrt, werde ich einen Weg der Interpretation mit diesem
Instrument finden. Am Klavier liebte ich, daß man die Harmonien
mitspielt, das geht mir bei der Geige ab", plaudert die
Vielseitige aus der Schule. Ihre Interpretationen sollen das Publikum
primär zu wirklichen "Zuhörern" machen. Sie
will nicht ausgetretene Pfade beschreiten, sondern Neues wagen,
"wie Casals gesagt hat, meine eigene Begegnung mit dem Stück
darstellen, auch wenn die Leute kritisieren, das ist Kopatchinskaja
und nicht Beethoven, das muß ich in Kauf nehmen. Meine Ohren
haben Jazz, Rock gehört, und auch Straßenlärm, den es
damals nicht gegeben hat, meine Augen haben elektrisches Licht
gesehen, das Beethoven nie sah. Es kann heute nicht so klingen, wie damals"
Für alles offen
Gerne geht sie
auch einmal ein Risiko ein, oder betritt Neuland, indem sie
Zeitgenössisches in ihre Programme aufnimmt. "Moderne Musik
ist für mich die einzige Möglichkeit, mich mit der
Gegenwart intensiv auseinanderzusetzen". Modernistisches und
Zeitströme der Gegenwart spürt sie in Klängen auf. Im
Rahmen der "Rising Star"-Tournee werden sie und ihr
Klavierpartner, der Österreicher Christopher Hinterhuber, in
jedem Land auch ein von dort stammendes, zeitgenössisches
Stück (ur)aufführen. Namhafte Komponisten haben schon
für sie komponiert. Als "für alles offene
Musikerin" ist sie auch selbst schon in die Rolle der
Komponistin geschlüpft. "Ich hätte nach wie vor Lust
dazu, aber die Zeit fehlt. Meine ganze Energie fließt in die
Interpretation". Apropos Offenheit: Die endet bei ihr auch
nicht, wo es um nicht so gute Kritiken geht. So enthält die
"patkop-Homepage" auch schlechte Kritiken, denn "die
sagen oft mehr aus als die guten."
Geigerische Vorbilder nennt sie keine, dafür fällt sofort der Name einer Sängerin: Cecilia Bartoli, sie ist das große Idol wegen ihrer "Freiheit in der Interpretation".
Spiegel des Lebens
Neben dem Üben
ist für den Rising Star die Beschäftigung mit der
Literatur selbstverständlich: "Jeder Musiker wird hinter
den Notentext schauen." Doch dann geht es weiter: "Muß
man auch seine persönliche Lebenserfahrung in die
Interpretation legen. Ich habe als Flüchtling vielleicht mehr
erlebt als andere. Ich erinnere mich an das Lager Traiskirchen, an
den Fingerabdruck, den wir abgeben mußten. Gute und schlechte
Erfahrungen, alles zählt, wenn wir durch Musik etwas mitteilen
wollen. Trauer und Freude, zum Beispiel über Konzerterfolge und
gewonnene Preise die fließen ebenfalls in mein Spiel
ein". Die junge Künstlerin schätzt Intuition und
Emotion, Perfektion opfert sie hin und wieder, "wenn die
Intonation nicht hundertprozentig stimmt, nehme ich das in Kauf, wenn
ich durch meinen Ausdruck das Publikum ansprechen kann."
Interpretationen seien immer veränderlich, sagt sie,
Interpretation sei "live" wie das Leben selbst. Apropos
live: Weil sie das Spontane, das Reagieren-Können liebt,
gehört ihre Liebe der intimen Form der Kammermusik.
Eine besondere Beziehung pflegt sie nicht nur zur Moderne, sondern auch zur Volksmusik. "Ich bin im Dorf aufgewachsen. Als ich klein war, hörte ich nur Volksmusik", erzählt sie. Wenngleich sich Patricia als Jugendliche vielleicht manchmal für diese Musik "geschämt" hat, sieht sie das heute anders. Musik muß "etwas erzählen", und zwar "nicht vorwiegend den Musikwissenschaftlern, sondern den ,normalen Leuten."
(*) Dr. Michaela Schlögl ist Marketingmanagerin und freie Kulturjournalistin in Wien.