Der freie Flug als Ziel
Patricia Kopatchinskaja befragt von Rainer Köhl in Rhein-Neckar Zeitung vom 23.3.2005 vor der Aufführung Violinkonzerts von Alban Berg ("Dem Andenken eines Engels").
Wenn man Sie
auf der Bühne erlebt, dann spürt man eine große
Bedingungslosigkeit in Ihrem Spiel, eine große Leidenschaft und
Feuer, ein starkes Hineinwühlen und Sich-Ausliefern. Finden Sie
dies in den Kompositionen selber oder ist es Ihr persönliches Temperament?
Meine Mutter sagte
mir von klein auf, Du musst immer so spielen, wie wenn es das erste
und das letzte Mal wäre. So versuche ich immer meine gesamten
Mittel einzubringen und gleichsam in der Musik aufzulösen.
Als was
empfinden Sie Ihr Spiel? Als Selbstbefreiung? Oder als
Möglichkeit in andere Sphären zu gelangen?
Beides. Ziel
wäre der freie Flug. Die Gefahr ist der freie Fall, wie bei
Ikarus. Deswegen empfinde ich mein Spiel manchmal als ein Verhängnis...
Gilt das
gleiche auf für Ihre Improvisationen?
Ja, aber ich komme
leider zu selten zum improvisieren.
Was reizt
Sie besonders an der Neuen Musik?
Kein Ballast der
Tradition hemmt die Phantasie.
Haben Sie
Lieblings-Komponisten, Lieblings-Werke?
Auf der Bühne
versuche ich kritiklos zu sein und das am meisten zu lieben, was ich
gerade spiele. Privat liebe ich Beethoven (besonders die Quartette),
Schumann (Violinkonzert, spiele ich übrigens bald in Baden-Baden
zum ersten Mal), Kurtag (Kafka Fragmente, vierhändige Werke)),
Ustwolskaja (Dies irae). Ich liebe auch Mozart, aber nicht alle
lieben "meinen" Mozart...
Haben Sie
eine besondere Beziehung zu Bergs Violinkonzert? Ist es für Sie
ein Requiem oder ein Werk der Hoffnung?
Es ist
natürlich ein Requiem. Als ich zum ersten Mal von den
Künsten des amerikanischen Zauberers David Copperfield
hörte, träumte ich davon, das Berg Violinkonzert im
Wegfliegen beenden zu können, wie eben der Geist dieses
Stückes. Aber! Am 23.3. ist mein Geburtstag. Und ich bin im
3.Monat schwanger. Es muss eine Hoffnung bleiben!!!