Geigenwunder - Die Moldawierin Patricia Kopatchinskaja stellt mit der Sopranistin Anna Maria Pammer bei der Mozartwoche György Kurtágs „Kafka-Fragmente“ vor.

    Ernst P. Strobl, Salzburger Nachrichten, 28.1.2010: Der Komponist György Kurtág wählte 40 Fragmente aus Tagebüchern und anderen Werken Franz Kafkas für einen expressiv vertonten Zyklus voller Seelenzustände und Befindlichkeiten für Sopran und Violine, gespickt mit enormen Schwierigkeiten. Patricia Kopatchinskaja spielt den Geigenpart (heute, Donnerstag, 15 Uhr, Solitär).

    SN: Ihr Terminkalender ist voll mit verschiedensten Aufgaben. Wie schaffen Sie es, sich auf ein komplexes Werk wie Kurtágs „Kafka-Fragmente“ vorzubereiten?
    Kopatchinskaja: Die Vorbereitung ist nicht nur Üben, sondern mich auch seelisch darauf vorzubereiten. Mein Körper bewegt sich geografisch von einem Ort zum anderen. Aber die Seele beschäftigt sich die ganze Zeit mit den Dingen, die ich gerade spielen muss. Ich gebe zu, es ist oft sehr schwierig. Aber „Kafka-Fragmente“ ist ein Lebenswerk, auch für mich. Damit beschäftige ich mich schon sehr lange und sicherlich bis zu meinem Tod. Ich habe es oft gespielt, aber noch nie so gut, dass ich nachher wirklich zufrieden war. Ich habe immer die Noten mit dabei, wo immer ich bin.

    SN: Was bedeutet Ihnen Kurtágs Zyklus?
    Kopatchinskaja: Es ist alles an diesem Werk sehr fundamental. Das fängt schon mit der Besetzung an, Geige und Sopran. Das ist verrückt, nicht wahr? Wem fällt so etwas ein? Wenn Galina Ustwolskaja für Piccoloflöte und Tuba schreibt, ist es auch verrückt, aber Geige und Sopran ist etwas, das wirklich sehr intensiv ist. Auch die Tonhöhen so präzise zu hören und zu verinnerlichen. Und natürlich der Text, der Inhalt, wie man den für sich versteht. Wie will man den als Geiger deuten oder als Sopranistin? Will man der Sopranistin eine Partnerin sein oder das Gegenteil? Ein duellierender Gegner? Das sind Stimmen, die miteinander, gegeneinander, aufeinander auf der Bühne agieren. Eigentlich habe ich mit Anna Maria Pammer immer so gearbeitet, dass wir auf der Bühne frei sind. Wir haben nie Dinge einbetoniert.

    SN: Haben Sie jemals György Kurtág persönlich getroffen – und mit ihm über Musik geredet?
    Kopatchinskaja: Ja, als wir das einstudiert haben. Ich war noch gar nicht wirklich fertig – das heißt, fertig bin ich auch jetzt nicht. Aber damals war ich ganz am Anfang, ich habe wirklich gezittert vor Angst und Aufregung. Und ich zittere immer noch. Wir werden György Kurtág wieder begegnen – und ich weiß nicht, was uns erwartet.

    SN: Haben Sie jemals Franz Kafka gelesen – und wenn, wie war das?
    Kopatchinskaja: Das erste war „Die Verwandlung“ von Kafka. Das war schrecklich. Ich hatte Albträume, wirklich. Mir ist schlecht geworden nachher. Und bei jedem seiner Werke ist mir am Schluss schlecht geworden, psychisch und physisch auch. Das nimmt einem den Atem. Ich kann aber nicht behaupten dass ich ein Kafka-Spezialist bin. Aber die Texte aus den Kafka-Fragmenten sind in meinen Alltag schon hineingewachsen. Da heißt es zum Beispiel „geschlafen, aufgewacht, geschlafen, aufgewacht, elendes Leben.“ Das sind fantastische Texte.

    SN: Kurtág wird oft mit Anton Webern verglichen, sehen Sie das auch so?
    Kopatchinskaja: György Kurtág ist ein Ungar, das sagt schon vieles. Das klingt wie ein Klischee, aber ich glaube, er kommt viel mehr aus einer irdischen Situation. Ich glaube, Kopf und Erde sind bei Kurtág viel mehr verbunden als bei Webern. Bei Webern sind vielleicht Kopf und Himmel stärker verbunden. Was sie aber gemeinsam haben, ist, dass jeder Ton so eine ungeheure Konzen tration besitzt von allem, was wir in der abstrakten Kunst an Emotion oder Bedeutung kennen. Kurtág braucht sehr wenig, um etwas auszusagen, worüber man dann das ganze Leben lang nachdenken kann. Das ist wirklich fundamentale Musik.

    SN: Moldawien, Ihr Geburtsland, ist hierzulande eher unbekannt und zumindest ein bisschen exotisch. Sie leben nun in der Schweiz, reisen weltweit, haben Sie noch Kontakt zu Ihrer Heimat?
    Kopatchinskaja: Ja, natürlich. Besonders beschäftige ich mich jetzt mit der Armut in meiner Heimat Moldawien. Ich bin Botschafterin einer sehr guten internationalen Hilfsorganisation in der Schweiz, „Terre des hommes“, die helfen den Kindern. Sie haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass es in Moldawien, mitten in Europa, so etwas wie ein immenses Waisenhaus gibt. Man wird immer aufmerksam auf Dinge, die spektakulär sind, wie etwa ein Erdbeben oder so. Aber da, wo es langsam auseinanderbröckelt, da ist es sehr schwierig, Hilfe zu holen. Weil man es lange nicht merkt. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie arm die Kinder da sind. Es gibt ganze Dörfer ohne Eltern. Die Eltern sind irgendwo im Ausland und die Kinder wachsen ohne Erziehung auf. Was man noch über Moldawien wissen muss: Es ist wie die Schweiz auch ein Land mit Bergen, aber anders als die Schweiz ein Land, das viele Völker besessen haben. Wir sind ein Gemisch von Römern, Griechen, Türken, Bulgaren, Russen, Rumänen etc. Ein Volk ohne nationale Identifikation. Wir trinken Wein und essen Polenta und haben traurige Volkslieder. Man muss dort gewesen sein, um zu sehen, wie es ist.

    Start Page