"Mein Kuchen ist nicht fertig" - die moldawische Geigerin Patricia Kopatchinskaja im SN-Gespräch.
Interview von Erika Pichler, Salzburger Nachrichten, 2.2.2012: Ihre fünfjährige Tochter Alisa ist neben der Musik Patricia Kopatchinskajas zweiter Lebensinhalt. "Ich habe gerade Mozarts D-Dur-Konzert geübt. Da stellt sie sich auf einen Stuhl, steckt sich eine Feder in die Haare und fängt an zu dirigieren, sich zur Musik zu bewegen, Grimassen zu schneiden. Und ich habe mir gedacht: Genau so muss man das spielen. So wie Kinder das Universum entdecken und wie sie darüber staunen können. Das hält Musik frisch."
Frische ist zu einem Markenzeichen der gebürtigen Moldawierin geworden. Ein anderes ist ihre Erdigkeit. Durch sie ist die prinzipiell barfuß auftretende Künstlerin zu einer Art Antiheldin des Klassikmarkts geworden. Auf die Frage, wie sie sich selbst sehe, fällt ihr nach kurzem Nachdenken ein interessantes Bild ein: "Viele Interpreten präsentieren sozusagen einen fertigen Kuchen. Ich habe den Kuchen nicht fertig, ich backe ihn erst auf der Bühne. Ich bin . . . ein Koch! Ich bringe die Zutaten mit, und ich experimentiere gern damit, und dann kommt es, wie es kommt. Manchmal wird der Kuchen wunderbar. Es besteht aber auch das Risiko, dass er kaputt geht."
Wie erhält man sich den Mut zum Risiko trotz eines gnadenlos dichten Konzertkalenders? Und wie viel Wagemut gestattet man sich, wenn man gerade in der Mozartstadt während der Mozartwoche eine der bekanntesten Mozartsonaten spielt? "Das kann auch inspirieren", sagt Kopatschinskaja. "Und wenn genügend Engel um mich sind, dann kann ein Wunder passieren. Wenn nicht, dann entsteht Asche statt des Feuers, das man überbringen will." Diese Gefahr sei allerdings gebannt, sobald sie mit Fazil Say musiziere. Für die Geigerin ist der türkische Pianist ein Geistesverwandter. "Wir haben ein Konzept, das jede Sekunde maximale Freiheit zulässt. Und wir entdecken oft viel Neues, sogar während des Konzerts."
Die Spontaneität des Augenblicks macht auch vor einem Koloss der Kammermusik wie Beethovens "Kreutzersonate" nicht Halt, mit der Kopatschinskaja und Say ihr Salzburger Programm beendeten. Vor Jahren schon spielten sie das Werk unverwechselbar rau und rasant auf CD ein. "Inzwischen empfinden wir beide diese Aufnahme als akademisch", sagt Kopatschinskaja. "Wir spielen das heute noch viel stürmischer, wilder, fast terroristisch."
Ihre Eigenständigkeit ist auch dem an der Universtität Mozarteum lehrenden Violinprofessor Igor Ozim geschuldet, bei dem Kopatschinskaja bis zum 20. Lebensjahr studiert hat. "Ich habe bei ihm gelernt, wie man Probleme selbst löst. Und er hat nach zwei Jahren gesagt: ,Jetzt bist du so weit. Du kannst gehen." Freilich fordere der eigene Weg seinen Tribut. "Ich habe mich mein ganzes Leben aus einem Kokon befreit. Nicht allen gefällt, was ich mache, ich habe mich oft sehr einsam gefühlt. Ich bin froh, jetzt älter zu sein. Man begegnet mir mit mehr Respekt, wohl weil ich diesen Weg schon lang gehe, ohne abgestürzt zu sein."
Die Tochter einer Geigenlehrerin und eines Zymbalisten ist seit je auch sattelfest am Klavier. Bei Auftritten in Wiener Lokalen, mit denen sich die Emigrantenfamilie in der ersten Zeit in Wien durchschlug, sprang sie schon als 14-Jährige bisweilen für den Vater ein. "Mit ein bisschen Jazz am Klavier habe ich damals im Restaurant Beograd das erste Trinkgeld verdient." Das Klavierspiel war später eine gute Basis, um Komposition studieren zu können. Heute sind Komponisten die Musiker, denen sich Kopatschinskaja am nächsten fühlt. "Nicht nur lebende, sondern auch tote. Wenn ich im Konzert Beethoven spiele, dann sitzt er in der ersten Reihe, auch in Salzburg. Und manchmal möchte er mich erschlagen."