SCHUMANN, Robert (1810-1856):

     

    Konzert für Violine und Orchester in d-Moll WoO 1 

    Nachdem Schumann schon Jahre zuvor mit Ferdinand David Pläne zu einem Violinkonzert erörtert hatte wurde das Violinkonzert auf Veranlassung des Freundes Joseph Joachim geschrieben und diesem gewidmet. Es entstand vom 21. September bis 4. Oktober 1853.  Am 7.10. schrieb er an Joachim "Hier lege ich auch etwas Neues bei, was Ihnen vielleicht ein Abbild von einem gewissen Ernst gibt, hinter dem oft eine fröhliche Stimmung hervorsieht. Oft waren Sie, als ich schrieb, meiner Phantasie gegenwärtig, was wohl zu der Stimmung beitrug."

    Schumann war damals gesundheitlich schon erheblich beeinträchtigt, es war wenige Monate vor dem Suicidversuch vom 10.2.1854. Der erste Satz exponiert ein übermächtiges fatales Schicksal. Im zweiten Satz ein verlorenes Suchen, vielleicht auch ahnungsvolles Klagen, das nahtlos überleitet zur langsamen Polonaise des dritten Satzes. Joseph Joachim meinte, in diesem Konzert "eine gewisse Ermattung" zu spüren und bemängelte Monotonie im dritten Satz.

    Tatsächlich fehlt dem ganzen Konzert der grandiose Schwung, der den früheren Schumann auszeichnete. Immer wieder kommt es zu Stocken, Innehalten, nachdenklich, ja angstvoll schaudernd. Im langsamen Satz vermeint man irreale Stimmen zu hören. Eine genaue Metronomangabe Schumanns gibt der abschliessenden Polonaise ein bizarr-langsames Tempo. Wegen der rasend schnellen Läufe in der Violine gegen Ende des Satzes ist ein rascheres Tempo gar nicht realisierbar, wenn man das Tempo durchhalten will. Im Hinblick auf Schumanns damalige Lebenssituation kann man dieses Finale nicht anders denn als grotesken Totentanz verstehen. Die sich wiederholende, bohrend-insistierende Monotonie passt zu einem Totentanz oder sie kann den Schmerz des langsamen Abschiedes bedeuten. So gesehen ist dieses Konzert ein erschütterndes Zeugnis über das Zerbrechen eines musikalischen Genies. Sogar die Schwächen sind Aussage. 

    Das Konzert wurde von Joachim und Klara Schumann unter Verschluss gehalten. Erst 1937 wurde es in Nazi-Deutschland uraufgeführt, anlässlich einer Propagandaveranstaltung mit einer Festrede von Göbbels, und zwar in einer bearbeiteten Fassung. Die Uraufführung in nichtveränderter Urfassung geschah Ende des gleichen Jahres durch den jungen Yehudi Menuhin in New York.   

     

    Drei Sonaten für Violine und Klavier

    Erste Sonate: Robert Schumann begann seine erste Sonate a-moll op 105 am 12. September 1851 und beendete sie in nur 4 Tagen. Der Geiger W.J. von Wasiliewski berichtet über das erste Durchspiel mit Clara vom 16.September: ".. nur das Finale konnte ich ihm nicht zu Danke spielen. Es wurde noch dreimal durchgenommen, doch Schumann meinte, er habe eine andere Wirkung von der Geigenpartie erwartet. Ich vermochte ihm nicht genügend den störrischen, unwirschen Ton des Stückes wiedergeben". Schumann meinte später zu  Wasiliewski: „Die erste Sonate für Violine und Klavier hat mir nicht gefallen; da habe ich denn noch eine zweite gemacht, die hoffentlich besser geraten ist.“ Uns aber kann auch die erste gefallen.

    Zweite Sonate:  Auch die "Zweite grosse Sonate für Violine und Pianoforte" in d-moll op. 121 entstand wiederum in wenigen Tagen vom 26.Oktober bis 2.November 1851. Sie ist dem Freund und Geiger Ferdinand David gewidmet, auf dessen Namen die Töne des Hauptthemas im Kopfsatz (d-a-f-d) verweisen.Uraufgeführt wurde sie aber von Joseph Joachim mit Clara. Joachim schrieb darüber an Arnold Wehner: "Nicht unterlassen will ich aber, Dich auf die neue Sonate (d-moll) aufmerksam zu machen, die wir aus dem Correctur-Exemplar gespielt haben; sie ist für mich eine der schönsten Schöpfungen der neuern Zeit in ihrer herrlichen Einheit der Stimmung und Prägnanz der Motive. Sie ist voll hoher Leidenschaft - fast herb und schroff in ihren Accenten - und der letzte Satz könnte an eine Seelandschaft mahnen in seinem herrlichen Auf- und Niederwogen".  Der dritte langsame Satz ("leise, einfach") zitiert und variiert den Choral "Aus tiefster Not schrei ich zu Dir". Das Thema erscheint einmal plötzlich "sul ponticello", eisig-unheimlich verfremdet. Vor- und nachher im Klavier ein erregt drohendes Motiv, danach unendlich traurige, resignierte Wendungen und nochmals das Thema, das sich stockend ins Nichts verliert. Könnte das alles ein Hinweis auf Schumanns Krankheit sein, die sich zur Zeit der Komposition schon u.a. in bedrohlichen Hörstörungen ankündigte?

    Dritte Sonate: Zwei Jahre später, im Oktober/November 1853 entstand die dritte Violinsonate a-moll o.Opuszahl aus der sog. F-A-E-Sonate, einer Gemeinschaftskomposition, die Schumann, Dietrich und Brahms dem jungen Geiger und Freund Joseph Joachim zudachten, der die Komponisten der einzelnen Sätze erraten sollte. Die Sätze verwenden die Motivtöne f-a-e, welche für die Initialbuchstaben von Joachims Wahlspruch (Frei Aber Einsam) stehen. Die von Schumann selbst als F-A-E-Sonatenüberraschung bezeichnete Erstaufführung fand am 28. Oktober 1853 im Schumannschen Haus in Düsseldorf (Bilkerstrasse) statt. Bereits tags danach begann Schumann mit der Komposition zweier neuer Sätze, welche ebenfalls das F-A-E-Motiv verwenden und gemeinsam mit seinem Intermezzo (II. Satz) und Finale (IV. Satz) aus der FAE-Sonate die eigenständige, dritte Violinsonate bilden. Die Uraufführung durch Clara und Joseph Joachim war wohl am 20.Januar 1854 in Hannover. Clara berichtet in ihrem Tagebuch, dass sie die Sonate mit Joachim noch wiederholt "mit gleicher Begeisterung" gespielt habe. Nach Schumanns Tod fiel aber die  Reinschrift der Zensur von Clara und Brahms zum Opfer. Zur Publikation aus erhaltenen Arbeitsmanuskripten kam es erst 1956. Mit einem sehr guten Pianisten hat dieses kaum bekannte Werk seinen ganz eigenen Reiz.

    Patricia Kopatchinskaja in einem Interview in der Zeitschrift der Gesellschaft der Musikfreunde, Wien, April 2000 auf die Frage, Was bedeutet Ihnen Schumann?: "Schwer, etwas zu Schumann zu sagen, wenn nicht der Satz von E.T.A. Hoffmann "Musik schliesst dem Menschen ein unsichtbares Reich auf, eine Welt, in der er alle durch Begriffe bestimmbaren Gefühle zurücklässt, um sich dem Unaussprechlichen hinzugeben..." . Schumann, der träumerische Poet, war oft bedroht von Ängsten und Verzweiflung. Beides, Traum und Bedrohung, sind in seiner Musik zu spüren. In den schwierigen Jahren der Emigration nach 1990 haben wir selber Bedrohung gespürt und von Träumen gelebt - vielleicht verbindet mich das besonders mit Schumann."          

    Start Page