«Wenn ich Schubert spiele, sitzt er im Saal» - Geigerin Patricia Kopatchinskaja macht Klassik zu Action
Christian Hubschmid in Sonntags-Zeitung (Zürich) vom 22..2008:
Sie macht einen Buckel. Spannt die Muskeln an. Und springt vom Stuhl. Dabei fidelt sie immer weiter auf ihrer Geige. Für einen kurzen Moment sieht man auch ihre nackten Füsse unter dem roten Rock. Patricia Kopatchinskaja spielt immer barfuss. Und bockig wie ein wildes Pferd.
Als «l'enfant sauvage de la musique» («Le Monde») wurde die Geigerin schon bezeichnet. Ihr «gipsy spirit» brachte ihr das Image einer Wildkatze ein. Die 31-jährige Moldauerin mit österreichischem Pass und Berner Wohnsitz wirbelt mit ihrer urtümlichen Virtuosität durch die Klassikwelt. Sie tritt mit den Wiener Philharmonikern auf, konzertiert in der New Yorker Carnegie Hall und gastiert an den Salzburger Festspielen. Dreimal ist sie diesen Sommer an Schweizer Festivals zu erleben. Nur, ausserhalb der Klassik ist sie kaum bekannt.
Seit sie Mutter wurde, will sie etwas hinterlassen
Das hat einen Grund: Sie macht keine CDs. Trotz ihrem Potenzial als Geigen-Star widersetzt sich Patricia Kopatchinskaja erfolgreich der Marketingmaschine der Klassikindustrie. Erst seit sie vor zwei Jahren Mutter geworden ist verspürt sie den Wunsch, etwas zu hinterlassen, und unterschrieb einen Vertrag beim Label Naïve. «Ich denke nicht an meine Karriere, ich will in die Tiefe der Musik vorstossen», sagt sie und fügt an: «Ich bin auch trotzig, sogar streitsüchtig.»
Heute sitzt Patricia Kopatchinskaja brav auf dem Sofa in dem schönen, alten Haus, das sie in Bern bewohnt. Ein liebliches Lächeln ziert ihr verschmitztes Gesicht, sanft ruhen ihre flinken Hände im Schoss. Gedämpftes Klavierspiel dringt in die Dachstube. Ein Pianist wohnt derzeit bei ihr, zu dem Patricia Kopatchinskaja ein ebenso freundschaftliches Verhältnis hat wie zu den meisten ihrer Mitmusiker. Etwa zu Fazil Say, mit dem sie am Jazzfestival Montreux auftreten wird. Oder zur Cellistin Sol Gabetta, mit der sie am letzten Sonntag ein sensationell sinnliches Konzert gab. Das Publikum in der Kirche Olsberg war wie betäubt. Selbst der anwesende Komponist Peteris Vasks hatte Tränen in den Augen.
Die Reaktion des Komponisten ist Patricia Kopatchinskaja immer wichtig. Selbst wenn er tot ist. «Wenn ich Schubert spiele, sitzt Schubert im Saal, wenn ich Beethoven spiele, Beethoven.» Mit diesem Trick kann sie sich besser in die Musik hineinversetzen, die Noten wörtlich nehmen, wie sie sagt. «Ich lese die Musik nicht einfach vor, ich bin sie.»
Ihre Zehen müssen sich frei bewegen können
Radikale Identifikation erfordere zuweilen «Extremmassnahmen». Es ist schon vorgekommen, dass sie auf dem Rücken liegend spielte, um die klassische Musik gegenwärtig zu machen. Oder eben: Sie spielt immer barfuss. «Meine Finger sind mit den Zehen verbunden, deshalb müssen die Zehen sich frei bewegen können.» Die Füsse aber versteckt sie unter einem langen Rock, um nicht auf das Klischee der barfüssigen Geigerin reduziert zu werden. «Ich glaube, es gibt Wichtigeres an mir als das.»
Zum Beispiel ihr Engagement für die moldauische Volksmusik.Ihr Vater war bis zur Emigration der Familie nach Wien im Jahr 1989 ein populärer Zymbal-Spieler (eine Art Hackbrett) in der Sowjetunion. Moldau habe schöne Frauen, fruchtbare Erde und guten Wein, sagt die dunkelhaarige Geigerin, was sich in einer impulsiven Musik niederschlage. Die spielt sie mit ihren Eltern - die Mutter ist ebenfalls Geigerin -, auch wenn sie moderne Komponisten bevorzugt, die sich auf die Volksmusik beziehen: Bartók, Kurtág, Enescu.
Am wichtigsten ist ihr aber die zeitgenössische Musik. Vehement verteidigt sie diese - «Missgeburten», wie sie selber sagt. «Vieles ist wirklich nur schockierend und unverständlich. Aber eines von hundert Stücken ist gut. Darauf kommt es an. Das war zu Mozarts Zeit nicht anders.»
So bringt sie Stücke von Fazil Say oder Johanna Doderer zur Uraufführung. Oder komponiert gleich selber. Das hat sie in Wien studiert. Bei ihren eigenen Kompositionen fällt es ihr noch leichter, ihr Erfolgsrezept umzusetzen und zur Schauspielerin mit Geige zu werden. «Es ist ein Unterschied, ob ich nur sage: "Ich erwürge dich!" Oder ob ich es sage und dir auch tatsächlich an die Gurgel springe.» Dann macht sie einen Buckel. Und spannt die Muskeln an.
Eine CD mit der «Kreutzersonate» von Beethoven erscheint im September bei Naïve/MV