Explosiver Hochgenuss
Irene Maier in Newsletter Swiss Classics vom 20.1.2009: "Bonnie and Clyde" betitelte eine französische Zeitung die beiden Ausnahmemusiker Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say. Dabei haben die beiden weder geraubt noch gestohlen, sondern die Musikwelt, auf ja vielleicht unverschämte Art, bereichert. Wenn die moldawische Geigerin und der türkische Pianist auf die Bühne treten, kann es zwar durchaus sein, dass sie uns mit ihrem elektrisierenden Musizieren die Sinne rauben und puristische Angewohnheiten im Keim ersticken. Wer sich auf das faszinierende Duo einlässt, wird die Musik körperlich spüren, wird in die Leidenschaft hineingezogen, wird bekannte Werke neu erleben und Unbekanntem neugierig begegnen. Am 16. Februar 2009 treten Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say gemeinsam in der Tonhalle Zürich im Rahmen des Zyklus Meisterinterpreten in Zürich auf; am 19. und 20. März 2009 konzertiert Fazil Say mit dem Berner Symphonie Orchester im Kultur-Casino Bern und in den darauffolgenden Tagen auf Tournee in Deutschland.
Mit Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say sprach Irène Maier
Seit drei Jahren arbeiten Sie nun zusammen. Da sind zwei Künstler zusammengekommen, die den Konzertbetrieb tüchtig durcheinander wirbeln. Wie ist es, wenn zwei Vulkane aufeinander treffen? Wie muss man sich Ihre Zusammenarbeit vorstellen?
P.K. Entweder gibt es ein Erdbeben und das Ganze explodiert oder es entsteht eine fruchtbare Erde, die dann Früchte hervorbringt, die man zuvor noch nicht gesehen hat. Es ist Neuland auch für uns. Wir versuchen immer wieder, ein Stück aufs Neue zu erleben. Dazu brauchen wir wenig Worte und wenn, dann erzählen wir uns Bilder. Aber vor allem spielen wir sehr viel miteinander.
F.S. Patricia ist eine Persönlichkeit, die mich sehr inspiriert. Ein Konzert mit ihr ist jedes Mal eine Herausforderung. Wir müssen einander immer genau zuhören und aufeinander reagieren, da wir im Konzert aus dem Moment heraus spielen. Diese Spontaneität, die Suche nach der inneren Stimme ist es, was unser Zusammenspiel prägt und ein Stück immer wieder neu entstehen lässt.
Das heisst, Sie sprechen die gleiche musikalische Sprache.
P.K. Das kann man sagen. Wir kommen auch aus der gleichen Gegend. Uns verbindet das Schwarze Meer. Ich merke, wenn wir zusammen in der Türkei spielen, dass sich unsere beiden Kulturen sehr ähnlich sind.
F.S. Patricia ist für mich die ideale Partnerin. Die Auffassung zur Partnerschaft und die innerliche Welt zur Musik ist das wichtigste. Dieser Einklang muss beim ersten Ton, den man zusammenspielt, entstehen.
Nun ist eine fantastische CD von Ihnen herausgekommen. Die Werkwahl scheint wie eine Wunschliste, ein Spiegel Ihrer beiden künstlerischen Persönlichkeiten. Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?
P.K. Man kann es wirklich als eine Wunschliste bezeichnen. Fazil Says eigene Sonate stand natürlich ausser Frage, auch Ravel, weil da dieser Blues im zweiten Satz wunderbar dazu passt. Bartok ist so etwas wie Musik aus unserer beider Heimat, die liegt uns im Blut. Die Kreutzersonate von Beethoven wollten wir unbedingt einspielen.
F.S. Gerade der Beethovensonate haben wir wahrscheinlich unseren eigenen Stempel aufgedrückt. Wir haben unsere ganze Seele in diese Musik hinein gelegt und versucht, das Stück frisch und spannend zu interpretieren. Ich denke, das ist uns gelungen. Obwohl es für uns im Studio nicht ganz so leicht war, da wir ausgesprochen spontane Bühnenkünstler sind. Bei Aufnahmen muss man sich für eine Sicht entscheiden. Aber es hat sehr viel Spass gemacht und das Ergebnis gefällt uns.
Letzten Herbst hatte Patricia Kopatchinskaja das Violinkonzert, das Sie für sie komponierten, uraufgeführt. Beeinflusste der Gedanke an die Widmungsträgerin und Interpretin Ihre Kompositionsarbeit?
F.S. Für mich war dieses Violinkonzert etwas ganz Besonderes. Es war das erste Mal, dass ich ein Stück komponierte, wo kein Klavier dabei ist und ich nicht selber Ausführender bin. Aber Patricia hat mich unglaublich inspiriert, und ich hatte absolutes Vertrauen in sie, dass sie meine Musik so zum Klingen bringen wird, wie ich es fühle. Es war für mich eine kleine Revolution, die mich aber sehr beglückte. Natürlich hatte ich während der Arbeit immer Patricias Violinklänge im Ohr, und sie selber hat mich auf einige fantastische Ideen hingewiesen.
P.K. Das erstaunlichste war, als ich das Manuskript in den Händen hielt, dass ich zum ersten Mal, seit ich neue Notentexte lese, nichts einzuwenden hatte. Es war mir so auf die Hand geschrieben, so geigerisch, so musikalisch, so verständlich, das ich es einfach gespielt habe. Diese Musik zu spielen ist ein exotisches, erotisches Erlebnis; ich fühle mich dabei wie eine Tänzerin in einem Harem.
Sie beide engagieren sich neben Ihrer Konzerttätigkeit auch für soziale Anliegen und kulturelle Brückenbauerdienste. Worin bestehen Ihre Aufgaben?
P.K. Ich bin Botschafterin von Terre des Hommes und möchte die Medien und die Öffentlichkeit auf die Situation in meiner Heimat Moldawien aufmerksam machen. Es ist das ärmste Land in Europa und am meisten betroffen sind natürlich die Kinder. Die wenigsten kennen ein richtiges Familienleben, da ihre Eltern im Ausland ihr Geld verdienen müssen, und sie, wenn sie Glück haben, bei den Grosseltern leben. Wir werden diesen Sommer in die verschieden Dörfer fahren und uns über die Möglichkeiten einer sinnvollen Hilfe informieren. Dabei werden wir mit Benefizkonzerten Geld sammeln, das wir dann in die Projekte investieren können.
F.S. Meine Aufgabe als Botschafter des interkulturellen Dialogs ist die Vermittlung zwischen der türkischen und abendländischen Kultur. Die Türkei ist ein Lückenstaat zwischen Ost und West und ich verkörpere als Türke, der mit der westlichen und östlichen Musik aufgewachsen ist, eine Art Brückenfunktion. Ich würde dies aber nicht als Aufgabe bezeichnen. Mit meinen Anliegen vertrete ich einfach meine eigene Natur. In meinen Kompositionen schwingen sowohl abendländische wie orientalische Elemente mit, beiden Kulturen fühle ich mich gleichermassen verbunden.
Wie entspannen Sie sich von Ihren musikalischen Aktivitäten?
P.K. Zurzeit kann ich mich kaum entspannen, aber ich nütze jede frei Minute, um mit meiner Tochter und meiner Familie zusammen zu sein. Die Kombination Künstlerberuf und Muttersein ist nicht ganz einfach unter einen Hut zu bringen. Wenn ich auf Tournee bin, regt sich das schlechte Gewissen als Mutter, wenn ich nicht musiziere, erhebt sich die Stimme als Musikerin.
F.S. Wenn ich auf Reisen in einer Stadt bin, erhole ich mich bei einem Stadtbummel, lese oder gehe auch mal zu einem Fussballmatch. Aber so oft ich kann, verbringe ich meine Freizeit zuhause bei meiner achtjährigen Tochter in Istanbul. Wir haben dort vier Katzen und zwei Hunde, meine Tochter liebt Tiere über alles.