Sie
spielt nicht Töne, sondern Geschichten
Patricia
Kopatchinskaja wirkt elektrisierend an den Saiten wie auch im
Gespräch.
Sie ist gut, originell, sprüht vor Energie und sie kommt nach Zürich: Soirée classique mit Patricia Kopatchinskaja: Mittwoch, 10. Juni, 20 Uhr im Zürcher Kaufleuten. Moderation: Susanne Kübler.
Susanne Kübler in Tages-Anzeiger (Zürich) vom 8.6.2009: Auf CD sind mit ihr Fazil Says Violinkonzert (mit dem Luzerner Sinfonieorchester) und ein Rezital mit Fazil Say erschienen (beide bei Naïve). Beethovens Violinkonzert und eine CD mit moldauischer Volksmusik, die sie mit ihren Eltern eingespielt hat, werden folgen.
Sie könne ihre Kräfte sehr gut einteilen, sagt Patricia Kopatchinskaja, «ich schlafe viel, kann völlig abschalten, und auf der Bühne kommt dann zack alles raus». Auch im Gespräch beim Frühstück in einem Zürcher Café kommt zack alles raus, obwohl die 32-jährige Geigerin am Vorabend noch in Wien aufgetreten ist und einen sehr frühen Flug hinter sich hat. Man kann sich ihrer Energie nicht entziehen, wenn sie von einem Thema zum anderen springt und dabei immer wieder grandiose Pläne entwirft.
Diese Energie hat im vergangenen Februar auch das Zürcher Publikum elektrisiert, als Patricia Kopatchinskaja in der Tonhalle mit dem ebenfalls vulkanischen Pianisten Fazil Say aufgetreten ist. Die Zusammenarbeit mit ihm sei das Beste, was sie sich hätte wünschen können, sagt sie: «Mit ihm passiert ein Wunder auf der Bühne, ich spüre eine Freiheit, die ich sonst kaum erlebe.» Nicht, dass es immer glatt ginge mit den beiden; kürzlich etwa haben sie sich bei den Proben für eine Prokofjew-Sonate «echt gestritten». Um zwei Noten ging es, über deren Interpretation sie sich nicht einig wurden. «Das war in Istanbul, unsere Kinder haben zusammen gespielt, und ich habe gedacht: Schade, das wars jetzt.» Es ging dann doch wieder weiter, und das Konzert in Paris mit dieser Sonate war ein Erfolg.
Drei Koffer und ein Hund: Patricia Kopatchinskajas erste Musik war allerdings nicht die klassische, sondern die moldauische Volksmusik. Ihr Vater spielt das Cymbalom (auf Youtube findet man ihn unter dem Namen Victor Copacinschi mit einer Aufnahme, die am Tag von Patricias Geburt entstanden ist). Und die Mutter, eigentlich klassisch ausgebildete Geigerin, wechselte «aus Liebe» ebenfalls zur Folklore. Die Familie lebte in einem moldauischen Dorf, bis sie 1989 nach Österreich emigrierte, «mit drei Koffern und einem Hund».
Eine schwierige Zeit begann. Der Vater arbeitete als Lastwagenfahrer und an einer Tankstelle, man lebte in einem Keller und musste auf Ämtern Fingerabdrücke hinterlassen: «Das war für uns Kinder noch lustig, aber für die Erwachsenen nicht.» Patricia Kopatchinskaja bekam zu hören, dass sie als Nicht-Österreicherin keinen Mozart spielen könne. Und doch habe sie in Wien eine Zukunft bekommen, sagt sie. «Meine Kollegen in Moldau sind alle keine Musiker geworden. Wenn ich dort geblieben wäre, würde ich wohl Kartoffeln verkaufen oder etwas mit Finanzen machen.» Lachend schiebt sie noch nach, dass sie dafür vielleicht eine neue Kartoffelspeise erfunden oder die Finanzkrise verhindert hätte: Eine graue Maus wäre sie auch in ihrer Heimat nicht geworden.
Routine lässt sie nie aufkommen: Inzwischen lebt sie in Bern und träumt davon, vielleicht dereinst, wenn sie einmal genug hat von den Reisen und den Turbulenzen des Solistinnenlebens, eine Kammermusikreihe auf einem Schiff auf der Aare zu gründen. Aber noch ist es nicht so weit, zu viele Projekte locken. Und Routine lässt sie sowieso nicht aufkommen: «Ich kämpfe immer dagegen an, etwa indem ich in einem vertrauten Stück andere Fingersätze verwende oder indem ich mir neue Geschichten ausdenke.» Ohne eine Geschichte könne sie keinen einzigen Ton spielen, sagt sie. Bei Beethovens Kreutzersonate etwa, die sie in Zürich (und auf CD) mit Fazil Say gespielt hat, stellt sie sich eine riesige Kathedrale vor: «Da kommt dann ein Mensch herein und staunt und fühlt sich ganz klein, und dann gibt es zwei Töne, die immer wieder auftauchen wie eine Sünde, die ihn verfolgt und die er da gestehen muss.»
Auch zu Beethovens Violinkonzert, das sie soeben mit Philippe Herreweghe und dem Orchestre des Champs-Elysées eingespielt hat, gibt es solche Geschichten. Grossartig sei diese Zusammenarbeit gewesen, «das Orchester ist so lebendig ich habe mich in jeden einzelnen Musiker verliebt!» Und viel gelernt habe sie auch: «Ich bin sonst sehr extravertiert, und mit Herreweghe habe ich erfahren, dass es gar nicht nötig ist, immer aus sich herauszugehen; es genügt manchmal, nach innen zu gehen.» Dazu kam noch, dass sie auf Darmsaiten und in tieferer Stimmung gespielt hat keine einfache Aufgabe für eine Musikerin mit dem absoluten Gehör. «Die ganze Umwelt ist doch auf 444 Hertz eingestellt! Ich habe jedem verboten, in meiner Nähe Radio zu hören, sonst hätte ich das nicht geschafft.»
Im Duett mit sich selbst: Das Ziel dieser Aufnahme war es, die einstige Radikalität dieses Violinkonzerts wieder zum Vorschein zu bringen, seine Zärtlichkeit, auch den improvisatorischen Gestus. «Beethoven hat bei seinem ersten Entwurf viele Alternativvarianten notiert; das war mein Schlüssel zu diesem Stück.» Entsprechend frei klingt ihre Interpretation und entsprechend frech die auf der Klavierbearbeitung des Werks basierende Kadenz im ersten Satz, die das einst Neue mit heutigen Mitteln wieder aufleben lässt. Patricia Kopatchinskaja ist da gleich doppelt zu hören, sozusagen als rechte und linke Hand im Duett mit sich selbst, und spielt dabei mit ganz unbeethovenschen Klangfarben: weil für sie eben jede Musik irgendwie zeitgenössisch ist.
Erscheinen wird die CD erst im Herbst, aber eine Kostprobe gibt es schon jetzt im Zürcher Kaufleuten: Dort präsentiert Kopatchinskaja die Kadenz, ohne technische Tricks und zusammen mit einem Pauker der Wiener Philharmoniker. Ihre Eltern werden auch da sein, für moldauische Volksmusik. Und dann gibt's noch Enescu, Bach, Kurtág und Sanchez-Chiong: einen kleinen, aber charakteristischen Ausschnitt aus der grossen musikalischen Welt der Patricia Kopatchinskaja.