Wir spielen keine Noten - Geiger sind oft seltsam, aber Patricia Kopatchinskaja ist ein Klasse für sich. Ein Gespräch über Schrotkugeln und Emotionen.
Bericht und Interview von Christine Peitz, Tagesspiegel Berlin vom 8.10.2009
Patricia Kopatchinskaja, Jahrgang 1977, ist eine höchst ungewöhnliche Musikerin. Sie wird als Barfuß-Geigerin und Wildkatze vermarktet, ist aber keine Freundin des Musikmarkts. Inzwischen findet sie Interviews nicht mehr so schlimm und hat aus pragmatischen Gründen neben ihrer regen Konzerttätigkeit und Aufnahmen von zeitgenössischen Komponisten nun ihre zweite CD bei Naive eingespielt.
Mit Philippe Herreweghe und dem Orchèstre des Champs-Elysées gelingt ihr hier eine betörend farbenreiche Interpretation von Beethovens Violinkonzert. Auf ihrer ersten CD bürstete sie mit dem Pianisten Fazil Say Beethovens Kreutzer-Sonate gegen den Strich, tanzte Bartok und legte einen lasziv-schmutzigen Ravel-Blues hin.
Kopatchinskaja stammt aus einer moldawischen Musikerfamilie, die 1989 nach Wien auswanderte. Heute lebt sie mit ihrer eigenen Familie in Bern. Sie veröffentlicht auf der Website www.patkop.ch auch Verrisse ihrer Konzerte, die sie gerne mit gewitzten Kommentaren versieht.
Am 14. Oktober spielt Patricia Kopatchinskaja in Berlin in der Philharmonie mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Hugh Wolff Alban Bergs Violinkonzert Dem Andenken eines Engels.
Frau
Kopatchinskaja, was ist Ihre Geige für Sie? Eine Gefährtin,
ein Werkzeug?
Es ist eine
Pressenda von 1834, sie ist meine Seele. Ich bin sehr davon
abhängig, wie sie klingt. Plötzlich macht sie
Geräusche, es fehlt etwas im Klang, dann tut mir selbst sofort
alles weh.
Sie sind aber
nicht immer nett zu ihr, Ihr energischer Strich ist berühmt.
Sie ist auch nicht
immer nett zu mir! Am Anfang wollte ich übrigens lieber
komponieren, seit ich 13 war, in der Emigration in Wien. Es war keine
gute Zeit, wir wohnten im Keller, hatten Angst vor dem nächsten
Tag, und das Komponieren war mein Ausweg. Aber ich wusste, dass ich
nicht davon leben kann. Mit 19 merkte ich, dass ich eher als Geigerin
eine Mission habe. Es war wie eine Amputation.
Sie mussten
sehr viel üben?
Wie der Teufel.
Während sich meine Kollegen in der Wiener Musikhochschule mit
Wieniawski und Paganini herumschlugen, habe ich immer moderne Musik
gespielt. Mir fehlte das Repertoire. Ich ging nach Bern, dort
hängt die Ruhe in der Luft. Ich habe mich vergraben und alles
geübt, was ein Geiger braucht.
Was brauchten
Sie denn?
Selbstbeherrschung.
Der Mäzen, dem ich meine Geige verdanke, sagte zu mir: Du
schießt mit Schrot, du verpulverst alles und triffst keinen. Du
musst deine Munition in eine Patrone tun und zielen. Musikalisch ist
mir ein Stück schnell klar, aber wie ich es auf der Bühne
schaffe, mein Bestes zu geben, das ist harte Arbeit.
Wollten Sie je
etwas anderes spielen?
Als Kind habe ich
gern Klavier gespielt, weil man dann alles sein kann, das ganze
Orchester. Die Geige ist immer nur oben. Vielleicht sind Geiger
deshalb seltsam. Immer dieses hohe Iiiiieeeh: Wir
schweben über einem Abgrund in der Luft.
Spielen Sie
deshalb barfuß, wegen der Bodenhaftung?
Ja, vielleicht. Es
hilft mir jedenfalls gegen das Lampenfieber.
Haben Sie
andere Finger als ich?
Mein Mann ist
Neurologe. Es gibt neurologische Untersuchungen darüber, dass
Geiger mehr Nerven in den Fingerspitzen haben. Wir sind dort
hypersensibel. Meine Gehirnhälfte, in der das Gefühl sitzt,
muss ziemlich groß sein und die andere ganz klein (lacht). Nach
einem Konzert kann ich manchmal gar nicht reden. Mir fallen die
Wörter nicht mehr ein. Wir spielen ja keine Noten, sondern
Emotionen. Manchmal bleiben es allerdings Noten, das ist dann sehr traurig.
Haben Sie
deshalb immer Lampenfieber?
Ja, weil es jedes
Mal ein Wunder ist und man nie weiß, ob es geschieht. Deshalb
habe ich auch die Noten vor mir. Sie befreien mich. Ohne sie
fühle ich mich alleine, irgendwie nackt. Vor Konzerten habe ich
außerdem einen ziemlich rituellen Tagesablauf. Ich schalte ab,
mache mich leer und spare mir alles für die Bühne auf.
Anders als die Leichtathleten haben wir ja nicht drei Versuche frei.
Bei einem Solo
ginge das, aber mit Orchester?
Ich habe
inzwischen nicht mehr so viel Angst vor den Orchestern. Sie
beäugen einen kritisch und hören sehr genau zu.
Sind
Orchestermusiker konservativ?
Ich spüre oft
Widerstand. Es gibt viele Orchester, die spielen wie vor 50 Jahren.
Sie produzieren Klone von Konzerten und Sinfonien. Dann kann man sich
gleich eine Platte auflegen und Furtwängler hören. In der
Kunst hat es keinen Sinn, sich zu wiederholen. Es ist wie in der
Wissenschaft: Es gibt Professoren und Forscher. Wir Künstler auf
der Bühne müssen forschen. Wer sich wiederholt, kann
anderen das Musizieren beibringen.
Sie stammen aus
Moldawien, Europas Armenhaus. Was war das für eine Kindheit?
Mein Vater war der
beste Cymbalon-Spieler von Moldawien, das Land hat einen seiner
besten Musiker verloren, als wir auswanderten. Wir Kinder sollten
eine Zukunft haben, deshalb gingen wir nach Wien, er war dann dort
ein armer Schlucker. Aber wegen uns war es ihm egal.
Wie ist es
Ihnen ergangen, als Sie in diesem Sommer als Botschafterin für
Terre des Hommes wieder dort waren?
Die Moldawische
Republik ist ein fruchtbares Land, es gibt Obst, Gemüse, Wein,
Kühe. Aber es gibt dort Menschen, die hungern, und Leute, die
ihre Kinder vor Hunger verkaufen. Dort herrscht eine Ausweglosigkeit,
deren Ausmaß ich mir nicht mehr vorstellen konnte. Man ist
schrecklich beschämt, wenn man frisch geduscht und mit einem
Frühstück im Magen nur 20 Autominuten von der Hauptstadt
entfernt aus einem klimatisierten Wagen steigt und in einem Dorf vor
lauter Kindern steht, die schmutzig sind, barfuß, ja, auch
barfuß, und zwei Tage nichts gegessen haben. Terre des Hommes
macht eine fantastische Arbeit. Sie beschenken die Leute nicht
einfach, sondern implantieren ein Selbstbewusstsein in der
Gesellschaft, indem sie engagierte Leute vor Ort unterstützen.
Sie haben dort
am Konservatorium eine Meisterklasse gegeben. Was haben Sie den
moldawischen Studenten gesagt?
Mir fällt
immer wieder auf: Wer musiziert, erzählt selten eine eigene
Geschichte. Die rumänische Komponistin Violetta Dinescu sagte
einmal, ein Stück ist wie ein Kind, das man auf die Welt bringt
und loslässt. Es wächst auf, es verändert sich mit der
Zeit. Wir haben einen anderen Puls, wir atmen anders als Beethoven,
das ist genau so wichtig wie die Wurzeln eines Stücks. Wenn ich
im Konzert sitze, langweile ich mich oft. Wie die meisten im Publikum
kenne ich das Stück und denke: Los, erzähl mir was von dir!
Sie denken sich
oft Geschichten aus zur Musik, etwa zu Beethovens Kreutzer-Sonate.
Da betritt einer
die Kathedrale, staunt über ihre Größe, und dann gibt
es diese zwei Töne (singt), Da-raaam, immer wieder: die
Sünde, das schlechte Gewissen, vielleicht eine verbotene Liebe.
Es verfolgt einen, man beichtet, man wird es nicht los. Diese zwei
Töne im ersten Satz müssen sehr obsessiv gespielt werden.
Und Alban Bergs
Violinkonzert, das Sie nun in Berlin spielen?
Oh, das sind viele
Geschichten. Allein der Anfang: Die leeren Saiten, die Quinten, das
ist eine Geburt, ein Aufwachen, der Anfang eines Lebens. Dann wird es
komplizierter, es gibt einen Rhythmus, erste Schritte, ein Walzer,
das Kind kann schon tanzen. Berg hat verschiedene Temperamente
eingebaut. Ein rustikales Element, das ist Walter Gropius, dann
wieder der Walzer, das ist Alma Mahler, die Frau, die so viele
Männer hatte ...
... und deren
Tochter Manon Gropius, die jung gestorben ist, Berg das Konzert
gewidmet hat.
Ich zwinge
niemanden, das so zu verstehen, aber so wird es körperlicher.
Warum spielen
Sie Beethoven lieber als Mozart?
Das ist nicht
wahr, aber die Leute mögen meinen Beethoven lieber. Die meisten
finden meinen Mozart zu karikaturesk. Dabei ist Mozart immer Oper,
mit vielen Figuren, die sich ständig verändern. Sie
küsst dich, sie gibt dir eine Ohrfeige, das ist Mozart. Mir ist
eine Karikatur lieber als eine Kopie. Die Griechen haben auf dem
Theater riesige Absätze getragen. Man muss übertreiben, wir
Künstler führen ja kein Selbstgespräch.
Aber Sie
mögen nicht alle Komponisten gleich gern?
Zu einigen habe
ich eine besonders intensive Beziehung. Aber das heißt noch
lange nicht, dass ich sie gut spielen kann. Zum Beispiel Mendelssohns
Violinkonzert: Es ist so schrecklich abgenudelt. Aber: Alma
Rosé hat das Violinkonzert mir ihrer Damenkapelle in Auschwitz
gespielt, angeblich vor der Gaskammer. Wie klingt diese Heile-Welt-Musik
im KZ, was passiert dort mit dem deutschen Humanismus? Das sind
solche Abgründe, dass das Konzert mich doch wieder interessiert.
Ich werde nicht lockerlassen, bis ich es irgendwann doch spielen kann.