Ich spiele alles wie Neue Musik - Patricia Kopatchinskaja stellt im Klangspuren-Eröffnungskonzert Mauricio Sotelos Violinkonzert vor. Im Interview spricht sie über Abwechslung, Routine und ihre beste Komposition.
Interview von Ursula Strohal, Tiroler Tageszeitung, 5.9.2011: Innsbruck Patricia Kopatchinskaja ist eine außergewöhnliche Geigerin, die sich gegen die Glätte und Routine des Musikbetriebes stellt. Sie hat schon öfter in Tirol fasziniert: als Solistin beim Osterfestival und mit der Uraufführung von Zykans Violinkonzert bei den Klangspuren, im Trio in einem Schwazer Jeunessekonzert und in einem Innsbrucker Symphoniekonzert mit Mendelssohns Violinkonzert. Im Klangspuren-Eröffnungskonzert des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck unter Franck Ollu kommenden Donnerstag in der Schwazer Franziskanerkirche sind außer Sotelos Violinkonzert Cuerpos robados für geteiltes Orchester, Solo-Violine und Deklamator Werke von George Benjamin, Blai Soler und dem Tiroler Thomas Amann zu hören.
Frau
Kopatchinskaja, wenn Sie zwischen Mendelssohn und Neuer Musik
wählen können, was ziehen Sie vor?
Patricia
Kopatchinskaja: Neue Musik. Ich spiele heuer vier neue
Violinkonzerte! Das ist sehr mühsam. Viele Musiker fragen sich,
warum soll man sich Neue Musik zuleide tun? Und spielen die
ältere Musik mit wenig Phantasie immer gleich und es wird
gut honoriert. Wenn man Mendelssohn und Tschaikowsky viel spielt,
klingt es wie altes Bier. Ich spiele alles wie Neue Musik, dass es
frisch und neu klingt.
Das
kennzeichnet Ihr Spiel. Kennen Sie überhaupt Routine außer
beim Üben?
Kopatchinskaja: Es
wäre falsch zu sagen, ist kenne keine Routine, ich bediene mich
ihrer, wenn es nicht anders geht. Aber ich versuche, frisch zu
bleiben weil es mich am Leben hält. Ich spiele so viel
Verschiedenes, um nicht blind zu werden.
Sie gelten
klischeehaft als extrovertiert. Beethovens Violinkonzert haben Sie
unter Philip Herreweghe mit großem Engagement für die
historische Aufführungspraxis auf CD eingespielt. Ein krasser
Wechsel. Und sehr introvertiert.
Kopatchinskaja:
Jedes Stück hat seine Entstehungsgeschichte und ich versuche,
dem gerecht zu werden. Beethoven muss fein gespielt werden. Ich nahm
Darmsaiten und Stunden, um darauf spielen zu lernen. Aber ich
möchte keine Spezialistin sein, auch nicht für Neue Musik.
Jeder Komponist ist anderes, jedes Stück hat sein eigenes
Universum. Über das Beethoven-Konzert sagten die Kritiker, ach,
sie übertreibt wieder diesmal in die Gegenrichtung.
Heute Montag
beginnen die gemeinsamen Proben zu Mauricio Sotelos Violinkonzert bei
den Klangspuren. Wie kam es zu diesem Engagement?
Kopatchinskaja:
Das Festival hat mich angesprochen. Ich kannte Sotelos Namen vom
Hörensagen, sah mir Musik von ihm an, fand vieles interessant
und habe zugesagt. Es ist bemerkenswert und bewundernswert, was
dieses Festival in der kleinen Stadt Schwaz leistet.
Gibt es
Pläne für weitere Aufführungen?
Kopatchinskaja:
Zunächst machen wir die Uraufführung eigens für die
Klangspuren. Man hofft immer auf ein nächstes Mal, und es ist
sehr traurig, weil man neue Werke nach der Uraufführung fast
nicht mehr spielt. Ein Mal, das wars. Das ist auch gefährlich.
Inwiefern gefährlich?
Kopatchinskaja:
Neue Stücke müssen anderswo gespielt werden, von anderen
Interpreten, in großen Städten, damit sie viele Menschen
hören. Es ist wichtig, dass sie sich entwickeln. Einmal
gespielt, ist es wie ein Luftballon.
Und wie lernten
Sie nun zunächst mit ihrer Geigenstimme Sotelo
klingend kennen?
Kopatchinskaja: Es
ist toll, dass er eine Beziehung zum Flamenco hat, weil mich mit
Folklore viel verbindet. Die Verbindung zur Folklore gibt es nicht
oft, Neue Musik wird intellektuell abgestempelt.
Wie bringen Sie
dieses ungeheuere Leben in die Musik unserer Zeit?
Kopatchinskaja:
Ich identifiziere mich damit. Erst suche ich es zu verstehen, dann
spiele ich es, dann bin ich es. Es geht ums Erzählen im Kopf,
damit die Dinge nicht so abstrakt sind. Ein neues Stück, dieses
Kind, kommt erst auf die Welt, wenn es gespielt wird. Sotelos Konzert
ist wie ein feines Gemälde. In der zweiten Kadenz spreche ich
auch, nur Buchstaben, ich soll eine Tabla imitieren eine sehr
rhythmische Angelegenheit.
Ist Ihre
Vielseitigkeit und die Bereitschaft, stets Neues zu lernen, nicht
enorm anstrengend?
Kopatchinskaja
(34): Und problematisch. Es gibt ja kein Ende in diesem Beruf, ich
übe immer, es ist sehr erschöpfend. Mit 30 habe ich
gespürt, dass ich ruhiger werden muss. Die Neugier ist immer da,
das ist sehr gefährlich, ich nehme zu viel an. Aber ich bin auf
gutem Weg, das zu ändern.
Sie sollen auch
Ihrem Hund vorspielen?
Kopatchinskaja: Er
kommt immer bei dieser zweiten Kadenz. Und es kommen die
Nachbarskinder zu meiner Tochter (fast 6) und lachen mich aus.
Als
Botschafterin der Stiftung Terre des Hommes, die speziell
Hilfsprojekte für notleidende Kinder in Moldavien
unterstützt, engagieren Sie sich auch sozial.
Kopatchinskaja:
Das ist besonders jetzt sehr wichtig. In Moldavien gibt es ganze
Dörfer, wo Kinder ohne ihre Eltern aufwachsen, weil diese im
Ausland arbeiten. Sie sind bei älteren Menschen, die nicht mehr
arbeiten, manche bei einem trinkenden Elternteil, wir suchen die
Kinder, die es sehr schwer haben. Mir wurden Familien gezeigt, da
musste ich in Tränen ausbrechen, so unvorstellbar leben sie. Wir
helfen den Menschen, aus ihren Problemen herauszukommen. Es geht
nicht nur um Geld, die Leute sollen nicht nur auf Hilfe warten und
bequem werden, sondern selbst etwas tun. Wir organisieren
Kinderspielgruppen, es gibt Essen, wir schulen Betreuungspersonen und
auch Eltern.
Sie komponieren
auch selbst, was ist es derzeit?
Kopatchinskaja:
Ich komponiere selten, es fehlt die Zeit. Meine beste Komposition ist
meine Tochter. Von der Berner Camerata habe ich einen Auftrag für
ein Zugabestück für Streichorchester. Da gibt es eine
kleine Idee.