TSCHAIKOVSKI, P. I. (1840-93):Violinkonzert D-Dur, op. 35
Ich freue mich jedes Mal von ganzem Herzen, wenn ich das Violinkonzert von Tschaikowsky spielen darf. (Vor allem auch, weil es immer etwas zu Üben gibt; wie ein Teig, den ich gerne knete, damit er warm bleibt. In diesem Konzert lerne ich mit solch weiten Begriffen wie "Kitsch", Schönheit und Popularität umzugehen, sie neu zu formulieren und einen ganz persönlichen Zugang dazu zu suchen. Die allzu oft missbrauchte unmittelbare Offenherzigkeit dieses meisterhaften Stückes ist für mich ein abenteuerliches Experiment in meinem eigenen emotionellen Laboratorium. Folkloristisch-akrobatische, farbige Bildhaftigkeit (russischer Jahrmarkt mit Bären und Mushiks im 3.Satz) und das einsame Leiden eines Aristokraten, herzzerreißende, sehnsüchtige, ehrliche Einfachheit - ein herrliches Fressen für jeden Geiger und unendlich für alle Interpretations-Arten, aus allen Blickwinkeln. Es macht Spaß, es immer wieder aufs Neue zu entdecken. P.K.
Der berühmte Wiener Kritiker Eduard Hanslick schrieb 1881 den folgenden Verriss über die Uraufführung von Tschaikovskys Violinkozert op.35:
... Einen günstigeren Stand hätte Mozarts Jugendwerk gehabt, wäre es unmittelbar nach dem Tschaikowskyschen Violin-Concert gespielt worden, statt vor demselben: Wem eben Branntwein eingegossen worden, der heisst einen Trunk klaren Wassers gewiss willkommen. Der Violin-Virtuose A.Brodsky war übel beraten, indem er sich mit dieser Composition dem Wiener Publikum zuerst vorstellte. Der russische Componist Tschaikowsky ist sicher kein gewöhnliches Talent, wohl aber ein forcirtes, geniesüchtiges, wahl- und geschmacklos producirendes. Was wir von ihm kennengelernt, hat (etwa mit Ausnahme des leichtfliessenden pikanten D-Dur-Quartetts) ein seltsames Gemisch von Originalität und Rohheit, von glücklichen Einfällen und trostlosem Raffinement. So auch sein neuestes, langes und anspruchsvolles Violin-Concert. Eine Weile bewegt es sich massvoll, musikalisch und nicht ohne Geist, bald aber gewinnt eine Rohheit Oberhand und behauptet sich bis ans Ende des ersten Satzes. Da wird nicht mehr Violine gespielt, sondern Violine gezaust, gerissen, gebläut. Ob es ¨überhaupt möglich ist, diese haarsträubenden Schwierigkeiten rein herauszubringen, weiss ich nicht, wohl aber, dass Herr Brodsky, indem er es versuchte, uns nicht weniger gemartert hat, als sich selbst.
Das Adagio mit seiner weichen slavischen Schwermuth ist wieder auf bestem Wege, uns zu versöhnen, zu gewinnen. Aber es bricht schnell ab, um einem Finale Platz zu machen, das uns in die brutale, traurige Lustigkeit eines russischen Kirchweihfestes versetzt. Wir sehen lauter wüste, gemeine Gesicheter, hören rohe Flüche und riechen den Fusel. Friedrich Vischer behauptet einmal bei Besprechung lasziver Sch8ldereien, es gebe Bilder, "die man stinken sieht". Tschaikowskys Violin-Concert bringt uns zum ersten Mal auf die schauerliche Idee, ob es nicht auch Musikstücke geben könne, die man stinken hört...